Loslassen, um mehr ​zu empfangen
Schwester Franziska (links) und Schwester Elisabeth (rechts) beim gemeinsamen Musizieren.
© zVg

Loslassen, um mehr ​zu empfangen

Was hat der heilige Franz von Assisi uns 800 Jahre später noch zu sagen? Zwei Kapuziner­in­nen leben seine Spiri­tualität im All­t­ag: in Ein­fach­heit, in Ver­bun­den­heit mit der Schöp­fung und mit dem Mut, loszu­lassen.

Die Lebensweise und Spir­i­tu­al­ität des heili­gen Franz von Assisi inspiri­ert Men­schen seit 800 Jahren. Sein ein­fach­er Lebensstil und seine beson­dere Ver­bun­den­heit mit der Schöp­fung sprechen auch heute Men­schen an. In der Schweiz gibt es Frauen und Män­ner, die sich an Franz von Assisi ori­en­tieren und seine Spir­i­tu­al­ität in ihren All­t­ag über­set­zen. Schwest­er Elis­a­beth und Schwest­er Franziska gehören dazu. Die bei­den Kapuziner­in­nen­schwest­ern leben im Kloster Lei­den Christi, das idyl­lisch in Jakob­s­bad in Appen­zell liegt. 

Franziskanische Spiri­tualität

Für Schwest­er Franziska, die seit 50 Jahren im Kloster lebt, bedeutet franziskanis­che Spir­i­tu­al­ität eine Beziehung mit Gott in ihrer ursprünglich­sten Form. Wie Franziskus, der ohne irgen­deinen Besitz vor dem Bischof stand und sein ganzes Ver­trauen in Gott set­zte, so lebt Schwest­er Franziska in ihrem All­t­ag eben­falls immer wieder neu in diesem Ver­trauen. Auch für Schwest­er Elis­a­beth, die vor zwölf Jahren 22-jährig ihr Gelübde abgelegt hat, heisst im Geist des Franziskus zu leben, sich auf die Wurzeln des Glaubens zu besin­nen. Sie erk­lärt: «Es ist ein Leben nach dem Evan­geli­um und dabei ein kon­se­quentes Nach­fol­gen in dem, was Jesus gesagt und getan hat. Das hat Franziskus vorgelebt, und so wollen auch wir leben.» Dazu gehören Ein­fach­heit, die Achtung und Erhal­tung der Schöp­fung und ein Umgang mit anderen Men­schen in Wertschätzung, Tol­er­anz und Akzep­tanz.

Angelus, Vorbilder und Einfachheit

Wie zeigt sich das Erbe des Franziskus konkret im Leben der Ordenss­chwest­ern? Zum einen im soge­nan­nten Angelus­ge­bet, das sie dreimal täglich beim Läuten der Glocke beten. Für die Schwest­ern gehört dieser Moment selb­stver­ständlich zum Tagesablauf dazu. Für einige Minuten hal­ten sie inne und richt­en ihre Aufmerk­samkeit auf das, was für Franz von Assisi beson­ders wichtig war: Gott kommt den Men­schen nahe. Die Tra­di­tion des Angelus reicht bis ins Mit­te­lal­ter zurück. Franziskus selb­st hat das Angelus­ge­bet zwar nicht einge­führt. Doch die Erin­nerung daran, dass Gott Men­sch wird, ist Teil sein­er Spir­i­tu­al­ität. Gott ist nicht fern, son­dern bei den Men­schen.
Nicht nur im Tagesablauf, son­dern auch im Jahres­lauf begeg­net den Schwest­ern das Erbe des Franziskus. Sie feiern die Feste der franziskanis­chen Heili­gen und beschäfti­gen sich mit ihren Lebenswe­gen. So wird die Geschichte der franziskanis­chen Bewe­gung immer wieder mit dem eige­nen Leben verknüpft.
Zur franziskanis­chen Lebensweise gehört die Ein­fach­heit. Die Schwest­ern ver­suchen, genügsam mit dem zu leben, was sie haben, und acht­sam mit den Din­gen umzuge­hen. Es geht darum, mit dem zufrieden zu sein, was da ist, statt ständig nach mehr zu streben. Schwest­er Elis­a­beth find­et: «Für ein glück­lich­es Leben braucht es eigentlich gar nicht viel.» Im Ordensleben bedeutet das zum Beispiel: keine extrav­a­gan­ten Ferien mit Flu­greisen, keine teure Tech­nik, ein­fache Klei­dung.

