Der Kitt, der uns zusammenhält

Die Regierungsrätin Martina Bircher war zu Gast am DispuTalk

Am Dienstag, 28. April, war die Aargauer Regierungsrätin Martina Bircher zu Gast bei Hans Strub am DispuTalk in Baden. Sie sprach über das Handyverbot an Schulen, die positive Wirkung von Spielgruppen und erklärte, was unsere Gesellschaft zusammenhält.

«Ehrlichkeit, Respekt und Dankbarkeit sind Werte, die Mar­ti­na Bircher wichtig find­et und ihrem jun­gen Sohn mit­gibt», ver­ri­et der katholis­che Kirchen­rat­spräsi­dent Pas­cal Gre­gor in seinem Begrüs­sungswort. Er freute sich, mit Mar­ti­na Bircher, der Vorste­herin des Departe­ments für Bil­dung, Kul­tur und Sport (BKS), eine engagierte Gesprächspart­ner­in am Dis­puTalk begrüssen zu kön­nen.

Das Gespräch mit Bircher führte Hans Strub, der in den ver­gan­genen Dis­puTalks bere­its einige promi­nente Gäste zu den The­men Hoff­nung, Liebe, Frieden und Zukun­ft befragt hat.

Fussball, Skirennen und Eishockey

Bevor sich das Gespräch den grossen Fra­gen wid­mete, wollte Hans Strub von Bircher wis­sen, welche Sport­sendun­gen sie als BKS-Chefin im Fernse­hen am lieb­sten schaue. Bircher offen­barte, dass sie zuhause nicht immer Her­rin über die Fernbe­di­enung sei: «Meis­tens bes­tim­men mein Part­ner und mein Sohn das TV-Sport-Pro­gramm», sagte sie. Doch Fuss­ball und Skiren­nen ver­folge sie gerne am Fernse­her, let­ztere mit grossem Respekt vor dem Mut der Ren­n­fahrer. Sie selb­st sei auf der Piste eher gemütlich unter­wegs. Mit dem Geständ­nis, dass sie beim Eishock­ey-Schauen Mühe habe, dem Puck zu fol­gen, brachte Mar­ti­na Bircher die Zuhören­den endgültig auf ihre Seite – vie­len im Pub­likum geht es ähn­lich.

Sport, Kultur und Bildung nicht gegeneinander ausspielen

Als Vorste­herin des BKS betonte Bircher, wie wertvoll Sport als Lern­feld für Kinder und Jugendliche sei: «Team­work, der Umgang mit Nieder­la­gen, nicht aufgeben und sog­ar über sich hin­auswach­sen: Das alles kön­nen Kinder im Sport erleben.» Aber auch die Kul­tur sei ein­er der Fak­toren, die Iden­tität stifteten, sagte Bircher und verkün­dete die Vision des BKS: «Wir wollen den gesellschaftlichen Zusam­men­halt stärken.» Dafür wolle sie – auch im BKS selb­st – wegkom­men vom Silo­denken und die Bere­iche Bil­dung, Kul­tur und Sport gle­ich­w­er­tig behan­deln. Das Stich­wort Zusam­men­halt griff Hans Strub gerne auf. Denn die Baden­er Dis­pu­ta­tion sei vor 500 Jahren auch aus Sorge um den Zusam­men­halt ein­berufen wor­den, erk­lärte Hans Strub: «Die Ref­or­ma­tion stellte die Gesellschaft vor eine Zer­reis­sprobe.»

Es hapert bei den Sprachkenntnissen

Dann lenk­te Hans Strub das Gespräch auf den Bere­ich Bil­dung: «Unsere Schulen sind nicht gut aufgestellt, unsere Kinder sind in wichti­gen Fäch­ern schlechter gewor­den. Da muss man etwas machen», meinte er halb fra­gend, halb her­aus­fordernd. Bircher nahm den Ball gerne auf: «In der Schweiz messen wir Leis­tun­gen auf ver­schieden­ste Arten. Und die Mes­sun­gen zeigen, dass die Leis­tun­gen der Schüler zurück­ge­hen». Die Gründe dafür kenne man noch nicht genau. Jedoch sei bekan­nt, dass nur noch jed­er zweite Realschüler über die Grund­kom­pe­tenz ver­füge, einen geschriebe­nen Text zu ver­ste­hen. Bircher erläuterte, dass das neue Volkss­chulkonzept bei der Sprachkom­pe­tenz anset­ze. Ab 2027 wird bei allen Vorschulkindern der Sprach­stand erhoben. Für diejeni­gen Kinder, die zu wenig gut Deutsch sprechen, wird dann der Besuch ein­er Spiel­gruppe vor dem Kinder­garten emp­fohlen und vom Kan­ton auch finanziell unter­stützt. «Die Rück­mel­dun­gen von Kinder­garten­lehrper­so­n­en zeigen, dass diese Mass­nahme wirkt», sagte Mar­ti­na Bircher.

