
Bild: © Pro Longo maï
Hoffnung keimen lassen
Die Menschen in den Longo maï-Kooperativen und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer haben schon lange erkannt, dass die Zukunft der Ernährung von der Vielfalt der Pflanzen abhängt. Das Wissen über Saatgut ist in Kriegszeiten Gold wert.
Seit vielen Jahren beackern die Landwirtinnen und Landwirte der Longo maï-Kooperativen nicht nur ihre Felder, sondern auch das Thema Saatgut. Unter dem Namen Longo maï – was so viel bedeutet wie: «Es möge lange dauern!» – leben rund 200 Erwachsene mit ihren Kindern in elf sozialen landwirtschaftlichen Kooperativen zusammen. Die erste Kooperative ist in Südfrankreich entstanden, heute gibt es sie in sechs europäischen Ländern. Dabei wollen die Gemeinschaften nicht ein Modell für alle Menschen sein, aber eine Inspiration für andere Formen des Zusammenlebens. Zentral ist dabei der Umgang mit den natürlichen Ressourcen, wie eben dem Saatgut.
Kulturtechnik erhalten
In einzelnen Kooperativen säen die Bäuerinnen und Bauern von Longo maï zu 80 Prozent mit eigenem Saatgut. Das ist wichtig, um das Wissen um die uralte Kulturtechnik zu erhalten. Es ist aber auch wichtig, weil die Kooperativen damit unabhängig bleiben von den multinationalen Konzernen, die die Züchtung und den Verkauf des Saatguts durch Patente monopolisieren wollen. Die Patente schränken die Vielfalt in der Züchtung ein, was zu weniger Sorten führt und auf lange Frist die Ernährungssicherheit gefährdet.
In der Longo maï-Kooperative «Grange Neuve», in der Nähe von Limans im Südosten Frankreichs wird in einem Hangar das Saatgut für die eigene Produktion sowie für andere Longo maï-Kooperativen gereinigt und gelagert. Darüber hinaus wird die Saatgut-Infrastruktur von anderen landwirtschaftlichen Kollektiven genutzt. Ausserdem finden auf «Grange Neuve» seit 2006 Saatgutkurse statt und die Gärtnerinnen und Gärtner der Longo maï-Kooperativen nehmen zudem an Saatgutbörsen teil, an denen der Überschuss an Samen getauscht wird.
Selber über das Saatgut bestimmen
Saatgut, das an Börsen getauscht werden soll, darf nicht gentechnisch verändert sein. In 17 europäischen Ländern, und aufgrund eines Moratoriums de facto auch in der Schweiz, ist der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen (GVO) verboten. Zu unsicher sind die möglichen Auswirkungen. Unter anderem wird befürchtet, dass die gentechnisch veränderten Pflanzen letztlich zu mehr Monokulturen führen und dass Resistenzen bei Beikräutern und Schädlingen zum Einsatz von mehr Pestiziden führen. Viele der befürchteten Folgen können grundsätzlich auch bei herkömmlicher Züchtung auftreten, allerdings deutlich langsamer. Die Kritik richtet sich deshalb vor allem gegen die Geschwindigkeit und die Art, wie gentechnisch veränderte Pflanzen in der Landwirtschaft eingesetzt werden, sowie gegen die ökonomischen Rahmenbedingungen. Die EU-Saatgutverkehrsregelung sieht vor, dass nur Sorten «in Verkehr» gebracht werden dürfen – das heisst auch in Form eines Geschenks weitergeben – , die auf einer offiziellen Liste stehen. Um auf diese Liste zu kommen, müssen die Sorten angemeldet werden und gewissen Kriterien entsprechen. Viele traditionelle Sorten scheitern allerdings beim Kriterium «Einheitlichkeit». Diesen Missstand haben die Landwirtinnen und Züchter von Saatgut vieler Ländern erkannt. In der Schweiz können darum seit 2010 Landwirtinnen und Landwirte gemäss der Saat- und Pflanzgutverordnung Sorten unter der Kategorie «Nischensorte» handeln.
Jetzt sind Sie dran!
Tauschen oder kaufen Sie Saatgut und helfen Sie, die Vielfallt zu stärken.
Der Saatgut-Förder-Kreis unterstützt die Longo maï-Kooperativen in ihrem Engagement für die Diversität und Souveränität von Saatgut. Informationen zum Saatgut-Förder-Kreis finden Sie auf der Webseite von Pro Longo maï.
Hier finden Sie die Lehrfilme «Saatgut ist Gemeingut».
