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Ein frischer Blick auf eine alte Erzählung
Ein neuer Kreuzweg für den Petersdom
Der Schweizer Maler Manuel Dürr durfte den neuen Kreuzweg für den Petersdom gestalten. Im Gespräch verrät er, welche Herausforderungen ihn begleitet haben, welche feinen Details in seinen Bildern verborgen sind und welche Wirkung seine Kunst auf die Betrachtenden haben soll.
Sie wurden aus etwa 1000 Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt und bekamen den Auftrag, einen neuen Kreuzweg für den Petersdom zu gestalten. Gab es unter den Stationen des Kreuzwegs eine, die Sie besonders gefordert hat?
Die herausforderndste Station war für mich gleichzeitig die faszinierendste: Veronika, die Jesus das Schweisstuch reicht. In den Evangelien kommt sie nicht vor, aber die Tradition geht bis in die Anfänge des Christentums zurück. Es ist nicht klar, ob Veronika als Kunstfigur gemeint ist oder ob es sich um eine historische Schilderung handelt; ihr kommt aber eine wichtige theologische Bedeutung zu. Ich male also die Szene, wie diese Person Jesus ein Tuch reicht. Dieses Tuch wird zu einem Objekt von philosophischem Interesse, weil sich daran das Mysterium eines Gottes zeigt, der in die Geschichte kommt, der Gestalt annimmt und einen Abdruck auf einem Tuch hinterlassen kann. Als körperliche Wesen brauchen wir Medien, die uns etwas vermitteln. Gott wurde für uns anfassbar und ansehbar, dafür steht dieses Tuch. Für mich adelt es alle materiellen Produktionen, die auf das Heilige verweisen und damit auch die Malerei. Für diese Kreuzwegstation habe ich also ein Bild auf einem Tuch auf einem Bild auf ein Tuch gemalt.
Die Schwierigkeit bestand für mich darin, Veronika als dieses Vorbild für die Annäherung an das Mysterium darzustellen, ohne das Schweisstuch, oder überhaupt das Gemälde, zu überlasten. Bilder funktionieren wie Botschafter und die Botschaft, die sie verkörpern, ist grösser als die konkrete Form, in der sie erscheint. Man muss sich also bewusst sein, dass Bilder eine Kontaktfläche sind, nicht mehr aber eben auch nicht weniger. Material und somit auch Bilder, können uns mit etwas Tieferem verbinden. Diese Art auf Bilder zu schauen, hilft dabei, die Welt nicht nur als reine Materie zu begreifen, sondern als etwas, das Sinn und sogar die Möglichkeit zur Gotteserfahrung in sich trägt, so wie das Tuch der Veronika. Diese Spannung begreifbar zu machen, dass es sich nicht um eine Realpräsenz handelt, wie in der Eucharistie, aber doch mehr ist als bloss Material, das war die Herausforderung.
Was wäre anders geworden, wenn Sie doppelt so viel Zeit gehabt hätten?
Es ging bei der Schaffung des Kreuzwegs darum, die Zeit, die ich hatte, richtig zu nutzen, das Beste aus ihr zu machen und sie gleichmässig auf die Stationen zu verteilen. Am Ende müssen die Bilder vergleichbar sein. Ich glaube, wenn die Zeit von acht auf 16 Monate ausgedehnt worden wäre, wäre das noch schwieriger geworden. Je länger ich Zeit gehabt hätte, desto schwieriger wäre es gewesen, dieses gleichzeitige Arbeiten umzusetzen, die Gleichmässigkeit zu erreichen. Diese Monate waren für mich mit hohem Adrenalin verbunden, sie waren spannungsgeladen, es war ein Krafteffort. Die ganze Familie hat in einer gewissen Form mitgemacht. Ich glaube, das hätte ich nicht doppelt so lang so machen können. Für mich hat sich die Zeitspanne, wie sie jetzt war, richtig angefühlt.
Hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre vielleicht die Versuchung da gewesen, alles zu «übergestalten». In der Malerei geht es darum, dass die Malmittel sich so zusammenfügen, dass man zum einen eine überzeugende plastische Gestalt vor sich hat und zum anderen dass sich das Werk im nächsten Moment in Pinselstriche auflöst. Diese Selbstthematisierung als Malerei gehört mit dazu. Mit mehr Zeit besteht die Gefahr, dass das verloren geht.

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Welche Details in Ihren Bildern wird kaum jemand bemerken, bedeuten aber Ihnen persönlich etwas?
