Wie sich die KI «entwaffnen» lässt
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Wie sich die KI «entwaffnen» lässt

André Golliez, Präsident der Swiss Data Alliance, im Interview über Papst Leos Enzyklika

Im Lehrschreiben «Mag­nifi­ca human­i­tas» fordert Papst Leo, die KI zu «ent­waffnen». Ver­ant­wortliche aus Big-Tech, Zivilge­sellschaft, Wis­senschaft und Kirche haben diese Forderung an einem Podi­um an der ETH Zürich disku­tiert. André Gol­liez, Präsi­dent der Swiss Data Alliance, war Mit-Ini­tia­tor der Ver­anstal­tung.

Papst Leo hat im Mai die viel­beachtete Enzyk­li­ka «Mag­nifi­ca human­i­tas» her­aus­gegeben, in der er sich mit der Bewahrung der Men­schen im Zeital­ter der kün­stlichen Intel­li­genz beschäftigt. André Gol­liez, was hal­ten Sie als Inge­nieur und IT-Con­sul­tant davon, dass sich eine religiöse Autorität zur KI äussert?

André Gol­liez: Zunächst war ich über­rascht: von der Promi­nenz, mit der das Schreiben vorgestellt wurde – zum Beispiel, dass Christo­pher Olah, ein Mit­grün­der des KI-Unternehmens Anthrop­ic, im Vatikan gesprochen hat. Auch die Res­o­nanz in Medi­en und Poli­tik hat mich über­rascht. Dann hat mich die Enzyk­li­ka gefreut: weil ich denke, dass es die kri­tis­che Auseinan­der­set­zung braucht. Schliesslich habe ich darin einiges gel­ernt.

Zum Beispiel?
Die katholis­che Soziallehre war mir ent­fer­nt bekan­nt und die Lek­türe der Enzyk­li­ka hat sie mir ins Bewusst­sein geholt. Es war das erste Mal, dass ein päp­stlich­es Wort in mein beru­flich­es Umfeld hineinge­sprochen hat. Aber es geht hier nicht in erster Lin­ie um ein Inge­nieurs-The­ma, son­dern wir ste­hen vor Fra­gen, die alle Men­schen ange­hen.

Wie sich die KI «entwaffnen» lässt - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz

André Gol­liez (*1955) berät Fir­men, öffentliche Ver­wal­tun­gen und Forschungsin­sti­tu­tio­nen bei der gemein­schaftlichen und ver­ant­wor­tungsvollen Nutzung von Dat­en. Er ist Präsi­dent der Swiss Data Alliance. Der Dipl. Infor­matik-Inge­nieur ETH ist Mit­glied der Israelitis­chen Cul­tus­ge­meinde Zürich ICZ und im Vor­stand von Chevru­ta, dem Fre­un­deskreis des Insti­tuts für jüdisch-christliche Forschung der Uni­ver­sität Luzern. Zusam­men mit dem Jesuit­en Chris­t­ian Rutishauser mod­eriert André Gol­liez das Podi­um «Kün­stliche Intel­li­genz ‹ent­waffnen›?», das in Koop­er­a­tion von Swiss Data Alliance, Wikipedia Schweiz und Jesuit­en in der Schweiz an der ETH Zürich ver­anstal­tet wird.

Teilen Sie die Ein­schätzung, dass wir uns durch die Entwick­lung der KI in einem Epochen­wan­del befind­en, der die Men­schlichkeit bedro­ht?
Ich bin seit rund 50 Jahren in der IT tätig und habe mich in den 1980-Jahren während meines Infor­matik­studi­ums an der ETH selb­st mit kün­stlich­er Intel­li­genz befasst. Das waren damals regel­basierte «old fash­ioned» AI-Sys­teme, noch keine grossen sta­tis­tis­chen Sprach­mod­elle. Von daher denke ich, müssten wir die gesellschaftliche Zäsur eigentlich viel früher anset­zen als im Novem­ber 2022, als Chat­G­PT auf den Markt kam.
Zum Epochen­wan­del: Ich kann sagen, dass die Entwick­lun­gen meine Erwartun­gen übertr­e­f­fen. Die Entste­hung der grossen sta­tis­tis­chen Sprach­mod­elle, gen­er­a­tive AI, ist erstaunlich. Die sprach­liche Funk­tion­sweise und vor allem die Inter­ak­tion mit Men­schen – das hätte ich mir so vor 40 Jahren nicht vorstellen kön­nen.

