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Franz von Assisi: radikal einfach
Vor 800 Jahren starb der heilige Franziskus von Assisi
Innerhalb weniger Jahre bewegte Franziskus tausende von Menschen dazu, seinem Beispiel zu folgen. Die radikale Armut und die reiche Spiritualität des Kaufmannssohns aus Umbrien inspirieren die Menschen auch heute.
Ob Ökofreaks, Rebellinnen oder Fromme: Der heilige Franziskus inspiriert bis heute viele Menschen. Wer war der Mann, der ein Loblied auf die Schöpfung verfasste, mit einem Leben in Wohlstand brach, und auf dessen Körper sich die Wundmale Christi gezeigt haben sollen.
Francesco: das Französlein
Giovanni di Pietro di Bernardone wird 1181 oder 82 in Assisi, einer Kleinstadt im mittelitalienischen Umbrien, geboren. Sein Vater, der kurz nach der Geburt von einer Geschäftsreise aus Frankreich zurückkehrt, gibt ihm den Rufnamen Francesco. Als Sohn eines Tuchhändlers führt er ein privilegiertes Leben. Mit 14 Jahren tritt er in das väterliche Unternehmen ein. Sechs Jahre später zieht er in den Krieg: Seine Heimatstadt kämpft gegen das benachbarte Perugia. Assisi unterliegt, und Franziskus gerät in Gefangenschaft. Nach einem Jahr kehrt er körperlich und seelisch erschüttert zurück.

Die Stadt Assisi liegt in der italienischen Region Umbrien. In der Basilika San Francesco (links im Bild) ruhen die Gebeine des heiligen Franziskus. Er gilt heute als Patron des Naturschutzes, der Tiere und als Mahner für Frieden und einen nachhaltigen Lebensstil. | Bild: Getty Image
Umarmung eines Aussätzigen
Wenige Jahre später zieht Franziskus erneut in den Krieg, doch schon nach einigen Tagen kommt er zurück und sucht die Einsamkeit des Waldes. Vor der Stadt begegnet er Aussätzigen, was ihn nachhaltig verändert. Die Umarmung eines Leprakranken erlebt er als Gottesbegegnung. In der zerfallenen Kirche von San Damiano, unweit von Assisi, erfährt er die Berufung, die Kirche wiederaufzubauen. Er fängt an, diese und weitere Kirchen zusammen mit randständigen Menschen zu restaurieren. Dazu verwendet er auch Waren und Geld aus dem Geschäft seiner Eltern. Dies missfällt seinem Vater, der beim Bischof einen Prozess gegen seinen Sohn anzettelt. In der öffentlichen Gerichtsverhandlung soll sich Franziskus nackt ausgezogen haben, um zu zeigen, dass er auf sein Erbe verzichtet – eine Szene, die der mittelalterliche Maler Giotto di Bondone auf einem der Fresken festgehalten hat, die heute die Basilika San Francesco in Assisi schmücken.
Ein Leben in Einfachheit
Von nun an lebt Franziskus als Eremit und Bettler und kümmert sich um Aussätzige. In einer Messe hört er das Evangelium von der Aussendung der Jünger. Davon inspiriert, zieht er eine einfache Kutte an, lehnt Besitz und Geld künftig ab und ermahnt seine Mitmenschen, Gott zu lieben und Busse für ihre Sünden zu tun. Dem Laienprediger Franziskus schliessen sich bald andere an. Sie leben in einfachen Hütten rund um die Kirche Portiuncula in der Nähe von Assisi. Mit Chiara di Favarone nimmt auch eine Adelstochter Kontakt zu Franziskus auf. Sie wird später von Franziskus inspiriert einen eigenen Frauenorden zu gründen. 1209 erbittet Franziskus von Papst Innozenz III. die Anerkennung der Lebensweise der kleinen Gemeinschaft. Offiziell anerkannt wird diese vermutlich erst 1215, vor oder während des Laterankonzils. 1217 haben sich bereits über 1000 Gefährten der Bewegung angeschlossen.
Pionier des interreligiösen Dialogs
Zwei Jahre später reist Franziskus in den Orient, wo die Kreuzfahrer die ägyptische Hafenstadt Damiette belagern. Er wagt sich auch in das Lager des muslimischen Heeres von Sultan Al-Kamil. Politisch scheitert seine Friedensmission, aber die Begegnung macht Franziskus zu einem Pionier des interreligiösen Dialogs. Nach seiner Rückkehr verschlechtert sich sein Gesundheitszustand. Die Gemeinschaft, inzwischen auf rund 3000 Mitglieder angewachsen, leidet unter inneren Spannungen. Franziskus ist mit der Organisation der grossen Gemeinschaft vermutlich überfordert und übergibt deren Leitung einem Mitbruder. 1223 heisst die Versammlung der Brüder eine Neufassung ihrer Ordensregel gut, auch Papst Innozenz III. segnet diese ab. Damit sind die Franziskaner als kirchlicher Orden anerkannt.
