
© Donata Ettlin
Ort des Engagements wird zum Ort der Begegnung
Umnutzung von Kirchgemeindehäusern
Ein neues Buch erzählt die Geschichte des ehemaligen Gemeindehauses Oekolampad und zeigt auf, wie aus dem sakralen Bau eine Heimat für weltliche Institutionen wurde.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf ref.ch
Die Form des Buchs weicht vom üblichen Format ab, es ist eher ein Quadrat als ein Rechteck. Die Seiten sind fadengeheftet, der Einband ist fest, streicht man mit der Hand darüber, fühlt er sich rau an. Die Farbe, changierend von Ziegelrot zu Mokkabraun, erinnert an die Backsteine, mit denen das Gemeindehaus Oekolampad vor fast hundert Jahren erbaut worden ist. Das Buch erzählt seine Geschichte. Drei Kapitel schildern, wie aus dem kirchlichen Treffpunkt ein Ort der säkularen Begegnung wurde.
Es ist ein Spätherbstsonntag im Jahr 1931, als das Gemeindehaus seine Türen zum ersten Mal für die Öffentlichkeit öffnet, die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt hat zur Einweihung eingeladen. Am Allschwilerplatz steht moderne Architektur, ein kubischer Bau, zusammengefügt aus 126 000 Backsteinen. Die Eingänge überspannt ein Portikus, getragen von vier Säulen. Einzig der hohe Turm mit dem Güggel auf der Spitze, weist darauf hin, dass hier ein Gotteshaus steht.
Hoch oben im Turm läuten zur Einweihung drei Glocken, sie tragen Namen: Aletheia (Wahrheit), Irene (Frieden) und Eusebius (Frömmigkeit). Es sind die gleichen Namen, auf welche die Kinder von Wibrandis Rosenblatt und Johannes Oekolampad getauft worden waren. Oekolampad (1482–1531), der Namensgeber des Gemeindehauses, und Pfarrer an der Basler Martinskirche, gehörte während der Reformationszeit einem Netzwerk von humanistischen Intellektuellen an.
Er entwarf etwa die Reformationsordnung, die der Basler Grosse Rat wenige Wochen nach dem Bildersturm im Jahr 1529 verabschiedete. Oekolampad wurde danach zum obersten Vertreter der Basler Kirche gewählt. Seine Frau, Wibrandis Rosenblatt, entstammte der Basler Gesellschaft.
«Sie prägte als eine der ersten reformierten Pfarrfrauen einen neuen Typus des reformierten Pfarrhauses», schreibt Beni Pfister, Kommunikationsverantwortlicher bei der Wibrandis Stiftung, der heutigen Eigentümerin des Gemeindehauses. «Wibrandis Rosenblatt war Mutter von elf Kindern, Ehepartnerin von vier Männern, Gesprächspartnerin und Haushälterin von drei Reformatoren und Managerin einer grossen Patchworkfamilie.»
Ein Pfarrer und eine Pfarrerin machen von sich reden
Kaum eingeweiht wird das Gemeindehaus zum Quartiermittelpunkt. Gläubige kommen zu den Gottesdiensten in den grossen Gemeindesaal mit Kanzel und Orgel, Ausgehfreudige zu den Tanzveranstaltungen im Wibrandissaal, Jugendliche treffen sich im Gemeindehaus zu Gesprächen, und wer einen Brief aufgeben, Marken kaufen oder Rechnungen bezahlen will, kann dies in der Postfiliale tun, die im Gebäude Einzug gehalten hat.
Zwei Personen tragen den Namen des Gemeindehauses in den Jahren nach der Einweihung weit über die Grenzen des Quartiers hinaus. Die eine ist Walter Lüthi, die andere Ruth Epting. Lüthi, der erste Pfarrer im Gemeindehaus Oekolampad, ist ein dezidierter Gegner des Nationalsozialismus und ein entschiedener Kritiker der Schweizer Flüchtlingspolitik.
Als Bundesrat Eduard von Steiger im Spätsommer 1942 während einer Rede in Zürich die Phrase «Das Boot ist voll» in die Welt setzt, hält der Pfarrer diesem Bild ein menschenfreundliches entgegen: Der tiefere Sinn der Existenz der Schweiz bestehe darin, Schiffbrüchigen einen trockenen Platz zu gewähren.
