Im Dienst des Dialogs
Hans Strub ist reformierter Theologe und hat Generationen von Pfarrpersonen ausgebildet. Ausserdem war er Leiter des Bildungshauses Boldern am Zürichsee.
© Christoph Wider

Im Dienst des Dialogs

Der Theologe Hans Strub leitet die DispuTalks anlässlich des Jubiläumsprogramms der Badener Disputationen. Mit seinen Gästen spricht er über Frieden, Hoffnung, Liebe und die Zukunft.

Was ist der Unter­schied zwis­chen Dis­put und Dia­log?
Der Dia­log ist ein Aus­tausch von Ideen und Mei­n­un­gen. Ihm liegt zugrunde, dass ich wis­sen will, was das Gegenüber denkt. In ein­er Dis­pu­ta­tion will ich mein Gegenüber überzeu­gen. Es kann gut sein, dass wir uns am Ende nicht einig wer­den und ein Graben bleibt. In der kurzen Refor­ma­tion­szeit in der Schweiz gab es rund dreis­sig Dis­pu­ta­tio­nen, in denen die Alt­gläu­bi­gen und die Neugläu­bi­gen ver­sucht­en, die anderen vom wahren Glauben zu überzeu­gen.

Kann die Baden­er Dis­pu­ta­tion ein Mod­ell sein für den Umgang mit Dif­feren­zen?
Gegen­wär­tig fehlt mir die grundle­gende Auseinan­der­set­zung mit wichti­gen The­men. Frieden, Hoff­nung, Liebe, Zukun­ft sind die Begriffe, über die ich mit meinen Gästen stre­it­en will. Wie kön­nen wir Frieden machen? Was bedeutet Liebe in unser­er Welt? Meine lieb­ste Gesprächs­form ist jedoch der Dia­log, darum sind die Gespräche mit meinen Gästen keine Dis­pu­ta­tio­nen.

Welche Gesprächs­form ist wirkmäch­tiger?
Der Dis­put ist spek­takulär­er, attrak­tiv­er. Die Zuschauen­den fühlen sich dabei wie bei einem Ten­nis­match. Ich glaube aber nicht, dass solche Gesprächs­for­men, die auch ein Kampfritu­al sind, bei den Zuhören­den viel verän­dern. Da wird die Rede immer heftiger und zuge­spitzter und provoziert eher eine Abwehrhal­tung. Im Dia­log ist es ein­fach­er, sich überzeu­gen zu lassen und einen Kom­pro­miss ein­zugehen. Der Kom­pro­miss als poli­tis­ches Cre­do gehört seit 700 Jahren zur Eidgenossen­schaft.

Geht es nicht auch darum, Dif­feren­zen auszuhal­ten?
Darum ging es schon immer. Im Kleinen wie im Grossen. In der Fam­i­lie und in der Gesellschaft. Wichtig ist, dass das Aushal­ten nicht schweigend passiert. Ich finde es grundle­gend in ein­er Gesellschaft, dass es mich inter­essiert, wie die anderen denken. Ich habe mein halbes Leben damit ver­bracht, The­ologin­nen und The­olo­gen in ihrer Aus­bil­dung zu begleit­en. Am zweit­en Tag habe ich die Studieren­den jew­eils ihren Weg mit der Kirche erzählen ­lassen. Ich habe viele Rück­mel­dun­gen bekom­men, dass diese Geschicht­en sehr auf­schlussre­ich waren, um die Argu­men­ta­tio­nen der anderen in den vie­len Diskus­sio­nen während des Studi­ums bess­er zu ver­ste­hen.

Wir sollen also neugierig sein auf Dif­feren­zen?
Mir geht es um einen respek­tvollen Umgang mit Ver­schieden­heit, die durch tausend Erfahrun­gen und Erleb­nisse geprägt wurde. Nichts davon wis­sen zu wollen, ist für mich respek­t­los. Die Geschichte meines Gegenübers geht mich etwas an. Ich muss diese Geschichte nicht bew­erten, aber mich von ihr berühren lassen.

Im Dienst des Dialogs - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 1
Der The­ologe Hans Strub will sich von den Geschicht­en des Gegenübers berühren lassen. © Christoph Wider

Was braucht es, damit ein Dia­log gelin­gen kann?
Vor vie­len Jahren hat mir ein alter Pfar­rer erk­lärt, ich müsse ein­fach die Men­schen gern­hab­en, dann gelinge meine Arbeit. Damals habe ich gelacht und gesagt: «So ein­fach ist das Leben nicht.» Heute würde ich ihm beipflicht­en. Men­schen gern­hab­en, wahrhaftig inter­essiert sein und wis­sen wollen, was das Gegenüber denkt, zuhören und nach­fra­gen: dann gelingt der Dia­log mit gross­er Wahrschein­lichkeit.