«Lieber eine Schulreise in die Westschweiz»

Mar­ti­na Bircher gab zu bedenken, dass Kinder, die bere­its mit der deutschen Sprache Mühe haben, mit dem Erler­nen von Englisch und Franzö­sisch aber der 3. und 5. Klasse zusät­zlich über­fordert wür­den. Hans Strub fragte kri­tisch nach: «Ihre Hal­tung gegenüber dem Schul­franzö­sisch beisst sich mit der Pflege des Zusam­men­halts inner­halb der Schweiz, oder?» Mar­ti­na Bircher antwortete: «Wenn der Zusam­men­halt unseres Lan­des an den Acht-bis Elfjähri­gen hängt, dann ist das kein gutes Zeichen. Eine Schul­reise in die Westschweiz würde da mehr brin­gen, als dass bere­its Achtjährige Wörtli büf­feln müssen.»

Die Baden­er Dis­pu­ta­tion im Jahr 1526 war ein his­torisch­er Meilen­stein für den Dia­log zwis­chen den Kon­fes­sio­nen in der Schweiz. Die Gespräche über die the­ol­o­gis­chen Wahrheit­en und Glaubens­grund­la­gen fan­den während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Baden­er Stadtkirche statt, Teil­nehmer waren Vertreter der 13 Alten Orte der Eidgenossen­schaft sowie The­olo­gen aus dem In- und Aus­land. Zur 500-Jahr-Feier der Baden­er Dis­pu­ta­tion organ­isieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholis­che Kirchge­meinde Baden-Ennet­baden ein umfan­gre­ich­es Jubiläum­spro­gramm unter dem Titel «Disput(N)ation». Das Pro­jekt will Geschichte lebendig machen, den Dia­log in der Gesellschaft stärken und ver­schieden­ste Men­schen ein­binden.

Das Elternhaus ist noch immer entscheidend

Ange­sprochen auf ihren Nid­wald­ner Kol­le­gen Res Schmid, den ältesten Bil­dungs­di­rek­tor der Schweiz, der die Zuwan­derung für die schlecht­en Bil­dungsre­sul­tate ver­ant­wortlich macht, präzisierte Mar­ti­na Bircher, dass vor allem das Eltern­haus für den Bil­dungser­folg ver­ant­wortlich sei. Diesen Effekt habe man in den let­zten Jahren trotz aller Mass­nah­men nicht wegge­bracht. Nüchtern betra­chtet, beste­he der Zusam­men­hang zwis­chen Zuwan­derung und Bil­dungser­folg in der Tat­sache, dass viele Aus­län­derin­nen und Aus­län­der eher bil­dungs­fern­er seien als Schweiz­er: «Ich sehe keine Schweiz­er am Abend die SBB-Wag­gons reini­gen oder die öffentlichen Toi­let­ten putzen. Da gibt es offen­sichtlich einen Zusam­men­hang.»

Erkenntnisse dank Daten

Bircher berichtete von einem Besuch in Ham­burg, das vor zehn Jahren punk­to Bil­dung als eines der schlecht­esten Bun­deslän­der abschnitt. Inzwis­chen ste­he Ham­burg viel bess­er da. Beim Besuch habe sie erfahren, dass die Ham­burg­er alles Mögliche messen: «So kön­nen sie von zwei ver­schiede­nen Lehrmit­teln sagen, welch­es bessere Ergeb­nisse bringt. Dieses Wis­sen fehlt uns.» Aus den während der Coro­na-Pan­demie in Ham­burg erhobe­nen Dat­en liess sich her­ausle­sen, dass Kinder aus bil­dungsna­hen Fam­i­lien während der Schulschlies­sung grössere Fortschritte macht­en, als wenn sie in der Schule gewe­sen wären. Die sozioökonomisch schwäch­er gestell­ten Kinder blieben der­weil ste­hen.

