«Unverständnis kann ich akzeptieren, Demütigung nicht!»

«Unverständnis kann ich akzeptieren, Demütigung nicht!»

«Gottes Liebe: gren­zen­los!» — so heisst die dritte Segens­feier für gle­ichgeschlechtlich Liebende,  ihre Fre­undin­nen und Fre­unde, Bekan­nten und Fam­i­lien (siehe Unten). Dort wird Domeni­ca Pri­ore zu Gast sein. Die Ital­iener­in wurde als Frau in einem männlichen Kör­p­er geboren.Frau Pri­ore, Trans-Frau, Trans-Mann – es ist ver­wirrend. Wie kann man sich merken, was was bedeutet? Domeni­ca Pri­ore: Das ist eigentlich ein­fach. Trans heisst «durch» und ange­hängt wird die Rich­tung, das Ziel. Eine Trans-Frau – wie ich – ist also als Frau in einem männlichen Kör­p­er geboren und will durch die Angle­ichung auch kör­per­lich zur Frau wer­den. Bei einem Trans-Mann ist es umgekehrt.Frau Birke warum haben Sie Domeni­ca Pri­ore zur diesjähri­gen Segens­feier ein­ge­laden? Susanne Andrea Birke: Das The­ma ist ja «Gottes Liebe: gren­zen­los!» und wenn jemand Erfahrung mit Gren­zen hat, dann ein Men­sch wie Domeni­ca, die auf vie­len Ebe­nen etwas dazu sagen kann. Ausser­dem ist am 17. Mai der inter­na­tionale Tag gegen Homo­pho­bie und Trans­pho­bie. Seit 2005 find­et dieser Tag in Erin­nerung an das entsprechende Datum im Jahr 1990 statt, an dem die Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion WHO entsch­ied, Homo­sex­u­al­ität von der Liste der Krankheit­en zu stre­ichen. Der Tag wird inter­na­tion­al began­gen und dieses Jahr hat er den Schw­er­punkt auf dem The­ma Tran­si­d­en­titäten. Darüber hin­aus ist es mir ein Anliegen, Schritt für Schritt eine LSBT-Pas­toral aufzubauen.Funk­tion­iert es eigentlich, wenn bei ein­er Feier für gle­ichgeschlechtlich Liebende mit Kurt Adler auch ein Het­ero­mann mit vorne ste­ht? Susanne Andrea Birke: Das funk­tion­iert wun­der­bar. Die Feier ist nicht nur für diejeni­gen, die sel­ber gle­ichgeschlechtlich liebend oder trans­sex­uell oder trans­gen­der sind. Alle, die inter­essiert sind oder sich sol­i­darisieren wollen, sind ein­ge­laden. Es soll ja nie­mand durch die Teil­nahme an der Feier geoutet wer­den. Das wäre ganz falsch. Domeni­ca Pri­ore: Auch für die Ver­wandten oder Fre­unde von Men­schen, die homo­sex­uell oder trans­sex­uell sind. Die haben eben­falls viel durchgemacht. Susanne Andrea Birke: Was schön ist – nach der ersten Segens­feier 2014 mit Pierre Stutz kamen Men­schen, die fragten, ob sie für den Anlass Wer­bung machen dür­fen und Fly­er bestellen. Das ist mir in 13 Jahren Ewach­se­nen­bil­dung vorher nicht passiert.Frau Pri­ore wann haben Sie gemerkt, dass Sie im falschen Kör­p­er leben? Domeni­ca Pri­ore: Ich habe mit sechs Jahren real­isiert, dass ich mich wie ein Mäd­chen füh­le und ver­halte. Bis in die Pubertät kon­nte ich das kaschieren. Doch dann verän­derte sich der Kör­p­er so stark, dass ich nicht mehr ver­steck­en kon­nte, dass Innen und Aussen nicht übere­in­stimmten. Der Kör­p­er entwick­elte sich anders als die Psy­che und das hat einen unglaublichen Lei­dens­druck verur­sacht. Die Verzwei­flung darüber wurde immer gröss­er und mit Ende dreis­sig kam ich an den Punkt, wo es nicht mehr ging. Ich habe einige Jahre ein Dop­pelleben geführt – an der Arbeit als Mann, daheim als Frau – doch die Angst, dass das rauskommt wuchs und irgend­wann war es ein­fach nur noch ein Riesenekel gegen die Männlichkeit meines eige­nen Kör­pers. Das