
Das Beichthüsli in Killwangen wird als Stauraum für allerlei Dinge genutzt. Das Bild entstand im Jahr 2017.
Bild: © Roger Wehrli
Unser Inneres entrümpeln
Wir können unsere Küche in Ordnung halten, die Schuhe im Flur nach Farben sortieren oder die berühmt-berüchtigte Chrüsimüsi-Schublade aussortieren. Aber manchmal verspüren wir das Bedürfnis, in uns drin «aufzuräumen». An vielen Wallfahrtsorten wird die Beichte noch gepflegt. Ist das Sakrament hilfreich, um innerlich aufzuräumen? Ein Gespräch mit Peter von Sury, Pater und ehemaliger Abt des Klosters Mariastein.
Wie würden Sie die Beichte in einfachen Worten jemandem erklären, der damit wenig vertraut ist?
Pater Peter: Das ist nicht so einfach, denn Menschen haben verschiedene Zugangswege zur Beichte. Bei einigen Menschen ist sie Teil der Biografie, der Glaubenstradition. Ein Mensch wird in ein katholisches Milieu geboren, wird getauft, später empfängt er die Erstkommunion und zur Vorbereitung darauf gehört auch die Beichte. Später nach der Firmung geht dieser Mensch regelmässig zur Beichte, es gehört für ihn selbstverständlich zum katholischen Glaubensleben dazu; er kennt den Ablauf der Beichte und auch die einschlägigen Texte und Gebete: Sündenbekenntnis, Leid und Reue erwecken, Bitte um «heilsame Busse», um Vergebung und Lossprechung. Aber es gibt auch Menschen – das habe ich vor allem während meiner Zeit als Beichthörer im Heiligen Jahr in Rom erlebt –, die als Erwachsene zum ersten oder zweiten Mal beichten, weil sie erst als Erwachsene getauft wurden oder seit der Kindheit nicht mehr gebeichtet haben.
Das sind zwei komplett verschiedene Situationen. Es macht einen grossen Unterschied, ob da jemand ist, der vor einer Woche das letzte Mal gebeichtet hat oder jemand, der das zum ersten Mal tut. Auf diesem Hintergrund ist es nicht einfach, zu sagen: Das ist Beichte.
Wie kann die Beichte helfen, innere Konflikte oder innere «Unordnung» zu bewältigen?
Die Beichte umfasst verschiedene Bereiche und wirkt auf verschiedenen Ebenen. Ein Thema, an dem sich das gut erklären lässt, ist der Umgang mit Schuld.
Menschen beichten, weil sie in der Zeit seit der letzten Beichte Schuld auf sich geladen haben, und sie bitten um Lossprechung. Die Vergebung der Sünden ist das geistliche, das theologische Element. In der Tradition der Kirche und in den Evangelien, in der Art, wie Jesus den Menschen begegnet ist, wird sie zur zentralen Erfahrung. Die Vergebung der Sünde ist ein Glaubensakt, sie geschieht vor allem im Empfang der Taufe. Im Credo, dem apostolischen Glaubensbekenntnis, bekennen wir ausdrücklich: «Ich glaube an … die Vergebung der Sünden …».
Es gibt aber auch ein psychologisches Element. Da geht es um die Auseinandersetzung mit sich selbst. Eine vertiefte Selbsterkenntnis kann nur entstehen, wenn ein Mensch bereit ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sein Inneres ernst zu nehmen. Das sind wichtige Schritte, um Schuld anzuerkennen. Ich versuche, die Menschen zu ermutigen, sich mit einer belastenden Situation, die vielleicht schon lange zurückliegt, zu befassen. Ziel ist es, zu lernen, diese Schulderfahrungen oder Schuldgefühle – das ist ja nicht dasselbe –genau und ehrlich zu analysieren und keine Angst zu haben vor den eigenen Emotionen. Emotionen helfen uns, uns selbst besser zu verstehen, denn sie machen uns auf wichtige Bedürfnisse aufmerksam.
Meine Erfahrung hat gezeigt, dass viele Menschen in einem ersten Durchgang an der Oberfläche bleiben. Wenn sie aber merken, da hört ihnen jemand aufmerksam zu, stellt vielleicht eine Rückfrage, dann lassen sie in einem zweiten Durchlauf auch Emotionen zu. Als Beichthörer bin ich da und versuche herauszuhören: Worum geht es eigentlich? Ich möchte den Menschen ein Echo geben, dass sie sich auf eine Selbstreflexion einlassen und Klarheit finden über sich selbst. Das kann helfen, mit inneren und äusseren Konflikten produktiv umzugehen.
Inwiefern kann die Beichte dabei unterstützen, das eigene Leben zu strukturieren oder Prioritäten neu zu ordnen?