Unverzichtbar selbst in der Einfachheit

Bei der Frage, ob es Dinge gibt, auf die sie trotz ihres bewussten Lebensstils nicht verzicht­en möcht­en, müssen die bei­den lachen und über­legen kurz. Schwest­er Franziska spricht als erstes: «Ich möchte nicht auf das Leben hier im Kloster verzicht­en. Ich sehe es als Priv­i­leg, in einem so grossen Haus leben zu kön­nen, mit einem so schö­nen Garten, wie wir ihn haben.» Schwest­er Elis­a­beth find­et: «Mir per­sön­lich ist es wichtig, nicht völ­lig fernab der Welt zu leben. Ich finde es toll, dass wir einen Fernse­her, Inter­net­zu­gang und Zeitun­gen haben.» Sie verknüpft dieses Bedürf­nis aber auch mit der franziskanis­chen Spir­i­tu­al­ität. Franziskus sei es immer wichtig gewe­sen, im Blick zu haben, wie es der Welt und den Men­schen geht, nicht alleine für sich zu leben, son­dern für die Mit­men­schen da zu sein.


Die Schwest­ern bei ein­er Prozes­sion auf dem Weg zur Grotte für eine Maian­dacht. | © Schwest­er Elis­a­beth


Mitmenschen und Schöpfung im Blick

Kön­nte der heilige Franz von Assisi den Men­schen heute etwas mit­geben, dann wäre es diese Geschwis­ter­lichkeit, glaubt Schwest­er Franziska: «Heutzu­tage lebt jed­er für sich und schaut kaum noch, wie es den Nach­barn geht.» Para­dox­er­weise hät­ten wir per­ma­nent die grossen Krisen im Blick, doch was die Men­schen in unser­er Umge­bung brauchen, ver­schwände vom Radar. Franziskus’ Augen­merk lag immer auf den­jeni­gen, die im eige­nen Wirkungs­feld Hil­fe und Aufmerk­samkeit braucht­en. «Das ist auch das, wonach wir streben», erk­lärt sie.
Schwest­er Elis­a­beth ergänzt: «Das Gespür füreinan­der, das Gegenüber Nähe erfahren lassen, zuhören, Zeit schenken – ich glaube, das wäre Franziskus auch für uns heute ein wichtiges Anliegen.»
In franziskanis­ch­er Spir­i­tu­al­ität leben, das heisst für die bei­den Schwest­ern ausser­dem, in Ver­bun­den­heit mit der Natur zu leben. «Wir sind eins mit dieser Welt, das dür­fen wir nicht vergessen. Uns unser­er Geschöpflichkeit bewusst zu sein, das war ein wichtiges Anliegen von Franziskus», erin­nert Schwest­er Elis­a­beth. Daher täte der Men­schheit oft etwas mehr Demut gut.
Ger­ade in Zeit­en der Kli­maverän­derun­gen würde deut­lich, dass die Men­schen nicht mehr in der Schöp­fung leben, die Gott ihnen geschenkt hat, find­et Schwest­er Franziska: «Es geht darum, dieser Schöp­fung Sorge zu tra­gen, sich berühren zu lassen, ihren Schmerz zu spüren, mit ihr zu lei­den.» Und trotz­dem nicht die Hoff­nung zu ver­lieren, dass die Men­schen doch noch erken­nen, dass die Schöp­fung ein gross­es Gut ist, über das sie nicht ein­fach ver­fü­gen kön­nen, son­dern dem sie mit Achtung und Sorgfalt begeg­nen sollen.

