Papstworte zum Diskutieren
Luka, Mia und Zaineb haben mit ihrem Lehrer Benjamin Ruch über die Enzyklika von Papst Leo XIV. diskutiert.
© Roger Wehrli

Papstworte zum Diskutieren

Papst Leos Enzyklika «Magnifica Humanitas» interessiert Menschen über kirchliche Kreise hinaus

Ben­jamin Ruch ist Reli­gions- und Philoso­phielehrer an der Kan­ton­ss­chule Baden. Er unter­richtet unter anderem das Freifach «Jung und weise», in dem sich die Ler­nen­den mit den grossen Fra­gen des Lebens befassen. Was macht ein Leben lebenswert? Was ist der Sinn des Lebens, und was soll der Tod? Was ist richtig und was ist falsch? Auf der Suche nach Antworten set­zen sich die Schü­lerin­nen und Schüler mit wichti­gen philosophis­chen und religiösen Tra­di­tio­nen auseinan­der.

Auch für junge Menschen

Heute disku­tieren Luka, Zaineb und Mia mit ihrem Lehrer über die kür­zlich erschienene Enzyk­li­ka von Papst Leo XIV. «Mag­nifi­ca Human­i­tas» heisst das Lehrschreiben, auf Deutsch «grossar­tige Men­schheit». Der Papst ord­net darin die dig­i­tale Rev­o­lu­tion und Kün­stliche Intel­li­genz aus Sicht der katholis­chen Soziallehre ein. Ursu­la Nothelle-Wild­feuer, Pro­fes­sorin am Lehrstuhl für Christliche Gesellschaft­slehre an der Uni­ver­sität in Freiburg (D) würdigte die Enzyk­li­ka mit den Worten: «Mit diesem Schreiben legt der Papst die erste umfassende Antwort der katholis­chen Kirche auf die Her­aus­forderun­gen der Kün­stlichen Intel­li­genz vor. Er tut dies in ein­er Sprache, die weit über kirch­liche Kreise hin­aus ver­standen wer­den will.»

KI und Mensch als Team

Nach dem Lesen eines Abschnitts beschreibt Mia ihren ersten Ein­druck so: «Der Text ist sehr vor­sichtig for­muliert, neu­tral, aus­ge­wogen. Der Papst sagt nicht ein­fach, Kün­stliche Intel­li­genz ist schlecht.» Zaineb find­et, dass Wörter wie «simulieren» oder «imi­tieren» im Text Hin­weise darauf geben, dass KI als «fake», also unecht, wahrgenom­men wird. Sie sagt: «Der Papst stellt men­schliche Fähigkeit­en in Gegen­satz zu jenen von KI, und zwis­chen den Zeilen lässt sich rausle­sen, dass Beziehun­gen zwis­chen Men­schen und KI ein­seit­ig sind.» Luka stimmt sein­er Mitschü­lerin zu: «Ich stelle immer wieder fest, dass KI immer zus­tim­mend reagiert. Ich fände es bess­er, sie würde kon­struktive Kri­tik geben.» Es sei ihnen beson­ders bei den Recherchen zur Mat­u­rar­beit aufge­fall­en, dass KI nicht kri­tisch hin­ter­frage, berichtet Zaineb: «Ich kann mir vorstellen, dass KI und Men­sch als Team zusam­me­nar­beit­en kön­nen. Der Men­sch muss dabei seine Fähigkeit ein­brin­gen, Fak­ten und Zusam­men­hänge zu hin­ter­fra­gen.»

Machtkonzentration entschärfen

Die Enzyk­li­ka befasst sich auch mit Ver­ant­wor­tung, Trans­parenz und Steuerung von KI. Im entsprechen­den Abschnitt fällt Luka der Satz auf: «Darüber hin­aus darf das Eigen­tum von Dat­en nicht auss­chliesslich pri­vat­en Ein­rich­tun­gen anver­traut wer­den, son­dern muss reg­uliert wer­den.» Darüber, dass die Dat­en allen Men­schen gehören, ist sich die Gruppe einig. Aber eine KI gehöre ja ein­er Fir­ma, sagt Luka. «Wie kann man sich­er­stellen, dass die Dat­en trotz­dem allen gehören?» Ein weit­er­er Satz, der den Schü­lerin­nen und Schülern zu denken gibt, ist: «Kleine, sehr ein­flussre­iche Grup­pen kön­nen Infor­ma­tio­nen und Kon­sum lenken, demokratis­che Prozesse kon­di­tion­ieren und die wirtschaftliche Dynamik zu ihrem eige­nen Vorteil bee­in­flussen.» Mia über­legt: «Vielle­icht hil­ft, dass es ver­schiedene Konz­erne gibt, die KI anbi­eten. So kann man vielle­icht auswe­ichen und die Machtkonzen­tra­tion auf eine kleine Gruppe etwas entschär­fen.»

