Hier wird probiert
Das Spezialseelsorge-Team der RKK Basel-Stadt lanciert seit 2020 die Aktion «Rotes Sofa». Zwei Seelsorgende platzieren das auffällige Möbelstück an einen gut besuchten Ort der Stadt und haben Zeit für ein Gespräch mit den Passantinnen und Passanten.
Bild: © Manuela Matt

Hier wird probiert

Synodalität ist kein Sonntagsspaziergang, sondern eine Wüstenwanderung, sagt Fredy Bihler, Geschäftsführer der Synodalitätskommission. Und Guido Estermann, der neue Leiter Bildung und Propstei in Wislikofen, spricht von Loslassen und Abschiednehmen. Beide wissen, dass die Zukunft der Kirche davon abhängt, dass Menschen gemeinsam um sie ringen.

«Für mich ist Syn­odal­ität die span­nend­ste Vision für die Kirche seit dem Zweit­en Vatikanis­chen Konzil», sagt Fredy Bih­ler. Er ist Geschäfts­führer der Syn­odal­ität­skom­mis­sion. Syn­odal­ität beschreibt der The­ologe so: «Ein­er­seits geht es da um die Erneuerung ein­er geistlichen Hal­tung und ander­er­seits um die Reform der Struk­turen der Kirche.» Ziel dabei sei es, die Botschaft von Jesus mis­sion­ar­isch­er, gemein­schaftlich­er und par­tizipa­tiv­er in die Welt hin­auszu­tra­gen.

Die Syn­odal­ität­skom­mis­sion, die heute aus 30 Mit­gliedern beste­ht, ver­ste­ht sich als Abbild der katholis­chen Kirche in der Schweiz. Ihre Mit­glieder kom­men aus allen Sprachre­gio­nen und Bistümern. Unter ihnen hat es Frauen, Män­ner, gewei­hte Priester, Bis­chöfe und Laien, jün­gere und ältere Men­schen. Die Kom­mis­sion ist derzeit eine Fach­gruppe, und viele gesellschaftliche Grup­pen sind nicht direkt vertreten, gibt Fredy Bih­ler zu bedenken, aber das könne sich im Ver­lauf der fünf Jahre der Erprobungsphase noch ändern.

Eine Werkstatt zum Ausprobieren

Die Syn­odal­ität­skom­mis­sion will eine Werk­statt sein, in der aus­pro­biert wird, wie Syn­odal­ität auf nationaler Ebene der katholis­chen Kirche gelebt wer­den kann. Dabei gehe es um ein neues Sprechen miteinan­der und Hören aufeinan­der. Let­ztlich aber gehe es um die Ver­ständi­gung über den Auf­trag für Christin­nen und Chris­ten: die Botschaft Jesu in die Welt zu tra­gen. Das wichtig­ste Werkzeug dazu ist das «Gespräch im Geist». Im Gegen­satz zu einem ver­balen Schlagab­tausch hat darin das Zuhören einen beson­ders wichti­gen Stel­len­wert. Alle Teil­nehmenden haben gle­ich viel Redezeit und wer­den nicht unter­brochen. Auf die Rede­phase fol­gt Stille. Nach ein­er weit­eren solchen Runde wird gemein­sam bes­timmt, welch­es der näch­ste Schritt in Rich­tung Ziel sein kön­nte. «Das ‹Gespräch im Geist› erfordert Offen­heit für das, was die anderen denken, ist urdemokratisch und schafft Raum, damit der Geist, den man auch als Heili­gen Geist beze­ich­nen kann, wirken kann», sagt Fredy Bih­ler, der Organ­i­sa­tion­sen­twick­ler ist.

