Kirchen über KI: weder vergöttern noch verteufeln
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Kirchen über KI: weder vergöttern noch verteufeln

Die Schweizer Kirchen haben gemeinsam zehn Leitlinien zum Umgang mit KI publiziert. Ihr Massstab ist dabei die Würde des Menschen als Ebenbild Gottes.

In einem 19-seit­i­gen Papi­er geben die Schweiz­er Kirchen ihren Mitar­bei­t­en­den einen Leit­faden an die Hand, wie auf Basis eines christlichen Men­schen­bildes mit Kün­stlich­er Intel­li­genz umzuge­hen ist. Hin­ter dem Schreiben mit dem Titel «Men­schlichkeit im dig­i­tal­en Zeital­ter» ste­hen die Schweiz­er Bischof­skon­ferenz, die Evan­ge­lisch-Reformierte Kirche Schweiz, die Christkatholis­che Kirche, der Dachver­band der Freikirchen und die Schweiz­erische Evan­ge­lis­che Allianz. Katholis­ch­er­seits hat die Dien­st­stelle «Vox Eth­i­ca» an der Ausar­beitung mit­gewirkt. 

«Dem Leben dienen»

Den Leitlin­ien liegt das öku­menis­che Grund­ver­ständ­nis des Men­schen «als geliebtes Geschöpf und Eben­bild Gottes» zugrunde, heisst es in der Ein­leitung. Als Eben­bild Gottes sei der Men­sch zur Frei­heit ermächtigt und habe teil an der «schöpferischen Güte Gottes». Kul­turelles und tech­nis­ches Schaf­fen sei somit Aus­druck der Beru­fung zur Mit­gestal­tung der Welt. Zur Frei­heit gehöre jedoch auch eine Ver­ant­wor­tung: Kul­turelle Errun­gen­schaften «sollen dem Leben dienen». Der Ein­satz von Tech­nik misst sich laut den Kirchen let­ztlich daran, ob sie «Erken­nt­nisse ver­tieft, Teil­habe erweit­ert, Beziehun­gen stärkt und den Schwachen zugutekommt, nicht nur den Starken.» 

Aus dieser Grund­hal­tung leit­en die Kirchen zehn Leitlin­ien ab, deren Stoss­rich­tung lautet: «Die dig­i­tale Zukun­ft ist gestalt­bar». Christlich­er Glaube ermutige dazu, dem KI-Zeital­ter «wed­er mit Naiv­ität noch mit Angst zu begeg­nen». Stattdessen solle man Entwick­lun­gen prüfen, Möglichkeit­en nutzen und Ver­ant­wor­tung für ihre Gestal­tung übernehmen. 

Teilhabe ermöglichen

Die zehn Leitlin­ien laut­en: 1. Würde: Men­schen sind etwas anderes als Maschi­nen. 2. Beziehung:  Beziehun­gen leben von leib­lich­er Erfahrung. 3. Bil­dung: Per­sön­lichkeits­bil­dung lässt sich nicht delegieren. 4. Hoff­nung: Nicht die Tech­nik schreibt die Geschichte. 5. Wahrheit: Wahrheit braucht Prü­fung und Trans­parenz. 6. Frei­heit: Mitbes­tim­mung muss geschützt bleiben. 7. Integrität: Men­schen sind mehr als ihre Dat­en. 8. Schöp­fung: Ökol­o­gis­che Ver­ant­wor­tung gilt auch dig­i­tal. 9. Gerechtigkeit: Dig­i­tale Macht braucht Gren­zen und Teil­habe. 10. Gemein­schaft: Wir gestal­ten die KI-Rev­o­lu­tion gemein­sam.

Die einzel­nen Leitlin­ien wer­den je auf ein­er Seite aus­ge­führt. Dabei zeigen die Kirchen jew­eils vor dem christlichen Men­schen­bild auf, wo der Ein­satz von KI sin­nvoll und hil­fre­ich sein kann und wo die Gefahren liegen. So heisst es beispiel­sweise zur ersten Leitlin­ie zum The­ma Würde: Men­schen seien von Gott gewollte Wesen mit ein­er Würde, «die tech­nis­chen Arte­fak­ten niemals zukommt.» Weil die Würde der Men­schen nicht an deren Fähigkeit­en hänge, dürften KI-Anwen­dun­gen Men­schen ent­las­ten und unter­stützen, ohne dass diese deswe­gen entwertet wür­den. Dies gelte ins­beson­dere dort, wo Men­schen an kör­per­liche oder kog­ni­tive Gren­zen stiessen. Hier könne KI Teil­habe ermöglichen.

Die zehn Leitlin­ien sind zu find­en unter menschlichkeit-digital.ch
Sie wer­den an ein­er Tagung vorgestellt: «Ghost in the machine», 20. Okto­ber, 9.30–17.00, Paulus-Akademie Zürich

Weder Erlösung noch Weltuntergang

Gefährlich werde es dort, wo KI-Anwen­dun­gen den Ein­druck eines ein­fühlsamen Gegenübers erweck­ten. Wo dieser Schein für Wirk­lichkeit genom­men werde, kön­nten Men­schen in ihrer Ver­let­zlichkeit aus­genützt wer­den. Wichtig im Umgang mit KI sei daher eine Kul­tur der Unter­schei­dung – gemeint ist zwis­chen Chan­cen und Gefahren. 

In Leitlin­ie 4 geht es um Hoff­nung. KI werde von manchen Men­schen mit der Hoff­nung auf tief­greifende Verbesserun­gen men­schlich­er Lebens­be­din­gun­gen ver­bun­den, von anderen hinge­gen als über­wälti­gende Macht dargestellt, welche die Men­schheit kon­trol­lieren oder gar aus­löschen wolle.  Die Kirchen erken­nen in solchen Nar­ra­tiv­en tief ver­wurzelte religiöse Motive wie Erlö­sungssehn­sucht und apoka­lyp­tis­che Unter­gangs­bilder. Bei­de Vorstel­lun­gen wür­den die Tech­nik jedoch zum Sub­jekt der Geschichte und die Men­schen bloss zu Zuschauen­den machen. Die Kirchen stellen dem eine Sichtweise jen­seits von Vergöt­tlichung und Ver­teufelung gegenüber: Eine, die auf Gottes Treue ver­traue und zu einem ver­ant­wortlichen Umgang mit der Tech­nik ermutige.

Dieser Artikel ist zuerst im pfar­rblatt Bern erschienen.

Sylvia Stam
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