Demokratie ist kein Selbstläufer
Monika Waldis Weber war am 17. April 2026 zu Gast am DispuTalk in Baden.
© Marie-Christine Andres

Demokratie ist kein Selbstläufer

Die Demokratieforscherin Monika Waldis Weber war zu Gast am DispuTalk in Baden

Monika Waldis Weber ist Direktionsmitglied des Zentrums für Demokratie Aarau ZDA und Abteilungsleiterin Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der Pädagogischen Hochschule an der FHNW. Am Freitag, 17. April, war sie zu Gast am DispuTalk in Baden und sprach mit Hans Strub über die politische Bildung vom Kindergarten bis zum Gymnasium und darüber, was Innovation in der Politik bedeuten kann.

Moni­ka Wald­is Weber betreibt am Zen­trum für Demokratie Aarau, kurz ZDA, Demokratieforschung. Sie ist überzeugt, dass poli­tis­che Bil­dung schon im Kinder­garten begin­nen kann. Sie sagt: «Wir am ZDA sind überzeugt, dass wir mit Demokratiebil­dung und Wis­sen über die Machtver­hält­nisse schon kleinen Kindern poli­tis­che Grund­la­gen ver­mit­teln kön­nen.»

Lehrmittel entwickeln

Neben ihrer Leitungs­funk­tion am Zen­trum für Demokratie unter­richtet Wald­is an der Uni Basel Fach­di­dak­tik für kün­ftige Lehrper­so­n­en. Die Idee ist, die poli­tis­che Bil­dung zu pro­fes­sion­al­isieren. Noch habe die poli­tis­che Bil­dung in unserem Bil­dungssys­tem einen kleinen Stel­len­wert, sagt Wald­is, das ZDA arbeite jedoch daran, die Grund­la­gen für die Ver­mit­tlung zu schaf­fen. Dazu gehören Umfra­gen auf ver­schiede­nen Schul­stufen – zum Beispiel Inter­views darüber, was Jugendliche auf Social Media über Poli­tik mit­bekom­men – und darauf auf­bauend die Entwick­lung von Lehrmit­teln. «Wichtig ist, dass die Lehrper­so­n­en aktuelle Unter­la­gen zur Ver­fü­gung haben. Wir ver­suchen, Lehrmit­tel zu entwick­eln, die in der Prax­is funk­tion­ieren.»

Demokratische Gefässe an Schulen

Gespräch­sleit­er Hans Strub, ehe­mals als Pri­mar­lehrer tätig, fragt, welche Anre­gun­gen er heute für seine Viertk­lässler bekom­men würde, um deren poli­tis­che Bil­dung zu fördern. Wald­is erk­lärt, eine aktuelle Unter­suchung habe ergeben, dass Klassen­räte und Schüler­par­la­mente an vie­len Schulen noch nicht existierten. Die Ein­führung solch­er Gefässe sei ein erster Schritt, Poli­tik zu erfahren. Selb­ständi­ge und zukun­ft­sori­en­tierte Demokratin­nen und Demokrat­en her­vorzubrin­gen, wie Hans Strub es for­muliert, sei natür­lich das Ziel: «Men­schen miteinan­der ins Gespräch zu brin­gen und dafür zu sor­gen, dass sie sich ver­ständi­gen kön­nen, ist etwas, das wir in der Schule fördern müssen.»

Aarau als Stube der Demokratie

Auf Strubs Frage, ob der 12. April 1798, der Tag der Verkündi­gung der Repub­lik durch Peter Ochs in Aarau, die Geburtsstunde der Demokratie in der Schweiz gewe­sen sei – oder doch eher der Rütlis­chwur – meint die Demokratie­ex­per­tin: «Vielle­icht ist es ganz gut, wenn wir ver­schiedene Dat­en und Orte der Natio­nen­bil­dung in der Schweiz haben. Wichtig ist es, dass wir uns immer wieder ein­mal daran erin­nern, dass unsere Demokratie gepflegt wer­den muss.» Gast­ge­ber Hans Strub erin­nert daran, dass die Demokratie ein prozesshaftes Geschehen sei und nicht von einem Moment auf den anderen ein­fach dagewe­sen sei. Der 12. April 1798 brachte einige Errun­gen­schaften wie die all­ge­meine Schulpflicht, und wenig später erfol­gte die Grün­dung des Kan­tons Aar­gau. Mit Lead­er­fig­uren wie Hein­rich Zschokke, der eine erste Bank für Kleinkred­ite für die Land­bevölkerung grün­dete, war Aarau zu dieser Zeit eine Art «Stube der Demokratie».

Bis 1971 und der Ein­führung des nationalen Frauen­stimm­rechts war die Schweiz eine Män­nerdemokratie. Auch fehlten einige Instru­mente der direk­ten Demokratie wie Ini­tia­tive und Ref­er­en­dum noch.

Faktoren, die Autokratien kennzeichnen

Das V‑Dem-Insti­tut, ein Forschungsin­sti­tut zu glob­alen Demokratiefra­gen, ergab, dass aktuell 74 Prozent der Welt­bevölkerung in Autokra­tien leben. All­ge­mein sei ein Demokratierück­gang zu beobacht­en: Fak­toren wie die Ein­schränkung der Medi­en, der Forschung und des wis­senschaftlichen Schaf­fens, eine Selb­stzen­sur der Medi­en, die Ein­schränkung der Zivilge­sellschaft oder das Unter­laufen der Geset­zge­bung seien Zeichen ein­er zunehmenden Autokratisierung eines Lan­des.