Lösungen, wo man sie nicht erwarten würde

In diesen Tagen trifft sich die Syn­odal­ität­skom­mis­sion zum vierten Mal. Einige ihrer Vertreterin­nen und Vertreter haben sich im Okto­ber in Rom mit syn­odalen Teams aus der ganzen Welt getrof­fen. Fredy Bih­ler war auch in Rom dabei und sagt mit Blick auf die Weltkirche: «Der Aus­tausch mit Men­schen aus sehr unter­schiedlichen Län­dern der Erde unter­stre­icht die Vision, dass Lösun­gen für Prob­leme sich dort zeigen kön­nen, wo man es nicht erwarten würde.» Ausser­dem seien die Teil­nehmenden erneut von Papst Leo ermutigt wor­den, lokale Lösun­gen zu suchen und zu erproben. Die Kirche müsse vielfältiger und reich­er wer­den, und deshalb müssten alle ler­nen, Dif­feren­zen als Chan­cen zu nutzen. Dass Vision­sprozesse keine Son­ntagss­paziergänge sind, ist sich der Organ­i­sa­tion­sen­twick­ler bewusst. Eher ver­gle­icht er die Erprobungsphase des syn­odalen Prozess­es mit der Wüsten­wan­derung in der Bibel. Syn­odal­ität gebe den Men­schen mehr Frei­heit, dadurch entste­he aber auch mehr Klärungs­be­darf, Unsicher­heit und am Anfang mehr Ver­wirrung.

Fredy Bih­lers per­sön­liche Vision für die Kirche liegt in der Erken­nt­nis, dass in den Unter­schieden und der Vielfalt der tief­ere Reich­tum liegt. «Mir schwebt eine Kirche vor, die ein sicher­er Ort ist für die Men­schen, die Jesu Botschaft in die Welt tra­gen wollen, die Liebe und ein Leben in Fülle verkün­den», sagt der The­ologe. Ver­mut­lich sei dies eine kleine Kirche, aber eine, in der Platz sei für alle.

Visio­nen für die Kirche

«Die Nach­wuch­skirche ist am Ende», liess Arnd Bünker, der Leit­er des Schweiz­erischen Pas­toral­sozi­ol­o­gis­chen Insti­tuts (SPI) im Sep­tem­ber an der jährlichen Medi­en­präsen­ta­tion ver­laut­en. Die Zahl der ver­stor­be­nen Kirchen­mit­glieder ist gröss­er als die Zahl der Getauften. Der jahre­lange Trend set­zt sich fort. Was kommt jet­zt?

Jet­zt braucht es Visio­nen für die Kirche. Die gibt es schon und es entste­hen laufend neue. In unser­er gle­ich­nami­gen Serie sam­meln wir Visio­nen und stellen sie Ihnen vor. Den Anfang machen Fredy Bih­ler, Geschäfts­führer der Syn­odal­ität­skom­mis­sion und Gui­do Ester­mann, Leit­er von Bil­dung und Prop­stei in Wis­likofen. Ausser­dem ste­hen auch die Mar­­ga-Bührig-Preisträger­in­­nen für eine visionäre Kirche. Das Kloster Mari­astein ist schon auf einem guten Weg in Rich­tung sein­er Vision für das Wal­l­­fahrts-Kloster.

Begleitgruppe «Synodaler Prozess» initiiert Schritte im Bistum Basel - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
© © Peter Wei­de­mann

«Um eine Vision zu entwick­eln, muss ich out-of-the-box denken kön­nen», sagt Gui­do Ester­mann. «Alter­na­tive, unkon­ven­tionelle Gedanken sind aber erst möglich, wenn das eigene Koor­di­naten­sys­tem bekan­nt ist.» Selb­stken­nt­nis und Selb­st­dis­tanzierung sind die Voraus­set­zung, um eine Vision zu entwick­eln, da ist sich der The­ologe sich­er.

Das Vielheits-Paradigma

Gui­do Ester­mann ist neuer Leit­er des Bil­dung­shaus­es Wis­likofen, das er zu einem Ort machen will, um über eigene Vorstel­lun­gen und Visio­nen für die Kirche nachzu­denken. Zuvor war der The­ologe bei der Zürcher Lan­deskirche für die Kirch­enen­twick­lung im Bis­tum Chur zuständig.

