Alles Geschaffene erzählt vom Schöpfer
Der heilige Franz von Assisi predigt den Vögeln. Detail der Predella von St. Franziskus von Assisi, der die Stigmata empfängt. Gemälde von Giotto Di Bondone, 1300/1325
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Alles Geschaffene erzählt vom Schöpfer

Vor 800 Jahren dichtete der kranke und fast blinde Franz von Assisi in San Damiano seinen «Sonnengesang»

Vor 800 Jahren dichtete der kranke und fast blinde Franz von Assisi in San Damiano seinen «Sonnengesang» – ein Lobpreis aller Kreaturen. Der Kapuziner Niklaus Kuster erläutert die symbolische Bedeutung dieses Schöpfungsliedes.


Vor zehn Jahren rief Papst Franziskus die Welt in «Lauda­to si’» dazu auf, «sin­gend und kämpfend» für die Zukun­ft unseres Plan­eten einzuste­hen. Tat­säch­lich ste­ht der sorgsame Umgang mit unser­er Umwelt weit oben auf dem Sor­gen­barom­e­ter: in der Schweiz, Europa und der südlichen Welt, wo sich Kli­makatas­tro­phen mehren. Die erste Mitwelt-Enzyk­li­ka greift dabei auf ein Schöp­fungslied aus dem Mit­te­lal­ter zurück. Franz von Assisi dichtete es im Früh­ling 1225. Was kennze­ich­net dieses poet­is­che Werk, das zur Weltlit­er­atur gehört?

Ein Lied voll versteckter Symbolik

Der Son­nenge­sang, auf Ital­ienisch «Can­ti­co di frate Sole», heisst im ältesten Manuskript «laudes crea­t­u­rarum» – Lobge­sang der Geschöpfe. Jugendliche, die das «Lauda­to si’» am Lager­feuer sin­gen, wären über­rascht zu hören, dass Franz von Assisi dieses Lied halb blind und schw­er krank kom­ponierte. Viele Wochen lang in ein­er lichtar­men Hütte gepflegt, kon­nte er die Geschöpfe gar nicht sehen, mit denen er sich im Lied ver­band. Die Kom­po­si­tion ent­stand in San Dami­ano vor den Stadt­mauern von Assisi, wo Klaras Gemein­schaft mit ein­er Gruppe von Brüdern das Gottes­lob sang.

Dieses har­monis­che Zusam­men­klin­gen von Schwest­ern und Brüdern hört Franziskus auch in der ganzen Schöp­fung: «Frate sole – Brud­er Sonne» spielt mit den Schwest­ern «luna e stelle» zusam­men, mit Mond und Ster­nen, die auf Ital­ienisch weib­lich sind. Brud­er Wind verbindet sich mit Schwest­er Wass­er, Brud­er Feuer mit Schwest­er Mut­ter Erde. Die Gestirne im weit­en Kos­mos ermöglichen Leben auf Erden durch den Wech­sel von Tag und Nacht und den Lauf des Jahres mit Früh­ling, Som­mer, Herb­st und Win­ter. Im Lied ver­weisen die Drei – Sonne, Mond und Sterne – zugle­ich auf die Über­welt des dreieinen Gottes: lichtvoll, unendlich und ewig!

Der Ernstfall der Liebe

Aus den vier Ure­le­menten sieht das Mit­te­lal­ter alle irdis­chen Lebe­we­sen beste­hen: Pflanzen, Tiere und Men­schen wer­den von der Erde getra­gen und ernährt, brauchen Wass­er und atmen Luft, und sie spe­ich­ern Energie und haben ihre jew­eils eigene Tem­per­atur. Alles Geschaf­fene auf Erden teilt densel­ben Leben­sraum, und jedes Geschöpf erzählt auf seine Weise vom Schöpfer.

Die Stro­phe auf den Men­schen kam Wochen später hinzu, als in Assisi ein Bürg­erkrieg dro­hte. Nicht Aggres­sive oder Unver­söhn­liche ver­weisen auf Gott, ihren Schöpfer, son­dern Fried­fer­tige und Liebende. So schön Gottes Liebe auch in Ver­liebten aufleuchtet, am ein­drück­lich­sten tut sie es doch erst da, wo men­schliche Liebe geprüft wird. Wo Men­schen einan­der verzei­hen, in Krankheit­en den inneren Frieden nicht ver­lieren und mit aller­lei Sor­gen gut umge­hen, tun sie es «per lo tuo amore» – in der Kraft von Gottes Liebe.