Lüthis Predigten ziehen Gläubige aus den unterschiedlichsten Quartieren an. Das Tram, das sie an den Allschwilerplatz bringt, bekommt den Übernamen «Lüthi-Express».
Ruth Epting arbeitet zuerst als Vikarin im Gemeindehaus Oekolampad, dann als Pfarrhelferin. 1960 wählt sie die Synode zur ordentlichen Pfarrerin. Zusammen mit der Pfarrerin, die in der Elisabethengemeinde amtet, bildet sie ein Pionierinnen-Duo. Die beiden Frauen sind die ersten Pfarrerinnen an einer Basler Kirche.
Umnutzen ja – wenn auf den Erhalt des Gebäudes geachtet wird
Ab den 1960er-Jahren beginnen sich die Kirchenaustritte zu häufen. Mit den Mitgliedern verlieren die Kirchen auch Steuereinnahmen. Sie müssen sich neu strukturieren, müssen aus finanziellen Gründen Gemeindehäuser und Kirchen schliessen. Dieser Entwicklung und damit verbunden der Umnutzung von Kirchen ist das zweite Kapitel im Buch gewidmet.
Anders als in anderen europäischen Ländern sei in der Schweiz der Verkauf von Kirchengebäuden die Ausnahme, schreibt Pfister. Man will vermeiden, dass sie kommerziell genutzt werden. Doch wird es angesichts von schrumpfenden Mitteln kaum mehr möglich sein, leerstehende, denkmalgeschützte Kirchengebäude längerfristig zu unterhalten und zu finanzieren.
Also versucht man sie anderweitig zu nutzen. Umnutzungen, so ist zu im Buch lesen, seien mitnichten ein Phänomen der vergangenen Jahrzehnte, sondern hätten immer schon stattgefunden. Anders als früher hat sich aber in jüngerer Zeit die Haltung zu den sakralen Bauten verändert: «Bei modernen Kirchenumnutzungen ist der Erhalt des Gebäudes ein wichtiges Argument.» Wohl, weil einem Grossteil der Bevölkerung trotz abnehmendem, religiösem Interesse wichtig bleibt, dass eine Kirche als solche zu erkennen ist.
Am 18. Dezember 2011 versammeln sich die Gläubigen zum letzten Gottesdienst im Oekolampad. Die Abschiedsfeier markiert den Neubeginn der Grosskirchgemeinde Basel West, mit den Kirchen und Gemeindehäusern St. Leonhard, St. Peter, Paulus, Stephanus, Johannes und neu auch Oekolampad. 2020, nach Jahren der Zwischennutzung, kauft die Wibrandis Stiftung das Gemeindehaus und beauftragt Vécsey*Schmidt Architekt*innen mit dem Umbau des Gebäudes.


Der Gemeindesaal wird zur Theaterbox
Zwischen dem zweiten und dritten Kapitel illustriert eine Bildstrecke mit Vorher–Nachher-Fotos, wie aus dem Gotteshaus ein Ort für Begegnungen wird und ein Mittelpunkt fürs Quartier entsteht. Die beiden augenfälligsten Veränderungen erfahren die Weinsbergstube und der Gemeindesaal mit der Orgel.
Die Stube, ein schmuckloser Raum, wird zum Bistro Rosa, einem Café mit lindgrünen Wänden und schnörkellos modernem Mobiliar. In den Saal, einst Ort für Gottesdienste, stellt das Architektinnen- und Architektenkollektiv einen nachtschwarzen Holzwürfel. In seinem Inneren lädt das Vorstadttheater zu Vorstellungen ein.
Insgesamt sechs gemeinnützige Institutionen haben im ehemaligen Gemeindehaus eine neue Heimat gefunden (Infos zu ihnen hier). Wer sie sind und was sie den Menschen im und ausserhalb des Quartiers bieten, das schildert die Reportage im dritten Kapitel. Sie zeigt auf, was sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Gemeindehauses Oekolampad zieht: Hier geht es seit fast hundert Jahren ums Miteinander.
Infos zum Gemeindehaus Oekolampad
News, Infos zu den Institutionen und zum Gemeindehaus allgemein finden Interessierte hier.
Infos zum Buch
Wibrandis Stiftung (Hg.), Benedikt Pfister: «Gemeindehaus Oekolampad. Identität – Wandel – Begegnung», Christoph Merian-Verlag, 2025, 39 Franken