Dr. Guido Estermann - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
Gui­do Ester­mann — Leit­er Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei © zVg

Für viele kirch­lich engagierte Men­schen seien die Selb­stkonzepte verortet in der Baby­boomer-Kirche. So beschreibt Gui­do Ester­mann die Kirche, die von ein­er geburten­starken Gen­er­a­tion geprägt wor­den war. Durch Men­schen, die sich gewohnt waren, immer zahlre­ich zu sein. Zahlre­ich im Schulz­im­mer, im Ferien­lager, in der Kirche, auf dem Arbeits­markt. Auch viele Entschei­dungsträger in der Kirche seien geprägt von diesem «Viel­heitspar­a­dig­ma», das mit der Erwartung ein­her gehe, dass eine Ver­anstal­tung nur dann gut sei, wenn eben viele Men­schen teil­nehmen.

Gesellschaft in Transformation

Die Kirche, wie auch andere gesellschaftliche Bere­iche – das Gesund­heitswe­sen oder das Schul­we­sen –, befind­en sich in ein­er Trans­for­ma­tion. Die geburten­re­ichen Jahrgänge wer­den laufend pen­sion­iert und die jün­geren Gen­er­a­tio­nen sind nicht mehr so zahlre­ich. «Die Baby­boomer-Gen­er­a­tion muss davon wegkom­men, ein Pro­jekt für gescheit­ert zu hal­ten, wenn nicht viele teil­nehmen», sagt Gui­do Ester­mann, und sie müsse von der All­machts­fan­tasie Abschied nehmen, die ihnen ver­traute Kirche ret­ten zu kön­nen. «Die Kirche der Zukun­ft wird nicht mehr sta­tisch sta­bil sein, son­dern eine agile Insti­tu­tion mit vielfälti­gen und bedürfnisori­en­tierten Ange­boten auf Zeit.»

Gui­do Ester­manns Vision der Kirche ist die der qual­i­fizierten Begeg­nun­gen ausser­halb und inner­halb der Kirchen­mauern. Als Beispiel dient hier etwa das Pro­jekt «Rotes Sofa» der katholis­chen Kirche Basel-Stadt. Bei schönem Wet­ter tra­gen die Seel­sor­gen­den das Möbel ans Rhein­ufer hin­aus und stellen eine Tafel dazu: «Wir haben Zeit» lautet die Ein­ladung an die Pas­san­tinnen und Pas­san­ten. Wer mag, set­zt sich zur Seel­sorg­erin oder zum Seel­sorg­er auf ein Gespräch über Gott oder auch nur die Welt.

Jenseits von heilig und profan

In den Kirchen­räu­men der Zukun­ft sieht Gui­do Ester­mann beson­ders gross­es Poten­zial. Dort, wo sich in den Dör­fern und städtis­chen Quartieren Kirchen- und Sozial­raum der Men­schen durch­drun­gen haben. Dort fragt nie­mand mehr nach den Gren­zen des Sakralen und Pro­fa­nen. Dort suchen etwa die hitzege­plagten Bewohnen­den eines nahen Altenheimes im Hochsom­mer die Kirche auf und geniessen gemein­sam die wohltuende Küh­le.

«Immer wenn etwas Gutes geschieht, dann ver­wirk­licht sich das Evan­geli­um», sagt der The­ologe. Alles, was das gute Leben ermögliche, habe Platz in den Kirchen­räu­men. Voraus­set­zung dafür seien offene Türen zu den Kirchen, aber auch eine offene Hal­tung den Men­schen und ihren Ideen gegenüber und die Bere­itschaft, gemein­sam mit ihnen ihre Ideen zu ver­wirk­lichen, wie das im von Papst Franziskus angestosse­nen Prozess der Syn­odal­ität, gemacht werde. «So wird die Kirche der Zukun­ft zur Ermöglicherin eines guten Lebens», sagt Gui­do Ester­mann, «dafür sind Men­schen zu gewin­nen, auch solche, die heute von der Kirche nichts mehr erwarten.»

Eva Meienberg
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