Ihre Aufgabe ist es, einfach «da zu sein»

Ihre Aufgabe ist es, einfach «da zu sein»

Sie bekommt einen zunehmend höheren Stel­len­wert, die Pal­lia­tive Care. Am Kan­ton­sspi­tal Baden (KSB) ist Priska Bützberg­er, Oberärztin Pal­lia­tive Care und Onkolo­gie, im Auf­bau der entsprechen­den Sta­tion engagiert. Beim Gespräch eben­falls dabei: Clemens Cas­par, Lei­t­en­der Arzt Onkolo­gie, und Karin Klemm, katholis­che Seel­sorg­erin am KSB. Ein­blicke in ein The­ma.Die Begleitung Ster­ben­der ist der Bere­ich der Pal­lia­tive Care, den man von aussen am ehesten wahrn­immt. Am KSB gibt es eine Gruppe Frei­williger, die sich um ster­bende Patien­ten küm­mert. Wie funk­tion­iert das? Fra­gen die Patien­ten oder die Ange­höri­gen nach Begleitung oder haben Sie auch manch­mal den Ein­druck, es kön­nte sin­nvoll sein, wenn eine Frei­willige zu einem Patien­ten kommt? Karin Klemm: Die Patien­ten fra­gen am sel­tensten sel­ber an. Sie sind häu­fig in ein­er Sit­u­a­tion, in der sie die Anstren­gung der Ange­höri­gen nicht mehr abschätzen kön­nen. Priska Bützberg­er: Oft sagt ein Patient «Ich möchte nicht alleine sein» oder die Ange­höri­gen brauchen mal wieder eine Nacht daheim. Allein die Tat­sache, dass es das Ange­bot gibt, ent­lastet. Auch wenn es dann nicht wahrgenom­men wird. Clemens Cas­par: Die Pflege sagt häu­fig Bescheid. Sie sind näher am Patien­ten als wir. Gle­ichzeit­ig nehmen sie das Zeit­de­fiz­it in der Betreu­ung stärk­er wahr. Ich bekomme den Anstoss oft durch das Pflegeper­son­al.Wie funk­tion­iert die Organ­i­sa­tion der Begleitung genau? Karin Klemm: Wir haben für jede Nacht ein bis zwei Frei­willige, die sich bis 18 Uhr bere­i­thal­ten, in dem Wis­sen, dass sie um 22 Uhr vielle­icht ins KSB fahren. Eventuell kommt der Anruf dann erst knapp vor 18 Uhr. Ange­hörige spüren manch­mal erst kurzfristig, dass sie die vierte Nacht in Folge nicht auch noch schaf­fen. Das ist das eine. Das andere sind, wie Clemens sagte, Fälle, wo Pfle­gende melden, dass sie ein komis­ches Gefühl haben. Auch wenn vielle­icht der Aus­tritt aus dem KSB für den Patien­ten schon geplant ist. Wenn mir eine erfahrende Pfle­gende diese Wahrnehmung mit­teilt, ver­suche ich, für eine Frei­willige zu sor­gen. Das Per­son­al hat da ein gutes Gespür für Fein­stof­flich­es. Priska Bützberg­er: Ich würde gerne noch etwas anfü­gen: Die Gruppe der Frei­willi­gen zur Ster­be­be­gleitung, die von zwei Spi­talseel­sor­gen­den geleit­et wird und von der wir ger­ade gesprochen haben, ist inte­gri­ert in die Organ­i­sa­tion Frei­willi­gen­di­en­ste IDEM (im Dien­ste eines Mit­men­schen). Zurzeit befind­et sich noch eine weit­ere Frei­willi­gen­gruppe im Auf­bau, die ergänzend und speziell für die Pal­lia­tivs­ta­tion einge­set­zt wer­den soll.Wie wichtig ist die Schu­lung der Frei­willi­gen und in welch­er Posi­tion sind sie am Kranken­bett? Karin Klemm: Die Frei­willi­gen wer­den auf ihren Ein­satz vor­bere­it­et; sie bekom­men eine sorgfältige Ein­führung