
Bild: © Roger Wehrli
Kein Tag wie jeder andere
Der Sonntag ist der Ur-Feiertag der Christen. Er ist bis heute ein Tag, an dem vieles möglich ist und bietet die Chance zu Gemeinschaft.
Der Sonntag ist ein Tag, an dem vieles möglich ist. Ausschlafen, ausgiebig frühstücken und in Ruhe die Zeitung lesen. Aufbrechen zu einer Wanderung, zu einem Tag im Schnee oder einem Besuch bei Freunden. Oder zur Kirche spazieren, Gottesdienst feiern und für einen Schwatz auf dem Kirchenplatz verweilen.
Im vergangenen November veröffentlichte das Bundesamt für Statistik BFS die Ergebnisse der Untersuchung «Kultur- und Freizeitverhalten in der Schweiz 2024», eine Erhebung, die alle fünf Jahre gemacht wird. In dieser Untersuchung zeichnet das BFS ein Bild des Kultur- und Freizeitverhaltens in der Schweiz nach der Pandemie.
Raus in die Natur, rein ins Museum
Die meisten Menschen in der Schweiz nutzen den Sonntag für das Treffen von Freunden, für Spaziergänge und Wanderungen in der Natur oder für Sport. 90 Prozent der Bevölkerung nennen eine dieser Tätigkeiten als regelmässige Freizeitaktivität. Im kulturellen Bereich sind Ausflüge zu Denkmälern und historischen Stätten bei den Schweizerinnen und Schweizern beliebt. Zusammen mit Konzerten, Museen und Ausstellungen wurden sie von 60 bis 75 Prozent der Bevölkerung zwischen ein und siebenmal jährlich besucht.
Die Pandemie habe einen gewissen Rückzug ins Private begünstigt, schliesst das BFS aus den Daten. 2024 gingen die Besuche in Kultureinrichtungen und die Freizeitaktivitäten ausserhalb der eigenen vier Wände im Vergleich zu 2019 zurück. Individuelle kulturelle und kreative Aktivitäten im Amateurbereich sind dafür in den letzten fünf Jahren sprunghaft angestiegen. Die Schweizerinnen und Schweizer fotografieren, zeichnen oder malen häufiger, 15 Prozent der Befragten töpfern regelmässig, 14 Prozent tanzen. In der jungen Bevölkerung tanzt sogar jede fünfte Person.
Ausfliegen und einkehren
Am Wochenende spazieren oder wandern die Schweizerinnen und Schweizer am liebsten in der Natur. Mit diesen Ausflugstipps lassen sich Spaziergänge mit innerer Einkehr verbinden.
Ökumenische Bergkapelle auf dem Weissenstein: 1981 auf dem solothurnischen Hausberg errichtet. Die Kapelle ist eine für alle Menschen offene Stätte der inneren Einkehr. Sie ist der Ökumene verpflichtet und dem Landespatron Bruder Klaus geweiht.
Sulpergkapelle Wettingen: Für Gipfelstürmer: 369 Stufen führen auf der Nordseite des Wettinger Sulpergs hinauf in den Wald zur 1749 erbauten Marienkapelle .
Loretokapelle Achenberg: Ein Spaziergang über den Achenberg zwischen Klingnau und Zurzach lässt sich bestens verbinden mit einem Besuch in der Kapelle, die tagsüber geöffnet ist.
Reformierte Kirche St. Arbogast Muttenz: Im Dorfkern von Muttenz steht die einzige historische Wehrkirche der Schweiz. Ihre ältesten Schichten stammen aus dem 4. Jahrhundert. Die Wandmalereien und die besondere Akustik machen den Aufenthalt zu einem Erlebnis.
Schlosskapelle Böttstein: Kenner der Kapellenlandschaft halten die Kapelle mit ihren Stuckaturen für die schönste im Aargau. Offen von Mo–So, 9–17 Uhr. www.kapelle-boettstein.ch

9% der Katholiken im Gottesdienst
Laut dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut SPI finden in der Schweiz jeden Sonntag rund 2300 römisch-katholische Gottesdienste statt. Das Bundesamt für Statistik hat in der Untersuchung «Religion und Spiritualität in der Schweiz» im Jahr 2024 untersucht, wie viele Menschen hierzulande religiöse Praktiken ausüben. Insbesondere der Besuch von Gottesdiensten habe im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich abgenommen, hält das BFS fest. Die Häufigkeit der Teilnahme an religiösen Veranstaltungen oder Gottesdiensten variiert nach Religionszugehörigkeit. Während ein Fünftel der Musliminnen und Muslime mindestens wöchentlich an einer religiösen Veranstaltung teilnimmt, ist dies nur bei neun Prozent der Angehörigen der römisch-katholischen Kirche der Fall.
Biografie berücksichtigen
Am Beispiel unserer Nachbarländer Deutschland und Österreich, wo zweimal jährlich die Gottesdienstbesucher gezählt werden, lässt sich der Rückgang des Gottesdienstbesuchs über einen längeren Zeitraum aufzeigen. Im Jahr 1950 nahm die Hälfte der Deutschen Katholiken an den Zählsonntagen am Gottesdienst teil, 1975 war es noch ein Drittel, 1990 ein Fünftel und im Jahr 2015 noch etwas mehr als 10 Prozent.
Der Kirchenbesuch am Sonntag hat starke Konkurrenz. Viele Freizeitanbieter konzentrieren sich auf das Wochenende. Der Theologe Björn Szymanowski vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung an der Universität Bochum betonte schon in einem Interview im Jahr 2017: «Die Menschen überlegen sich gut, wie sie ihre Freizeit verbringen. Die Kirche muss da auch Angebote einbringen, die sich an der Biografie der Menschen orientieren.»
Christlicher Ur-Feiertag
Dass der Sonntag in den meisten westlichen Staaten als letzter Tag der Siebentagewoche gilt, ist in der ISO-Norm 8601 offiziell festgelegt. Das Liturgische Institut erklärt auf seiner Website, dass das nicht immer so war: «Am Anfang der christlichen Tradition steht der Sonntag als erster Tag der Woche wie im jüdischen Siebentage-Zyklus. Der erste Tag nach dem Sabbat wurde zum christlichen Ur-Feiertag, weil an ihm gemäss biblischer Überlieferung die Auferstehung Christi stattgefunden hat. Dieses Ursprungsereignis des christlichen Glaubens feiern die Christen, wenn sie am Sonntag zum Gottesdienst zusammenkommen.»
Chance zu Gemeinschaft
Der Sonntag ist seit der frühen Kirche der Tag der Gemeindeversammlung und dadurch zum unterscheidenden Zeichen der Christen geworden. Die Theologin Andrea Krogmann schreibt dazu auf liturgie.ch: «Die Kirche hat den Sonntag als Zentrum für die Spiritualität und das Leben der Gläubigen wiederentdeckt, und auch heute ist der christliche Sonntag geprägt durch das Element der gemeinsamen Feier, deren Kernstück die Eucharistie ist.» Die gesellschaftlichen Veränderungen haben aus dem Sonntag einen Teil des Wochenendes gemacht, das vor allem durch individuelle Entspannung und zahlreiche Freizeitaktivitäten geprägt ist. Auch wenn das christliche Profil des Sonntags in der öffentlichen Wahrnehmung verwischt, betont Andrea Krogmann: «Gerade der Sonntag und das Feiern des Gottesdienstes bietet die Chance zu Gemeinschaft und kann den Menschen frei machen für die anderen Dimensionen des Lebens als jene der täglichen Arbeitswelt.»