Sonnengesang entstand in dunkler Zeit
Im September 1224 hat Franziskus auf dem Berg La Verna eine mystische Christusvision. Danach sollen gemäss seinen ersten Biografen die Wundmale Christi an seinem Körper sichtbar geworden sein. Im darauffolgenden Winter erkranken seine Augen immer mehr. In dieser Zeit äusserster Dunkelheit verfasst Franziskus den Sonnengesang, in dem er Gott und alle seine Geschöpfe lobt und diese als Brüder und Schwestern bezeichnet. Am 3. Oktober 1226 stirbt Franziskus in der Portiuncula-Kapelle.
Buchtipp
Sarah Gaffuri: Franz von Assisi und die Suche nach dem einfachen Leben. 99 Dinge, die zu wissen lohnt.
Jan Thorbecke Verlag 2026, 136 Seiten. ISBN 978–3‑7995–2184‑0.
Die Autorin ist Journalistin und Philologin und arbeitet als Redaktionsleiterin der franziskanischen Zeitschrift Tauzeit und des Franziskuskalenders der Schweizer Kapuziner.
«Geschwisterlich und menschennah»
Bis heute lassen sich Menschen von Franziskus inspirieren, sodass man von einer eigenen franziskanischen Spiritualität sprechen kann. Was diese ausmacht, erklärt Sarah Gaffuri, Autorin des soeben erschienenen Buches «Franz von Assisi und die Suche nach dem einfachen Leben». Als «geschwisterlich und menschennah» beschreibt sie im Gespräch den Heiligen und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger: «Franziskus geht von einem Vater aus, der die ganze Schöpfung erschaffen hat: Erde, Feuer, Wind und Wasser, die Gestirne, aber auch die Tiere und Pflanzen.» Für Franziskus seien alle Geschöpfe Geschwister, die als Familie gemeinsam die Welt belebten. «Innerhalb der Familie sorgt man dafür, dass es allen gut geht.» Aus dieser Geschwisterlichkeit leiteten heutige Menschen, die von Franziskus inspiriert sind, beispielsweise einen schonenden Umgang mit den Ressourcen ab. «Denn diese sind in sich Ausdruck der Schönheit Gottes und nicht einfach zur Plünderung freigegeben.» Vielmehr seien die Menschen aufgerufen, die Ressourcenknappheit zu lösen, und zwar weltweit, also nicht auf Kosten eines Teils der Menschheit.
Begegnung auf Augenhöhe
Damit einher gehe ein Bewusstsein für die Frage, wie viel man wirklich brauche, nicht nur in Bezug auf materielle Güter. Franziskanische Ordensleute – dazu zählen hierzulande die Franziskanerinnen und Franziskaner, die Kapuzinerinnen und Kapuziner, die Klarissinnen, die Menzinger, Ingenbohler und Baldegger Schwestern – lebten bescheiden. Aber diese Grundhaltung präge auch viele von Franziskus inspirierte Menschen ausserhalb der Orden. Franziskus habe die Gabe besessen, auf alle Menschen zuzugehen, «auf die Adligen, die bürgerlichen Stadtbewohner und auf die Menschen am Rande der Gesellschaft», erklärt Gaffuri ein weiteres Kennzeichen franziskanischer Spiritualität. «Und er konnte so mit ihnen sprechen, dass sie ihn verstanden.» Keine intellektuelle Bibelauslegung, sondern mit den Menschen ins Gespräch kommen und ihnen die gute Nachricht verkünden, dass sie von Gott geliebt seien.
Gaffuri veranschaulicht dies so: «Indem Franziskus einen Leprakranken umarmte, begegnete er ihm auf Augenhöhe.» Dabei sei ihm wohl bewusst gewesen, dass auch ihn ein solches oder ähnliches Schicksal hätte ereilen könnte. Sie sieht darin einen Gegenpol zur heute verbreiteten Haltung, die Erfolg und Gesundheit als reine Eigenleistung betrachte. Franziskanisch sei demgegenüber vielmehr das Bewusstsein: «Ich hatte mehr Glück als andere. Mir wurde so viel geschenkt!»
Dieser Text erschien zuerst im «pfarrblatt» Bern