«Drei Katholiken – und niemand bemerkte es!»
Urs Hofmann war von 2009 bis 2020 Regierungsrat des Kantons Aargau.
© Marie-Christine Andres

«Drei Katholiken – und niemand bemerkte es!»

9. DispuTALK mit Urs Hofmann, ehemaliger Regierungsrat des Kantons Aargau

Am Freitag, dem 13. März, fand der neunte DispuTALK statt. Diesmal war der ehemalige Aargauer Regierungsrat Urs Hofmann zu Gast in der FassBar in Baden. Mit Hans Strub sprach Hofmann engagiert über die Herausforderungen unserer Zeit, wies aber auch immer wieder auf positive Entwicklungen hin.

Viele der Fra­gen und Anek­doten, die im Anschluss an das Gespräch aus dem Pub­likum kom­men, drück­en Wertschätzung und Dankbarkeit für Urs Hof­manns poli­tis­ches Wirken aus. Seine dif­feren­zierte und undog­ma­tis­che Art zu poli­tisieren, ist auch sechs Jahre nach seinem Ausstieg aus der Poli­tik vie­len in bester Erin­nerung geblieben.

Nachkriegsgeneration

Eine wichtige Dif­feren­zierung macht Hof­mann gle­ich zu Beginn. Gespräch­sleit­er Hans Strub stellt fest, dass Hof­mann mit Jahrgang 1956 in der Nachkriegszeit geboren sei und zur Gen­er­a­tion der soge­nan­nten «Boomer» gehöre. Strub schliesst die Frage an, ob man heute den Begriff «Nachkriegszeit» über­haupt noch ver­wen­den könne angesichts der wiederum von Krieg geprägten Gegen­wart. Hof­mann find­et: «Der zweite Weltkrieg war eine grosse Zäsur, welche die darauf­fol­gen­den Jahre geprägt hat. Deshalb passt der Begriff Nachkriegszeit immer noch. Die Eltern waren unmit­tel­bar vom Krieg geprägt, das ist das Beson­dere dieser Nachkriegs­gen­er­a­tion, der ich ange­höre.»

Krieg war immer Thema

Dass es für die Boomer nur immer aufwärts gegan­gen sei und sie von ein­er friedlichen Welt prof­i­tiert haben, könne er nicht ganz so ste­hen lassen, erk­lärt Hof­mann. «Der Krieg war dur­chaus real – der Viet­namkrieg und der Ein­marsch der Russen in die Tsche­choslowakei, später der Krieg im ehe­ma­li­gen Jugoslaw­ien: Die Kriegs­the­matik war immer da und hat uns beschäftigt.» Auch der Kalte Krieg habe bedrohlich gewirkt und vie­len Angst gemacht. Das erlebte Hof­mann beson­ders stark während sein­er Rekruten­schulzeit im Jahr 1976.

Einschneidend

Während sein­er Zeit als Regierungsrat zwis­chen 2009 und 2020 sei das ein­schnei­dend­ste Ereig­nis die Covid-Pan­demie gewe­sen, erin­nert sich Hof­mann. Dass Grossan­lässe von einem Tag auf den anderen abge­sagt wür­den und während Monat­en keine Events mehr stat­tfind­en kön­nten, hätte man sich vor der Pan­demie nie vorstellen kön­nen, sagt er. Er verdeut­licht: «Meine Gross­mut­ter erwäh­nte manch­mal, als ich noch ein Kind war, dass der Aarauer Maien­zug früher ein­mal wegen ein­er Schar­lach-Epi­demie abge­sagt wor­den sei. Und die Basler Fas­nacht musste ein­mal wegen des Aus­bruchs der Pest aus­fall­en.»

Alternative Energien nicht ausbremsen

Ein weit­eres prä­gen­des Ereig­nis war der Unfall im Atom­kraftwerk Fukushi­ma im Jahr 2011. Der Aar­gauer Regierungsrat stützte die dama­lige Lin­ie des Bun­desrats, aus der Atom­kraft auszusteigen. «Damals wurde den Leuten bewusst, dass bei der Stromver­sorgung auch die Dezen­tral­ität eine Rolle spielt. Weil die Atom­kraftwerke Bez­nau 1 und 2, Leib­stadt und Gös­gen so nahe beieinan­der­ste­hen, haben wir ein «Klumpen­risiko»», erk­lärt Hof­mann. Dass im Schweiz­er Par­la­ment heute wieder über die Aufhe­bung des Ver­bots neuer Kernkraftwerke disku­tiert werde, bremse den nöti­gen Aus­bau alter­na­tiv­er Energie wie Wind‑, Solar- und Wasserkraft, mah­nt er.

