Konflikte ausbaden
Die Disputation wurde von der Tagsatzung der Eidgenossenschaft einberufen. Sie tagte – wie hier 1531 – regelmässig in Baden.
© Die Tagsatzung Baden, Stadtarchiv Baden, Historisches Museum Baden.

Konflikte ausbaden

Was verbindet, wenn sich die Zeiten ändern?

Vor 500 Jahren fand in ­Baden ein Streitgespräch statt, die Badener Disputation 1526. Über 200 Männer reisten an die Tagsatzung, um die Glaubenswahrheit zu ermitteln. Gefunden haben sie sie nicht. Ihre Sicht­weisen ausgetauscht aber schon. Nun begann die Reformation erst recht.


Wir befind­en uns in Baden, wo seit Jahrtausenden heiss­es Ther­mal­wass­er aus dem Boden sprudelt. Felix aus Zürich ist zu Gast in den Bädern. Ueli, der Wirt, empfängt ihn und kündigt weit­ere Gäste aus der Eidgenossen­schaft an. «Mögt ihr Gezänk und Had­er mei­den, solang ihr Gold und Geld habt», mah­nt der Haush­err. Nun betritt Joho­ho mit dem Badge­sell die Szene. Er ist «Pritschen­meis­ter», heute würde man ihn Mas­ter of Cer­e­monies oder Schweiz­erdeutsch «Tätschmeis­ter» nen­nen.

Diese Szene entstammt der «Baden­fahrt guter Gesellen» von Hans Achtsinit. Wir schreiben das Jahr 1526. Es ste­hen eid­genös­sis­che Gespräche in der Bäder­stadt an.

Eine neue Ära

Damals ist die poli­tis­che Lage anges­pan­nt. Seit Mar­tin Luther 1517 in Wit­ten­berg seine 95 The­sen pub­liziert hat, wird heftig über das Sys­tem des Ablasshan­dels und die Ausle­gung der Bibel disku­tiert. Die Human­is­ten nehmen sich der Bibel­texte an, über­set­zen akribisch die Texte aus den alten Sprachen neu. Gesellschaftlich wan­delt sich eben­falls ger­ade viel. Für die Men­schen in Europa wird die Welt gröss­er, Seemän­ner aus Por­tu­gal und Spanien umsegeln sie und brin­gen neue Han­dels­güter. Der Buch­druck erlaubt eine rasche Ver­bre­itung von Ideen.

So kommt auch Ulrich Zwingli, der in ­Ein­siedeln als Priester die Pil­ger betreut, mit dem neuen Gedankengut in Kon­takt. 1519 kommt er nach Zürich und kri­tisiert in seinen Predigten den Ablasshan­del, sowie die For­mal­itäten und Heuchelei der Kirche. Das schlägt ein.

In Zürich begin­nt der Umbruch im Jahr 1522. In der Fas­ten­zeit wird Wurst gegessen! In der Folge meint selb­st der Zürcher Rat: Wir find­en, die Kirche ist zu reformieren. Bilder in den Gotteshäusern wer­den ent­fer­nt, ein Teil wird verkauft, andere wer­den zer­schla­gen. Auch die Klöster sind den Refor­ma­toren ein Dorn im Auge: bis 1525 wer­den alle Klöster aufge­hoben. So weit die Entwick­lung in Zürich.

Reformation beginnt im Osten

Doch die refor­ma­torische Hal­tung ist in der Alten Eidgenossen­schaft keine Mehrheit­spo­si­tion. Das zeigen Hans Achtsinits Verse deut­lich. Der Bern­er Vinzenz, der sich zu den Baden­den gesellt, bekun­det, «was mich schon länger ver­wun­dert hat, dass sich Zürich nicht belehren lässt und sich wider­set­zt der Eidgenossen­schaft.» Felix antwortet mit sein­er Überzeu­gung für den neuen Glauben, worauf der Luzern­er Leode­gar zum Bad kommt und fragt, «warum sich Zürich von einem Mann […] so betrü­gen und ver­führen» lasse. Felix vertei­digt sodann Zwingli, bevor vierzehn weit­ere Gesandte der Alten und der Zuge­wandten Orte auftreten. Die Szenen stellen die Posi­tio­nen der dama­li­gen Zeit dar: 1526 hat­te sich die neue Hal­tung im Osten der Eidgenossen­schaft und der Zuge­wandten Orte zum Teil bere­its gefes­tigt, hier war man teil­weise schon reformiert.


