Von den Bienen lernen
Für den «Lichtblick» öffnet Urs Bitterli einen Bienenkasten. Als erfahrener Imker merkt er schon beim Betreten des Bienenhauses, wenn etwas nicht stimmt.
Alle Bilder: Roger Wehrli

Von den Bienen lernen

Urs Bitterli ist seit mehr als 30 Jahren Imker. Auch nach all den Jahren lernt er immer noch von den Tieren – nicht nur für die Imkerei.


Wäre Regen im Anzug, wür­den die Bienen sich ins Bienen­haus zurückziehen und gereizt auf besseres Wet­ter warten, erk­lärt Urs Bit­ter­li auf dem Weg dor­thin. Darum lasse er seine Tiere vor einem Gewit­ter in Ruhe. Aber streng genom­men seien es nicht seine Tiere. «Die Bienen sind Wildtiere, wenn es ihnen nicht gefällt, fliegen sie weg.»

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Urs Bit­ter­li ist gel­ern­ter Land­wirt und Buch­hal­ter und arbeit­et in einem Treuhan­dun­ternehmen für land­wirtschaftliche Betriebe. Ausser­dem prä­si­diert er den Bienen­züchter­ver­band bei­der Basel. Das Imk­ern hat er vor über 30 Jahren zu ler­nen begonnen. Learn­ing by doing – das sei auch heute noch so, sagt er. Sein Bienen­haus ste­ht unweit des Bauern­hofs ober­halb von Eptin­gen, auf dem er aufgewach­sen ist.

Auch wenn die Bienen Wildtiere sind, gel­ten sie hierzu­lande als die drit­twichtig­sten Nutztiere nach Rindern und Schweinen, denn die Land­wirtschaft ist auf die Bestäubung der Pflanzen und Bäume durch die Bienen angewiesen. In der Schweiz gibt es rund 17 500 Imk­erin­nen und Imk­er. Sie betreuen ins­ge­samt 105 000 Völk­er und gewin­nen zwis­chen 2000 und 3500 Ton­nen Honig pro Jahr. Dass der Ern­teer­trag so unter­schiedlich aus­fällt, liegt vor allem am Wet­ter sowie an den Tem­per­a­turen und Wind­ver­hält­nis­sen.

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Urs Bit­ter­li ist plöt­zlich abge­lenkt. Er geht auf einen Busch vor dem Bienen­haus zu und nimmt sein Handy aus der Hosen­tasche. «Das sind Asi­atis­che Hor­nissen. Ich mache ein Bild und schicke es der Meldestelle.» Die Tiere mit gel­ben Beinen, schwarzem Rumpf und orangenem Gesicht warten im Flug vor dem Bienen­haus und fan­gen die Bienen ab. Mit ihrer Beute füt­tern sie ihre Lar­ven. «Die Tiere eines einzi­gen Nests fressen pro Jahr 25 Kilo­gramm Insek­ten», sagt Urs Bit­ter­li. Seit eini­gen Jahren ver­bre­it­et sich die Asi­atis­che Hor­nisse in der Schweiz und wird zunehmend auch ein Prob­lem für Men­schen. Im Busch vor dem Bienen­haus waren es zwei, drei Tiere. Wären es mehr, würde Urs Bit­ter­li das Nest suchen, um es zer­stören zu lassen. Diese Auf­gabe haben die Kan­tone bei­der Basel seinem Bienen­züchter­ver­band über­tra­gen, weil einige sein­er Imk­erkol­legin­nen und ‑kol­le­gen in den ver­gan­genen Jahren die nötige Exper­tise im Umgang mit der Asi­atis­chen Hor­nisse erwor­ben haben.