ist unbeschreib­lich und ich wün­sche es nie­man­dem.Gibt es irgen­det­was bei dem Prozess ein­er Angle­ichung, was beson­ders wichtig ist? Domeni­ca Pri­ore: Ich empfehle jedem und jed­er, sich ther­a­peutisch begleit­en zu lassen. Allein die Neben­wirkun­gen der Hor­mone, die man nehmen muss, kön­nen alles aus­lösen: Euphorie und Depres­sion, Gewichtzu­nahme oder –abnahme. Die Medika­mente wirken sich stark auf die Psy­che aus und viele Dinge merkt man anfänglich gar nicht. Deshalb ist es wichtig, eine Ansprech­per­son zu haben, die auf einen auf­passt. Auch noch Monate nach der erfol­gre­ichen Angle­ichung.Wieviele Men­schen sind trans­sex­uell? Gibt es da Zahlen? Domeni­ca Pri­ore: Eher eine Dunkelz­if­fer. Doch man geht davon aus, dass es eine ähn­liche Zahl ist wie bei der Homo­sex­u­al­ität, und da sind es etwa 10 Prozent der Bevölkerung.Wer zahlt eine Angle­ichung in der Schweiz? Domeni­ca Pri­ore: Die Kasse, wenn man all­ge­mein ver­sichert ist, denn in der Schweiz gilt Trans­sex­u­al­ität immer noch als Krankheit. Wenn man halbpri­vat oder pri­vat ver­sichert ist, muss man die Bedin­gun­gen sehr genau lesen.Das ist «schräg». Für die Angle­ichung ist es prak­tisch, dass es als Krankheit gilt, und für die Gle­ich­berech­ti­gung ist es fatal. Domeni­ca Pri­ore: Ja. Eigentlich wäre der Sta­tus wie bei der Schwanger­schaft gut. Man wird nicht als krank begleit­et, bekommt aber gewisse Dinge im medi­zinis­chen Bere­ich bezahlt.Wie hat ihr Umfeld reagiert? Domeni­ca Pri­ore: Ich habe die Angle­ichung rel­a­tiv schnell durch­führen kön­nen und ich hat­te gross­es Glück, dass alle Oper­a­tio­nen gut ver­liefen und die Hor­mon­be­hand­lung erfol­gre­ich ist. Zudem hat­te ich das grosse Glück, dass meine Eltern das alles akzep­tiert haben, und auss­er meinem Brud­er haben auch alle Ver­wandten real­isiert, dass es mir bess­er geht. Und ich habe einen sehr ver­ständ­nisvollen Arbeit­ge­ber – in dem Betrieb arbeite ich seit 29 Jahren. Susanne Andrea Birke: Laut ein­er Befra­gung ist die Arbeit­slosigkeit sechs Mal höher als in der Gesamt­bevölkerung.Was arbeit­en Sie? Domeni­ca Pri­ore: Ich bin San­itärin­stal­la­teurin. Aber auf der Arbeit habe ich weniger Prob­leme als in der LSBT-Szene (LSBT ste­ht für Les­bisch-Schwul-Bisex­uell-Trans­gen­der, Anmerkung der Redak­tion). Ich beze­ichne mich sel­ber als les­bisch und bin im Frauen­zen­trum in Zürich engagiert. Und da habe ich schon mal Sätze gehört wie: «Früher durften hier keine Män­ner rein!» — damit war ich gemeint. Susanne Andrea Birke: Vor zwanzig Jahren hab ich das auch erlebt auf Tre­f­fen von (les­bis­chen) Frauen, wo es hiess, Trans-Frauen hät­ten dort nichts zu suchen, sie seien keine richti­gen Frauen.Das ist erstaunlich intol­er­ant für eine Szene, die sel­ber um Tol­er­anz bit­tet. Susanne Andrea Birke: Ja. Da ist eine selb­st aus­ge­gren­zt und gren­zt dann andere aus.Kön­nen Sie ver­ste­hen, dass es Men­schen gibt, die mit der Vorstel­lung von Homo- oder Trans­sex­u­al­ität  wirk­lich Mühe haben? Domeni­ca Pri­ore: Das ist eine schwere Frage. Ich denke, solange ich die andere Per­son dulde und fair behan­dle, ist das ok. Homo- und auch Tran­si­d­en­tität ist ein The­ma, dass nur schw­er fass­bar ist. Weil es ein Men­sch, dem das nicht geschehen ist, nicht wirk­lich nachvol­lziehen kann. Ich kenne viele Men­schen, die sagen: Ich ver­ste­he es nicht, aber ich finde