Zweifeln, suchen, aufbrechen
Die Propstei Wislikofen gehört zur Gemeinde Zurzach und liegt zwei Kilometer südlich der Grenze zu Deutschland, etwa 20 Autominuten von der Stadt Baden entfernt.
© Christian Breitschmid

Zweifeln, suchen, aufbrechen

50 Jahre Bildung und Spiritualität in der Propstei

Die Geschichte der Propstei Wislikofen reicht zurück ins 9. Jahrhundert. Seit 50 Jahren nutzt die Aargauer Landeskirche das Haus als Bildungszentrum und Seminarhotel. Zum runden Geburtstag erinnern sich Kursteilnehmende an Sternstunden und Höhenflüge in der Propstei Wislikofen.

Hele­na und Ursi­na sind Teil­nehmerin­nen des Med­i­ta­tion­sange­bots der Prop­stei. Ursi­na seit neun Jahren, Hele­na medi­tiert seit über 30 Jahren. Die soge­nan­nte via inte­gralis ist ein Weg der Stille, in der sich die Zen-Med­i­ta­tion mit der spir­ituellen Tra­di­tion des Chris­ten­tums verbindet. Die meis­ten Ange­bote find­en in der Prop­stei Wis­likofen statt. Medi­tiert wird hier vor allem im Benedik­tus-Saal. Hele­na sagt über ihn: «Die Atmo­sphäre, die Geschichte, die Energie, die Umge­bung, die Stille, das Gefühl, willkom­men zu sein, sprechen mich sehr an.» Hele­na und Ursi­na besuchen momen­tan den Lehrgang via inte­gralis zur Kon­tem­pla­tion­slehrerin. Der Benedik­tus-Saal hat auch auf Ursi­na eine beson­dere Wirkung: «Im Saal selb­st find­et sich viel Braun vom Holz, gle­ichzeit­ig ist durch die grossen Fen­ster das Grün der Natur sehr präsent. Durch das Zusam­men­spiel der Far­ben entste­ht eine beson­dere Stim­mung. In der Med­i­ta­tion habe ich das Gefühl, als lösten sich die Wände auf und der Saal und die Natur sind gle­ichzeit­ig präsent. Inzwis­chen ist es ein Nach­hausekom­men im Benedik­tus-Saal.» Hele­na ergänzt: «Ich finde es gut, dass der Raum auch für andere Ver­anstal­tun­gen genutzt wird. Denn der Weg der Med­i­ta­tion führt nicht nur nach innen, son­dern auch nach aussen: in die Welt, in die Ver­ant­wor­tung.»

Neue Ausdrucksformen finden

In den Med­i­ta­tion­sange­boten wer­den Texte und Impulse von christlichen Mystikern/innen sowie Rit­uale, vor allem aus der katholis­chen Tra­di­tion, aufgenom­men. Die Meth­ode der Sitzmed­i­ta­tion kommt aus der Zen-Tra­di­tion und wird in einem für den west­lichen Kul­turkreis adap­tierten Rah­men prak­tiziert. «Wichtig ist dabei, neue Aus­drucks­for­men, eine neue Sprache zu find­en», erk­lärt Hele­na. Viele Teil­nehmende seien zwar christlich geprägt, aber auf der Suche nach etwas jen­seits der tra­di­tionellen Sprache und Rit­uale. Andere Teil­nehmende seien nicht so stark mit der Kirche ver­bun­den, fän­den hier aber eine Spir­i­tu­al­ität, die sie anspricht. Für Ursi­na verbinden sich in der Med­i­ta­tion zwei Wel­ten: «Ich bin christlich geprägt. Gle­ichzeit­ig bin ich beru­flich mit der östlichen Philoso­phie ver­bun­den. Für mich ist es wertvoll, dass diese bei­den Wel­ten in der via inte­gralis zusam­men­find­en. Es ist eine Prax­is, auf die ich mich ein­lassen kann.» Für Hele­na ist die Prop­stei ein wichtiger Ort: «In den let­zten Jahren mussten viele Bil­dung­shäuser aus finanziellen Grün­den schliessen. Ich bin glück­lich und dankbar, dass die katholis­che Kirche die Prop­stei unter­stützt und sie ein Ort ist, an dem wir als Medi­tierende so willkom­men sind.»