Das Steuer herumreissen

Um das Steuer herumzureis­sen sei es wichtig, frühzeit­ig zu han­deln, indem die Gerichte und die Leg­isla­tive sich für die Demokratie ein­set­zten und die Medi­en ihre Unab­hängigkeit vertei­digten. Aus aktuellem Anlass sagte Wald­is: «Wenn es Ungarn gelingt, seine Struk­turen wieder zu demokratisieren, ist das ein starkes Sig­nal für ganz Europa.»

Natür­lich sei es ein Stück weit men­schlich, schnelle und ein­fache Lösun­gen zu bevorzu­gen und dem Pop­ulis­mus zu erliegen, gab Wald­is zu bedenken. Jedoch brauche es auch die Ein­sicht, dass die Gewal­tenteilung uns vor Kor­rup­tion und Willkür schützt.

«Man könnte es wagen»

Dass in der Schweiz teil­weise bis zu 50 Prozent der Bevölkerung nicht abstim­men könne, weil Aus­län­der kein Stimm­recht haben, werfe die Frage auf, ob wir ohne die eine Hälfte der Bevölkerung tragfähige Entschei­de tre­f­fen kön­nten, sagt Wald­is: «Wer mitbes­tim­men kann, fühlt sich nor­maler­weise auch zuge­hörig. Mein­er Mei­n­ung nach kön­nte man es wagen, auch Nicht-Schweiz­er mitbes­tim­men zu lassen. Es gibt schon Gemein­den, die die aus­ländis­che Wohn­bevölkerung auf kom­mu­naler Ebene mitbes­tim­men lassen.»

Politische Innovation

Das ZDA ist laut Selb­st­beschrei­bung auch zuständig für demokratis­che Inno­va­tio­nen. Moni­ka Wald­is macht ein Beispiel dafür, welche For­men man sich darunter vorstellen kön­nte: «Zum Beispiel wer­den hun­dert Bürg­erin­nen und Bürg­er aus­gelost, die dann ein­ge­laden wer­den, über Mass­nah­men zum Kli­maschutz zu disku­tieren.» In diesem Beispiel hät­ten Experten in der Runde Fra­gen beant­wortet. Nach drei Woch­enen­den hat­te die Gruppe eine Zusam­men­fas­sung ver­fasst, daraus wur­den dann Empfehlun­gen in den Abstim­mung­sun­ter­la­gen. Wald­is erk­lärt: «Die Frage ist, wie die Ergeb­nisse inno­v­a­tiv­er For­mate in den öffentlichen Diskurs ein­fliessen kön­nen.»

Bedürfnisse müssen erfüllt sein

Der Köl­ner Poli­tikpro­fes­sor Thomas Jäger schreibt, dass die men­schlichen Grundbedürfnisse Sicher­heit, Zuge­hörigkeit, das Gefühl, Ein­fluss zu haben und wirk­sam zu sein, Würde und das Bedürf­nis, Sinn zu erken­nen, erfüllt sein müssten, damit Demokratie funk­tion­iert. Moni­ka Wald­is stimmt dieser Ein­schätzung zu. Sie sagt: «Die Voraus­set­zun­gen in der Schweiz sind gut, darauf kön­nen wir auf­bauen.» Ob die Demokratie in der Schweiz dem­nach unge­fährdet sei, erkundigt sich Hans Strub. «Nein, wir erleben in der Wis­senschaft, dass die Forschungs­gelder gedeck­elt wur­den. Das wird an den Hochschulen zu spüren sein und wir müssen schauen, dass die Geis­teswis­senschaften nicht unter die Räder kom­men.» Denn es brauche neben natur­wis­senschaftlich­er Forschung auch die Gesellschafts‑, Gesund­heits- und Geis­teswis­senschaften.

Liebe zum Land

Auf die Abschlussfrage, welchen Begriff sie aus Frieden und Hoff­nung, Zukun­ft und Liebe wählen würde, erk­lärte Moni­ka Wald­is: «Ich würde Liebe wählen. Liebe zum Land, in dem wir leben dür­fen und uns ent­fal­ten kön­nen. Aber auch Näch­sten­liebe, die im All­t­ag und im Beruf­sleben wichtig sind.» Sie zitiert die jüdis­che Denkerin und Autorin Han­nah Arendt, die sich inten­siv mit dem total­itären NS-Regime auseinan­derge­set­zt hat: «Wo das Sprechen aufhört, hört die Poli­tik auf.»

Zen­trum für Demokratie Aarau ZDA
Welche Auswirkun­gen hat die Glob­al­isierung auf die Demokratie? Wie verän­dert elek­tro­n­is­ches Abstim­men und Wählen die direk­te Demokratie? Was für Ziele hat poli­tis­che Bil­dung in Demokra­tien? Mit solchen Fra­gen set­zen sich die rund 45 Forschen­den am ZDA auseinan­der. Als wis­senschaftlich­es Zen­trum betreibt die Organ­i­sa­tion Grund­la­gen­forschung und befasst sich mit aktuellen Fra­gen zur Demokratie – in der Schweiz, in Europa und weltweit. Das Zen­trum für Demokratie Aarau wird von vier Insti­tu­tio­nen getra­gen und finanziert: dem Kan­ton Aar­gau, der Stadt Aarau, der Uni­ver­sität Zürich und der Fach­hochschule Nord­westschweiz FHNW.
www.zdaarau.ch

Marie-Christine Andres Schürch
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