Wiborada wieder entdeckt
Der Codex Sangallensis 602 in der Stifts­bibliothek St. Gallen ist ein bedeutendes spätmittelalterliches Legendar aus dem 15. Jahrhundert. Es enthält die Heiligenviten der St. Galler Heiligen Gallus, Magnus, Otmar und Wiborada. Eine der 141 kolorierten Federzeichnungen zeigt Wiborada im Gespräch mit dem Bischof von Konstanz, Salomo III.
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Wiborada wieder entdeckt

Die erste Schweizer Heilige starb vor 1100 Jahren

Lange war die heilige Wiborada vergessen, obwohl St. ­Gallen ohne sie nicht UNESCO-Welterbe wäre. Ein Gespräch mit Hildegard Aepli, die Wiborada wiederentdeckt hat.

Hilde­gard Aepli ist The­olo­gin und Pas­toralamts-Mitar­bei­t­erin im Bis­tum St. Gallen. Sie hat das Pro­jekt «Wib­o­ra­da 2021–2026» initi­iert: www.wiborada.sg


Hilde­gard Aepli, was wis­sen wir his­torisch gesichert über Wib­o­ra­da ?
Hilde­gard Aepli: His­torisch gesichert sind sowohl ihr Todestag als auch die Fes­tle­gung ihres Gedenk­tages im Jahr 926 auf den 2. Mai. Wir wis­sen, dass sie zehn Jahre lang als Inklusin bei der Kirche St. Man­gen lebte und dort durch ihr Dasein und ihr Wirken grosse Bedeu­tung erlangte. Vier Jahre zuvor, also 912, ver­brachte sie eine vier­jährige Prü­fungszeit ober­halb von St. Gallen. Auf der Alp des Klosters gab es damals eine kleine Kapelle namens St. Geor­gen. Der Abt des Klosters besass dort eine kleine Hütte als Rück­zug­sort, den er Wib­o­ra­da und ihren bei­den Mäg­den zur Ver­fü­gung stellte. Auch deren Namen sind über­liefert: Sie hiessen Kebeni und Berther­ad. Die drei Frauen lebten vier Jahre lang dort.

Was für ein Leben führte Wib­o­ra­da vor ihrer Inklu­sion?
Sie führte ein streng geregeltes Leben nach der Ord­nung ein­er Benedik­tiner­in – geprägt vom Stun­denge­bet. Sie sass wahrschein­lich einen grossen Teil des Tages in der Kapelle und betete Psalmen. Nach vier Jahren kon­nte sie entschei­den, ob sie sich wirk­lich als Inklusin ein­schliessen lassen wollte – und sie entsch­ied sich dafür. Inter­es­san­ter­weise gibt es zwei Lebens­beschrei­bun­gen der Wib­o­ra­da. Die erste Vita ent­stand etwa 40 Jahre nach ihrem Tod. Nach ihrer Heiligsprechung 1047 durch Papst Clemens II. wurde die Vita über­ar­beit­et und stilis­tisch an die Zeit angepasst.

Welche Stel­lung nahm Wib­o­ra­da im geisti­gen und gesellschaftlichen Umfeld des Klosters St. Gallen ein?
Zuerst noch etwas anderes. Es gibt im Stift­sarchiv ein Pro­fess­buch der St. Galler Mönche. Wann immer ein­er ins Kloster ein­trat, musste er vor den Altar treten und sich hand­schriftlich in dieses Buch ein­tra­gen. In diesem reinen Män­ner­buch, das von Gal­lus bis zum let­zten Mönch reicht, hat ein Mönch auch Wib­o­ra­da einge­tra­gen. Im Pro­fess­buch ste­ht : « Wib­o­ra­da, Inklusin bei St. Man­gen, ist von den Hei­den ermordet wor­den am 1. Mai 926. »Das ist ein Beleg dafür, dass sie bekan­nt war und es dieser Mönch für wichtig erachtete, das Ereig­nis zu doku­men­tieren.

Was war nun aber ihre Stel­lung?
Über die Jahre wurde Wib­o­ra­da eine ein­flussre­iche Per­sön­lichkeit. Die Stadt­bevölkerung ging bei ihr vor­bei, um sich berat­en zu lassen. Und aus ihrer Vita wis­sen wir, dass Fürst Burkhard bei ihr Rat suchte. Den Abt und Mönche beri­et sie eben­falls. Unter anderem sagte sie die Bedro­hung durch die Ungarn voraus. Weil der Abt diese Vision für bedeut­sam hielt, liess er ein Jahr vor deren Ein­fall Evakuierungspläne ausar­beit­en. Als die Ungarn kamen, war St. Gallen wie leerge­fegt.