es gut. Das kann ich akzep­tieren. Was ich nicht akzep­tieren kann, ist per­sön­liche Demü­ti­gung und Ver­let­zung.Die Forderung nach Tol­er­anz sollte aber auch nicht zum Zwang zur Tol­er­anz wer­den, oder? Susanne Andrea Birke: Manche kon­ser­v­a­tive Grup­pen sind extrem – sie leug­nen die Exis­tenz von LSBT oder sprechen ihnen das Recht auf ein erfülltes Leben ab. Entsprechend fall­en dann die Reak­tio­nen aus. Oft sind es ger­ade solche, die ehe­mals in diesen kon­ser­v­a­tiv­en Grup­pen waren, die am schärf­sten in ihren Forderun­gen sind.Das schon, doch wenn man zum Beispiel die Grossel­tern­gener­a­tion nimmt – die ist völ­lig anders gross gewor­den und braucht schlicht Zeit, um sich an neue Vorstel­lun­gen zu gewöh­nen. Manch­mal bekommt man den Ein­druck, dass sozusagen Tol­er­anz sofort gefordert wird. Domeni­ca Pri­ore: Ein gutes Beispiel ist vielle­icht ein Arbeit­skol­lege. Der fragt, warum ich mich über­haupt habe operieren lassen, wenn ich doch eh auf Frauen ste­he. Ich hätte dann ja ein Mann bleiben kön­nen, meint er. Ich habe ihm ver­sucht zu erk­lären, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Er hat es bis heute nicht ver­standen, aber er akzep­tiert, dass ich so bin, wie ich bin. Wir lassen uns gegen­seit­ig leben. Das ist das Min­i­mum, was im Zusam­men­leben möglich sein muss.Sie sind Ital­iener­in, in ein­er katholis­chen Fam­i­lie aufgewach­sen. Sind sie katholisch aktiv? Domeni­ca Pri­ore: Ich habe mich zurück­ge­zo­gen. Weil die Posi­tion der katholis­chen Kirche grund­sät­zlich dort schw­er ist, und weil ich per­sön­lich in der Kirchge­meinde Diskri­m­inierung erfahren habe. Deshalb bin ich dankbar für diese Segens­feier – ein kirch­lich­es Ange­bot, wo ich akzep­tiert bin.Wen kann ein trans­sex­ueller Men­sch in der Schweiz ansprechen, wenn er Infor­ma­tio­nen, Hil­fe oder ein­fach Kon­takt möchte? Domeni­ca Pri­ore: Es gibt das Trans­gen­der Net­work Switzer­land. Das haben wir aufge­baut. Dort gibt es umfassende Beratung in ganz vie­len Bere­ichen. Auch für Ange­hörige. Das ist online erre­ich­bar und ein biss­chen über die Schweiz ver­streut. In Zürich ist das Gle­ich­stel­lungs­büro zuständig und in Bern soll das jet­zt genau­so gehand­habt wer­den. Da wäre dann auch in Zukun­ft ein Anlauf­punkt. Son­st gibt es nicht viel.Geht es Ihnen heute gut? Domeni­ca Pri­ore: Ja. Mit der Angle­ichung hat sich meine gesamte Stim­mung geän­dert. Ich war früher intro­vertiert, ver­schlossen, weil ich immer Angst hat­te, man merkt etwas. Seit ich mich geoutet habe und mich habe operieren lassen, bin ich offen. Jet­zt füh­le ich mich wohl.www.transgender-network.ch Segens­feier in Schöft­land«Gottes Liebe: gren­zen­los!» — heisst die dritte Segens­feier für gle­ichgeschlechtlich Liebende, ihre Fre­undin­nen und Fre­unde, Bekan­nten und Fam­i­lie. Ein­ge­laden sind aber alle Men­schen mit Inter­esse am The­ma oder dem Wun­sch sich zu sol­i­darisieren. Die The­olo­gin Susanne Andrea Birke und der Reli­gion­späd­a­goge Kurt Adler-Sach­er wer­den die Segens­feier leit­en. Musikalisch gestal­tet und begleit­et wird die Feier vom Ensem­ble «gl’amoureuse». Im Anschluss gibt es einen Apéro und Zusam­men­sitzen.  Her­zliche Ein­ladung in die Katholis­che Kirche nach Schöft­land, am Fre­itag, 20. Mai 2016, 19 bis 20 Uhr. Weit­ere Infor­ma­tio­nen T 056 438 09 40 oder
Anne Burgmer
mehr zum Autor
nach
soben