und erhal­ten regelmäs­sig Super­vi­sion. Ihre Sit­u­a­tion ist ver­gle­ich­bar mit der An- und Zuge­höri­gen. Wichtig ist, dass sie ler­nen bei Ärzten und Pflegeper­son­al rück­zufra­gen, wenn sie unsich­er sind und zurück­zumelden, wie sie den Patien­ten wahrnehmen. Priska Bützberg­er: Die Frei­willi­gen haben nicht die Auf­gabe, die medi­zinis­che Behand­lung zu überwachen; dadurch kön­nen sie sich aber auch nicht hin­ter ein­er Beruf­s­rolle ver­steck­en und begeg­nen den Patien­ten in erster Lin­ie ein­fach als Men­sch. Wichtig ist aber, dass sie eine Möglichkeit haben das Erlebte zu reflek­tieren, damit sie einen möglichst unver­stell­ten Blick auf den Men­schen im Kranken­bett haben und nicht eigenes Erleben in die Sit­u­a­tion pro­jizieren. Clemens Cas­par: Die Frei­willi­gen beobacht­en sehr genau, doch wir dür­fen keine Ver­ant­wor­tung auf sie abwälzen, dür­fen sie nicht «ver­pro­fes­sion­al­isieren». Son­st beste­ht die Gefahr, dass sie Lück­en­büss­er wer­den, wo die Fach­leute zu wenig Zeit haben. Ihre Auf­gabe ist es, ein­fach «da zu sein». Die Patien­ten sind Men­schen, die in bes­timmten Momenten einen anderen Men­schen brauchen und nicht den Profi. Das heisst nicht, dass die Begleit­er gar nicht aus­ge­bildet wer­den sollen. Sie müssen gut gerüstet und vor­bere­it­et sein. Doch die nor­male Rou­tine muss durch die Ärzte und Pfleger aufrechter­hal­ten wer­den.Ist es für Sie als Medi­zin­er unge­wohnt, Laien in diese Rou­tine reinzu­lassen? Priska Bützberg­er: Es ist sich­er eine Grat­wan­derung, über die wir uns im Team aus­tauschen. Wir dür­fen wirk­lich nicht anfan­gen, Dinge abzuwälzen. Ich finde es super, dass es die Gruppe gibt. Der Zeit­man­gel der Fachkräfte ist oft ein Prob­lem und die Zeit, welche die Frei­willi­gen mit­brin­gen, ist viel wert für die Patien­ten. Sie sehen, es kommt jemand und schenkt mir seine Zeit und ist ein­fach bei mir. Clemens Cas­par: Ich kenne ähn­liche Frei­willi­ge­nar­beit aus mein­er Zeit am Triem­lispi­tal in Zürich. Den Blick von aussen, der nicht pro­fes­sionell gefärbt ist, finde ich erfrischend. Ich will mich jet­zt nicht in Onkologe und Men­sch auf­s­pal­ten, aber ich habe einen klaren Auf­trag im Spi­tal und der zielt auf die best­mögliche medi­zinis­che Behand­lung ab. Es ist wun­der­bar, wenn jemand kommt, der diese pro­fes­sionelle Ebene nicht hat, und ich habe noch nie erlebt, dass ein Patient jeman­den aus der Frei­willi­ge­nar­beit weggeschickt hat, weil er Laie ist. Es ist eine andere Annäherung und Spiegelungsmöglichkeit für den Patien­ten.Die Pal­lia­tiv Sta­tion am KSB ist noch nicht fer­tig, son­dern im Entste­hen. Seit wann gibt es die Bemühun­gen, eine solche Sta­tion aufzubauen? Priska Bützberg­er: Sich­er seit etwa drei oder vier Jahren. Clemens Cas­par: Schon lange bevor der Begriff Pal­lia­tive Care bekan­nt war, betreute man im KSB ster­bende Men­schen gut und «nach bestem Wis­sen und Gewis­sen». Vor sechs Jahren gab es erste Anläufe, wir