Gabi Hangart­ner, Basel

Da sein
Ende Mai ver­bringe ich eine Woche in der ­Wib­o­ra­da-Zelle in St. Gallen. Das ist ein kleines Holzhaus, ange­baut an die Kirche St. Man­gen, etwas geschützt, abseits der Gasse. Es hat einen Platz zum Schlafen, eine Toi­lette und ich bekomme jeden Mor­gen genug Wass­er. Ein­mal am Tag bringt mir jemand eine Mahlzeit vor­bei. Es ist für alles gesorgt. Ich werde die Klause während der Woche nie ver­lassen. Die Zelle hat zwei Fen­ster, eines geht nach aussen und ist jeden Tag zwei Stun­den offen. Zwis­chen 12.30 und 13.30 sowie von 17.30 bis 18.30 Uhr kön­nen die Men­schen bei mir vor­beikom­men. Ich werde da sein, zuhören und aufnehmen. Wenn Sor­gen da sind, ermuntere ich jeman­den vielle­icht dazu, diese aufzuschreiben. Das zweite Fen­ster kann zum Kirchen­raum hin geöffnet wer­den. In der Kirche find­et jeden Abend um 18.30 Uhr eine Aben­dan­dacht statt, daran nehme ich teil. Wenn es Für­bit­ten gibt, die jemand anlässlich des Gesprächs am Fen­ster per­sön­lich aufgeschrieben hat, über­bringe ich diese.

Die Idee, mich für eine Woche ein­schliessen zu lassen, kam mir bei ein­er Zug­fahrt von Win­terthur nach Basel. In der Zeitung «20 Minuten» las ich einen Bericht über das Wib­o­ra­da-Pro­jekt. Ich begann zu recher­chieren und sah, dass man sich bewer­ben kon­nte. Von Zeit zu Zeit suche ich die Abgeschieden­heit und bin schon weit dafür gereist, bis in die Berge Tibets und ins indis­che Ladakh. Die Idee, Abgeschieden­heit bloss eine Zug­fahrt ent­fer­nt in St. Gallen zu find­en, gefällt mir. Während der Woche in der Zelle will ich Tage­buch schreiben. Ich habe auch vor, jeden Tag einem anderen Men­schen in meinem Leben zu wid­men und tiefer über unsere gemein­same Geschichte nachzu­denken, als dies im All­t­ag möglich ist. Das Pro­jekt liegt mir sehr am Herzen. Die Heilige ist eine Leit­fig­ur und ihr Beispiel regt an, über die Rolle der Frau in der katholis­chen Kirche nachzu­denken. Wib­o­ra­da stammte aus ein­er adli­gen Fam­i­lie, wollte aber wed­er heirat­en noch ins Kloster ein­treten. Sie fand ihren ganz eige­nen Weg. Sich ein­schliessen zu lassen, war ein rev­o­lu­tionär­er Gedanke.

Als Inklusin hat sich Wib­o­ra­da für eine radikale Lebens­form entsch­ieden. Weshalb hat sie aus heutiger Sicht noch eine Bedeu­tung ? Oder ist sie nur eine his­torische Fig­ur?
Im Ver­gle­ich zu Gal­lus, Otmar und Vadi­an kommt Wib­o­ra­da in der Stadt St. Gallen eine zu geringe Bedeu­tung zu. Sie rei­ht sich ein in das Kapi­tel der vergesse­nen oder unsicht­bar gemacht­en Frauen, obwohl sie die erste in einem offiziell römis­chen Ver­fahren heiligge­sproch­ene Frau der Welt ist. Diese früh­mit­te­lal­ter­liche Frau ist die eigentliche Bewahrerin der Stadt. Dank ihr gelangten die ältesten Hand­schriften auf die Insel Reichenau und wur­den so gerettet. Dank ihr ist St. Gallen ein UNESCO-Weltkul­turerbe gewor­den. Ohne diese Frau wäre die Stadt weniger bedeu­tend.

Wird Wib­o­ra­da aus Ihrer Sicht verkan­nt? Was sagt das über unseren Umgang mit dieser Frau ? Ist es Zeit, ihr mehr Aufmerk­samkeit zu schenken?
An ihr zeigt sich, wie ein­seit­ig, ja beina­he einäugig unser Geschichts­be­wusst­sein ist. Alles fusst auf den Män­nern und blendet aus, was Wib­o­ra­da geleis­tet hat. Das hat auch mit der Ref­or­ma­tion zu tun. Damals wurde die Kirche St. Man­gen geräumt; zuvor war sie ein blühen­der Wall­fahrt­sort. Durch die Inklusin­nen ver­fügte die Stadt St. Gallen über eine sechs­hun­dertjährige weib­liche Spir­i­tu­al­itäts­geschichte. Von Wib­o­ra­da an bis zur Ref­or­ma­tion gab es durchge­hend Inklusin­nen. Diese Tra­di­tion wurde gewis­ser­massen aus­gelöscht. Hier beste­ht, wie ich finde, ein deut­lich­er Nach­holbe­darf in unserem Geschichts­be­wusst­sein.