Zahlreicher hoher Besuch: An der Samichlaussynode findet nicht nur einer, sondern fast hundert Chläuse und Schmutzli den Weg in die Propstei. | © Roger Wehrli

Ein Segen für den Samichlaus

Christoph Rottmeier amtet seit 25 Jahren als Samich­laus. Zusam­men mit seinem Schmut­zli Iwan San­toro besucht er Kinder und Erwach­sene und trägt Jahr für Jahr die Friedens­botschaft des Bischofs, der im vierten Jahrhun­dert in Myra lebte, in die Schweiz­er Stuben.
Als am 12. Novem­ber 2011 neun­zig Samich­läuse an der ersten Samich­laussyn­ode in Wis­likofen teil­nah­men, waren Christoph Rottmeier und Iwan San­toro noch nicht dabei. Der Anlass war damals ein Grosser­folg; 40 Teil­nehmer mussten abgewiesen wer­den. Sei­ther ist das Samich­laus-Schmut­zli-Ges­pann aus Win­terthur jedes Jahr dabei, wenn im Novem­ber die Samich­läuse vor der his­torischen Kulisse des ehe­ma­li­gen Benedik­tin­erk­losters in ihren far­bigen Gewän­dern in die barocke Kapelle einziehen.
Vor dem grossen Auftritt wer­den die Chläuse eingek­lei­det und geschminkt. Dabei helfen viele Ehe­frauen der Samich­läuse tatkräftig mit, erzählt Christoph Rottmeier; anson­sten sei die Angele­gen­heit doch eher in Män­ner­hand. Beson­ders in Erin­nerung geblieben ist ihm der Segen des ehe­ma­li­gen Bischofs Markus Büchel, den dieser im Gottes­di­enst an der Syn­ode seinen tem­porären Bischof­skol­le­gen spendete: «Egal, wie fromm die Teil­nehmer sind – der bis­chöfliche Segen ver­lei­ht dem Brauch eine beson­dere Würde.»

Fachliche Inputs

Neben dem Segen erhal­ten die Teil­nehmenden an der Syn­ode in ver­schiede­nen Work­shops fach­liche Inputs. Sie ler­nen etwa, dass der Samich­laus eine gut­mütige, liebevolle und zuge­wandte Fig­ur ist. Strafen sind ver­boten, von Ermah­nun­gen wird abger­at­en. Allen­falls kann der Samich­laus einen Ratschlag erteilen. «Am wichtig­sten ist, dass der Samich­laus weiss, was in einem Kind vorge­ht, wenn es vor ihm ste­ht», sagt Christoph Rottmeier. Er erin­nert daran, dass die Fig­ur des Samich­laus die einzige mythis­che Gestalt sei, die tat­säch­lich in der Lebenswelt der Kinder auf­tauche. Ihm gefällt es zu spüren, wie manche Erwach­sene vor dem Samich­laus wieder zum Kind wer­den.
Dieses Jahr find­et erneut eine Samich­laussyn­ode statt. Christoph Rottmeier und Iwan San­toro freuen sich auf das Tre­f­fen, das neben den ern­sten Anliegen immer auch sehr lustig sei. «Wir tra­gen ein Brauch­tum weit­er, das jen­seits von Kom­merz für Näch­sten­liebe, Schenken und Teilen ste­ht. Wir sind let­ztlich Frieden­sapos­tel.»

Die Geschichte der Prop­stei

Im 9. Jahrhun­dert baute ein ale­man­nis­ch­er Siedler namens Wiz­ilin einen Hof, den die Edlen von Wald­hausen im Jahr 1113 dem Benedik­tin­erk­loster St. Blasien (D) schenk­ten. Die Benedik­tin­er errichteten an Stelle des Hofs ein Tochterk­loster, die Prop­stei Wis­likofen. Während der Kriege in den fol­gen­den Jahrhun­derten diente ihnen die Prop­stei wieder­holt als Zuflucht­sort, weil die Abtei im Schwarzwald mehrmals zer­stört wurde. 1807 wur­den sowohl die Prop­stei als auch das Mut­terk­loster St. Blasien aufgelöst, und die Pfar­rei Wis­likofen erhielt die Kirche zur Nutzung. 1812 ging die Prop­stei an den Kan­ton Aar­gau, die Gebäude zer­fie­len. Nach zwei­jähriger Ren­o­va­tion über­gab der Kan­ton die Prop­stei 1976 der Römisch-katholis­chen Lan­deskirche Aar­gau, die sie sei­ther als Bil­dungszen­trum und Sem­i­narho­tel nutzt. Sie bietet Raum für Tagun­gen, kirch­liche und kul­turelle Anlässe sowie pri­vate Feiern. Die Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei organ­isiert Kurse und Weit­er­bil­dun­gen. Zu den Gästen gehören Teil­nehmende an kirch­lichen Anlässen eben­so wie Hochzeits­ge­sellschaften, Chöre, Vere­ine und Fir­men.

