
Bild: © Manuela Matt
Hier wird probiert
Synodalität ist kein Sonntagsspaziergang, sondern eine Wüstenwanderung, sagt Fredy Bihler, Geschäftsführer der Synodalitätskommission. Und Guido Estermann, der neue Leiter Bildung und Propstei in Wislikofen, spricht von Loslassen und Abschiednehmen. Beide wissen, dass die Zukunft der Kirche davon abhängt, dass Menschen gemeinsam um sie ringen.
«Für mich ist Synodalität die spannendste Vision für die Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil», sagt Fredy Bihler. Er ist Geschäftsführer der Synodalitätskommission. Synodalität beschreibt der Theologe so: «Einerseits geht es da um die Erneuerung einer geistlichen Haltung und andererseits um die Reform der Strukturen der Kirche.» Ziel dabei sei es, die Botschaft von Jesus missionarischer, gemeinschaftlicher und partizipativer in die Welt hinauszutragen.
Die Synodalitätskommission, die heute aus 30 Mitgliedern besteht, versteht sich als Abbild der katholischen Kirche in der Schweiz. Ihre Mitglieder kommen aus allen Sprachregionen und Bistümern. Unter ihnen hat es Frauen, Männer, geweihte Priester, Bischöfe und Laien, jüngere und ältere Menschen. Die Kommission ist derzeit eine Fachgruppe, und viele gesellschaftliche Gruppen sind nicht direkt vertreten, gibt Fredy Bihler zu bedenken, aber das könne sich im Verlauf der fünf Jahre der Erprobungsphase noch ändern.
Eine Werkstatt zum Ausprobieren
Die Synodalitätskommission will eine Werkstatt sein, in der ausprobiert wird, wie Synodalität auf nationaler Ebene der katholischen Kirche gelebt werden kann. Dabei gehe es um ein neues Sprechen miteinander und Hören aufeinander. Letztlich aber gehe es um die Verständigung über den Auftrag für Christinnen und Christen: die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen. Das wichtigste Werkzeug dazu ist das «Gespräch im Geist». Im Gegensatz zu einem verbalen Schlagabtausch hat darin das Zuhören einen besonders wichtigen Stellenwert. Alle Teilnehmenden haben gleich viel Redezeit und werden nicht unterbrochen. Auf die Redephase folgt Stille. Nach einer weiteren solchen Runde wird gemeinsam bestimmt, welches der nächste Schritt in Richtung Ziel sein könnte. «Das ‹Gespräch im Geist› erfordert Offenheit für das, was die anderen denken, ist urdemokratisch und schafft Raum, damit der Geist, den man auch als Heiligen Geist bezeichnen kann, wirken kann», sagt Fredy Bihler, der Organisationsentwickler ist.
Lösungen, wo man sie nicht erwarten würde
In diesen Tagen trifft sich die Synodalitätskommission zum vierten Mal. Einige ihrer Vertreterinnen und Vertreter haben sich im Oktober in Rom mit synodalen Teams aus der ganzen Welt getroffen. Fredy Bihler war auch in Rom dabei und sagt mit Blick auf die Weltkirche: «Der Austausch mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Ländern der Erde unterstreicht die Vision, dass Lösungen für Probleme sich dort zeigen können, wo man es nicht erwarten würde.» Ausserdem seien die Teilnehmenden erneut von Papst Leo ermutigt worden, lokale Lösungen zu suchen und zu erproben. Die Kirche müsse vielfältiger und reicher werden, und deshalb müssten alle lernen, Differenzen als Chancen zu nutzen. Dass Visionsprozesse keine Sonntagsspaziergänge sind, ist sich der Organisationsentwickler bewusst. Eher vergleicht er die Erprobungsphase des synodalen Prozesses mit der Wüstenwanderung in der Bibel. Synodalität gebe den Menschen mehr Freiheit, dadurch entstehe aber auch mehr Klärungsbedarf, Unsicherheit und am Anfang mehr Verwirrung.
Fredy Bihlers persönliche Vision für die Kirche liegt in der Erkenntnis, dass in den Unterschieden und der Vielfalt der tiefere Reichtum liegt. «Mir schwebt eine Kirche vor, die ein sicherer Ort ist für die Menschen, die Jesu Botschaft in die Welt tragen wollen, die Liebe und ein Leben in Fülle verkünden», sagt der Theologe. Vermutlich sei dies eine kleine Kirche, aber eine, in der Platz sei für alle.
Visionen für die Kirche
«Die Nachwuchskirche ist am Ende», liess Arnd Bünker, der Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) im September an der jährlichen Medienpräsentation verlauten. Die Zahl der verstorbenen Kirchenmitglieder ist grösser als die Zahl der Getauften. Der jahrelange Trend setzt sich fort. Was kommt jetzt?