Wie schätzen Sie die Bedro­hungs­di­men­sion ein?
Es gibt bedrohliche Aspek­te. Ich schätze sie allerd­ings nicht so hoch ein wie beispiel­sweise der His­torik­er Yuval Harari oder der US-Sen­a­tor Bernie Sanders, die sich promi­nent äussern. Insofern ist mir die Enzyk­li­ka von Papst Leo in ihrer Tonal­ität sehr willkom­men: sie dif­feren­ziert, macht Unter­schei­dun­gen. Sprach­sim­u­la­tion ist doch zum Beispiel nicht das­selbe wie KI-basierte autonome Waf­fen­sys­teme. Let­ztere halte ich für sehr gefährlich.

Im Juli erst ist ein KI-Mod­ell von Ope­nAI während eines Tests eigen­ständig aus der Tes­tumge­bung aus­ge­brochen und hat einen automa­tisierten Hack­eran­griff auf eine andere KI-Plat­tform ges­tartet. Nicht gefährlich?
Zumin­d­est hat die Geschichte einen Mar­ket­ing-Aspekt. Ope­nAI war damit in den Head­lines und man war wohl nicht trau­rig darüber, weil sich das pos­i­tiv auf den Börsenkurs aus­gewirkt haben wird. Grund­sät­zlich halte ich sämtliche Machtüber­nah­me­fan­tasien und Wel­tun­ter­gangsszenar­ien durch KI für über­trieben oder für gut platzierte Mar­ketingak­tio­nen.
Was allerd­ings auch diese Geschichte zeigt: KI kon­fron­tiert uns als Gesellschaft mit grundle­gen­den Bil­dungs­fra­gen. Was müssen wir ler­nen, um mit diesen Sys­te­men richtig umzuge­hen? Wie ler­nen wir, ihre Ergeb­nisse einzuset­zen? Von klein auf bis hin zu uns Älteren müssen wir ver­ste­hen, was hier geschieht, denn: KI ist nicht «mag­ic», es ist Infor­matik. Mit gesun­dem Men­schen­ver­stand und ein wenig Math­e­matik lässt sich das gut ver­ste­hen. Wer hinge­gen die Hin­ter­gründe nicht ver­ste­ht, bei dem sind Tür und Tor für Mys­ti­fizierun­gen weit offen.

Sam Alt­man hinge­gen, der CEO von Ope­nAI, nen­nt die KI «mag­i­cal intel­li­gence in the sky», eine magis­che Intel­li­genz, behei­matet im Him­mel.
Für mich ist das Mar­ket­ing-Sprech kurz vor dem Börsen­gang, das ist Blödsinn.
Ich bewun­dere die Leis­tung der Entwick­ler von Ope­nAI und anderen KI-Pio­nier­fir­men. Ihre Geschäft­sprak­tiken dage­gen finde ich eher frag­würdig, ins­beson­dere bei der Nutzung offen zugänglich­er dig­i­taler Inhalte. Und ja, die Resul­tate der Sprach­mod­elle sind zum Teil nicht vorherse­hbar. Das liegt in der Natur der sta­tis­tis­chen Meth­o­d­en, auf denen sie beruhen. Aber: Man darf sich davon nicht allzu sehr beein­druck­en lassen. Genau das finde ich in der Enzyk­li­ka wieder, deswe­gen ist sie ein Mut­mach­er für mich: Lasst Euch nicht zu sehr beein­druck­en, find­et einen vernün­fti­gen, men­schen­würdi­gen Umgang damit.

Papst Leo stellt die zen­trale Forderung, die KI zu «ent­waffnen», also sie der Logik des bewaffneten Wet­tbe­werbs im mil­itärischen, wirtschaftlichen und kog­ni­tiv­en Bere­ich zu entziehen. Er schreibt: «Es bedeutet, sie Monopolen zu entziehen, sie hin­ter­frag­bar und anfecht­bar und damit lebens­fre­undlich zu machen, sie der Vielfalt men­schlich­er Kul­turen und Lebensweisen zurück­zugeben.» Angesichts der herrschen­den Machtver­hält­nisse – ist es dafür nicht bere­its zu spät?
Nein, das glaube ich nicht. Im Gegen­teil ist es sehr hil­fre­ich für die notwendi­ge Diskus­sion, wenn sich eine Insti­tu­tion wie die katholis­che Kirche in aller Deut­lichkeit äussert.
Als Präsi­dent der Swiss Data Alliance ist für mich rel­e­vant, wer die Kon­trolle über die KI-Sys­teme und vor allem auch über die Dat­en hat, welche diese Sys­teme in grossen Men­gen benöti­gen. Wir brauchen staatliche Reg­ulierun­gen, klar. An dieser Stelle bin ich aber etwas skep­tisch gegenüber den Aus­sagen der Enzyk­li­ka, denn wir brauchen vor allem auch eine gemein­schaftliche Kon­trolle zivilge­sellschaftlich­er, pri­vater und staatlich­er Akteure: über Dat­en und dig­i­tale Ressourcen, also über soge­nan­nte «dig­i­tal com­mons». Auch dafür ist es nicht zu spät – man fängt ger­ade erst an, sich zu formieren. Aus diesem Grund haben wir eine Vertreterin von Wikipedia zu unserem Podi­um ein­ge­laden.