Vor seinem Ster­ben fügte Franz die let­zte Stro­phe noch hinzu: So sehr das Leben auf Erden ein Geschenk ist und tief beglück­en kann, es bleibt vergänglich. Die Zeilen zur «Schwest­er Tod» sehen das Ster­ben nicht als Katas­tro­phe, son­dern als Über­gang in die neue und ewige Schöp­fung Gottes.

Auch der Tod ist ein Weggefährte

Den «leib­lichen Tod» wird Franz dann ster­bend tat­säch­lich als Wegge­fährtin willkom­men heis­sen, die ihn an der Hand nimmt, wo seine Lieb­sten, die Brüder, Schwest­ern und Fre­undin Jaco­ba, ihn loslassen müssen. «Sora morte» – Schwest­er Tod begleit­et jeden Men­schen auf jen­em kurzen dun­klen Wegstück, das in Gottes Licht­fülle führt.

In der Endgestalt zählt das Schöp­fungslied 33 Verse: Das Mit­te­lal­ter zählt 33 Leben­s­jahre Jesu auf Erden. Franz von Assisi lässt damit feinsin­nig anklin­gen, dass diese unsere schöne und vergängliche Welt nicht nur Werk Gottes, son­dern auch Heimat des Gottes­sohnes gewor­den ist. Selb­st unre­ligiöse Men­schen leben daher nicht in ein­er got­t­losen, son­dern in ein­er von Gott geliebten Welt!

Brud­er Niklaus Kuster, Kloster Rap­per­swil, Kapuzin­er und Franziskus-Experte; er hat den Son­nenge­sang in mod­ernes Deutsch über­set­zt. Im Ital­ienis­chen, wie in vie­len anderen Sprachen, ist die Sonne männlich, Mond und Tod weib­lich. Das hat Niklaus Kuster wörtlich ins Deutsche über­tra­gen.


Höch­ster, allmächtiger und guter Gott, 
Dein sind das Lob, die Licht­fülle, alle Ehre und
​jeglich­er Segen. ​
Dir allein, Höch­ster, gebühren sie, 
und kein Men­sch ver­mag Deine Grösse in Worte 
zu fassen.

​​Gelobt seist Du, mein Herr, mit allen Deinen
​Geschöpfen
​ganz beson­ders dem Her­rn Brud­er Sonne:
​Er bringt den Tag und Du leucht­est uns durch ihn.
​Wie schön ist er und strahlend mit grossem Glanz: 
von Dir, Höch­ster, ein Sinnbild. ​

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Schwest­er Mond
​und die Sterne;
​am Him­mel hast Du sie gebildet, klar und kost­bar
​und schön. 

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Brud­er Wind
​und durch die Luft, heit­er und wolkig, und jeglich­es 
Wet­ter, ​durch das Du Deinen Geschöpfen Gedei­hen gib­st. ​

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Schwest­er Wass­er, 
gar nüt­zlich ist sie und demütig und kost­bar und rein. ​​

Gelobt seist Du, mein Herr, durch Brud­er Feuer,
durch das Du die Nacht erleucht­est; 
und schön ist er und fröh­lich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwest­er, 
Mut­ter Erde,
​die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte 
her­vor­bringt und bunte Blu­men und Kräuter. ​

Gelobt seist Du, mein Herr, durch jene, die in der 
Kraft Dein­er Liebe verzei­hen
und Krankheit oder seel­is­che Bedräng­nis ertra­gen. 
Selig jene, die solch­es in Frieden tra­gen,
​denn von Dir, Höch­ster, wer­den sie gekrönt. ​

Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwest­er, 
den leib­lichen Tod.
​Unweiger­lich erwartet sie jeden leben­den Men­schen 
eines Tages.

​​Gut, wenn sie uns nicht fern von Dir antrifft: 
Selig sind alle, die sie in Deinem Licht find­et. 
Denn der Tod der Seele wird ihnen nichts antun. ​

Lobt und preist meinen Her­rn
und dankt ihm und dient ihm mit gross­er Demut.

Niklaus Kuster
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