Wie haben sich die Regeln und der Ton der Gespräche über die Zeit hin­weg verän­dert?
Mir scheint, heute disku­tieren wir weniger über die Gren­zen der Mei­n­ungs­fre­und­schaften hin­aus. Auch ich würde heute keine Podi­ums­ge­spräche mehr organ­isieren.

Warum nicht?
Ein Einzelge­spräch ist ergiebiger, weil es Verän­derung zulässt. Mit der Zeit hat es mich zu lang­weilen begonnen, dass Gespräch­steil­nehmende auf ihren Posi­tio­nen behar­ren. Ausser­dem hängt die Qual­ität der Gespräche sehr von der Leitung ab. Ich habe oft beobachtet, dass Gespräche über, aber nicht mit Betrof­fe­nen geführt wur­den. Ich ver­misse Gespräche, in denen die Gäste Zeit haben, ihren Stand­punkt darzule­gen.

Hat sich die Gren­ze des Sag­baren ver­schoben?
Früher haben wir im pri­vat­en und im öffentlichen Raum eher gesagt, was wir denken. Heute gibt es mehr Fil­ter. Ich passe auf, dass ich keine diskri­m­inieren­den Wörter brauche, dass ich mich nicht sex­is­tisch äussere. Die Fil­ter bee­in­flussen das Gespräch und machen es vielle­icht weniger spon­tan. Heute muss ich als Gesprächs­führer mehr leis­ten, um an mein Gegenüber her­anzukom­men als vor vierzig Jahren. Damals waren die Gespräche direk­ter, manch­mal aber auch plumper und wahrschein­lich auch ver­let­zen­der. Den­noch möchte ich keinen Maulko­rb bekom­men und auch keinen verteilen. Ich möchte mich und andere in einem Gespräch erleben kön­nen und dazu gehört auch das Vertei­di­gen von eige­nen Gren­zen und das Akzep­tieren der Gren­zen von anderen.

Wie soll sprechen, wer nicht gehört wird?
Wer nicht gehört wird, soll sich laut und unge­niert zu Wort melden, wenn er oder sie die Kraft dazu hat. Und wenn es sein muss auch unanständig. Ich habe dies­bezüglich in den 80er-Jahren ausseror­dentlich viel gel­ernt von den Frauen. Damals mussten sie uns Män­nern mit Vehe­menz sagen, was sie brauchen, damit wir sie gehört haben.

Was denken Sie über die Ökumene? Den inter­religiösen Dia­log? Sind wir da noch im Gespräch?
Ich bin dies­bezüglich run­dum ent­täuscht. Anfang der Siebziger­jahre hat­te ich mein erstes Pfar­ramt in Schwa­mendin­gen. Damals habe ich mit meinen katholis­chen Kol­le­gen eng zusam­mengear­beit­et. Wir waren der Mei­n­ung, dass es eine Frage von Monat­en sei, bis es erlaubt sein würde, gemein­sam Abendmahl zu feiern, was wir damals bere­its macht­en. Plöt­zlich hiess es, das sei nicht erlaubt. Die katholis­chen Kol­le­gen zogen sich zurück. Sei­ther wird viel gere­det. Aber der Dia­log ist eher eine Aneinan­der­rei­hung von Monolo­gen. Vor allem auf den oberen Hier­ar­chi­estufen. In den Gemein­den find­en sich die Pfar­rper­so­n­en und Gemein­delei­t­en­den oder sie tun es nicht. Es gibt keinen Fortschritt in der Ökumene.

Es wäre auch denkbar, dass der Bedeu­tungsver­lust der Kirchen die Kon­fes­sio­nen näher­bringt.
Das ist ein ver­lock­ender Gedanke, der mir sym­pa­thisch ist und der auch poli­tisch inter­es­sant wäre. Es gäbe eine grosse Aufmerk­samkeit für die Kirchen, die damit etwas an ihrer DNA ändern kön­nten. Mit ein­er Stimme – im Bewusst­sein ihrer Het­ero­gen­ität – kön­nten sie Diskus­sio­nen ein­fordern und das Zeit­geschehen kom­men­tieren. Und sie kön­nten auch den Rah­men bieten, um diese The­men zu disku­tieren. Die Kirchen sind heute zu wenig poli­tisch.

Eva Meienberg
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