Der Wind, der uns begleitet
Egal, wie gross die Ausschläge sind, am Schluss wird das Bild immer irgendwie rund.
© Simone Maurer

Der Wind, der uns begleitet

Wind ist in der Bibel Symbol für den Heiligen Geist. Simone Maurers Bilder zeigen das Wirken dieser unsichtbaren Kraft

Simone Maurer aus Rütihof fängt in ihrer künstlerischen Arbeit den Wind auf Papier ein. Ob Böe oder Brise: Der Stift zieht sicher seine Bahnen. Maurers Werke können sinnbildlich stehen für das Leben – und für das Wirken des Heiligen Geistes.


Simone Mau­r­er, welche Frage stand am Anfang Ihrer kün­st­lerischen Arbeit mit dem Wind?
Am Anfang war der Strich. Erst im Laufe der Arbeit merk­te ich, dass er das «Sein» abbildet. Wie kann die Spur des Seins sicht­bar gemacht wer­den? Wie kann man «Sein» abbilden, ohne zu werten und zu klas­si­fizieren, son­dern ein­fach aufzeigen, was ist? Diese Fra­gen standen am Anfang meines Weges.

Und wie kamen Sie auf die Idee, Wind einz­u­fan­gen und auf Papi­er zu brin­gen?
Ich bin eine Tüft­lerin und hat­te schon immer gerne Maschi­nen, die mir das Leben leichter machen. Meine Ursprungsidee war, eine Mas­chine zu kon­stru­ieren, die einen ewig lan­gen Strich macht. Ich hat­te einen Schrittmo­tor im Sinn. Dann ent­deck­te ich aber auf Insta­gram einen Kün­stler mit ein­er riesi­gen Wind­mas­chine. Er ver­wen­dete für seine Kun­st den Begriff «Anemografie», von alt­griechisch «Anemo-» («den Wind betr­e­f­fend») und «graphein» (schreiben, zeich­nen). Die Idee faszinierte mich. Mit ein­fachen Mate­ri­alien aus dem Bau­markt habe ich eine Mas­chine entwick­elt, die ähn­lich­es kann, aber meinen Ver­hält­nis­sen entspricht.


Simone Mau­r­ers Wind­mas­chine: Das Papi­er liegt auf der mit dem Wind schwin­gen­den Plat­te.

Was brauchte es, bis die ersten Bilder entste­hen kon­nten?
Fast zwei Jahre lang habe ich die Mas­chine verbessert und weit­er­en­twick­elt. Auch heute ist sie kein Selb­stläufer, jedes Mal, wenn ich sie auf­stelle, muss ich wieder etwas daran justieren. Nur schon, um einen geeigneten Stift zu find­en, musste ich lange prö­beln. Ich arbeite mit einem Fine­lin­er und wäh­le für meine Bilder immer schwarz.

Die Kün­st­lerin
Simone Mau­r­er lebt in Rüti­hof bei Baden. Sie besuchte von 2019–2023 die Kun­stk­lasse der Kun­stschule Wet­zikon und arbeit­et seit sieben Jahren am The­ma Anemografie. Im Jahr 2018 erhielt Mau­r­er für ihr Pro­jekt «mini dec­ki», das Deck­en für geflüchtete Kinder näht und verteilt, den AKF-Frauen­preis. www.simonemaurer.ch

Hat­ten Sie Erwartun­gen, wie Wind auf dem Papi­er ausse­hen wird?
Nein, ich wusste nicht, wie die Bilder her­auskom­men und hat­te keine bes­timmte Erwartung. Doch je länger ich mit der Mas­chine arbeite und den Stift auf dem Papi­er beobachte, desto stärk­er wird die philosophis­che Dimen­sion dieser Arbeit. Die Anlage ist immer die gle­iche. Oben ist der Antrieb, er bewegt eine Stange, an der eine Quer­stange befes­tigt ist. In ein­er Hülse steckt der Stift. Kern ist nicht der Antrieb oben, son­dern die Plat­te, die unten aufge­hängt ist. Sie bewegt sich mit dem Wind hin- und her. Die Umstände machen den Unter­schied: Es gibt stür­mis­che Zeit­en, in denen die Plat­te wild hin und her schaukelt oder Regen­tropfen die Lin­ie ver­wis­chen. Aber auch Schön­wet­ter­phasen, wo sich die Plat­te nur san­ft bewegt. Der ganze Prozess ist ein Sinnbild für unser Leben. Auch wenn es phasen­weise Auss­chläge in alle Rich­tun­gen gibt, wird das Werk am Ende immer irgend­wie rund. Und wenn stets eit­el Son­nen­schein herrscht, gibt das nicht unbe­d­ingt ein span­nen­des Bild.

Wie bee­in­flusst die Wind­stärke das Bild?
Wenn es stark windet und böig ist, bewegt sich die Plat­te mit dem Papi­er stärk­er, so dass es mehr Quer­striche gibt. Der Kreis ist dann aus­ge­füllt und sieht beina­he drei­di­men­sion­al aus, fast wie eine Kugel. Bei starken Böen entste­hen auf der Kreis­lin­ie mehrere Nester aus Strichen. Der Stift sucht sich seinen Weg, der Strich bricht nie ab.

In der Bibel ist der Wind ein Sym­bol für den Heili­gen Geist, unsicht­bar und doch voller Kraft. Sie machen diese Kraft sicht­bar.
Was da passiert mit Wind, Papi­er und Stift, fasziniert mich immer wieder. Ich kön­nte stun­den­lang zuse­hen. Für mich ste­ht der Vor­gang auch sinnbildlich für das Wirken des Heili­gen Geistes. Ich bin überzeugt davon, dass wir gehal­ten sind von Gott. So, wie der Stift, der sich­er geführt wird. Wind in Kom­bi­na­tion mit dem Wet­ter ist die Energie des Moments. Er ist unberechen­bar und eigen­willig. Mal bläst er stark, mal lässt er tage­lang auf sich warten. Aber er ist immer da. Die Anemografie macht einen Auss­chnitt dieser immer­währen­den Kraft sicht­bar.

Marie-Christine Andres Schürch
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