«Für Leo XIV. ist Wahrheit kein fertiges Gebäude aus dogmatischen Grundsätzen»
Papst Leo XIV. unterzeichnet die Enzyklika «Magnifica humanitas - über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz» am 25. Mai 2026 im Vatikan. Rechts im Bild: Erzbischof Paolo Rudelli.
© KNA

«Für Leo XIV. ist Wahrheit kein fertiges Gebäude aus dogmatischen Grundsätzen»

An Pfingstmontag ist die erste Enzyklika des aktuellen Papstes erschienen. An dem Schreiben sei vieles bemerkenswert, sagt die Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer.

Der Artikel ist zuerst im «pfar­rblatt bern» erschienen.

Die Enzyk­li­ka trägt den Titel «Mag­nifi­ca human­i­tas», auf Deutsch «grossar­tige Men­schheit». Sie sagen, schon der Titel sei ein State­ment. Warum?
Ursu­la Nothelle-Wild­feuer: In den Debat­ten über kün­stliche Intel­li­genz entste­ht oft der Ein­druck, als stünde die Men­schheit prak­tisch vor dem Unter­gang, als übernehme im drama­tis­chsten Fall KI die Herrschaft über die Men­schen. Papst Leo sagt das Gegen­teil: Die Men­schheit ist grossar­tig – auch, weil sie diese Tech­nolo­gie entwick­elt hat, aber vor allem, weil jedem Men­schen eine Würde zu eigen ist.  

Bei der Veröf­fentlichung wurde die Enzyk­li­ka als eine Art «Regierungserk­lärung» des Pap­stes beze­ich­net. Ist sie das?  
Nicht in dem Sinne, dass der Papst ein Pro­gramm vor­legt, was er in seinem Pon­tif­ikat alles entwick­eln möchte. Aber die Enzyk­li­ka zeigt, dass Leo die Würde des Men­schen in den Mit­telpunkt stellt und zugle­ich auch deren Ver­let­zlichkeit. Eines der zen­tralen The­men seines Pon­tif­ikats ist offen­sichtlich die Frage nach dem Frieden. Der Papst nimmt die Zeichen der Zeit wahr und bezieht sie in sein Pon­tif­ikat ein, das zeigt auch das The­ma KI.   

Papst Leo XIII. veröf­fentlichte 1891 die erste Sozialen­zyk­li­ka über­haupt. Er reagierte damit auf die Fol­gen der Indus­tri­al­isierung, auf die Aus­beu­tung der Arbeit­er und die Masse­n­ar­mut. Sehen Sie Par­al­le­len zu heute?  
Nothelle-Wild­feuer: Ja, ich denke, KI stellt eine ver­gle­ich­bare epochen­machende Umwälzung dar. Sie bet­rifft alle Gebi­ete men­schlichen Lebens, alle gesellschaftlichen Grup­pen, und sie rührt grund­sät­zlich an unser Ver­ständ­nis des Men­schen und der Men­schheit. Mit sein­er Namenswahl hat Leo schon eine Art Ver­sprechen abgegeben, sich den damit ver­bun­de­nen Her­aus­forderun­gen zu wid­men.   

Nun warnt der Papst vor der Gefahr eines «tech­nokratis­chen Par­a­dig­mas». Was meint er damit?  
Damit bezieht er sich auf seinen Vorgänger, Papst Franziskus hat eine sich verselb­ständi­ge tech­nol­o­gis­che Entwick­lung mehrfach deut­lich kri­tisiert. Leo spricht aus­ge­wo­gen­er, ihm geht es wed­er um eine Gen­er­alkri­tik der Tech­nolo­gie noch um einen grund­sät­zlichen Kul­turpes­simis­mus. Was er kri­tisiert, ist eine immer weit­er gehende Entwick­lung, einen Grössen­wahn, der die Men­schen glauben lässt, alles erre­ichen zu kön­nen.  

Der Wahrheits­be­griff ste­ht im KI-Zeital­ter beson­ders unter Druck. Sie sagen, Papst Leo rahme den Begriff bewusst poli­tisch. Wie meinen Sie das?  
Für Leo ist Wahrheit ein Gemeingut des demokratis­chen Lebens. Das heisst: Wer die Wahrheit unter­gräbt – mit Fake News, Deep Fakes oder polar­isieren­den Nar­ra­tiv­en –, der unter­gräbt auch die Demokratie. Ausser­dem kann es Wahrheit für Leo nur geben, wo Ver­ant­wor­tung und Ver­trauen beste­hen. Das heisst, Wahrheit muss ver­han­delt wer­den. Sie ist kein fer­tiges Gebäude aus dog­ma­tis­chen Grund­sätzen, die wir ein­fach umset­zen oder verkündi­gen sollen. Es ist bemerkenswert, dass ein Papst das so schreibt.  