Kampf der «Abkläritis»

Ihre länger­fristige Vision der Volkss­chule beschrieb die Aar­gauer Bil­dungs­di­rek­tor so: «Wir haben die inte­gra­tive Schule im Aar­gau neu definiert. Alle Kinder gehen ins gle­iche Schul­haus, aber nicht zwin­gend in die gle­iche Klasse. Die Vision ist: Jedes Kind zur richti­gen Zeit in der richti­gen Klasse.» Diese For­mulierung sug­geriere bewusst Durch­läs­sigkeit, Klassen­wech­sel seien möglich. Bei der Entschei­dung, welche Klasse für das jew­eilige Kind die richtige ist, komme den Lehrper­so­n­en eine grosse Ver­ant­wor­tung zu, betonte Bircher. Sie räumte auch ein, dass es Fra­gen gebe, für die sie noch keine Lösung habe: «Wenn ein Kind eine Diag­nose bekommt, gibt es mehr Ressourcen. Das set­zt einen Fehlanreiz, möglichst viele Kinder abzuk­lären. Für diesen Fehlanreiz habe ich noch keine Lösung, aber wir müssen eine suchen.» Hans Strub hak­te ein und erkundigte sich, was getan wer­den müsse, um nicht in eine «Abkläri­tis» hineinzuger­at­en. «Ich glaube, da steck­en wir schon drin «, antwortete Bircher.

Verän­derte Unter­richts­for­men, wie sie heute ver­bre­it­et seien, böten eini­gen Kindern zu wenig Struk­tur: «Wenn die Struk­tur zu offen ist, machen sich Kinder, die beispiel­sweise eine Autismusspek­trumsstörung haben, eher bemerk­bar, weil sie feste Abläufe brauchen.» Das Pen­del schlage zurück. Diesen Satz sagte Mar­ti­na Bircher mehrmals – ger­ade auch im Zusam­men­hang mit der Dig­i­tal­isierung.

Das Pendel schlägt zurück

Die ständig ver­füg­baren dig­i­tal­en Medi­en sind für Eltern ein ständi­ger Kampf. Bircher sprach als Mut­ter: «Zu sagen «jet­zt ist fer­tig», ist jedes­mal ein Kampf.» Sie ist überzeugt: Wir haben es mit der Dig­i­tal­isierung über­trieben.» Die 1:1‑Ausstattung mit Geräten bere­its in der Pri­marschule find­et sie nicht sin­nvoll. «Wir haben die Stan­dards für die Aus­rüs­tung mit Geräten nun stark her­abge­set­zt. Damit haben wir erre­icht, dass jet­zt in den Lehrerz­im­mern disku­tiert wird, ob es wirk­lich sin­nvoll ist, jedem 3. Klässler schon ein I‑Pad zu geben. Das ist sehr gut, die Diskus­sion ist lanciert.»

«Endlich!» — Das Handyverbot an Schulen

Eine von Birchers ersten Amt­shand­lun­gen als Regierungsrätin war, ein kan­ton­sweites Handyver­bot an Schulen einzuführen. Sie ist mehr denn je davon überzeugt, dass das der richtige Schritt war. Schüler berichteten ihr in einem Brief von ihrem Klassen­lager ohne Handys, wo wie super Abende mit Piz­z­aback­en und Uno-Spie­len genossen hät­ten. Ein Jour­nal­ist des SRF-Region­aljour­nals, der an der Schule Oftrin­gen eine neg­a­tive Stimme zum Handyver­bot ein­fan­gen wollte, habe an der ganzen Schule keine gefun­den. Der Tenor laute: «Endlich!». Bircher zeigte sich überzeugt: «In fünf Jahren wird das Handyver­bot an allen Schweiz­er Schulen in Kraft sein.»

Es braucht das persönliche Engagement

Hans Strub wollte von sein­er Gesprächspart­ner­in wis­sen, welchen Begriff sie aus dem Klee­blatt Frieden, Liebe, Hoff­nung und Zukun­ft auswäh­le. «Ich picke ich einen Begriff her­aus, ohne zu sagen, dass die anderen nicht wichtig sind. Aber heute ist Frieden zen­tral. Und da liegt auch die Dankbarkeit nahe», antwortete Mar­ti­na Bircher.

Auf die Frage aus dem Pub­likum, ob nun der Sport, die Kul­tur oder die Bil­dung der Kitt der Gesellschaft sei, antwortete Mar­ti­na Bircher mit einem starken Plä­doy­er: «Sowohl der Sport als auch die Kul­tur und die Bil­dung leben vom frei­willi­gen Engage­ment. Jede Per­sön­lichkeit hat ihre eige­nen Vor­lieben und junge Men­schen sollen alle Bere­iche ken­nen­ler­nen, ger­ade auch kul­turelle Ange­bote. Die Her­anwach­senden sollen sich engagieren, wo es ihnen gefällt. Das Engage­ment jedes Einzel­nen ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusam­men­hält.»

Marie-Christine Andres Schürch
mehr zum Autor
nach
soben