«Betet, freie Schweizer…»
Jeweils am dritten Sonntag im September feiert die Schweiz den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Die Bettagsmandate der Kantone Aargau, Baselland und Basel-Stadt finden Sie am Endes dieses Artikels.
Bild: © Marie-Christine Andres

«Betet, freie Schweizer…»

Diesen Sonntag, 21. September, feiern wir den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag

Der Bettag ist kein kirchlicher, sondern ein religiös-politischer Feiertag. Hat er in einer säkularen Gesellschaft noch Platz? Lässt sich das Beten staatlich verordnen?


Seit 180 Jahren wird der Eid­genös­sis­chen Dank‑, Buss- und Bet­tag (kurz: Bet­tag; franzö­sisch: jeûne fédéral) gesamtschweiz­erisch jew­eils am 3. Son­ntag im Sep­tem­ber began­gen. Mit der Grün­dung des Bun­desstaates 1848 gewann er staat­spoli­tis­che Bedeu­tung als Zeichen und Instru­ment staatlich­er und kon­fes­sioneller Eini­gung. Zu diesem Zweck veröf­fentlicht­en die Kan­ton­sregierun­gen jew­eils eine Botschaft an das Volk, das so genan­nte Bet­tags­man­dat. Die Lan­deskirchen und Bistümer nah­men diese Tra­di­tion auf.

Seit den 1970er Jahren wird Kri­tik am Bet­tag als Staats­feiertag laut: Es sei nicht Auf­gabe eines säku­laren Staates, ein­er plu­ral­is­tis­chen Gesellschaft einen christlichen Feiertag zu verord­nen. Die Vertei­di­ger hal­ten dage­gen, der Tag solle die christlichen Grundw­erte des Lan­des und der Poli­tik in Erin­nerung rufen. Für Land und Volk danken, Busse tun, beten – wie geht das?

  • Staatlich­er Feiertag jew­eils am 3. Son­ntag im Sep­tem­ber (Genf: Don­ner­stag nach erstem Sep­tem­ber­son­ntag)
  • Ein­führung durch Tagsatzungs­beschluss 1832 (erste gesamtschweiz­erische Bet­tage 1794 und 1796)
  • Ursprung: seit dem Spät­mit­te­lal­ter wöchentliche oder monatliche Busstage in Notzeit­en
  • in der katholis­chen Kirche tra­di­tionell geprägt durch eucharis­tis­che Anbe­tungsstun­den und die voraus­ge­hende Quatem­ber­woche, in der reformierten Kirche durch die Abendmahls­feier
  • Bet­tags­man­date (-aufrufe) von staatlichen und kirch­lichen Behör­den
  • Bet­tags­ge­bet der Arbeits­ge­mein­schaft christlich­er Kirchen in der Schweiz (AGCK)
  • Bet­tagskollek­te der Inländis­chen Mis­sion
  • öku­menis­che Gottes­di­en­ste und inter­re­ligiöse Feiern, Bet­tagskonz­erte, Bet­tagswan­derun­gen

Verzichten

Busse tun und Verzicht üben gehörte von Anfang an zum Bet­tag. Wie an hohen kirch­lichen Feierta­gen sind Sport‑, Tanz‑, Kul­tur- und Unter­hal­tungsan­lässe in eini­gen Kan­to­nen heute noch ver­boten. Religiöse und weltliche Organ­i­sa­tio­nen rufen zu Fas­te­nak­tio­nen und zur Sol­i­dar­ität mit Benachteiligten auf. Der innerkatholis­chen Sol­i­dar­ität dient das Bet­tag­sopfer. Bis vor einem Jahrzehnt stand der aut­ofreie Bet­tag poli­tisch in der Diskus­sion.

Der Busstag ruft kri­tisch ins Bewusst­sein: Unser Land lebt auf grossem Fuss, sein Wohl­stand geht auf Kosten ander­er Län­der und Erd­be­wohn­er. Selb­st­beschei­dung und Verzicht am Bet­tag machen deut­lich, dass es auch anders geht. Worauf wir verzicht­en kön­nen, davon sind wir nicht abhängig.

Danken

In der Schweiz heisst der Bet­tag auch Dank­tag. Bere­its im 17. Jahrhun­dert sind Dankmo­tive am Bet­tag bezeugt, z.B. für die Ver­scho­nung im Dreis­sigjähri­gen Krieg.