Da muss ich sagen, ich bin überrascht und erfreut, welche Details schon bemerkt wurden, obwohl ich gedacht hätte, dass sie ganz für mich seien. Ausserdem sehen die Menschen auch Dinge, die mir gar nicht so bewusst waren. Aber natürlich werden Kreuzwegbilder ja auch dazu geschaffen, dass Menschen ihre eigenen Leiden, ihre eigene Situation mit der Christi verbinden und sich in die Bilder einbringen. Ich finde es sehr spannend, was sich da ergibt. Nehmen wir als Beispiel die Pietà, also die Darstellung des toten Christus, der in Marias Schoss liegt. Bei dieser Station war es mir wichtig, dass die Hand der Maria den Kopf Jesu hält, aber nicht ganz berührt. Darin steckt eine bildtheologische Dimension, nämlich, dass Christi Auferstehung sich nicht begreifen lässt und somit auch die Figuren ihn nicht berühren können. Von verschiedenen Menschen wurde diese Geste verschieden gedeutet. Für Katholiken ist Maria auch eine Verkörperung der Kirche. Und die repräsentiert Christus, aber nicht in einer Weise, in der sie ihn komplett begreift oder festhalten kann, sie kann nur auf ihn hinweisen. Das ist für mich ein berührendes Beispiel, wie eine Sinndimension, die ich angelegt habe, sich nochmals erweitert durch die Perspektive der Betrachtenden.
Ein weiteres Beispiel für ein verstecktes Detail ist die Station der Verurteilung durch Pilatus. Im Schatten der Hand des Pilatus sehen wir einen Hund, der sehr unauffällig gemalt ist. Wer nicht genau hinschaut, wird ihn nicht erkennen. Für mich ist das ein wichtiges Detail, weil Pilatus sich selbst wahrscheinlich vorkommt, wie der Mann, der die Situation kontrolliert, der die Szene beherrscht. In der Bildkomposition hingegen wirkt er wie ein Schauspieler in einem Stück, von dem er das Skript nicht kennt. Das wird unterstrichen durch den roten Vorhang im Hintergrund, wie im Theater. Seine Hand, die den Hund zurückhält, ihm Einhalt gebietet, kann man auf zwei Arten deuten. Einerseits als Zeichen der vermeintlichen Macht des Pilatus. Er glaubt, er bestimme, was geschieht. Andererseits steht der Hund in der Kunst oft für das Böse oder den Teufel. Dann könnte man die Szene auch so lesen: Nicht Pilatus beherrscht die Situation, sondern er selbst wird benutzt und ist nicht derjenige, der kontrolliert. Beide Deutungen passen, und beide sind in dem Bild angelegt. Ich habe den Hund bewusst versteckt, weil er nicht die Hauptrolle spielen soll und ich denke, dass die wenigsten sehen, dass sich da die Silhouette eines dunklen Hundes befindet.
Wenn Sie daran denken, dass Menschen in der (fernen) Zukunft Ihre Bilder betrachten: Was sollen sie darin erkennen?
Für mich war von Anfang an klar, dass dieser Kreuzweg eine grosse Herausforderung werden wird, weil er für einen Ort geschaffen werden sollte, an dem viele Millionen Menschen aus der ganzen Welt gemeinsam ihrem Glauben Ausdruck verleihen. Zudem ist der Kreuzweg ein Motiv, das durch die Kunstgeschichte hindurch unglaublich oft gemalt wurde. Es war schwierig, dem noch etwas Neues hinzuzufügen. Natürlich, ikonografisch ist man Teil einer Traditionslinie und da braucht es Erkennbarkeit. Aber ich denke, es ist wichtig, dass sich jede Generation neu mit dem Kreuz befasst. Daher war es mir wichtig, keine Formel zu wiederholen, sondern mich zu fragen: Wie kann ich meinen Zugang zu dem Thema finden, in einer Art und Weise, die dem Ort dient, für den die Bilder gedacht sind? Dabei hatte ich neben den Betenden auch die Touristen, die Öffentlichkeit im Blick.