Die Seele baumeln lassen in der Propstei Wislikofen - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 3
Innen­hof der Prop­stei Wis­likofen © Chris­t­ian Bre­itschmid

Raum für Zweifel, Suche und Aufbruch

Hele­na Boutel­li­er Kyburz arbeit­et als Spi­tal- und Heim­seel­sorg­erin in Laufen­burg und Rhe­in­felden und ist seit über 30 Jahren immer wieder zu Gast in der Prop­stei. Viele wertvolle Erin­nerun­gen wür­den sie mit diesem Ort verbinden, erk­lärt sie: «Die Prop­stei Wis­likofen ist für mich seit vie­len Jahren ein beson­der­er Ort der Begeg­nung, der Bil­dung und des Auf­tankens. Ich schätze die wohltuende Atmo­sphäre, die gast­fre­undlichen Men­schen und die natur­na­he Umge­bung, die diesem Haus seinen beson­deren Charak­ter ver­lei­hen. Die Offen­heit, Her­zlichkeit und die gelebte benedik­tinis­che Gast­fre­und­schaft haben mich immer wieder neu inspiri­ert.» Zulet­zt weilte sie Anfang dieses Monats für ihre CPT-Aus­bil­dung in Wis­likofen. CPT – Clin­i­cal Pas­toral Train­ing – bildet Seel­sorg­erin­nen und Seel­sorg­er für die Arbeit in der Gemein­de­pas­toral, in Spitälern und Heimen aus. Hele­na Boutel­li­er Kyburz ver­brachte im Rah­men dieser Aus­bil­dung ins­ge­samt vier Wochen in der Prop­stei. «Für meine Tätigkeit als Seel­sorg­erin nahm ich stets wichtige Anre­gun­gen mit für eine men­schen­na­he und zugle­ich kri­tisch-reflek­tierte Pas­toral. Die Prop­stei erin­nert mich daran, wie sehr Kirche glaub­würdi­ge Orte braucht, die echte Begeg­nung ermöglichen, Macht- und Sprach­bar­ri­eren abbauen und Räume für Zweifel, Suche und Neuauf­bruch offen­hal­ten.»

Echte Begegnungen fördern

Jew­eils zu Jahres­be­ginn organ­isiert die Aar­gauer Lan­deskirche für die Mit­glieder aller Kirchenpfle­gen im Kan­ton die Kirchenpflege­ta­gun­gen in der Prop­stei. Die ehre­namtlichen Mit­glieder der Kirchenpfle­gen erhal­ten während dieser Tagun­gen Impulse für ihr Engage­ment und beschäfti­gen sich in Grup­pen mit prak­tis­chen Fra­gen zu Finanzen, Per­son­alführung oder Kom­mu­nika­tion. Rosan­na Sari­na Cos­ta ist Kirchenpflegerin in Mellin­gen und hat im Feb­ru­ar eine Kirchenpflege­ta­gung besucht. Die Prop­stei sei für sie ein beson­der­er Ort, an dem Begeg­nung, Aus­tausch und Reflex­ion möglich wer­den, sagt sie. «Von der Kirchenpflege­ta­gung habe ich vor allem mitgenom­men, wie wertvoll es ist, gemein­sam über The­men nachzu­denken und unter­schiedliche Per­spek­tiv­en zusam­men­zubrin­gen. Der Work­shop hat mir bewusst gemacht, dass gute Lösun­gen oft dort entste­hen, wo Men­schen offen miteinan­der ins Gespräch kom­men.» Für ihre beru­fliche Tätigkeit habe sie mitgenom­men, wie wichtig Räume sind, die Konzen­tra­tion, Kreativ­ität und echte Begeg­nun­gen fördern. «Die Atmo­sphäre der Prop­stei unter­stützt genau das: Man kommt weg vom All­t­ag und kann The­men mit mehr Ruhe und Tiefe anschauen.»

