Die Kirche nicht verpassen
Pater Martin Werlen ist Benediktiner und leitet seit sechs Jahren die Propstei St. Gerold im Grossen Walsertal in Vorarlberg.
© Jeannette Häsler Daffré, kathaargau.ch

Die Kirche nicht verpassen

Martin Werlen, alt Abt von Einsiedeln und vielfacher Buchautor, war am 20. März Gast am DispuTalk bei Hans Strub. Mit seinem Bekenntnis zu seinen multiplen Konfessionszugehörigkeiten hatte er das zahlreiche Publikum sofort in der Tasche. Die Zuhörenden liessen sich vom unermüdlichen Mutmacher für eine andere Kirche gerne anstecken.

«Ich bin reformiert, und ich hoffe, dass du auch katholisch bist», sagt der Benedik­tin­er Mar­tin Werlen zu Hans Strub, der den alt Abt von Ein­siedeln als zehn­ten Gast des Dis­puTalks in die Baden­er Sebas­tian­skapelle ein­ge­laden hat. Er hoffe ausser­dem, dass alle Anwe­senden ortho­dox, also recht­gläu­big, evan­ge­lisch mit einem nach dem Evan­geli­um aus­gerichteten Leben, adventlich in freudi­ger Erwartung und pfin­gstlich mit der Kraft des Heili­gen Geistes unter­wegs seien.

Skandalöse Abgrenzungen zwischen Christinnen und Christen

Mar­tin Werlen erk­lärt dem Pub­likum, das zahlre­ich anwe­send ist, dass er diese Begriffe alle von der Last der Geschichte befreien wolle, denn diese wür­den in erster Lin­ie dazu dienen Christin­nen und Chris­ten voneinan­der abzu­gren­zen, was er für einen Skan­dal halte. Dabei hät­ten schon Luther und Zwingli nicht nicht-katholisch sein wollen. Viel mehr sei es ihnen darum gegan­gen, die katholis­che Kirche zu reformieren. «Eccle­sia sem­per refor­man­da» (die Kirche ist immer zu reformieren) sei die Maxime der katholis­chen Kirche, und darum sei er ein Reformiert­er.

Pater Mar­tin Werlen und Hans Strub in der Sebas­tian­skapelle in Baden am 20. März 2015 anlässlich des Dis­puTalk. © Jean­nette Häsler Daf­fré, kathaargau.ch

Die Kirche darf sich nicht selbst genügen

«Umkehr gehört zur Kirche», sagt Mar­tin Werlen, «wenn die Kirche am gle­ichen Ort ist, wie vor 20 Jahren, dann ist sie am falschen Ort.» Wenn die Kirche sich selb­st genüge, habe sie keine lebendi­ge Beziehung mehr zu Gott. «Auf Gottes Wort hin dür­fen wir zu hof­fen wagen», ermutigt der Mönch die Anwe­senden und erin­nert daran, dass die Kirche die Gemein­schaft aller Getauften sei. «Die Taufe ist grundle­gen­der als alles, was danach kommt.» Mit der Taufe erhiel­ten Christin­nen und Chris­ten die Befähi­gung am dreifachen Amt Christi – Priester, König und Prophet – teilzuhaben. «Das Prob­lem ist, dass wir das nicht ernst nehmen», sagt Mar­tin Werlen, «das Pap­stamt ist eine Bagatelle im Ver­gle­ich zur Taufe.»

Die heilige Ordnung

Und wieder set­zt der vielfache Buchau­tor bei der Bedeu­tung eines Begriffs an: «Hier­ar­chie» ver­weise auf eine heilige Ord­nung. Zu ihr gehörten alle Getauften gle­icher­massen. Die katholis­che Hier­ar­chie mit dem Papst an der Spitze ein­er Pyra­mide sei darum ein falsches Bild. Vielmehr müsste die Pyra­mide auf die Spitze gestellt wer­den, sodass die Gesamtheit der Getauften oben in der Ord­nung sei.

Das Pub­likum hörte dem Benedik­tin­er gerne zu und belohnte seine hoff­nungsvolle Art mit Applaus. © Jean­nette Häsler Daf­fré, kathaargau.ch

Mit anderen Augen sehen

Mit jedem weit­eren Beispiel wird deut­lich­er, dass der Benedik­tin­er keine Ord­nung spren­gen will. Vielmehr regt er dazu an, sie mit anderen Augen zu sehen. Indem er die Begriffe neu deutet, eröffnet er Hand­lungsspiel­räume. Mar­tin Wer­lens Blick in die Ver­gan­gen­heit geht so weit zurück, dass er Verän­derung zu Tage bringt, und daher resümiert er: «Es bewegt sich vieles.» Vor 70 Jahren wäre es unvorstell­bar gewe­sen, als Benedik­tin­er mit einem reformierten Pfar­rer in ein­er Kapelle vor Pub­likum über solche The­men zu sprechen, erin­nert Mar­tin Werlen.

Ein brillanter Vorschlag an den Papst

Hans Strub fragt seinen Gast, für wie wahrschein­lich er es halte, dass sie bei­de erleben wer­den, dass Frauen in der katholis­chen Kirche das Priester­amt bek­lei­de­ten. Mar­tin Werlen erzählt darauf von seinen Mails an Papst Leo, die er in der Zeitschrift «Gemein­sam Glauben mit dem Papst» pub­liziert. In der Feb­ru­ar-Aus­gabe dieses Jahres hat er den Papst ermuntert, zwei Frauen und einen Nicht-Priester, die im Vatikan wichtige Ämter bek­lei­den, auf die Kar­di­nals-Liste zu set­zen. Begrün­det hat Mar­tin Werlen seinen Vorschlag mit einem Beispiel aus der Geschichte. 1878 näm­lich habe Teodol­fo Mer­tel Papst Leo XIII. mit der Tiara gekrönt. Das Brisante daran: Mer­tel war Kar­di­nal ohne Priester zu sein. Die Begrün­dung habe man im Vatikan «bril­lant» gefun­den, berichtet der reform­freudi­ge alt Abt und erzählt von seinem Ver­sprechen, eine Dankes-Wall­fahrt nach Rom zu ver­anstal­ten, falls der Papst den Vorschlag noch dieses Jahr umset­zen werde. Aus dem Pub­likum meldet sich sofort eine Frau, die unbe­d­ingt an der Wall­fahrt teil­nehmen möchte.

Mar­tin Werlen wird nicht müde, unter den Anwe­senden Hoff­nung zu ver­bre­it­en. Er ermutigt sie, die Kirche nicht zu ersehnen, son­dern sie zu leben, sich nicht über sie aufzure­gen, son­dern sich in ihr einzubrin­gen, mit allem, was einem zur Ver­fü­gung ste­ht. «Son­st ver­passen wir die Kirche.»

Eva Meienberg
mehr zum Autor
nach
soben