Wikipedia ist keine staatliche Insti­tu­tion, son­dern eine zivilge­sellschaftliche Akteurin – und der Con­tent der Online-Enzyk­lopädie, der von unzäh­li­gen Aktivistin­nen und Aktivis­ten erstellt wurde, wird nun von KI-Mod­ellen geplün­dert.
Ja, und doch ist es nicht zu spät, Mod­elle zu entwick­eln, damit zukün­ftig Verträge abgeschlossen wer­den kön­nen, die es erlauben, die Erzeuger und Inhab­er von Dat­en für deren Nutzung im Rah­men von KI-Sys­te­men fair zu entschädi­gen. Es braucht dazu aber drin­gend zivilge­sellschaftliche Aktiv­ität.
An Gericht­en sind Prozesse hängig, Ver­lagshäuser wie die New York Times kla­gen gegen Ope­nAI – das ist alles erst im Gange, und ist aus mein­er Sicht ganz wichtig. Die Wiederver­w­er­tungs- und Urhe­ber­rechte müssen entsprechend angepasst wer­den.

Welch­er Schritt wäre in Ihren Augen der erste, die KI im Sinne von Papst Leo zu «ent­waffnen»?
Es braucht dafür ins­beson­dere die Zivilge­sellschaft. Das Ver­trauensver­hält­nis zwis­chen Akteuren, die KI ein­set­zen, zwis­chen den Fir­men mit grossem Kap­i­tal, und dem Rest der Gesellschaft muss entwick­elt und definiert wer­den. Ich bin dur­chaus opti­mistisch, dass es möglich sein wird, zu vernün­fti­gen Vere­in­barun­gen zu kom­men – wenn sich die zivilge­sellschaftlichen Akteure in Bewe­gung set­zen und die KI-Fir­men nach ihren konkreten Hand­lun­gen und nicht nach gross­mundi­gen Erk­lärun­gen beurteilen. Poli­tis­chen Druck braucht es ausser­dem.

Noch nie in der Geschichte hat sich eine Tech­nolo­gie so schnell entwick­elt wie die KI. Sehen Sie auch entsprechen­den moralis­chen Fortschritt?
Es fällt mir schw­er zu antworten, da ich wed­er Moral­philosoph noch Poli­tik­er bin.

Wer wäre für moralis­chen Fortschritt ver­ant­wortlich?
Natür­lich wir alle, und die Forderung bleibt gle­ichzeit­ig abstrakt und kaum fass­bar. Ver­ant­wor­tung tra­gen auch Insti­tu­tio­nen wie die Kirche, andere Reli­gion­s­ge­mein­schaften, die Uni­ver­sitäten und Bil­dung­sein­rich­tun­gen.

Auf dem Podi­um brin­gen Sie Fach­per­so­n­en aus Tech-Branche und Uni­ver­sität mit Kirchen­vertretern ins Gespräch: über Per­spek­tiv­en für die Entwick­lung und Nutzung kün­stlich­er Intel­li­genz. Was erwarten Sie sich hier von den The­olo­gen und kirch­lichen Ver­ant­wor­tungsträgern?
Von Bischof Felix Gmür erwarte ich, dass er die Enzyk­li­ka, die ein umfassendes Doku­ment ist, dem Pub­likum in Grundzü­gen ver­mit­telt und die zen­tralen Inhalte in Erin­nerung ruft. Ich wün­sche dem Schreiben näm­lich eine bre­it­ere Wahrnehmung, weil es im Kern eine Ein­ladung zum Dia­log ist. Und genau das tun wir mit diesem Podi­um: einen Dia­log anstossen zwis­chen Steakhold­ern. Wir brin­gen Ver­ant­wortliche aus Big-Tech, Zivilge­sellschaft, Wis­senschaft und Kirche zusam­men. Die Idee ist, eine Res­o­nanz zu erzeu­gen, sodass Gespräche weit­erge­hen kön­nen und der Kreis sich erweit­ert. Das wäre wün­schenswert und notwendig.

Dieses Inter­view erschien zuerst im Forum, dem Mag­a­zin der katholis­chen Kirche Zürich

Veronika Jehle
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