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Erfahrung statt Algorithmus: Heiner Hug steht für echten Journalismus im KI-Zeitalter
Seit 55 Jahren ist Heiner Hug als Journalist tätig. Am Freitag, 24. April, war er Gast bei Hans Strub im DispuTalk in der Sebastianskapelle in Baden. Der ehemalige SRF Tagesschau-Chef denkt nicht ans Aufhören. Mit seinem Journal21 will er weiterhin anspruchsvollen Journalismus machen.
Begonnen hat die Karriere von Heiner Hug 1971 als Redaktor beim Schweizer Fernsehen. Anschliessend berichtete er für den Sender während 17 Jahren als Korrespondent aus Genf über internationale Themen und die Westschweiz. Daneben arbeitete er freischaffend für ZDF, NZZ und bei der Nachrichtenagentur «Associated Press».
Stress und Distanz
Heiner Hug erinnerte sich lebhaft an diese Zeit und erzählte eindrücklich von der Arbeit als Journalist: vom Umgang mit Stress und von der Bewältigung der Bilderflut, der die Medienschaffenden beim Fernsehen ausgeliefert sind. «Wie geht man mit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen um, mit den vielen auch schrecklichen Informationen, die man verarbeiten muss?», wollte Hans Strub von seinem Gesprächspartner wissen.
Darauf erzählte Heiner Hug die Geschichte eines befreundeten Kameramanns. Dieser musste vor Ort die Verwüstungen des Attentats in Bologna im Jahr 1980 dokumentieren. Inmitten der vielen Opfer habe er mit seiner Kamera das Grauen eingefangen. In dem Moment, als er die Kamera weggelegt habe, habe er den Anblick nicht mehr ertragen. Mit der Geschichte verbildlichte Heiner Hug die professionelle Distanz, über die Journalistinnen und Journalisten bei ihrer Arbeit verfügen müssten.
Auch der DispuTalk-Gast hat in seinem Berufsleben viel Elend gesehen. Seine Arbeit als Fernsehredaktor brachte ihn nach Afghanistan, Pakistan, Iran, Irak, Sudan, Äthiopien, Angola oder Mosambik, wo er zahlreiche Reportagen in Kriegs- und Krisengebieten machte. Dazu sagte Heiner Hug: «Der Krieg ist nicht so, wie wir ihn im Fernsehen sehen, er ist hundertmal schlimmer».
Katastrophale Zeiten für den Journalismus
Nach seinen Jahren als Fernsehredaktor in Genf und im Ausland wurde Heiner Hug Anfang der 90er Jahre Auslandchef in der Zentralredaktion in Zürich, wo er schliesslich während fünf Jahren Tagesschau-Chef war. Nach seiner Pension 2008 gründete er die Internet-Zeitung Journal21, die er bis heute leitet und mit der er einen Kontrapunkt setzen will zum heutigen Journalismus, den er katastrophal findet. Die Zeitungen kämpften ums Überleben, nicht zuletzt darum, weil die Menschen nicht mehr gewillt seien, für Informationen etwas zu bezahlen, sagt der online-Verleger. Lieber läsen sie Gratiszeitungen, die nun aber auch schon wieder passé seien. «Die nächste Eskalationsstufe der Journalismus-Katastrophe ist die Künstliche Intelligenz», sagte Heiner Hug und forderte das Publikum auf, diese selbst zu testen: «Lassen Sie sich von ChatGPT einen Artikel über die Hungersnot im Sudan schreiben. Der Chatbot kann das und das Verfluchte ist, der Artikel ist gut.»
Menschen schreiben anders als Chatbots
Dennoch ist der Vollblut-Journalist überzeugt, dass Menschen mit Erfahrungen, Augenzeugen Artikel schreiben, die Chatbots nicht schreiben können. Aus diesem Grund verpflichteten sich die Journalistinnen und Journalisten seiner Internet-Zeitung, ihre Artikel ohne KI zu schreiben. Da die Schreibenden in der Regel pensioniert sind, arbeiten sie ehrenamtlich. Die anfallenden Kosten für den Betrieb der Webseite werden mit Spenden gedeckt. Der grosse Vorteil sei, dass er heute diejenigen Artikel schreiben könne, die er wolle – jenseits von Trends und vermeintlicher Relevanz, sagte Heiner Hug.
Internationale Organisationen unter Druck
Hans Strub sprach den Journalisten auf seinen Artikel über das «World Food Programme» an. Das Welternährungsprogramm der UNO sichert das Überleben von Millionen Menschen, die in vielen Ländern von Hunger betroffen sind. Die Kürzung des US-Beitrags, die der amerikanische Präsident veranlasste, habe katastrophale Folgen für die Hungernden, schrieb Heiner Hug in seinem Artikel. Das Thema Hunger werde bei den internationalen Organisationen in Genf heutzutage viel zu wenig besprochen, und der ehemalige Genf-Korrespondent äusserte sein Bedauern über den Bedeutungsverlust der internationalen Organisationen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe ein goldenes Zeitalter begonnen. In den 60er- bis 80er-Jahren habe die Hoffnung bestanden, dass sich alles zum Besseren entwickle. Er erinnerte an die Errungenschaften der Genfer Konventionen, mittels derer die Kriege etwas weniger grausam gewesen seien, wie Angehörige des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes ihm berichtet hätten.
Er habe nah miterlebt, wie die Diplomatinnen und Diplomaten langwierige Gespräche geführt hätten und Schritt für Schritt Kompromisse hätten erzielen können. Diese langjährige Arbeit wische ein Donald Trump mit kurzfristigen Entscheiden einfach weg. Überhaupt hielt sich Heiner Hug mit seiner Antipathie dem amerikanischen Präsidenten gegenüber nicht zurück.
Papst gegen Präsident
Hans Strub wollte von seinem Gast wissen, ob der neue Papst Leo eine Hoffnung für die Welt sei. In der Geschichte seien die Päpste eher auf der Seite der Mächtigen gestanden, sagte Heiner Hug. Als Reformierter aus der Zwingli-Stadt habe er keinen grossen Bezug zum Papst. Ihm habe aber Papst Leos Schlagabtausch mit dem amerikanischen Präsidenten gefallen. Und der Journalist zitierte amerikanische Zeitungen, die berichteten, dass Donald Trump deswegen im Weissen Haus getobt habe.
Fan von Europa
Heiner Hug outete sich als ein grosser Fan von Europa. Dass sich die Schweiz mit der Mitgliedschaft schwertue, könne er heute besser nachvollziehen als früher. Aber er gab zu bedenken, dass die Schweiz kein Inseldasein führen könne und nicht gut daran tue, Rosinen zu picken. Faktisch sei die Schweiz Teil von Europa und ihre Gesetze in den meisten Fällen EU-kompatibel.
Zum Schluss des Gesprächs forderte Hans Strub seinen Gast auf, einen der Leitbegriffe – Hoffnung, Liebe, Frieden und Liebe – zu kommentieren. Heiner Hug wählte «Hoffnung» und formulierte sie so: « Ich hoffe, dass Trump den Bogen nun überspannt hat, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner merken, welches Spiel er spielt. Wenn er den Rückhalt bei den Zwischenwahlen verliert, dann wird er in seinem Handeln endlich eingeschränkt.»