In der Zwickmühle

In Abschnitt 173 benen­nt Papst Leo deut­lich die neuen For­men von Aus­beu­tung, die hin­ter der Funk­tion­sweise von KI steck­en: Die Aus­beu­tungs­kette reicht von der Gewin­nung der sel­te­nen Erden für die Her­stel­lung von Mikro­prozes­soren bis zum Mod­ell­train­ing zum Min­dest­lohn. Mia gibt zu, dass sie in dieser Hin­sicht in ein­er Zwick­müh­le stecke: «Ich finde ganz klar, dass diese Aus­beu­tung von Men­schen falsch ist. Das bet­rifft aber nicht nur KI, son­dern viele Lebens­bere­iche – dass wir zum Beispiel so gün­stige Jeans kaufen kön­nen, ist Teil des­sel­ben Prob­lems. Ander­er­seits prof­i­tiere ich vom Fortschritt, den KI ermöglicht.»

Zu viele Informationen

Im vierten Kapi­tel, Abschnitt 146, geht Papst Leo auf die zen­trale Rolle der Schule ein. Er schreibt: «Viele Lehrkräfte bemerken bere­its Anze­ichen ein­er Ent­men­schlichung, bei der junge Men­schen «viel wis­sen», aber Schwierigkeit­en haben, ihrem Leben eine Aus­rich­tung zu geben (…).» Sie ver­ste­he den Text so, dass junge Men­schen das viele Wis­sen nicht richtig anwen­den kön­nten, erk­lärt Mia. Zaineb sagt: «Wir sind in ein­er Phase, in der das kri­tis­che und kreative Denken geschult wer­den muss. Wir haben zu viele Infor­ma­tio­nen, um sie alle zu ver­ar­beit­en und zu ver­tiefen.» Luka fragt, was «Ent­men­schlichung» bedeuten soll. Mia find­et nicht, dass der Begriff passt: «Ich mache mir viele Gedanken über das Leben und meine Aus­rich­tung. Das stelle ich auch bei anderen in meinem Alter fest.» Zaineb fragt: «Die Frage ist, hat man früher eher gewusst, was die Aus­rich­tung des Lebens ist? Liegt es nicht eher an unserem Alter, dass wir Schwierigkeit­en haben, dem Leben eine Rich­tung zu geben?» Lehrer Ben­jamin Ruch fügt an: «Ist es nicht sog­ar umgekehrt? Wir machen uns heute viel mehr Gedanken, was im Leben wichtig ist, ger­ade auch wegen KI.»

Enzyk­li­ka «Mag­nifi­ca Human­i­tas»

Das erste Lehrschreiben von Papst Leo XIV. trägt den Titel «Mag­nifi­ca Human­i­tas» und befasst sich mit der Bewahrung des Men­schen im Zeital­ter der kün­stlichen Intel­li­genz. Es trägt das Datum 15. Mai 2026. Das ist zugle­ich der 135. Jahrestag der Veröf­fentlichung der weg­weisenden Sozialen­zyk­li­ka «Rerum novarum» von Leo XIII. aus dem Jahr 1891. Wie «Rerum novarum» damals deutet der aktuelle Papst die Her­aus­forderun­gen unser­er Zeit im Licht des Evan­geli­ums. Auf 120 Seit­en wid­met er sich der Dig­i­tal­isierung mit der Kün­stlichen Intel­li­genz (KI) und der Frage von Krieg und Frieden. Der Frauen­bund Schweiz schreibt zur Enzyk­li­ka: «Leo XIV. richtet den Blick auf jene Kräfte, die hin­ter der Tech­nolo­gie wirken: Kap­i­tal, Kon­trolle, geopoli­tis­che Inter­essen und soziale Ungle­ich­heit. Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie kon­se­quent der Papst die katholis­che Soziallehre mit den grossen Fra­gen unser­er Zeit verbindet. Prophetisch, nicht apoka­lyp­tisch.»

Marie-Christine Andres Schürch
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