Als Frau aus dem zehn­ten Jahrhun­dert hat sich Wib­o­ra­da bewusst den gängi­gen Lebensen­twür­fen ent­zo­gen. Was macht diesen Schritt aus heutiger Sicht bemerkenswert?
Eine solche Lebensentschei­dung ist bemerkenswert, weil es wie ein Aus­bruch aus der Nor­mal­ität war. Als Adelige wäre sie entwed­er ver­heiratet wor­den oder in ein Kloster in Lin­dau oder Zürich einge­treten. Dort hätte sie unter den Fit­tichen ein­er mächti­gen Äbtissin ges­tanden. Aus dieser Per­spek­tive war die Inklu­sion ein emanzi­pa­torisch­er Akt. Wib­o­ra­da entsch­ied sich bewusst für einen eige­nen Raum, ver­gle­ich­bar mit dem, was Vir­ginia Woolf 1928 in ihrem Essay «A Room of One’s Own» for­mulierte.

Wib­o­ra­da wid­mete sich zu 100 Prozent der Spir­i­tu­al­ität. Was kön­nen wir in unser­er kur­zlebi­gen Zeit von ihr ler­nen?
Für mich ist das Bemerkenswerteste: Diese Frau war zehn Jahre lang die einzige bekan­nte Per­son, die tat­säch­lich anwe­send war. Also da, in ihrer Zelle bei St. Man­gen. Und jede und jed­er kon­nte sie ansprechen. Mit grossem Staunen ent­deck­en wir, welche Bedeu­tung ihr bloss­es Dasein hat­te. Jemand war da, jemand war ansprech­bar. Bei dieser Per­son floss die Welt zusam­men.

Eine ket­zerische Bemerkung: Das ist doch ein sehr klas­sis­ches, weib­lich­es Rol­len­bild. Die Frauen sind da und dienen. Auch oder ger­ade den Män­nern.
So gese­hen han­delt es sich um eine tra­di­tionelle Rol­len­verteilung. Ein span­nen­der Aspekt. Aber bleiben wir beim Dasein. In der Moses-Geschichte im Alten Tes­ta­ment gibt es eine Stelle, wo Mose Gott fragt: « Wie heisst denn du? Welch­es ist dein Name?» Gott antwortet: «Mein Wesen, mein Name ist, ich bin da.» Für mich ist das eine Ein­ladung, auch für Män­ner – eigentlich für jeden Men­schen –, sich zu über­legen: «Wo bin ich da?» Du sitzt jet­zt da für unser Gespräch, kannst mit den Gedanken aber an einem anderen Ort sein. Dann bist du nicht da. Aber du kannst ver­suchen, wirk­lich und aufmerk­sam da zu sein. Erst dann bist du auch wirk­lich präsent. Für mich ist das Dasein nicht an einen Ort gebun­den, so wie Wib­o­ra­da es gelebt hat. Dieser Gedanke lässt sich auch in die heutige Zeit über­tra­gen. Ein schön­er Gedanke. Den­noch: Wib­o­ra­da war eine gefragte Rat­ge­berin, obschon sie eingeschlossen sehr welt­fremd gelebt hat.

Wie erk­lärt sich das ?
Das Span­nende ist, dass die Frau zwei Fen­ster hat­te, fast sym­bol­isch für ihr Wirken. Sie hat­te ein Fen­ster in die Kirche St. Man­gen. Durch dieses kon­nte sie am Gottes­di­enst teil­nehmen. Und sie hat­te das Fen­ster zur Welt, durch welch­es sie von ihren bei­den Mäg­den ver­sorgt wurde und an das auch die Besuchen­den kamen. Das ist eine faszinierende Dynamik: ein Fen­ster nach innen und ein Fen­ster nach aussen zur Welt. Sie hat­te bei­des zugle­ich. Ein Fen­ster nach aussen hat­ten beispiel­sweise andere adlige Frauen zur sel­ben Zeit nicht. Diese waren wirk­lich in ihren Häusern eingeschlossen. Wib­o­ra­da hat­te über das Fen­ster nach aussen einen direk­ten Welt­bezug, den son­st kaum jemand in diesem Masse hat­te.

Seit mehreren Jahren lässt sich immer wieder jemand bei der Kirche St. Man­gen für eine Woche ein­schliessen. Sie haben die Erfahrung als Inklusin selb­st gemacht wie etwa 20 weit­ere Per­so­n­en. Ist das lediglich ein Aben­teuer, oder was löst das aus?
Alle fra­gen sich zuerst: Wie ist es, wenn man nicht hin­aus­ge­hen kann? Die grösste Über­raschung, nach dem Ver­schluss der Türe, ist für die aller­meis­ten das Gefühl: « Ich bin frei.» Man hat keine Agen­da, der man fol­gen muss und ent­deckt die Qual­ität des Daseins. Vor allem entste­ht ein Raum der Frei­heit. Viele sehnen sich danach immer wieder dahin zurück.

Zuerst erschienen im Pfar­reiblatt Forum Kirche

Marie-Christine Andres Schürch
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