Darstel­lung der Dis­pu­ta­tion aus der Refor­ma­tion­schronik von Hein­rich Bullinger in einem ­Kopi­en­band von 1605/1606. Die Hand­schrift befind­et sich in der Zen­tral­bib­lio­thek Zürich. Das weit ver­bre­it­ete Bild ent­stand 80 Jahre nach der Dis­pu­ta­tion in Baden und zeigt Johannes Eck und Johannes Oeko­lam­pad auf den Kanzeln.

Initiative aus Bayern

Dis­pu­ta­tio­nen waren in dieser Zeit eine Gesprächs­form, um Mei­n­un­gen zu messen und die Gegen­seite zu überzeu­gen. Ursprünglich han­delte es sich dabei um ein For­mat aus den Uni­ver­sitäten, wo allerd­ings auf Lateinisch gestrit­ten wurde. Ähn­lich der «SRF Are­na» führten die Gelehrten ihre Posi­tio­nen aus. Nun wurde das For­mat von den Refor­ma­toren über­nom­men. Mar­tin Luther hat­te 1519 in Leipzig eine Refor­ma­tions­dis­pu­ta­tion durchge­führt. Ab 1523 gab es in Zürich mehrere Dis­pu­ta­tio­nen, die durch Zwinglis starke Hal­tung geprägt waren.

Die Ini­tia­tive für die Baden­er Dis­pu­ta­tion kam aus Bay­ern: Johannes Eck, ein The­ologe, der sich gegen die refor­ma­torischen Ideen stellte, richtete sich im August 1524 mit einem Begehren an die Tagsatzung – an die Ver­samm­lung, an der bevollmächtigte Boten der eid­genös­sis­chen Orte gemein­same Geschäfte beri­eten. Eck wollte eine eid­genös­sis­che Dis­pu­ta­tion ver­anstal­ten, um den grossen Teil der Unentsch­iede­nen von sein­er Sicht zu überzeu­gen. Die Tagsatzung behan­delte das Begehren mehrfach. Doch eine eid­genös­sis­che Dis­pu­ta­tion fand erst keine Mehrheit. Eck blieb hart­näck­ig. Und die Ver­samm­lung lenk­te ein. Auf ihre Ein­ladung sollte eine Dis­pu­ta­tion stat­tfind­en. Und zwar in Baden, einem der beliebteren der zahlre­ichen dama­li­gen Tagsatzung­sorte.

Eck vs. Oekolampad

Auf den 19. Mai 1526 reis­ten die Gesandten, The­olo­gen, Klerik­er, Lehrer und eine Rei­he von Schreibern und Druck­ern – die dama­lige Presse – nach Baden. Mehr als 200 Teil­nehmer sind namentlich bekan­nt, die bis zum 7. Juni die 16 Dis­pu­ta­tion­ssitzun­gen in der Stadtkirche ver­fol­gten. Der Ablauf war klar geregelt: Am Mor­gen früh fand eine Messe statt. Im Anschluss daran trat­en die Kon­tra­hen­ten auf – für die alt­gläu­bige Seite war dies Johannes Eck selb­st, für die refor­ma­torische Seite Johannes Oeko­lam­pad. Die Sitzun­gen wur­den von vier Präsi­den­ten überwacht, zwei von jed­er Seite.

Der Jurist und The­ologe Oeko­lam­pad war ein­er der wichti­gen Human­is­ten sein­er Zeit und Pro­fes­sor an der Uni­ver­sität Basel. Für ihn wurde in der Kirche ein sep­a­rater Predigt­stuhl aufgestellt. So standen sich die bei­den Dis­putan­ten auf Kanzeln gegenüber. Sie strit­ten auf Deutsch, so wie das auch an den Tagsatzun­gen der Fall war.

Als Hühnerverkäufer getarnt

Zwingli indes blieb in Zürich – der Zürcher Rat hat­te ihm die Teil­nahme am Anlass, der keine 30 Kilo­me­ter west­lich stat­tfand, unter­sagt. Warum? Die Dis­pu­ta­tion war trotz Ein­ladung durch die poli­tis­che Tagsatzung stark alt­gläu­big dominiert. Das goutierte man nicht. Weit­er sei Zwingli zu stark exponiert – selb­st in Zürich sei er Angrif­f­en aus­ge­set­zt gewe­sen. Eine Reise nach Baden hätte sein Todesurteil bedeutet. Doch Zwingli hat­te Boten, die ihn über die Entwick­lung in Baden informierten. Ein­er von ihnen war Thomas Plat­ter, der in seinen Lebenserin­nerun­gen schildert, wie er sich als Hüh­n­erverkäufer in die Stadt Baden schmuggelte. Täglich trug er Nachricht­en aus Baden nach Zürich und zurück, wie er selb­st berichtet. Erhal­ten sind nur wenige Briefe an Zwingli aus der Zeit bis zum 23. Mai. Diese Mitschriften waren ver­boten, allein die Pro­tokol­lanten soll­ten den Gesprächsver­lauf aufze­ich­nen, wohl um Polemik vorzubeu­gen.