woll­ten Pal­lia­tive Care auf ein gutes, zer­ti­fizier­bares Niveau heben und haben dann bemerkt, dass wir das mit den vorhan­de­nen Ressourcen nicht umset­zen kön­nen. Und Priska ist mit einem kleinen inter­pro­fes­sionellen Team seit zwei Jahren mit viel Energie und Konzep­tar­beit dabei, das voranzutreiben.Warum machen Sie das und spielt es eine Rolle, dass das The­ma mit­tler­weile eine bre­it­ere Öffentlichkeit find­et? Priska Bützberg­er: Zunächst habe ich die Aus­bil­dung in diesem Fach­bere­ich für mich gemacht. Ich fühlte mich nicht kom­pe­tent, wenn in der Onkolo­gie alle Behand­lungsmöglichkeit­en aus­geschöpft waren. Dass das The­ma eine Art Hype erlebt, ist mir erst später bewusst gewor­den. Vor allem auf Seite der Pflege beste­ht eine bre­ite Unter­stützung der Pal­lia­tive Care. Erfreulicher­weise hat die Spi­talleitung jet­zt entsch­ieden, dass die Pal­lia­tive Care weit­er aus­ge­baut und eine Pal­lia­tivs­ta­tion entste­hen soll, so haben wir die Möglichkeit hier diese Sta­tion im Departe­ment Medi­zin aufzubauen. Es war schliesslich ein fliessender Über­gang von per­sön­lichem Inter­esse in das Engage­ment jet­zt.Das heisst, von Spi­tal­seite wird wohlwol­lend mit dem The­ma umge­gan­gen? Clemens Cas­par: Ja. Es wird wahrgenom­men. Es ist immer noch eine Frage der per­son­ellen Ressourcen und auch der Finanzierung. Man muss gute Ideen haben und kann nicht ein­fach mal irgen­det­was machen und nach­her die Rech­nung stellen. Priska Bützberg­er: Die Finanzierung der Pal­lia­tive Care ist ja nicht nur vom guten Willen des Spi­tals abhängig. Da beste­ht auch Hand­lungs­be­darf auf kan­tonaler und nationaler Ebene. Clemens Cas­par: Das Prob­lema­tis­che ist: wenn ein Sparpaket geschnürt wird, kann ich nicht plöt­zlich an ein­er Stelle mehr aus­geben. Ich finde es allerd­ings kurzsichtig, wenn man sich des The­mas nicht bess­er annimmt. Ich bin überzeugt, dass gute Pal­lia­tive Care ein gross­er Gewinn ist und keine Mehr-Kosten pro­duziert, weil man innehält und sehr genau über­legt, was für einen Patien­ten im Moment die richtige Mass­nahme ist.Wie wird das Engage­ment für Pal­lia­tive Care im Kol­le­genkreis aufgenom­men? Clemens Cas­par: Wir hat­ten vor eini­gen Tagen eine soge­nan­nte «Kom­p­lika­tio­nenkon­ferenz». Dort wer­den zwei oder drei Fälle besprochen und es wurde die Frage gestellt: «Haben wir alles gut gemacht, bei einem Ster­be­fall, oder hätte man noch etwas bess­er machen kön­nen?». Ich habe sel­ten eine inter­diszi­plinär so gut beset­zte Weit­er­bil­dung erlebt. Es waren Kaderärzte da, Assis­ten­zärzte, Leute von der Pflegeleitung und auch von der Pflege. Priska Bützberg­er: Das enorme Inter­esse am The­ma ist da. Für die Leute, die im Spi­tal tätig sind, ist es wohl schon immer – auch vor dem Pal­lia­tive Care Hype – wichtig gewe­sen, schw­erkranke und ster­bende Men­schen gut zu begleit­en. Aber ich glaube, dass es zumin­d­est auf Ärzte­seite nicht so viele Leute gibt, welche die Pal­lia­tive