Franz von Assisi: radikal einfach
Das 1228 geschaffene Fresko im Kloster San Benedetto oberhalb des Städtchens Subiaco ist das älteste erhaltene Porträt von Franz von Assisi.
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Franz von Assisi: radikal einfach

Vor 800 Jahren starb der heilige Franziskus von Assisi

Innerhalb weniger Jahre bewegte Franziskus tausende von Menschen dazu, seinem Beispiel zu folgen. Die radikale Armut und die reiche Spiritualität des Kaufmannssohns aus Umbrien inspirieren die Menschen auch heute.


Ob Ökof­reaks, Rebellinnen oder Fromme: Der heilige Franziskus inspiri­ert bis heute viele Men­schen. Wer war der Mann, der ein Loblied auf die Schöp­fung ver­fasste, mit einem Leben in Wohl­stand brach, und auf dessen Kör­p­er sich die Wund­male Christi gezeigt haben sollen.

Francesco: das Französlein

Gio­van­ni di Pietro di Bernar­done wird 1181 oder 82 in Assisi, ein­er Kle­in­stadt im mit­telital­ienis­chen Umbrien, geboren. Sein Vater, der kurz nach der Geburt von ein­er Geschäft­sreise aus Frankre­ich zurück­kehrt, gibt ihm den Ruf­na­men Francesco. Als Sohn eines Tuch­händlers führt er ein priv­i­legiertes Leben. Mit 14 Jahren tritt er in das väter­liche Unternehmen ein. Sechs Jahre später zieht er in den Krieg: Seine Heimat­stadt kämpft gegen das benach­barte Peru­gia. Assisi unter­liegt, und Franziskus gerät in Gefan­gen­schaft. Nach einem Jahr kehrt er kör­per­lich und seel­isch erschüt­tert zurück.


Die Stadt Assisi liegt in der ital­ienis­chen Region Umbrien. In der Basi­li­ka San Francesco (links im Bild) ruhen die Gebeine des heili­gen Franziskus. Er gilt heute als Patron des Naturschutzes, der Tiere und als Mah­n­er für Frieden und einen nach­halti­gen Lebensstil. | Bild: Get­ty Image

Umarmung eines Aussätzigen

Wenige Jahre später zieht Franziskus erneut in den Krieg, doch schon nach eini­gen Tagen kommt er zurück und sucht die Ein­samkeit des Waldes. Vor der Stadt begeg­net er Aussätzi­gen, was ihn nach­haltig verän­dert. Die Umar­mung eines Lep­rakranken erlebt er als Gottes­begeg­nung. In der zer­fal­l­enen Kirche von San Dami­ano, unweit von Assisi, erfährt er die Beru­fung, die Kirche wieder­aufzubauen. Er fängt an, diese und weit­ere Kirchen zusam­men mit rand­ständi­gen Men­schen zu restau­ri­eren. Dazu ver­wen­det er auch Waren und Geld aus dem Geschäft sein­er Eltern. Dies miss­fällt seinem Vater, der beim Bischof einen Prozess gegen seinen Sohn anzettelt. In der öffentlichen Gerichtsver­hand­lung soll sich Franziskus nackt aus­ge­zo­gen haben, um zu zeigen, dass er auf sein Erbe verzichtet – eine Szene, die der mit­te­lal­ter­liche Maler Giot­to di Bon­done auf einem der Fresken fest­ge­hal­ten hat, die heute die Basi­li­ka San Francesco in Assisi schmück­en.

Ein Leben in Einfachheit

Von nun an lebt Franziskus als Eremit und Bet­tler und küm­mert sich um Aussätzige. In ein­er Messe hört er das Evan­geli­um von der Aussendung der Jünger. Davon inspiri­ert, zieht er eine ein­fache Kutte an, lehnt Besitz und Geld kün­ftig ab und ermah­nt seine Mit­men­schen, Gott zu lieben und Busse für ihre Sün­den zu tun. Dem Laien­predi­ger Franziskus schliessen sich bald andere an. Sie leben in ein­fachen Hüt­ten rund um die Kirche Por­tiun­cu­la in der Nähe von Assisi. Mit Chiara di Favarone nimmt auch eine Adel­stochter Kon­takt zu Franziskus auf. Sie wird später von Franziskus inspiri­ert einen eige­nen Frauenor­den zu grün­den. 1209 erbit­tet Franziskus von Papst Innozenz III. die Anerken­nung der Lebensweise der kleinen Gemein­schaft. Offiziell anerkan­nt wird diese ver­mut­lich erst 1215, vor oder während des Lat­er­ankonzils. 1217 haben sich bere­its über 1000 Gefährten der Bewe­gung angeschlossen.

Pionier des interreligiösen Dialogs

Zwei Jahre später reist Franziskus in den Ori­ent, wo die Kreuz­fahrer die ägyp­tis­che Hafen­stadt Dami­ette belagern. Er wagt sich auch in das Lager des mus­lim­is­chen Heeres von Sul­tan Al-Kamil. Poli­tisch scheit­ert seine Friedens­mis­sion, aber die Begeg­nung macht Franziskus zu einem Pio­nier des inter­re­ligiösen Dialogs. Nach sein­er Rück­kehr ver­schlechtert sich sein Gesund­heit­szu­s­tand. Die Gemein­schaft, inzwis­chen auf rund 3000 Mit­glieder angewach­sen, lei­det unter inneren Span­nun­gen. Franziskus ist mit der Organ­i­sa­tion der grossen Gemein­schaft ver­mut­lich über­fordert und übergibt deren Leitung einem Mit­brud­er. 1223 heisst die Ver­samm­lung der Brüder eine Neu­fas­sung ihrer Orden­sregel gut, auch Papst Innozenz III. seg­net diese ab. Damit sind die Franziskan­er als kirch­lich­er Orden anerkan­nt.