Klima und Wohnen als grösste Herausforderungen

Neben der sicheren Energiezukun­ft gibt es zahlre­iche weit­ere Her­aus­forderun­gen. Hans Strub möchte wis­sen, welche Fra­gen den Aar­gau vor allem beschäfti­gen. Doch Hof­mann ist überzeugt, dass es keine aar­gau-spez­i­fis­chen Her­aus­forderun­gen gebe, son­dern der Kan­ton als Teil eines grösseren Ganzen funk­tion­iere. Die Gesellschaft sei so vielschichtig, dass alle Her­aus­forderun­gen zusam­men­hin­gen und man nicht die zwei, drei wichtig­sten her­aus­pick­en könne. Den­noch nen­nt der ehe­ma­lige Regierungsrat zwei The­men, die ihn beschäfti­gen: «Eine grosse Her­aus­forderung ist das Kli­ma, eine weit­ere das Wohnen. Die Frage lautet: Wie kön­nen wir für alle Men­schen eine Leben­sumge­bung schaf­fen, wo es ihnen wohl ist?» Hoff­nung, dass es Lösun­gen gibt, hat Hof­mann dur­chaus: «Ich sehe nicht schwarz. Solange die Leute sich nicht zurückziehen, son­dern sich weit­er engagieren, habe ich Hoff­nung.»

Höhe- und Tiefpunkte

Eines sein­er Haup­tan­liegen als Vorste­her des Departe­ments Volk­swirtschaft und Inneres sei gewe­sen, die Durch­läs­sigkeit zwis­chen Forschung und Wirtschaft zu erhöhen und die Ver­net­zung zu fördern. Das im Jahr 2012 gegrün­dete High­tech Zen­trum, das kleine und mit­tlere Unternehmen unkom­pliziert und prax­is­nah bei Inno­va­tionsvorhaben unter­stützt, ver­dankt der Aar­gau zu einem grossen Teil der Idee und Überzeu­gungskraft von Urs Hof­mann. Ein Tief­punkt sein­er Amt­szeit seien die Ver­hand­lun­gen mit dem Unternehmen Gen­er­al Elec­tric gewe­sen, das seit 2015 über 3000 Stellen im Kan­ton abbaute.

Schuss ins Knie

Ange­sprochen auf die Ini­tia­tive gegen eine 10 Mil­lio­nen-Schweiz find­et Hof­mann klare Worte: «Es war immer eines mein­er zen­tralen The­men in Refer­at­en, wie viele Men­schen in der Schweiz in den näch­sten Jahren aus dem Arbeit­sprozess auss­chei­den und wie wenige nachkom­men. Wir sind auf Arbeit­skräfte angewiesen. Trotz­dem kom­men von eini­gen Poli­tik­ern noch immer illu­sorische Vorschläge, wie zum Beispiel, den Fam­i­li­en­nachzug abzuschaf­fen.» Die Ini­tia­tive erin­nert Hof­mann an seine poli­tis­chen Anfänge. Als junger Poli­tik­er habe er die «mitenand»-Initiative unter­stützt, die Gegenini­tia­tive zur Schwarzen­bach-Ini­tia­tive. Am Parteitag der SVP habe er die «mitenand»-Initiative vorstellen und vertreten müssen. Danach stimmten die Delegierten ab und ver­war­fen sein Anliegen mit null Gegen­stim­men. Hof­mann ist überzeugt: «Die Alter­na­tive zur 10-Mil­lio­nen-Schweiz wäre, dass es uns wirtschaftlich schlechter geht. Ich hoffe, dass das Schweiz­er Volk im Juni diese Ini­tia­tive ablehnt. Dieser Schuss kön­nte nicht nur nach hin­ten los­ge­hen, son­dern ein Schuss ins eigene Knie sein.