Jetzt braucht es Visionen für die Kirche. Die gibt es schon und es entstehen laufend neue. In unserer gleichnamigen Serie sammeln wir Visionen und stellen sie Ihnen vor. Den Anfang machen Fredy Bihler, Geschäftsführer der Synodalitätskommission und Guido Estermann, Leiter von Bildung und Propstei in Wislikofen. Ausserdem stehen auch die Marga-Bührig-Preisträgerinnen für eine visionäre Kirche. Das Kloster Mariastein ist schon auf einem guten Weg in Richtung seiner Vision für das Wallfahrts-Kloster.

«Um eine Vision zu entwickeln, muss ich out-of-the-box denken können», sagt Guido Estermann. «Alternative, unkonventionelle Gedanken sind aber erst möglich, wenn das eigene Koordinatensystem bekannt ist.» Selbstkenntnis und Selbstdistanzierung sind die Voraussetzung, um eine Vision zu entwickeln, da ist sich der Theologe sicher.
Das Vielheits-Paradigma
Guido Estermann ist neuer Leiter des Bildungshauses Wislikofen, das er zu einem Ort machen will, um über eigene Vorstellungen und Visionen für die Kirche nachzudenken. Zuvor war der Theologe bei der Zürcher Landeskirche für die Kirchenentwicklung im Bistum Chur zuständig.

Für viele kirchlich engagierte Menschen seien die Selbstkonzepte verortet in der Babyboomer-Kirche. So beschreibt Guido Estermann die Kirche, die von einer geburtenstarken Generation geprägt worden war. Durch Menschen, die sich gewohnt waren, immer zahlreich zu sein. Zahlreich im Schulzimmer, im Ferienlager, in der Kirche, auf dem Arbeitsmarkt. Auch viele Entscheidungsträger in der Kirche seien geprägt von diesem «Vielheitsparadigma», das mit der Erwartung einher gehe, dass eine Veranstaltung nur dann gut sei, wenn eben viele Menschen teilnehmen.
Gesellschaft in Transformation
Die Kirche, wie auch andere gesellschaftliche Bereiche – das Gesundheitswesen oder das Schulwesen –, befinden sich in einer Transformation. Die geburtenreichen Jahrgänge werden laufend pensioniert und die jüngeren Generationen sind nicht mehr so zahlreich. «Die Babyboomer-Generation muss davon wegkommen, ein Projekt für gescheitert zu halten, wenn nicht viele teilnehmen», sagt Guido Estermann, und sie müsse von der Allmachtsfantasie Abschied nehmen, die ihnen vertraute Kirche retten zu können. «Die Kirche der Zukunft wird nicht mehr statisch stabil sein, sondern eine agile Institution mit vielfältigen und bedürfnisorientierten Angeboten auf Zeit.»
Guido Estermanns Vision der Kirche ist die der qualifizierten Begegnungen ausserhalb und innerhalb der Kirchenmauern. Als Beispiel dient hier etwa das Projekt «Rotes Sofa» der katholischen Kirche Basel-Stadt. Bei schönem Wetter tragen die Seelsorgenden das Möbel ans Rheinufer hinaus und stellen eine Tafel dazu: «Wir haben Zeit» lautet die Einladung an die Passantinnen und Passanten. Wer mag, setzt sich zur Seelsorgerin oder zum Seelsorger auf ein Gespräch über Gott oder auch nur die Welt.
Jenseits von heilig und profan
In den Kirchenräumen der Zukunft sieht Guido Estermann besonders grosses Potenzial. Dort, wo sich in den Dörfern und städtischen Quartieren Kirchen- und Sozialraum der Menschen durchdrungen haben. Dort fragt niemand mehr nach den Grenzen des Sakralen und Profanen. Dort suchen etwa die hitzegeplagten Bewohnenden eines nahen Altenheimes im Hochsommer die Kirche auf und geniessen gemeinsam die wohltuende Kühle.
«Immer wenn etwas Gutes geschieht, dann verwirklicht sich das Evangelium», sagt der Theologe. Alles, was das gute Leben ermögliche, habe Platz in den Kirchenräumen. Voraussetzung dafür seien offene Türen zu den Kirchen, aber auch eine offene Haltung den Menschen und ihren Ideen gegenüber und die Bereitschaft, gemeinsam mit ihnen ihre Ideen zu verwirklichen, wie das im von Papst Franziskus angestossenen Prozess der Synodalität, gemacht werde. «So wird die Kirche der Zukunft zur Ermöglicherin eines guten Lebens», sagt Guido Estermann, «dafür sind Menschen zu gewinnen, auch solche, die heute von der Kirche nichts mehr erwarten.»