Der SamenSonntag findet am 15. März von 13 bis 17 Uhr in der Halle 8 im Gundeldinger Feld in Basel statt. Dort dürfen Sie samenfeste Sorten schenken und tauschen. Die Herkunft des Saatguts soll bekannt sein, damit keine hybriden und gentechnisch veränderten Pflanzen darunter sind. Bevorzugt werden Samen von Feldern und Gärten, die weder mit Kunstdünger noch mit Pestiziden behandelt wurden. Reinigen Sie Ihr Saatgut, sortieren Sie es und beschriften Sie die Samensäckchen mit Sortennamen, Jahr und Ort der Ernte. Alle Infos auf: samensonntag.ch
Falls Sie nichts zum Tauschen haben, können Sie im Reusspark in Niederwil am 8. März von 13 Uhr bis 16 Uhr ProSpecieRara-Saatgut kaufen.

Auf dem Hof Ulenkrug der Longo maï-Kooperative im Norden Deutschlands wurden 900 Weizensorten gepflegt. Um die Sorten getrennt von gentechnisch veränderten Pflanzen zu halten, hatte die Kooperative sie im Jahr 2007 vom deutschen Institut zur Kulturpflanzenförderung zu sich in die Pflege genommen. Das Saatgut wird heute in verschiedenen Longo maï-Kooperativen und in befreundeten bäuerlichen Betrieben gepflegt. Dazu kamen aus einer privaten Sammlung weitere 1000 Weizen‑, Gersten‑, Hafer- und Roggensorten, um die sich seither hunderte Menschen ehrenamtlich kümmern. Die Samen kommen teilweise aus fernen Ländern. Und in Einzelfällen finden sie sogar den Weg dahin zurück. So reisten Weizensorten nach Äthiopien, Indien, Griechenland, Mexiko und in die Türkei zurück.
Hoffnung säen in Kriegsgebieten
Eine besondere Bedeutung bekommt das Saatgut und das Wissen darum in Kriegsgebieten. In Syrien wurde die Landwirtschaft vor dem Ausbruch des Kriegs im Jahr 2011 intensiviert und industrialisiert, um Produkte auch für den internationalen Markt zu produzieren. Das hatte eine Zentralisierung der Abgabe des Saatguts zur Folge und das Verbot, Saatgut für das nächste Jahr aufzubewahren. Damit verloren die Landwirtinnen und Landwirte Souveränität und zunehmend auch das Wissen um die Vermehrung des Saatguts.
Seit 2014 unterstützte das internationale Netzwerk «The 15th Garden» mit Workshops und Saatgutspenden den Aufbau von Gärten in Syrien und in den Flüchtlingslagern in Jordanien, Libanon und in der Türkei, um die vom Krieg betroffenen Menschen wieder in die Lage zu versetzen, ihre Lebensmittel selbst zu produzieren. Saatgut-Spenden kamen auch aus Longo maï-Kooperativen. Ein weiterer wichtiger Beitrag Longo maïs in diesem Zusammenhang waren und sind ihre Lehrfilme «Saatgut ist Gemeingut». 2015 gerade fertig gestellt mit englischen, französischen und deutschen Untertiteln, reisten sie im Gepäck der Betreibenden des Wanderkinos «Graines et cinéma» nach Syrien, um die Aufbauarbeit von «The 15th Garden» zu unterstützen. Vergangenes Jahr feierte Longo maï das zehnjährige Jubiläum der Filme, die mittlerweile in dreizehn Sprachen übersetzt auf einer Webseite frei zugänglich sind. Aus dem Engagement von «The 15th Garden» entstand die Landwirtschaftsschule «Buzuruna Juzuruna» im Libanon (aus dem Arabischen übersetzt: «Unsere Samen sind unsere Wurzeln»). Auf dem Hof in der Bekaa-Ebene befindet sich das Saatgut von 250 palästinensischen, syrischen, irakischen und libanesischen Sorten. Auf zwei Hektar gibt es eine Baumschule und Getreide sowie Hülsenfrüchte werden auf 20 Hektaren angebaut. Seit dem Ausbruch des Kriegs in Israel 2023 ist auch das Landwirtschaftszentrum von den Kriegshandlungen betroffen. Aber Aufgeben ist kein Thema für die Menschen in der Region und auch nicht für die Gemeinschaft von Longo maï. Im Sommer 2025 sind in den Gärten der Kooperativen im Jura und in der Provence palästinensische Samen gesät worden, um sie zu testen. Eine Auswahl soll vermehrt werden, um die agrarökologische Bewegung im Gazastreifen und im Westjordanland zu unterstützen.