 Wichtig ist ihm, zu beto­nen, dass die Schweiz über viele Jahrzehnte hin­weg gute Inte­gra­tionsar­beit geleis­tet hat. In der Schweiz gebe es keine Ghet­tos, Schweiz­er und Aus­län­der wohnen Tür an Tür und das Zusam­men­leben funk­tion­iere rel­a­tiv gut. Das hät­ten die let­zten 30, 40 Jahre gezeigt.

Untergang des Kantons Aargau – und der ganzen Welt!

Urs Hof­mann hat in sein­er Kinder- und Jugendzeit noch erlebt, dass kon­fes­sionelle Unter­schiede eine wichtige Rolle spiel­ten. Etwas, das viele ältere Men­schen selb­st erlebt haben, worüber aber jün­gere Men­schen nur den Kopf schüt­teln oder lachen.  

Hof­manns Gross­mut­ter war Christkatho­likin. Deren Mut­ter, Hof­manns Urgross­mut­ter, pflegte zu sagen, dass, soll­ten in der Aar­gauer Regierung ein­mal drei römisch-katholis­che Mit­glieder sitzen, nicht nur der Aar­gau, son­dern die Welt unterge­hen würde. In früheren Zeit­en hat­te man ver­sucht, ein solch­es Szenario zu ver­hin­dern. Doch im Jahr 2009 war es soweit: «Nach mein­er Wahl sassen mit Roland Brogli, Alex Hürzel­er und mir drei römisch-katholis­che Mit­glieder in der Kan­ton­sregierung», erzählt Urs Hof­mann Und der Clou: «Nie­mand bemerk­te es!», erin­nert er sich.

Ministrant

Auch habe er als Junge unbe­d­ingt Min­is­trant wer­den wollen. Als er sich jedoch im Reli­gion­sun­ter­richt meldete, wurde er nicht aus­gewählt – weil sein Vater reformiert war: «Ich stammte aus ein­er soge­nan­nten Mis­chehe», erk­lärt Hof­mann. Heute schmun­zelt er bei der Erin­nerung, damals jedoch weinte und tobte er, so dass seine Mut­ter beim Vikar vor­sprach. Dieser lenk­te schliesslich ein und sagte: «Also, machen wir eine Aus­nahme. Es darf ein­fach nie­mand davon wis­sen.»

Nicht nur die poli­tis­chen Beziehun­gen, son­dern auch das pri­vate Umfeld gut zu pfle­gen, war für Urs Hof­mann zeitlebens wichtig und hat sich als wertvoll erwiesen. «Diese Men­schen bleiben dir auch, wenn das Amt und die poli­tis­chen Wegge­fährten weg­fall­en.» Der Abend in der Fass­Bar hat gezeigt, dass ihn neb­st Ver­wandten und Fre­un­den viele weit­ere Men­schen weit­er­hin als wichtige Stimme schätzen.

Zur Per­son
Urs Hof­mann, Jahrgang 1956, studierte Rechtswis­senschaften an der Uni Zürich und führte ein Anwalt- und Notari­ats­büro in Aarau. Seine poli­tis­che Kar­riere als Mit­glied der Sozialdemokratis­chen Partei (SP) startete er im Aarauer Ein­wohn­errat, war danach Mit­glied des Aarauer Stad­trats, später des Grossen Rats, von 1999–2009 war Hof­mann Nation­al­rat und während dieser Zeit Präsi­dent der Finanzdel­e­ga­tion der Eidgeös­sis­chen Räte. Von 2009 bis 2020 amtete Urs Hof­mann als Regierungsrat des Kan­tons Aar­gau mit dem Ressort Volk­swirtschaft und Inneres. Hof­mann engagiert sich als Präsi­dent der Fre­unde des Zen­trums für Demokratie Aarau, im Ver­wal­tungsrat der SIX Ter­ravis AG und als Präsi­dent der Stiftung LEBENSRAUM AARGAU. Hof­mann lebt in Aarau, ist ver­heiratet und hat drei erwach­sene Kinder. www.urs-hofmann.ch

Marie-Christine Andres Schürch
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