Ich wollte, dass die 15. Station des Kreuzweges, die Auferstehung, die selbst kein Teil der Bilderreihe ist, von allen Menschen durch das Betrachten meiner Werke verstanden wird. Die Auferstehung ist der Grund, warum wir uns mit den anderen Stationen überhaupt befassen, mit diesem Leiden eines Mannes, der vor 2000 Jahren getötet und hingerichtet wurde. Von der Auferstehung her erschliessen sich die Bilder, und das wollte ich einbringen. Die Bilder sind für einen Kreuzweg relativ hell und farblich optimistisch gestaltet. Ich wollte erreichen, dass man diese Auferstehung spürt, dass sie zurückstrahlt in alle anderen Stationen. Das Kreuz und mit ihm die Passionsgeschichte schwankt zwischen empirischer Geschichte und Heilsgeschichte. Es ist ein Stück Holz, dass mit der Absicht geschaffen wurde, Angst und Schrecken zu verbreiten, dann aber zu einem Zeichen der Hoffnung und der Erlösung wurde. In meinen Bildern ist das Kreuz ebenfalls beides: mal Stück Holz, mal Zeichen. Das hat eine Wirkung auf das jeweilige Bild. Die Landschaften und der Himmel verändern sich von Bild zu Bild, werden zum Ende hin zu abstrakten Farbfeldern. Sie weisen darauf hin, dass das, was geschehen ist, das Sehen und Verstehen übersteigt. Dieses gleichzeitige Sein in Geschichte und Theologie, diese beiden Blickwinkel, sollte jede Generation neu für sich entdecken und ich hoffe, dazu einen kleinen Beitrag geleistet zu haben. Ich hoffe, die Bilder werden die eine oder andere Person ermutigen, sich dieser Geschichte neu zu nähern.
Warum braucht kirchliche Kunst eine leicht verständliche Bildsprache?
Ich glaube, dass Kunst im kirchlichen Raum eine Sprache sprechen muss, die nur das natürliche Sehen voraussetzt. Deshalb ist mir die figürliche Kunst, die Malerei, die einen einfachen Einstieg ermöglicht, so wichtig. Selbstverständlich sollten in einem nächsten Schritt auch tiefere Bedeutungsschichten zu finden sein. Aber es ist für mich fast eine demokratische Geste, dass der Betrachterin, dem Betrachter nicht zugemutet wird, ein grosses Vorwissen mitbringen zu müssen.
Zeitgenössische oder moderne Kunst, vor allem abstrakte Kunst, ist oft erklärungs- und kommentarbedürftig. Das spricht keineswegs gegen sie, aber in einem Kirchenraum wie dem Petersdom braucht es eine Bildsprache, die aus einer Theologie heraus entsteht, die wirklich für alle offen ist. Diese Bildsprache geht auf ein franziskanisches Anliegen zurück: Kunst soll die biblischen Ereignisse so nachvollziehbar darstellen, dass jeder sie verstehen kann. Gleichzeitig haben die Bilder aber trotzdem eine Komplexität und sind deshalb auch für gebildete Menschen interessant. Bildsprache wirkt ja immer auch jenseits des klar erkennbaren Inhalts und öffnet Räume für tiefere Bedeutungsschichten. Entscheidend ist für mich, dass die Bilder auf der ersten Ebene leicht zugänglich und verstehbar sind und so einen leichten Einstieg ermöglichen. Dahinter finden sich aber auch tiefere Ebenen und Bedeutungsschichten, auf deren Spur man sich begeben kann.

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Welchem Künstler würden Sie gern eine Frage stellen?
Das ist gar nicht so einfach. Was mich interessiert, ist Folgendes: Künstler waren meist Kinder ihrer Stilepoche mit ihrer eigenen Ästhetik und künstlerischen Sprache, aber es gab immer wieder solche, die völlig herausstachen. Mich würde interessieren: Ein Maler, der diese Sprache seiner Epoche kannte, aber dann einem ganz anderen Gestaltungsprinzip gefolgt ist, wie hat er das empfunden, wieso hat er sich dafür entschieden, einem anderen Bildprogramm zu folgen? Die Kunstgeschichte ist immer von uns zurückprojiziert. Ich würde mit Giotto (ein im 13. Jahrhundert in Italien lebender Maler, Mosaikkünstler und Architekt; Anm. d. Red.) gern darüber sprechen, wie er seine eigene Malerei verstanden hat, was er möchte, was die Menschen in seinen Bildern sehen. Oder Fra Angelico (Maler der italienischen Frührenaissance, von Papst Johannes Paul II. 1982 seliggesprochen, Schutzpatron der christlichen Künstler; Anm. d. Red.). Seine Werke haben mich mit am meisten geprägt. Er hat die Zellen von dominikanischen Brüdern in einem Konvent in San Marco bemalt. Für mich ist er spannend, weil er mitten in der Renaissancezeit, in der mit dem zentralperspektivischen Bild gearbeitet wurde, begann, die Möglichkeiten der Illusion zu entdecken. Er malte mit einem Konzept von Realpräsenz, in der die Farbe selbst eine doppelte Rolle spielt, als Farbkörper und als Bildmittel. Intellektuell eine grossartige Figur, weil er sich zwischen dem mittelalterlichen religiösen Andachtsbild und dem spektakulären modernen Illusionsbild bewegt und damit einen Sonderweg geht. Mit ihm würde ich gerne über sein Konzept sprechen, denn ich glaube, er war nicht davon ausgegangen, dass seine Bilder einmal von Menschen ausserhalb dieser Mönchszellen betrachtet werden würden.Solche herausstechenden Künstler waren sicher beeindruckende Persönlichkeiten. Auch mit meinen Schweizer «Ahnen», wie beispielweise Albert Anker, würde ich gerne sprechen. Ich glaube, da gibt es ganz viele.