Die 7 The­sen

Was nun wurde aber genau disku­tiert? Johannes Eck for­mulierte sieben The­sen, die als Grund­lage für die Dis­pu­ta­tion­stage dien­ten.

  1. Real­präsenz und Transsub­stan­ti­a­tion. Chris­tus ist mit Leib und Blut durch die Wand­lung präsent im Altarsakra­ment – und nicht etwa als Zeichen. Diese These nahm am meis­ten Raum ein.
  2. Die Mes­sopfer­lehre. Leib und Blut Christi wer­den in der Messe zum Gedenken an das Opfer Christi darge­bracht – und nicht als Gedenken an das let­zte Abendmahl.
  3. Für­bitte Marias und der Heili­gen. Maria – und nicht Chris­tus allein – ist Für­bit­terin bei Gott.
  4. Bilder­frage. Bilder von Jesus und den Heili­gen sind statthaft – und müssen nicht abge­hängt wer­den.
  5. Fegfeuer­lehre. Nach dem Tod kommt das Fegfeuer zur Sühne.
  6. Erb­sün­­den- und Taufver­ständ­nis

Ziel der Baden­er Dis­pu­ta­tion war nie, zu einem Kom­pro­miss im mod­er­nen Sinn zu gelan­gen. Eck und Oeko­lam­pad woll­ten in erster Lin­ie vor dem Pub­likum ihre Posi­tio­nen präsen­tieren. Die Regeln sahen vor, dass die These als akzep­tiert galt, wenn Oeko­lam­pad und andere angemeldete Red­ner Eck nicht wider­sprachen. Die läng­ste Zeit wid­me­ten die Kon­tra­hen­ten der ersten These – und sie blieben hier unentsch­ieden. Bere­its seit Jahrhun­derten strit­ten The­olo­gen darüber, wie die Wand­lung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi durch das Gebet des Priesters ver­standen wer­den soll. Diese Präsenz Christi in der Hostie feierten die Gläu­bi­gen seit dem 13. Jahrhun­dert an Fron­le­ich­nam. Dieses Fest erin­nerte an das Wun­der von Bolse­na, wo das Brot zu bluten begonnen hat­te. Dieses unglaubliche Vorkomm­nis führte in der Folge zu einem regel­recht­en Blut-Hype in der Volks­fröm­migkeit, dem die The­olo­gen allerd­ings kri­tisch gegenüber­standen.

Die Diskus­sion um die soge­nan­nte Real­präsenz war also nicht neu, sie ver­schärfte sich aber im Zuge der Ref­or­ma­tion mas­siv. Für die Refor­ma­toren war diese Idee reine Erfind­ung. «Botz leicham», soll Eck sein Gegenüber gescholten haben, als der Bern­er Refor­ma­tor Berch­told Haller die Real­präsenz nicht anerken­nen wollte: «Sie glauben nicht an die Präsenz von Fleisch und Blut Christi!»

Spott und Hohn

Die Dis­pu­ta­tion­stage wur­den voll­ständig aufgeze­ich­net – von vier Pro­tokol­lanten, die ihren Text am Abend jew­eils abglichen, wobei die Alt­gläu­bi­gen einen drit­ten Schreiber ein­schleusten. Daher ist heute die Baden­er Dis­pu­ta­tion eines der am besten doku­men­tierten Refor­ma­tion­s­ge­spräche. Alle fünf Pro­tokolle haben über­lebt und dif­ferieren nur wenig. Während mehr als eines Jahrzehnts haben Forschende die Aufze­ich­nun­gen unter­sucht und pub­lizierten 2015 eine Edi­tion der Pro­tokolle. Flüche und Unar­tigkeit­en sind darin allerd­ings kaum über­liefert. Davon bericht­en eher über­lieferte Briefe und Spot­tlieder.

In ein­er Zeit ohne Zeitun­gen und elek­tro­n­is­che Medi­en ver­bre­it­eten sich Nachricht­en auf ganz andere Weise, als sie dies heute tun. In der Ref­or­ma­tion hat­ten Predigten, aber auch The­ater­stücke und Lieder diese wichtige kom­mu­nika­tive Funk­tion. Sie kur­sierten als Drucke und wur­den in der Öffentlichkeit vor­ge­tra­gen. Auch die Baden­er Dis­pu­ta­tion fand Nieder­schlag in solchen Liedern. Eck sei ein «Narr» lässt sich hier lesen, ein blasiert­er und schreien­der Rechthaber. Ob die Lieder gesun­gen wur­den? Ob sie Wirkung ent­fal­teten? Bele­gen lässt sich das nicht, aber doch ver­muten.