Care sel­ber auf­bauen möcht­en. Clemens Cas­par: Vielle­icht kann ich es genauer for­mulieren. Es ist ein gross­es Inter­esse am The­ma Pal­lia­tive Care vorhan­den und es ist ein gross­es Inter­esse da, es gut zu machen. Son­st wären nicht so viele Leute zu dieser Weit­er­bil­dung gekom­men. Was viele langsam anfan­gen zu real­isieren ist, dass Pal­lia­tive Care Knochenar­beit ist. So ist der Men­sch: Alles was mit Arbeit zu tun hat, ver­sucht er zu delegieren. Das hat nichts mit Faul­heit zu tun, son­dern damit, zu erken­nen, wieviel Detailar­beit in einem Prozess steckt.Kön­nen Sie für den medi­zinis­chen Laien ein Beispiel geben? Clemens Cas­par: Zum Beispiel der Auf­bau des Rap­portwe­sens, also die Organ­i­sa­tion der Pal­lia­tivbe­sprechung, die Priska mit ihrem Team umge­set­zt hat. Das zu machen ist nicht attrak­tiv. Priska Bützberg­er: Der Hin­ter­grund ist der, dass wir als kleines inter­pro­fes­sionelles Team unsere Bemühun­gen sicht­bar machen und auch abrech­nungsrel­e­vante Zahlen liefern woll­ten, um bessere Argu­mente für den Auf­bau der Pal­lia­tive Care und let­ztlich auch mehr Gewicht zu bekom­men. Dafür muss doku­men­tiert wer­den, wieviel Zeit wir für den Patien­ten aufwen­den und alle beteiligten Dien­ste müssen ein­mal in der Woche an einen gemein­samen Tisch zur Besprechung. Das zu koor­dinieren kostet Energie.Was für Dien­ste sind da beteiligt? Priska Bützberg­er: Neben Pflege und Arzt­di­enst — die Phys­io­ther­a­pie, die Ernährungs­ber­atung, die Spi­talseel­sorge, das Care Man­age­ment (dieses küm­mert sich um die Aus­tritts­pla­nung), die Logopädie, die Ergother­a­pie, das Schmerzther­a­pie-Team. Neu haben wir eine Musik­ther­a­peutin. Dazu kommt noch die Psy­choonkolo­gie und eventuell der Psy­chi­ater. Clemens Cas­par: Ich würde das gerne ein biss­chen von dem Abrech­nungsaspekt lösen. Die inter­diszi­plinären Fallbe­sprechun­gen sind etwas sehr Wichtiges. Denn dort, wo sich alle tre­f­fen, die mit einem Patien­ten arbeit­en, schafft man eine gemein­same Kul­tur und Sprache der Abteilung. Und wenn es das gibt, ist eine Zusam­me­nar­beit erst wirk­lich möglich. Wo das Rap­portwe­sen gut aufge­baut ist, kann eine kom­plexe Sta­tion anfan­gen zu funk­tion­ieren. Das weiss ich aus eigen­er Erfahrung von früheren Sta­tio­nen und das wird hier ähn­lich sein. Das Erken­nen des Patien­ten im Gefüge der ver­schiede­nen Dien­ste führt dazu, dass resul­tierende Mass­nah­men bess­er abges­timmt wer­den kön­nen. Priska Bützberg­er: Dort wo ver­schiedene Beruf­s­grup­pen aufeinan­dertr­e­f­fen, gibt es Rei­bungs­flächen, aber die Wege wer­den auch kürz­er. Wir nehmen schneller das Tele­fon in die Hand und fra­gen nach. Das Ver­ständ­nis für die «andere Seite» wächst. Ich habe zum Beispiel sehr viel über den All­t­ag der Pflege gel­ernt in den let­zten Monat­en.Heisst dass, es geht um eine nach­haltige Verän­derung von Kom­mu­nika­tion­sstruk­turen? Clemens Cas­par: Let­ztlich geht es um das