
Aus dem Versteck ins Licht
Stundenlang habe ich als Kind in meinen Kinderbibeln geblättert und dabei die Zeichnungen studiert, Szenen nachgespielt, Buchstaben entziffert, die ersten Worte und später ganze Seiten und Geschichten gelesen. Meine schönste Kinderbibel habe ich zu meiner Taufe bekommen, voll mit Zeichnungen von Menschen mit brauner Hautfarbe und dunklen Augen. Das kleine Mädchen, dem die Geschichten in der Bibel so gefielen, hat sich unmöglich vorstellen können, dass die Bibel als Argument benutzt wird, um Menschen zu verletzen. Und doch ist das die Realität. Menschen missbrauchen die Bibel, um queere Leben – Menschen und konsensbasierte Lebensentwürfe, die nicht der Norm entsprechen – zu entwerten und sogar zu verbieten.
Um dem kleinen Mädchen und allen Menschen, die neugierig auf andere Perspektiven sind, einen neuen Zugang zur Bibel zu geben, haben wir, Meinrad Furrer und ich, das Projekt «Queerbibel» lanciert. Die wachsende Sammlung von digitalen Texten holt queere Aspekte aus ihrem Versteck zwischen den Zeilen und sucht das Veränderliche, das Unvorhergesehene und das Ungefragte in den heiligen Texten. Einen Schritt weiter gehen wir mit «reDIVINE the Norm», das wir während der Pridewoche ab dem 17.8. in Luzern testen. Während sechs Tagen verbinden wir in Gemeinschaft je einen Bibeltext mit einer queeren Lesart und eröffnen Raum für eigene Entdeckungen.
Eine queere Lesart der Bibel holt queeres Leben aus dem Halbdunkel ins Licht, da, wo es hingehört.