Im Bienen­häuschen angekom­men, tauchen wir in ein Klang­bad aus Bienen­sum­men ein. Die Jour­nal­istin und der Fotograf ziehen sich vor­sicht­shal­ber eine Schutz­jacke an. Urs Bit­ter­li verzichtet darauf. Mit ein, zwei Stichen pro Besuch komme er meist davon. Heute wird er sog­ar ganz ohne Stich nach Hause gehen. Dann zün­det er eine Zigarre an und bläst den Rauch gegen die Waben, um ein Feuer zu simulieren. Das hat den Effekt, dass sich die Bienen zurückziehen, und der Imk­er die Waben her­aus­nehmen und kon­trol­lieren kann. Urs Bit­ter­li sichtet kurz die Köni­gin. Dann scheint sie sich in Luft aufgelöst zu haben. «Die Arbei­t­erin­nen beschützen ihre Köni­gin, darum ist sie nicht mehr zu sehen», erk­lärt er. «Die Biene kann nur in einem Volk mit ihrer Köni­gin über­leben. Für ein gutes Leben brauchen auch wir Men­schen soziale Kon­tak­te», sagt der Imk­er. Das Sum­men der Bienen wird lauter. Je länger der Kas­ten offen ist, desto aufgeregter wer­den die Tiere. Mit ruhi­gen, geübten Hand­grif­f­en mon­tiert der Imk­er die Waben wieder in den Kas­ten. Darin leben bere­its nicht mehr so viele Tiere wie im Früh­ling. Im Win­ter beste­ht ein Bienen­volk aus rund 8000 Tieren. Mit den län­geren Tagen und dem Beginn der Blüte ver­mehren sie sich ras­ant. Pro Tag schlüpfen dann bis zu 2000 Bienen, bis ein Volk zwis­chen 30 000 und 40 000 Bienen zählt. «Von den Bienen kön­nen wir ler­nen, dass alles in Zyklen geschieht», sagt Urs Bit­ter­li, «es geht nicht immer aufwärts, genau­so wie die Bäume nicht in den Him­mel wach­sen. Wach­s­tum in der Natur ist immer begren­zt.»

Dieses Jahr war für Urs Bit­ter­li bis Juli ein gutes Bienen­jahr. Pro Volk hat­te er einen Ertrag von 25 Kilo – zum Ver­gle­ich: Im nasskalten Früh­ling 2021 betrug dieser 5 Kilo pro Volk. Spitzen­werte liegen bei 50 Kilo­gramm pro Volk. Dann kamen die grosse Hitze und die Trock­en­heit, die dazu führten, dass nichts mehr blühte und die Bienen keine Nahrung mehr fan­den. Daraufhin hat der Imk­er seine Bienen schon früher als son­st mit Zuck­er­wass­er gefüt­tert. Zum Glück ist der nahe Bach nicht ver­siegt, sodass sie immer Wass­er zur Ver­fü­gung hat­ten, das sie auch brauchen, um die Waben zu kühlen.

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Urs Bit­ter­li schliesst das Bienen­haus ab, und wir machen uns auf den Weg zurück. Was die extremen Ver­hält­nisse dieses Som­mers für seine Bienen bedeuten, werde sich erst im näch­sten Jahr zeigen, sagt der Imk­er. «Die Natur ist der grösste Ein­flussfak­tor, von ihr sind wir alle abhängig.»

So helfen Sie den Bienen

  • Schaf­fen Sie wertvollen Leben­sraum für Bienen.​
  • Machen Sie einen Bienen­schutzkurs.
  • Nehmen Sie beim Pro­jekt Blüh­flächen der Stiftung Bienen teil.
  • Unterze­ich­nen Sie die Bienenini­tia­tive.

Infor­ma­tio­nen auf www.bienen.ch

Die Asi­atis­che Hor­nisse gefährdet nicht nur die Imk­erei, son­dern auch die Bestäubungssicherung der Nahrungspflanzen und die Bio­di­ver­sität. Gle­ichzeit­ig nimmt das Risiko von Stichen für den Men­schen zu. Frühe Erken­nung und gezielte Eindäm­mung wirken.

Melden Sie Tiere auf www.asiatischehornisse.ch

Von den Bienen lernen - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 4
© Roger Wehrli
Eva Meienberg
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