ver­net­zte Denken. Das ist entschei­dend. Das ist in der medi­zinis­chen Onkolo­gie ein wichtiger Punkt, aber auch in der Geri­atrie und in der Pal­lia­tivmedi­zin. Nicht umson­st sind diese Berufs­felder im Kom­men. Da geht es eben nicht darum, dem Patien­ten monothe­ma­tisch beispiel­sweise das Bein einzugipsen und der Rest wird dann schon irgend­wie gut. Nein, es sind ganz ver­schiedene The­men­bere­iche, die da berührt wer­den. Und die Pal­lia­tivmedi­zin macht das beispiel­haft. Karin Klemm: Ich glaube, die Leute, die gerne Pal­lia­tivmedi­zin machen sind die, denen es gegeben ist sich auch für die andere Seite zu inter­essieren. Da gehört die Frage dazu, wie ein Frei­williger die Nacht beim Patien­ten erlebt hat. Die grosse Beteili­gung an der erwäh­n­ten Weit­er­bil­dung macht auch deut­lich, dass es nicht mehr darum geht «hier die bösen Ärzte», da das «arme Pflegeper­son­al», auf das man mehr hören sollte. Es macht bewusst, dass alle eine Bring-Schuld haben. Die Pfle­gen­den, die Ärzte und die Seel­sor­gen­den und alle in der Pal­lia­tive Care Täti­gen. Wir dür­fen nicht warten, bis wir gefragt wer­den, son­dern wir müssen sagen, was wir sehen und wahrnehmen. Priska Bützberg­er: Es gibt die Mei­n­ung, dass Pal­lia­tive Care eigentlich eher eine Philoso­phie, eine «Bewe­gung» und kein Fachge­bi­et ist. Erfol­gre­ich wäre sie, wenn sie sich soweit etabliert, dass die Bewe­gung nicht mehr nötig ist.Pal­lia­tive Care spielt in der Diskus­sion fast unweiger­lich den Gegen­pol zu Organ­i­sa­tio­nen wie Exit oder Dig­ni­tas. Wie beurteilen Sie die Organ­i­sa­tio­nen grund­sät­zlich? Clemens Cas­par: Wenn ein Men­sch entschei­det, sein Leben durch einen begleit­eten Suizid zu been­den, dann ist es nicht an mir, diesen Men­schen dafür zu verurteilen. Weil es ein Entscheid ist, der in der per­sön­lichen Frei­heit gefall­en ist, respek­tiere ich diese Entschei­dung. Es ist sich­er nicht mein Ziel. Ich bekomme immer wieder Anfra­gen für Bestä­ti­gun­gen über eine unheil­bare Krankheit von Men­schen. Ich stelle diese für meine Patien­ten aus, allerd­ings immer in Verbindung mit dem Hin­weis, dass wir über alle Möglichkeit­en der mod­er­nen Schmerzther­a­pie ver­fü­gen und ver­suchen, dem Patien­ten ein gutes Ster­ben zu ermöglichen. Wenn jeman­den seinen Zus­tand nicht aushält, auch nicht mit Pal­lia­tiv­er Seda­tion, dann habe ich keine Mühe, wenn er sich für einen begleit­eten Suizid entschei­det. Doch auch eine Pal­lia­tive Seda­tion muss ich kaum durch­führen, da wir mit der Schmerzther­a­pie und der Pal­lia­tivmedi­zin auch ambu­lant mit­tler­weile eine gute Kon­trolle über Beschw­er­den haben, so dass wir lange ein qual­i­ta­tiv gutes und würdi­ges Leben ermöglichen kön­nen bis der Patient stirbt.Soll­ten die Organ­i­sa­tio­nen Zugang zu Heimen und Spitälern erhal­ten? Clemens Cas­par: Diese Diskus­sion habe ich vor 15 Jahren in Zürich schon erlebt und war sehr vehe­ment dage­gen. Unter­dessen bin ich älter gewor­den und finde