Weibliche Perspektiven

Für Schwest­er Elis­a­beth zeigt sich in der franziskanis­chen Spir­i­tu­al­ität eine beson­dere Verbindung von weib­lich­er und männlich­er Per­spek­tive. Franziskus habe ein Gespür dafür gehabt, Gegen­sätze nicht als tren­nend zu ver­ste­hen, son­dern sie miteinan­der zu verbinden. Das zeigt sich für sie etwa im Son­nenge­sang, in dem Sonne und Mond als «Brud­er» und «Schwest­er» ange­sprochen wer­den.
Beson­ders deut­lich wird dies für Schwest­er Elis­a­beth in der Beziehung zwis­chen Franziskus und Klara von Assisi. In ein­er Zeit, in der Frauen nur wenige Möglichkeit­en hat­ten, ihr Leben und ihren religiösen Weg selb­st zu bes­tim­men, habe Franziskus Klara darin unter­stützt, ihren eige­nen Weg zu gehen und eine Gemein­schaft von Frauen aufzubauen.
Schwest­er Franziska betont dabei Klaras Eigen­ständigkeit. Sie habe ihre Lebensweise selb­st for­mulieren kön­nen und nicht ein­fach die Regeln der Män­ner übernehmen müssen. Franziskus habe ihr diese Frei­heit zuge­s­tanden und respek­tiert, wie sie ihr Leben führen wollte.
Wie Klara von Assisi damals, ver­suchen Schwest­er Elis­a­beth und Schwest­er Franziska­heute ihren per­sön­lichen Weg im Geist des Franziskus in Frei­heit und zugle­ich in Gemein­schaft zu gehen. Im Gebet, in der Ein­fach­heit ihres Lebens, in der Ver­bun­den­heit mit anderen Men­schen und mit der Schöp­fung find­en sie dabei immer wieder Anknüp­fungspunk­te an die franziskanis­che Tra­di­tion.

Was ­gewin­nen wir durch ­Verzicht?

Schwester Franziska

«Verzicht bedeutet für mich Frei­heit. Und zwar, weil ich weiss, dass ich von den vie­len Din­gen nur so viel nehmen muss, wie ich tat­säch­lich brauche, und nicht so viel hort­en muss, dass es anderen fehlt. Wenn alle genügsam sind, reicht es für alle. Sobald ich aber anfange zu hort­en und auf meinem Priv­i­leg beste­he, dieses und jenes haben zu müssen, fehlt es anderen. So hat auch Franziskus gelebt. Wenn er Almosen bekam, hat er sie weit­ergegeben. Er hat nicht gesagt: ‹Das brauchen wir mor­gen.› Er hat genom­men, was für den Moment nötig war, und den Rest weit­ergegeben.»

Schwest­er Franziska ist Kapuziner­in und lebt seit 50 Jahren im Kloster. Nach­dem ihr früheres Kloster in Stans aufge­hoben wurde, hat sie im März diesen Jahres in Jakob­s­bad eine neue Gemein­schaft gefun­den, die dieselbe Spir­i­tu­al­ität lebt. Franziskus hat sie bere­its als junge Frau ange­sprochen. Beson­ders schätzt sie seine Unbeküm­mertheit, seine Ver­bun­den­heit mit der Natur und seine Beziehung zu Gott. Ein­fach­heit, Naturver­bun­den­heit und Gottes­beziehung sind für sie bis heute eine «gute Lebens­formel».

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Schwester Elisabeth

«Es geht um die Fähigkeit, loszu­lassen. Sobald man etwas fes­thält, gewin­nt es Macht über einen. Wenn wir loslassen und nicht hort­en, sind wir frei für das, was Gott uns schenken will.»

Schwest­er Elis­a­beth lebt eben­falls als Kapuziner­in im Kloster Lei­den Christi in Jakob­s­bad. Auf der Suche nach ein­er passenden Gemein­schaft stiess sie im Inter­net auf das Kloster. Erst später set­zte sie sich inten­siv­er mit der franziskanis­chen Spir­i­tu­al­ität auseinan­der und erkan­nte darin ihren eige­nen Weg. Heute empfind­et sie diesen Weg als Führung und hat in der franziskanis­chen Spir­i­tu­al­ität ihre Erfül­lung gefun­den.

Leonie Wollensack
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