Fasten heisst zur Ruhe kommen

Mit den Fas­ten­wochen knüpft die Prop­stei Wis­likofen an eine alte klöster­liche Tra­di­tion an. Sabine Wie­mann leit­et regelmäs­sig Fas­te­nange­bote in der Prop­stei Wis­likofen. Sie sagt: «Fas­ten im Kloster heisst sich zurückziehen, zur Ruhe kom­men und eine per­sön­liche Auszeit geniessen.» Bere­its dreimal hat Denise Barthol­di schon an ein­er Fas­ten­woche in der Prop­stei teilgenom­men. Innere Ruhe, Gelassen­heit, Fröh­lichkeit und Inspi­ra­tion habe sie aus diesen Aufen­thal­ten jew­eils in den All­t­ag mitgenom­men, sagt sie: «Ein gross­es Ver­trauen ins Leben und das Annehmen dessen, was ist.»
Beim Fas­ten komme man immer sehr zu sich selb­st, es sei wie ein Anker, erk­lärt Barthol­di: «Fas­ten schenkt mir auch immer Raum für Ideen und Achtsamkeit.»Zum ersten Mal an ein­er Fas­ten­woche teilgenom­men hat Kari­na Klau. Sie erzählt: «Die Prop­stei mit ihrer jahrhun­derteal­ten Geschichte erwies sich als der ide­ale Ort dafür. In der Stille und Abgeschieden­heit, fern vom hek­tis­chen All­t­ag, fiel es mir leichter, dieses Wag­nis einzuge­hen, über mich selb­st und meine Zukun­ft nachzu­denken, loszu­lassen und eine innere Bal­ance zu find­en.»

Prädestiniert für das Fasten

Auch die Gemein­schaft mit den anderen Fas­ten­den sei für sie von Bedeu­tung gewe­sen, der Aus­tausch über das Wohlbefind­en, aber auch das Teilen von per­sön­lichen Erfahrun­gen. Die Natur rund um die Prop­stei habe eben­falls eine wichtige Rolle gespielt: «Als erk­lärte Stuben­hock­erin war ich über­rascht, wie viel Energie mir das Fas­ten schenk­te: Zusam­men mit der Gruppe nahm ich an kilo­me­ter­lan­gen Wan­derun­gen teil und genoss die Schön­heit der Natur – die leuch­t­en­den Margeriten, den rot­blühen­den Mohn, die Wiesen­blu­men am Weges­rand, das Zwitsch­ern der Vögel und das Rauschen des Bachs.» Kari­na Klau berichtet, sie habe neb­st der Erfahrung des Fas­tens ein tiefes Ver­trauen in ihren Kör­p­er mit in den All­t­ag genom­men. Die Prop­stei Wis­likofen mit ihren schlicht­en Mönch­szellen, frei von Ablenkung, sei ger­adezu prädes­tiniert für das Fas­ten: «Ich bin dankbar, an diesem beson­deren, geistig erfüll­ten Ort die Erfahrung des Fas­tens gemacht zu haben.»

Jubiläum­spro­gramm

Am 12. Juni spricht Pater Mar­tin Werlen, Leit­er der Prop­stei St. Gerold in Vorarl­berg, zum The­ma «Kirche umgekehrt». Am Son­ntag, 14. Juni, find­et ein Tag der offe­nen Tür mit einem Pro­gramm für alle Gen­er­a­tio­nen statt. Am 17. Sep­tem­ber wird Pater Anselm Grün, Benedik­tin­er­mönch und Autor, online zur Ver­anstal­tung «Alles in allem – was let­ztlich zählt im Leben» zugeschal­tet sein und referieren. Alle Infos unter: www.propstei.ch/jubilaeum/

Kirche umgekehrt - mit Martin Werlen - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
Pater Mar­tin Werlen, Propst von St. Gerold im Vorarl­berg, kommt zu Besuch in Wis­likofen am 12. Juni. © zVg
Redaktion Lichtblick
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