Den Fin­ger auf den wun­den Punkt beim Danken legt das Beispiel Jesu vom Phar­isäer, der betet: «Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die andern Men­schen» (Lk 18,11). Dankbarkeit bringt einzel­nen Men­schen, Gemein­schaften und Län­dern «Segen und Heil» (wie es in einem Tages­ge­bet heisst), voraus­ge­set­zt sie erwächst nicht aus dem Ver­gle­ich mit anderen oder richtet sich nicht gegen andere.

1832 waren alle dama­li­gen Bürg­er des Lan­des aufgerufen, den Bet­tag zu bege­hen. Reformierte und Katho­liken feiern ihn sei­ther im Geist der Ökumene (im ursprünglichen Wortsinn), sprich: in Dankbarkeit gegenüber dem Land als einem gemein­sam erbaut­en und bewohn­ten Haus. In den 1960er Jahren find­en erst­mals öku­menis­che Gottes­di­en­ste und Anlässe statt. Auf welchem Fun­da­ment das Haus ste­ht und was die Men­schen in diesem Haus miteinan­der verbindet, das muss heute allerd­ings mit allen seinen Bewohner­in­nen und Bewohn­ern disku­tiert wer­den, unab­hängig von Reli­gion oder Weltan­schau­ung. Inzwis­chen find­en am Bet­tag darum auch interkul­turelle Begeg­nun­gen und inter­re­ligiöse Feiern statt.

Beten

Busse und Dank führen zum Gebet: Die Erfahrung, in Unrecht ver­strickt und gle­ichzeit­ig unver­di­ent beschenkt zu sein, lässt Auss­chau hal­ten nach dem­jeni­gen, der alles Bruch­stück­hafte ganz macht. Seit min­destens 1517 ist ein eigenes „Gross­es Gebet der Eidgenossen” bezeugt. Die Arbeits­ge­mein­schaft christlich­er Kirchen in der Schweiz (AGCK) greift diese Tra­di­tion auf: Das stets gle­ich­bleibende Bet­tags­ge­bet (s. geistlich­er Impuls) soll in allen Gottes­di­en­sten der christlichen Kirchen gesprochen wer­den und – zusam­men mit dem Vaterunser – ein Zeichen der Ein­heit von Christin­nen und Chris­ten bilden.

An der Gestal­tung des Bet­tags zeigt sich, ob und wie Beten und Han­deln, Gottes­di­enst und Men­schen­di­enst zueinan­der find­en. Was die Men­schen in unserem Land umtreibt, das soll im gemein­samen Feiern zur Sprache kom­men, ohne dabei das Gebet zu instru­men­tal­isieren. Ander­er­seits ist nach der Wirkung des Bet­tags zu fra­gen: Ver­mag die gemein­same Feier das friedliche Zusam­men­leben und das ver­ant­wortete Han­deln in unserem Land über den Tag hin­aus zu fördern?

Innehalten

Im Laufe der Geschichte hat sich der Bet­tag in Bedeu­tung und Inhalt stets verän­dert und dem gesellschaftlichen Wan­del anzu­passen gewusst, nicht zulet­zt durch die Bet­tags­man­date, die immer den Bezug zur Gegen­wart her­stell­ten. Eines aber ist kon­stant geblieben: Der Bet­tag erschöpft sich nicht in from­mem Brauch­tum. Er beansprucht Öffentlichkeitscharak­ter, hat eine poli­tis­che Dimen­sion. Angesichts des Diskurs­es um die Rolle von Kirchen und Reli­gio­nen in der säku­laren Gesellschaft, erweist er sich als bleibend aktuell. Es macht auch heute noch Sinn, wenn das Land seinen Bewohner­in­nen und Bewohn­ern ein­mal im Jahr einen Halt anbi­etet, damit sie sich über religiöse und kul­turelle Gren­zen hin­weg auf gemein­same Werte und Ori­en­tierungspunk­te besin­nen und ver­ständi­gen. Let­ztlich aber sind es religiös, sozial oder ökol­o­gisch motivierte Ini­tia­tiv­en vor Ort, die den Bet­tag am Leben erhal­ten.


Autor: Josef-Anton Willa, Erstveröf­fentlichung auf www.liturgie.ch

Hier find­en Sie die Bet­tags­man­date der Kan­tone Aar­gau, Basel­land und Basel-Stadt

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