Der Samichlaus gibt der Liebe Gottes ein Gesicht

Der Samichlaus gibt der Liebe Gottes ein Gesicht

Am 4. November 2023 trafen sich Samichläuse und Schmutzli aus der ganzen Schweiz zur Samichlaus-Synode in Wislikofen. Unter dem Motto «Der Mann hinter dem Bart» tauschten sich die freiwillig Engagierten aus zu Fragen rund um das Samichlausbrauchtum. Der Tag bot auch die Gelegenheit zu erkennen, was den Mann hinter dem Bart ausmacht.

Bepackt mit Kisten, Kof­fern und Klei­der­bügeln betrat­en 40 Män­ner und einige Frauen am frühen Sam­stag­mor­gen die Prop­stei in Wis­likofen. Aus den Gepäck­stück­en zogen sie feine Untergewän­der, Gür­tel und Män­tel, wick­el­ten Bärte aus und strichen sie glatt, schraubten Hirten­stäbe zusam­men. Punkt 10 Uhr war die Ver­wand­lung abgeschlossen: 29 Samich­läuse in vollem Ornat, mit Bischof­sstab und per­fekt frisiertem Bart trat­en auf den Vor­platz der Kirche.

«Der Mann hin­ter dem Bart ist stolz, ein Samich­laus oder Schmut­zli zu sein, und er übt seine Auf­gabe mit gross­er Ern­sthaftigkeit aus.»

Einen Monat bevor sie als Samich­läuse, Schmut­zli oder Schminkerin zum Ein­satz kom­men, trafen sich Frei­willige aus Samich­lausvere­inen der ganzen Schweiz zum Aus­tausch und zur Weit­er­bil­dung in der Prop­stei Wis­likofen. Auch Samich­läuse aus Deutsch­land, Bel­gien und Hol­land waren extra für die Samich­laus-Syn­ode angereist.

Das grosse Samichlaus-Interview - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
Samich­laussyn­ode in Wis­likofen am 4. Novem­ber 2023 | © Roger Wehrli

«Heute sind wir Bischöfe»

Nach­dem die Samich­läuse in der Kirche Platz genom­men hat­ten, liess Bischofsvikar Valen­tine Kole­doye seinen Blick über die Bankrei­hen wan­dern und sagte: «Eine Syn­ode ist ein Tre­f­fen von Bis­chöfen. Und nach ein­er kurzen Pause fügte er an: «Heute sind wir Bis­chöfe. Ich erk­läre die fün­fte Samich­laus-Syn­ode für eröffnet.» Clau­dia Men­nen, Lei­t­erin der Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei, wandte sich an die Samich­läuse: «Ihr gebt dem Samich­laus Ohren, ihr gebt ihm Augen, Mund und Hände.» Sie würdigte das frei­willige Engage­ment der Chläuse, Schmut­zli und der Helferin­nen im Hin­ter­grund zugun­sten der Kinder, Fam­i­lien und des Brauch­tums.

«Der Mann hin­ter dem Bart gibt der Liebe Gottes ein Gesicht.»

Der Chlaus schimpft nicht

Wieder in Zivilk­lei­dung trafen sich die Syn­oden­teil­nehmenden nach der Feier in ver­schiede­nen Ate­liers, um einige The­men zu ver­tiefen. Eines der Ate­liers leit­ete Hans Peter Rust. Er gilt in der Schweiz und darüber hin­aus als Experte in Sachen Niko­laus­brauch­tum und ist Autor mehrerer Büch­er zum The­ma. Rust erörterte mit seinen Ate­lierteil­nehmern die Frage, wie Samich­lausvere­ine ihre Bekan­ntheit und den Stel­len­wert ihres Brauch­tums steigern kön­nen. Die Diskus­sion zeigte:

Nikolaus von Myra

Niko­laus von Myra wurde um 260 – 270 in Patara, Lykien / Byzanz im oströmis­chen Reich geboren. Den heuti­gen Staat Türkei gab es damals noch nicht. Niko­laus war Bischof in Myra. Er kämpfte gegen das Hei­den­tum. Heute gilt er als Erret­ter aus allen Not­si­t­u­a­tio­nen. Gestor­ben ist Niko­laus am 6. Dezem­ber 336 oder 337. Im Jahr 1087 erfol­gte die Trans­la­tion sein­er Gebeine nach Bari. Das Grab des Heili­gen in der Basil­i­ca San Nico­la ist ein pop­ulär­er Wall­fahrt­sort. Niko­laus gilt als Patron der Seefahrer, Schüler, Stu­den­ten und der Kinder.

«Der Mann hin­ter dem Bart macht sich Gedanken, wie er die Men­schen erre­ichen kann und er pro­biert auch ein­mal etwas Neues aus.»

«Nicht tadeln, dro­hen oder schimpfen, son­dern ger­adewegs aus dem Herzen zu den Kindern sprechen ist mein Rezept», sagte ein Samich­laus aus der Ostschweiz. «Sün­den­reg­is­ter, Rüge und Tadel sind aus dem Wortschatz des Samich­laus‘ zu stre­ichen», erk­lärte auch Rust, «Der Niko­laus dro­ht nicht. Und auch die Eltern soll­ten nicht mit dem Samich­laus dro­hen.»

«Dem Mann hin­ter dem Bart liegen die Kinder und Fam­i­lien am Herzen, er will ihnen ein stärk­endes Erleb­nis bieten.»

Wichtig seien für einen Chlaus auch per­fek­te, saubere Klei­dung und Uten­silien, betonte Hans Peter Rust. Diese ver­liehen einem Samich­laus seine Aura von Würde und Fre­undlichkeit, die entschei­dend ist. Wichtig sei aber auch, dass Samich­läuse und Schmut­zli ihr Brauch­tum erk­lären kön­nen: «Wenn von Kindern und Erwach­se­nen Fra­gen kom­men, muss der Samich­laus parat sein», erk­lärte der Experte.

«Die Runde bewies: Der Mann hin­ter dem Bart ken­nt die Leg­ende vom heili­gen Niko­laus und erzählt sie gerne weit­er.»

Die Situation annehmen, wie sie ist

Unter­dessen hüpften einen Stock tiefer zwölf Män­ner fröh­lich durch die Alte Sakris­tei. Die Stüh­le hat­ten sie bei­seit­egeschoben, die Ärmel hochgekrem­pelt. Im Ate­lier von This Wachter vom Impro­vi­sa­tions-The­ater-Ensem­ble «improphil» ging es darum, in die Rolle des Samich­laus zu find­en. Mit ein­fachen Übun­gen weck­te der Ate­lier­leit­er die Lust am Rol­len­spiel. Ziel sei, «den Samich­laus in den Kör­p­er zu brin­gen», erk­lärte This Wachter den Anwe­senden. Diese liessen sich auf die Her­aus­forderung ein und schlichen wie Ein­brech­er, schwebten wie Gespen­ster oder eil­ten wie ein gehet­zter Banker durch den Raum. This Wachter gab Tipps, die dem Samich­laus in uner­warteten Sit­u­a­tio­nen helfen, in sein­er Rolle zu bleiben. Der wichtig­ste Tipp: Nicht stressen lassen, die Sit­u­a­tion annehmen, wie sie ist und «mit­spie­len». Die spon­tane Spiel­freude der Samich­läuse und Schmut­zli brachte die liebenswerteste Eigen­schaft des Mannes hin­ter dem Bart zum Vorschein:

«Der Mann hin­ter dem Bart ist inner­lich Kind geblieben.»

Marie-Christine Andres Schürch
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