die Zürcher Lösung nicht so schlecht. Pflege­heime sind das physis­che Daheim der Men­schen und so ist es für die Men­schen ein «daheim ster­ben» mit Exit. Was die Spitäler ange­ht: sie sind nicht das Daheim, sie sind Ort der Akut­be­hand­lung. In ein­er Akut­si­t­u­a­tion ein­er Ster­be­hil­fe-Organ­i­sa­tion den Zutritt zu erlauben, birgt die Gefahr von Inter­essen­skon­flik­ten. Ich denke, wenn jemand einen assistierten Suizid wün­scht, ist es zumut­bar, dass er aus dem Spi­tal aus­tritt und zwar im Sinne der Ent­flech­tung der ver­schiede­nen Ansprüche.Frau Bützberg­er, wie sehen Sie das? Priska Bützberg­er: Ich nehme es als gross­es The­ma im Spi­tal wahr. Die Patien­ten sprechen über Ster­be­hil­fe­or­gan­i­sa­tio­nen, um über­haupt auf das The­ma Ster­ben zu kom­men, und von daher finde ich es gut, dass die Organ­i­sa­tio­nen das The­ma auf den Tisch brin­gen. Vor dem Hin­ter­grund der derzeit­i­gen Spi­tal­fi­nanzierung dür­fen wir diese Organ­i­sa­tio­nen aber nicht ins Spi­tal lassen, weil die Gefahr ein­er Ver­mis­chung zu gross ist. Wenn ein Patient lange da ist und die Kosten des Spi­tals nicht mehr gedeckt sind, und dann eine Ster­be­hil­fe­or­gan­i­sa­tion im Haus kommt, kann das einen merk­würdi­gen Beigeschmack bekom­men. Karin Klemm: Es ist auch für das Pflegeper­son­al schw­er. Wir hat­ten eine Pati­entin, die hat sich hier im Spi­tal fit machen lassen für den Trans­port, um dann mit Exit aus dem Leben zu gehen. Alle wussten davon und auf ein­er pro­fes­sionellen Ebene kann man sich­er sagen, dass man das akzep­tieren muss. Doch wenn die Pfle­gen­den ihr Herz bei einem Patien­ten lassen und ihre ganze Energie und Arbeit let­ztlich umson­st war, dann geht das auf ein­er emo­tionalen Ebene sehr nahe. Priska Bützberg­er: Was mir in dem Zusam­men­hang noch sehr wichtig ist: der Entscheid eines Patien­ten, mit Exit zu gehen, heisst nicht, dass die Pal­lia­tiv Care ver­sagt hat. Es wird – egal wie gut die Pal­lia­tiv Care jemals sein wird – immer Men­schen geben, die Exit in Anspruch nehmen. Weil es ein­fach zwei ver­schiedene Möglichkeit­en sind.Die man nicht gegeneinan­der ausspie­len darf? Priska Beutzberg­er: Das wird lei­der oft getan. Karin Klemm: …und ist auch ein Grund, warum sich mache Kirchen­leute so sehr in Pal­lia­tive Care engagieren. Und das finde ich frag­würdig. Es traut sich zwar kaum ein­er mehr, den Weg mit Exit als Sünde zu beze­ich­nen, aber er wird immer noch häu­fig als falsch­er Weg beze­ich­net. Da fehlt mir – und da zitiere ich Clemens – die Demut vor der Not des Men­schen, die sich in ihren Schmerz, ihrem ständi­gen Brechreiz oder ihrer Atem­not über­legen, ob Suizid nicht doch ein Ausweg wäre. Diese Über­legung will ich als Spi­talseel­sorg­erin nicht bew­erten, son­dern die Men­schen darin nicht alleine lassen und hof­fen, manch­mal ansprechen und manch­mal nur darum beten, dass es einen anderen Weg geben wird.
Anne Burgmer
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