Sonnengesang entstand in dunkler Zeit

Im Sep­tem­ber 1224 hat Franziskus auf dem Berg La Ver­na eine mys­tis­che Chris­tusvi­sion. Danach sollen gemäss seinen ersten Biografen die Wund­male Christi an seinem Kör­p­er sicht­bar gewor­den sein. Im darauf­fol­gen­den Win­ter erkranken seine Augen immer mehr. In dieser Zeit äusser­ster Dunkel­heit ver­fasst Franziskus den Son­nenge­sang, in dem er Gott und alle seine Geschöpfe lobt und diese als Brüder und Schwest­ern beze­ich­net. Am 3. Okto­ber 1226 stirbt Franziskus in der Por­tiun­cu­la-Kapelle.


Buchtipp
Sarah Gaffu­ri: Franz von Assisi und die Suche nach dem ein­fachen Leben. 99 Dinge, die zu wis­sen lohnt.
Jan ­Thor­becke Ver­lag 2026, 136 Seit­en. ISBN 978–3‑7995–2184‑0.

Die Autorin ist Jour­nal­istin und Philolo­gin und arbeit­et als Redak­tion­slei­t­erin der franziskanis­chen Zeitschrift Tauzeit und des Franziskuskalen­ders der Schweiz­er Kapuzin­er.

«Geschwisterlich und menschennah»

Bis heute lassen sich Men­schen von Franziskus inspiri­eren, sodass man von ein­er eige­nen franziskanis­chen Spir­i­tu­al­ität sprechen kann. Was diese aus­macht, erk­lärt Sarah Gaffu­ri, Autorin des soeben erschiene­nen Buch­es «Franz von Assisi und die Suche nach dem ein­fachen Leben». Als «geschwis­ter­lich und men­schen­nah» beschreibt sie im Gespräch den Heili­gen und seine Nach­fol­gerin­nen und Nach­fol­ger: «Franziskus geht von einem Vater aus, der die ganze Schöp­fung erschaf­fen hat: Erde, Feuer, Wind und Wass­er, die Gestirne, aber auch die Tiere und Pflanzen.» Für Franziskus seien alle Geschöpfe Geschwis­ter, die als Fam­i­lie gemein­sam die Welt belebten. «Inner­halb der Fam­i­lie sorgt man dafür, dass es allen gut geht.» Aus dieser Geschwis­ter­lichkeit leit­eten heutige Men­schen, die von Franziskus inspiri­ert sind, beispiel­sweise einen scho­nen­den Umgang mit den Ressourcen ab. «Denn diese sind in sich Aus­druck der Schön­heit Gottes und nicht ein­fach zur Plün­derung freigegeben.» Vielmehr seien die Men­schen aufgerufen, die Ressourcenknap­pheit zu lösen, und zwar weltweit, also nicht auf Kosten eines Teils der Men­schheit.

Begegnung auf Augenhöhe

Damit ein­her gehe ein Bewusst­sein für die Frage, wie viel man wirk­lich brauche, nicht nur in Bezug auf materielle Güter. Franziskanis­che Ordensleute – dazu zählen hierzu­lande die Franziskaner­in­nen und Franziskan­er, die Kapuziner­in­nen und Kapuzin­er, die Klarissin­nen, die Men­zinger, Ingen­bohler und Baldeg­ger Schwest­ern – lebten beschei­den. Aber diese Grund­hal­tung präge auch viele von Franziskus inspiri­erte Men­schen ausser­halb der Orden. Franziskus habe die Gabe besessen, auf alle Men­schen zuzuge­hen, «auf die Adli­gen, die bürg­er­lichen Stadt­be­wohn­er und auf die Men­schen am Rande der Gesellschaft», erk­lärt Gaffu­ri ein weit­eres Kennze­ichen franziskanis­ch­er Spir­i­tu­al­ität. «Und er kon­nte so mit ihnen sprechen, dass sie ihn ver­standen.» Keine intellek­tuelle Bibelausle­gung, son­dern mit den Men­schen ins Gespräch kom­men und ihnen die gute Nachricht verkün­den, dass sie von Gott geliebt seien.

Gaffu­ri ver­an­schaulicht dies so: «Indem Franziskus einen Lep­rakranken umarmte, begeg­nete er ihm auf Augen­höhe.» Dabei sei ihm wohl bewusst gewe­sen, dass auch ihn ein solch­es oder ähn­lich­es Schick­sal hätte ereilen kön­nte. Sie sieht darin einen Gegen­pol zur heute ver­bre­it­eten Hal­tung, die Erfolg und Gesund­heit als reine Eigen­leis­tung betra­chte. Franziskanisch sei demge­genüber vielmehr das Bewusst­sein: «Ich hat­te mehr Glück als andere. Mir wurde so viel geschenkt!»


Dieser Text erschien zuerst im «pfar­rblatt» Bern

Sylvia Stam
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