Was steht bei Ihnen als nächstes an? Welche Erwartungen haben Sie an sich selbst, nachdem Ihre Bilder im Petersdom hängen? Oder befreien Sie sich bewusst davon?
Ich bin unglaublich dankbar, dass ich den Kreuzweg machen durfte. Ich bin ganz offen, was die Zukunft bringt, ob das ein einmaliger Höhepunkt war, oder ob es zu anderen Dingen führt. Mir ist es aber wichtig, auch weiterhin nicht zu strategisch und kontrollierend an alles heranzugehen. Bis jetzt habe ich relativ intuitiv, ohne grossen Plan und in einer Art Vertrauenshaltung gearbeitet, und ich hoffe, dass ich das beibehalten kann. Meiner Meinung nach ermordet man das echte Charisma des Lebens, wenn man es zu sehr einem Plan unterwirft oder meint, das Leben beherrschen zu können. Eigentlich sind wir alle ein bisschen wie Petrus auf dem Wasser und das, was sich wie solider Boden anfühlt, könnte im nächsten Moment wegbrechen. In dem Sinne ist Kontrolle ohnehin eine Illusion und deswegen will ich lieber spontan, hörend, fühlend, vorwärts gehen.
Ich freue mich auf die etwas ruhigere Zeit, die jetzt kommt. Bei mir haben sich einige Projekte angestaut, sowohl solche, die mich von aussen erreichen, als auch innere Bilder, die jetzt raus müssen. Als allererstes mache ich noch ein bisschen Ferien mit der Familie und achte darauf, nicht vom einen ins nächste zu hasten.
Biografie und künstlerischer Hintergrund
Manuel Dürr zeichnet seit seiner Kindheit. Nach der Schule plant er zunächst eine Künstlerlaufbahn in der Schweiz einzuschlagen und macht einen Vorkurs an einer Schweizer Kunsthochschule, doch er findet schnell heraus, dass dieser Weg nicht zu seinen persönlichen Zielen passt. Er hat das Gefühl, er solle der Kunstwelt von Anfang an seinen eigenen, originellen Stempel aufdrücken, ohne sich eine Basis zu erarbeiten. Für ihn geht es darum, zunächst die Regeln der Illustration zu lernen und figurativ malen zu können; der originelle Ausdruck steht für ihn nicht an erster Stelle. Er studiert daher an einer Privatschule in Florenz, an der er nach altem europäischen Akademiemodell malen und zeichnen, Anatomie und Farbenlehre «von der Pike auf» lernt. Zurück in der Schweiz macht Dürr sich daran, mit diesem Basiskasten an Kunstfertigkeit im Gepäck, seinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Das erlernte Handwerk nutzen und sich gleichzeitig von ihm lösen, um etwas Eigenes zu schaffen, das sieht Dürr momentan als seine kreative Aufgabe an. Den Kreuzweg in Rom bezeichnet er als ein Highlight, erzählt aber, dass er bereits mehrfach Kreuzwege in reformierten Kontexten gestaltet habe.
Dürr sagt von sich, dass er in der sogenannten figurativen Malerei zu Hause ist. Er malt also Bilder, in denen man Figuren oder Dinge erkennen kann. Gleichzeitig sind für ihn Ideen und Empfindungen aus der abstrakten und expressiven Malerei wichtig.
Durch ein Kunstgeschichtsstudium habe er ausserdem gelernt, Bilder nicht nur als Darstellungen zu sehen, sondern auch als Gegenstände, die im Raum präsent sind. Das verbindet für ihn die mittelalterliche Kunst mit manchen modernen Kunstbewegungen: Beide nehmen das Bild als Objekt ernst, nicht nur als Fenster in eine imaginäre Welt. Das gilt für byzantinische Ikonen genauso wie für kubistische Gemälde. Für Dürr eine ungewöhnliche, fast theologische Parallele. Diese Haltung prägt auch seine Arbeit. Seine Bilder sollen bewusst ihre eigene Präsenz zeigen: nicht nur eine Illusion erschaffen, sondern auch als Objekte ernst genommen werden.