Indem die Beichtenden lernen, zu guten Entscheidungen zu kommen. In diesem Zusammenhang erinnere ich gern an die Tugend der Klugheit. Die Menschen leben manchmal in Situationen, die unerträglich sind. Ich sage ihnen dann vielleicht: Da hilft alles Beten nichts. Stattdessen ermutige ich sie, ihren Verstand einzusetzen. In einem Gleichnis erzählt Jesus von einem Mann, der sich Zeit nahm, sich hinsetzte und überlegte, ob und wenn ja wie er mit seinen Mitteln ein Haus bauen kann (vgl. Lukas 14,28–32). Überlegen heisst, das Gehirn aktivieren – ein wunderbares Geschenk des Schöpfers! – und alles einsetzen, was wir an Intelligenz, Wissen, Talenten, Kompetenzen und Lebenserfahrung haben, um zu schauen, was wir tun können. Darauf aufbauend können wir Optionen für unser Handeln zurechtlegen und schliesslich eine Entscheidung treffen. Das ist Klugheit!
Können Sie Beispiele nennen, in denen die Beichte Menschen geholfen hat, innere Spannungen oder Konflikte zu lösen?
Mehr als einmal riet ich den Leuten, für die Lösung einer schwierigen Situation ihre Vernunft einzusetzen. Nicht wenige meinen, sie hätten falsch oder zu wenig gebetet, was fatalerweise ein schlechtes Gewissen hervorruft. Sie sind überrascht, dass sie zuerst einmal «hirnen» sollen. Ausgerechnet ein Psychiater meinte höchst erstaunt: «So was hat mir noch niemand gesagt in der Beichte!» Das bedeutet auch, Verantwortung und Risiken übernehmen, die eigenen Grenzen, die eigene Zerbrechlichkeit erkennen und die eigene Sündhaftigkeit ernstnehmen. Das kann zum Ausgangspunkt werden, um wirklich etwas zu ändern. Denn das Einzige, was wir ändern können, sind wir selbst. Wir müssen aufhören, die anderen ändern zu wollen.
Welche Rolle spielt die Erfahrung von Vergebung für das innere Gleichgewicht?
Sie spielt eine zentrale Rolle. Wichtig ist auch hier, zwischen der religiös-spirituellen und der psychologischen Ebene zu unterscheiden. Vergebung ist, wie bereits gesagt, ein Glaubensakt. Wenn Menschen schuldig geworden sind und das vielleicht sogar schon mehrmals gebeichtet haben, versuche ich zu vermitteln, dass es zu unterscheiden gilt zwischen der Vergebung und den Folgen des Handelns. Schuld wird vor Gott ausgesprochen und vergeben, vermittelt durch die Kirche und den Priester. Gleichzeitig bleiben die Folgen des eigenen Handelns bestehen. Ein schwerwiegender Fehler kann selbst nach vielen Jahren noch Spätfolgen haben. Diese Folgen kann ich mit der Lossprechung nicht einfach wegwischen. Es gehört deshalb beides dazu: die Vergebung anzunehmen und zugleich die Konsequenzen des eigenen Tuns oder Unterlassens anzuerkennen und zu tragen.
Gerade beim Beichthören ist mir bewusst geworden, dass unser Glaube eine höchst paradoxe Angelegenheit ist. Nehmen wir Paulus. Er hat als Saulus Christen verfolgt, sich schwer versündigt, war mitschuldig an der Steinigung des Stephanus. Dann hatte er eine Begegnung mit Jesus. Er hat die Vergebung der Sünden erlebt, ist sich aber bis an sein Lebensende bewusst geblieben: Ich bin es nicht wert, ein Apostel genannt zu werden. Das kann Demut bewirken und Verständnis wecken für Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden.
Und selbst vergeben können?
Hier ist ein Blick ins Vaterunser erhellend. Es besteht zum allergrössten Teil aus Bitten, die sich an den Vater richten. Aber an einer Stelle ist der Mensch in die Pflicht gerufen: «wie auch wir vergeben unseren Schuldigern». Beides zusammen, die Zusage Gottes, dass uns unsere Sünden vergeben sind und selbst anderen vergeben zu können, hat einen Einfluss auf unser Leben. Es ist eine schöne Erfahrung, dass Leute wieder aufstehen können, nicht mehr in der Vergangenheit gefesselt bleiben, sondern eine Perspektive nach vorne entwickeln.
Als Beichthörer spricht Pater Peter von Sury die Menschen von ihren Sünden los. Zugleich möchte er ihnen helfen, zu einer Selbstreflexion zu gelangen, um auf einer psychologischen Ebene innere Konflikte zu bewältigen.