Entspannung im Bad – oder doch nicht?

Ver­söhn­lich endet die «Baden­fahrt guter Gesellen» von Hans Achtsinit. Das Bad dauert an, die Suppe wird den Män­nern im Wass­er gere­icht, die Gläs­er sind schon mehrfach neu gefüllt wor­den. Und nun bit­tet auch der Zürcher Felix: «Dass wir möcht­en bei Frei­heit bleiben, mit Leuten, Land und Weibern» – in diesem Ton endet dann Hans Achtsinit eben­falls: «Wenn man aus­ge­badet hat, so die Sitte, man die guten Gesellen um ein Ende der Stre­it­erei bitte.»

Der Friede im Bad bei gut gefüll­tem Bauch war damals allerd­ings Wun­schdenken. Nach der Baden­er Dis­pu­ta­tion baut­en sich die kon­fes­sionellen Span­nun­gen in der Eidgenossen­schaft erst so richtig auf. Im Jahr 1528 fand die Bern­er Dis­pu­ta­tion und der Über­tritt Berns zur Ref­or­ma­tion statt. Es fol­gten die zwei Kap­pel­erkriege, wovon der erste 1529 diplo­ma­tisch gelöst wurde. Die «Kap­pel­er Milch­suppe» ist bis heute sprich­wörtlich und ste­ht für die friedliche Lösung des Kon­flik­ts. 1531 endete die Schlacht zwis­chen refor­ma­torischen und alt­gläu­bi­gen Kämpfern indes blutig. Zwingli starb, die Katho­liken waren über­legen. Ein Land­frieden regelte, dass man sich nun in Ruhe lassen würde. Das funk­tion­ierte bis zu den kon­fes­sionell motivierten Villmerg­er Kriegen 1656 und 1712. Im 19. Jahrhun­dert prall­ten lib­erale, vor allem reformierte, und katholisch-kon­ser­v­a­tive Kräfte erneut aufeinan­der. Die Span­nun­gen liessen sich erst im 20. Jahrhun­dert lösen, auch mit der fortschre­i­t­en­den Säku­lar­isierung. Sind die kon­fes­sionellen Kon­flik­te also endlich – mit Hans Achtsinit gesprochen – «aus­ge­badet»?

Ver­mit­tlungsange­bote

Ausstellung

«Botz leicham!» zeigt vom 2. Mai bis zum 28. Juni Orig­i­nalzeug­nisse der Baden­er Dis­pu­ta­tion von 1526. Die Vernissage find­et am 2. Mai um 17 Uhr im Tagsatzungssaal Baden statt. Öffentliche Führun­gen gibt es auf Anmel­dung jew­eils am Mittwoch um 17 Uhr und am Son­ntag um 13 Uhr an fol­gen­den Ter­mi­nen:
3., 6., 10., 13., 17., 20. und 24. Mai
3., 10., 14., 17., 21., 24. und 29. Juni

Reser­va­tion via www.disputnation.ch/Eventfrog. Kosten: 10 Franken.

Pri­vat­führun­gen buchen Sie via

Stadtspaziergang

«Spott und Dis­put – Ein Stadtspazier­gang auf den Spuren der Baden­er Dis­pu­ta­tion von 1526 ent­lang von zehn Infor­ma­tion­sste­len», 2. Mai bis 28. Juni, frei zugänglich, Infor­ma­tio­nen zu den Stan­dorten ab Ende April via disputnation.ch.

Stadtführung

«Glaube, Macht und Worte – Im Zeichen der Baden­er Dis­pu­ta­tion von 1526» ist eine neue Stadt­führung durch Baden ent­standen. Sie kann als Pri­vat­führung via deinbaden.ch gebucht wer­den.

Wissenschaftliche Tagung

Am 26. und 27. Mai find­et eine wis­senschaftliche Tagung zu 500 Jahren Baden­er Dis­pu­ta­tion statt. Am Dien­stag, 26. Mai, 18 Uhr, hält Thomas Mais­sen, Pro­fes­sor für die Geschichte der Frühen Neuzeit, einen öffentlichen Vor­trag.

Vorlesung und Exkursion

Ein Ange­bot der Volk­shochschule Zürich: Vor­lesung plus Exkur­sion am 11. und 13. Juni.

Diese und weit­ere Ange­bote find­en Sie auf www.disputnation.ch

Konflikte ausbaden - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 2
Ruth Wiederkehr ist His­torik­erin und ver­ant­wortet im Jubiläum­spro­jekt «Disput(N)ation» die Ver­mit­tlung © Ele­na Ter­nova­ja
Ruth Wiederkehr
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