Auch dass ein Papst sich aus­führlich dem Frei­heits­be­griff wid­met, ist neu.  
Ja, er spricht von der Frei­heit, sich zu bilden, das eigene Gewis­sen zu schulen und anhand eigen­er Erfahrun­gen und vernün­ftiger Über­legun­gen zu argu­men­tieren. Diese Sicht auf die Frei­heit war auf Seit­en des kirch­lichen Lehramts bish­er nicht sehr präsent. Leo sieht die Frei­heit durch KI in zweier­lei Hin­sicht bedro­ht. Zum einen fragt er, ob beim Abbau der sel­te­nen Erden nicht Men­schen, vor allem Kinder, neu ver­sklavt wer­den. Ausser­dem weist er auf die Gefahr der Abhängigkeit hin, die dig­i­tale Plat­tfor­men mit sich brin­gen.  

Zur Per­son

Ursu­la Nothelle-Wild­feuer (*1960) ist Pro­fes­sorin für Christliche Gesellschaft­slehre und Sozialethik an der The­ol­o­gis­chen Fakultät der Uni­ver­sität Freiburg i. Br. Sie forscht unter anderem zu Fra­gen von Kirche und Reli­gion in Staat und Gesellschaft, Recht­spop­ulis­mus und der Tra­di­tion der kirch­lichen Sozialverkündi­gung.

«Für Leo XIV. ist Wahrheit kein fertiges Gebäude aus dogmatischen Grundsätzen» - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
Ursu­la Nothelle-Wild­feuer © zVg

Eine in vie­len Kom­mentaren zitierte For­mulierung aus der Enzyk­li­ka ist die Forderung Leos, die «KI zu ent­waffnen». Ist das über­haupt noch möglich?  
Dass KI in kriegerischen Kon­tex­ten einge­set­zt wird, lässt sich wohl nicht mehr rück­gängig machen. Aber Leo sagt, man darf die KI nicht sich selb­st über­lassen. Sie muss lebens­fre­undlich einge­set­zt wer­den. In einem Krieg kön­nte das heis­sen, mit Hil­fe von KI zumin­d­est zivile Opfer zu ver­mei­den. Niemals dür­fen Maschi­nen über Leben und Tod bes­tim­men. Es gilt die Formel «human in the loop», das heisst, wenn es um diese Entschei­dun­gen geht, muss immer ein Men­sch beteiligt sein.  

Kün­stliche Intel­li­genz ist im Vatikan schon lange ein The­ma. Let­zte Woche wurde eine eigene KI-Kom­mis­sion ein­gerichtet, Leitlin­ien für den Umgang mit KI gibt es bere­its. Wie schätzen Sie den Ein­fluss dieser Mass­nah­men ein?  
Der Vatikan geht mit gutem Beispiel voran. Wenn man in die Geschichte schaut, ist das nicht selb­stver­ständlich. Der Vatikan set­zt bere­its das um, was der Papst für alle Staat­en fordert: die Ein­führung von Reg­ulierungsin­stru­menten und ein­er unab­hängi­gen Auf­sicht. Es ist allerd­ings noch offen, wie das umge­set­zt wer­den kann, vor allem in Län­dern, die nicht oder nicht mehr demokratisch geführt wer­den.  

Die Enzyk­li­ka stellt auch die Entwick­lung der katholis­chen Soziallehre dar. Leo betont, dass deren Prinzip­i­en, etwa Sub­sidiar­ität und soziale Gerechtigkeit, sowie die Men­schen­rechte auch inner­halb der Insti­tu­tion Kirche selb­st angewen­det wer­den müssten. Das ist bish­er nur in Ansätzen der Fall…  
Das stimmt, und ich glaube nicht, dass sich schla­gar­tig viel ändern wird. Aber der Papst ent­fal­tet das sehr aus­führlich, und wenn er das so promi­nent in so einem wichti­gen Text tut, muss er sich auch daran messen lassen. Ich bin ges­pan­nt, ob er damit in näch­ster Zeit weit­er ernst macht. Das wäre jeden­falls mehr als wün­schenswert.  

Elisabeth Zschiedrich
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