
Bild: © Eva Meienberg
«Es ist eine Todsünde, dass wir in der Kirche keine Streitkultur mehr haben»
Sechster «Disputalk» mit Christoph Sigrist
Am Mittwoch, 4. Februar war Christoph Sigrist zu Gast bei Hans Strub. Der ehemalige Grossmünsterpfarrer reiste für seine Antworten zurück in der Zeit nach Stein, wo er sein erstes Pfarramt innehatte. Dort bei den Toggenburger Bauern habe er viel gelernt: Dass der Pfarrer auch Politiker ist, dass Resonanz Reibung braucht und dass nicht alles mit dem Kopf entschieden werden kann.
Als «die Stimme der Kirche in der Öffentlichkeit» stellte Hans Strub seinen Gast in der Gesprächsreihe «Disputalk» vor. Christoph Sigrist hatte sich diesen Titel als Grossmünster-Pfarrer in Zürich in seinen 21 Amtsjahren mit pointierten Kommentaren zum Geschehen verdient.
«Ohne Kommunikation in der Öffentlichkeit können wir keine Kirche und keine Theologie betreiben», sagte Christoph Sigrist. Das habe er bei den Bauern im Toggenburg gelernt. In der Wärme der Kirche seien die Bauern während des Gottesdienstes bald eingeschlafen. Um sie zu erreichen, habe er sich mit ihnen im Stall beim Melken oder Misten unterhalten müssen. «Jesus suchte die Öffentlichkeit in den Dörfern, meines Wissens predigte er nicht in einer reformierten Kirche.»

Immer wieder sprang Christoph Sigrist für seine Antworten in der Zeit zurück ins St. Gallische Stein, wo er sein erstes Pfarramt innehatte. Dort auf dem Land unter den Bauern habe er beim monatlichen Mittagessen mit dem Gemeindepräsidenten auch gelernt, dass die Kirche eine Vorreiterrolle übernehmen und sich um die Opfer der Gesellschaft kümmern müsse. Darum sei er auch Politiker, erklärte der ehemaliger Grossmünsterpfarrer.
Er engagiere sich etwa als Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz. «Wir sind eine Willensnation, und alle haben Angst zu einer Minderheit zu werden», sagte Christoph Sigrist. Von einem Quantenphysiker habe er gelernt, das Kleinste ins Auge zu fassen, um das grosse Ganze zu verstehen. Jesus habe das mit seinem Gleichnis über das Senfkorn ebenfalls propagiert.
Um Ängsten vorzubeugen, müsse wieder mehr miteinander gesprochen werden. Wie damals vor 500 Jahren bei den Disputationen in Baden. Damit hätten die Menschen verhindert, dass die Eidgenossenschaft auseinanderfiele. Zwingli habe das «Schnure» bei den Bauern in der Alpgenossenschaft gelernt. Kamen die Bauern zusammen, legten sie für einmal alle Themen auf den Tisch und sprachen über Gott und die Welt ohne Tabus.
«Es ist eine Todsünde, dass wir in der Kirche keine Streitkultur mehr haben», betonte Christoph Sigrist energisch. Vor 500 Jahren hätten die Menschen während acht Tagen über die Frage disputiert, ob Christus im Abendmahl präsent sei. Heute ergebe diese Frage nicht einmal mehr Gesprächsstoff für eine Stunde.
Die Badener Disputation im Jahr 1526 war ein historischer Meilenstein für den Dialog zwischen den Konfessionen in der Schweiz. Die Gespräche über die theologischen Wahrheiten und Glaubensgrundlagen fanden während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Badener Stadtkirche statt, Teilnehmer waren Vertreter der 13 Alten Orte der Eidgenossenschaft sowie Theologen aus dem In- und Ausland. Zur 500-Jahr-Feier der Badener Disputation organisieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholische Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden ein umfangreiches Jubiläumsprogramm unter dem Titel «Disput(N)ation». Das Projekt will Geschichte lebendig machen, den Dialog in der Gesellschaft stärken und verschiedenste Menschen einbinden.
Christoph Sigrist sprach über Resonanz und Spielräume: «Resonanz braucht Reibung». Auch das habe er im Toggenburg vom Kirchenmusiker und Komponisten Peter Roth gelernt. Damit Resonanz entstehe brauche es Widerstand. Christoph Sigrist machte Mut, dies in Spielräumen zu üben. Er selbst habe das beim Singen lernen müssen. Er sei viel zu verkopft gewesen, habe erst sein Machogehabe ablegen müssen. Drei Jahre Gesangsunterricht hätten ihm geholfen, nicht mehr so verkrampft zu sein. Die Luftsäule beim Singen sei die Verbindung zwischen den Menschen und Gott, und die Schöpfung sei ein Klang. Christoph Sigrist sprach in Bildern und erklärte sie mit Hilfe von Erinnerungen. Von Toggenburg reiste das Publikum weiter nach Nepal an eine Ahnenzeremonie mit Trommel und Gesang und landete dann wieder bei den singenden Bauern in Stein.
Der Disputalk endete mit einem letzten Bild: Gott als schwingende Stimmgabel, von der sich die Menschen wiederum in Schwingung versetzen lassen. Diese Schwingung sei in den Kirchenräumen spürbar. Darum seien die Menschen nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana in die Kirchen gekommen. Darum, und weil sie Sehnsucht gehabt hätten nach einem Wort in der Totenstille des Unglücks.
Auf Wunsch einer Teilnehmerin sang Pfarrer Christoph Sigrist für das Publikum einen Stadtsegen. Diesen urbanen Segen «Bhüeti Gott» sang er als Grossmünsterpfarrer jeweils in der Karwoche vom Grossmünsterturm.