«Stadtamman bist du immer und überall»
Der Badener Stadtammann Markus Schneider (links) im Gespräch mit Hans Strub.
Bild: © Marie-Christine Andres

«Stadtamman bist du immer und überall»

DispuTALK mit dem Badener Stadtammann Markus Schneider

Zu Gast am achten DispuTALK war der Badener Stadtammann Markus Schneider. Am 25. Februar sprach er mit Hans Strub im Zunfthaus zum Paradies am Cordulaplatz über die Entwicklung seiner Stadt, die seit Jahrhunderten Menschen aus aller Welt anzieht.

«Mehr Baden geht nicht!», mit diesem Satz beschreibt sich Markus Schnei­der zu Beginn des Gesprächs. Der 61-Jährige ist in Baden geboren und aufgewach­sen, er wohnt und arbeit­et hier und beschäftigt sich von Amtes wegen täglich mit sein­er Stadt.

Jedes Gespräch bringt ihn weiter

Hans Strub spricht mit dem Baden­er Stad­tam­mann über die Leit­the­men Frieden, Liebe, Zukun­ft und Hoff­nung. Aus den vier Begrif­f­en wählt Schnei­der spon­tan «Zukun­ft» aus: «Als Stad­tam­mann ein­er Stadt mit vie­len Her­aus­forderun­gen muss mir die Zukun­ft am Herzen liegen», erk­lärt er. Um gle­ich hinzuzufü­gen: «Ammann zu sein in ein­er Stadt wie Baden ist die schön­ste Auf­gabe, die ich mir vorstellen kann.» Schnei­der möchte nicht an den Men­schen vor­bei poli­tisieren, son­dern mit ihnen im Aus­tausch sein. Er ist sich bewusst: «Egal wo, Stad­tam­mann bist du immer und über­all.» Er schätze die Vielfalt und Abwech­slung in seinem Beruf: «Jedes Gespräch auf der Strasse bringt mich weit­er.»

Per­sön­lich
Markus Schnei­der wurde 1965 in Baden geboren. Von 1999 bis 2010 war er Mit­glied des Baden­er Ein­wohn­errats. Schnei­der erwarb das Turn- und Sportlehrerdiplom an der ETH und studierte Math­e­matik. Er unter­richtete er als Sportlehrer an der Bezirkss­chule Baden, danach arbeit­ete er in der Geschäft­sleitung eines mit­tel­grossen Unternehmens. 2012 wurde er für Die Mitte in den Stad­trat gewählt, seit 2018 ist er Stad­tam­mann von Baden. Schnei­der ist Vater von drei erwach­se­nen Kindern und engagiert sich in ver­schiede­nen Vere­inen in Baden. www.schneider-markus.ch

Zen­trum seit Jahrhun­derten

Baden ist seit der Fusion mit Tur­gi die ein­wohn­er­mäs­sig grösste Stadt im Kan­ton Aar­gau. «Da bin ich natür­lich stolz drauf», sagt Schnei­der, doch Grösse allein sei nicht der Massstab. «Die Qual­ität ein­er Stadt hängt vom Mix ab, den sie bietet, von der Bevölkerung und von vie­len weit­eren Fak­toren.» Wichtiger als die Grösse ist Badens Rolle als Wirtschafts­stan­dort und Kul­tur­ort, als Bade­ort seit Römerzeit und ehe­ma­liger Tagsatzung­sort. In dieser Funk­tion wurde Baden vor 500 Jahren zum Schau­platz der «Baden­er Dis­pu­ta­tion», deren Jubiläum die Stadt unter Leitung der reformierten Kirchge­meinde Baden plus und der katholis­chen Kirchge­meinde Baden-Ennet­baden im Mai offiziell feiert.

Friedlich, weltoffen, innovativ

Frieden ist die wichtig­ste Voraus­set­zung dafür, dass das Leben in ein­er Stadt gedei­hen kann. Eine Voraus­set­zung, die wir vielle­icht manch­mal als allzu selb­stver­ständlich anse­hen: «Wir sind vielle­icht schon etwas ver­wöh­nt mit Frieden», über­legt Schnei­der und betont: «Zum Frieden gehört Respekt.» Neben sta­bilen poli­tis­chen Ver­hält­nis­sen seien genü­gend Finanzen und Arbeit­splätze die Basis für die weit­ere Entwick­lung der Stadt, betont der Stad­tam­mann. Zur DNA von Baden gehört die Indus­triegeschichte: «Die ist sehr wichtig und prägt unsere Stadt seit Jahrzehn­ten. Auch die Men­schen, die hier leben, sind davon geprägt – sie sind weltof­fen und inno­v­a­tiv.»

Stad­ten­twick­lung ist ein Prozess. Bei gewis­sen Entschei­dun­gen zeigen sich die Auswirkun­gen erst Jahre später. Oder die Bedürfnisse ändern sich so rasch, dass ein heute eröffneter Platz, der vor zehn Jahren geplant wurde, eigentlich schon wieder ver­al­tet ist. So würde der The­ater­platz aus heutiger Sicht anders geplant wer­den, und auch der kür­zlich eröffnete Brown-Boveri-Platz sähe heute schon wieder anders aus.

Entscheiden mit Expertise und Bauchgefühl

«Trotz­dem müssen wir Poli­tik­er täglich Entschei­dun­gen tre­f­fen. Wir ste­hen immer wieder vor Her­aus­forderun­gen und müssen han­deln.» Um Entschei­dun­gen richtig und gut zu tre­f­fen, ist der Stad­trat vor allem auf die Fach­leute in der Ver­wal­tung angewiesen: «Als Stad­tam­mann bin ich nicht der kon­stante Fak­tor. Kon­ti­nu­ität garantieren vor allem die Mitar­bei­t­en­den auf der Ver­wal­tung.» Zudem müsse er auf sein Bauchge­fühl hören, sagt Markus Schnei­der: «Und, ganz wichtig, ich muss dieses Gefühl for­mulieren.» Das ver­lange er auch von den anderen Stad­tratsmit­gliedern: «Es gibt Entschei­de, wo ich nie­man­den aus dem Zim­mer gehen lasse, bevor er oder sie sich nicht geäussert hat.»

Bevölkerung soll mit­denken

Aber auch die Baden­er Bevölkerung kann und soll mithelfen, Ideen zu sam­meln und vorauszuschauen. Markus Schnei­der spricht sich für die Par­tizipa­tion der Bevölkerung aus, auch wenn Prozesse dadurch etwas länger dauern soll­ten: «Ideen zu sam­meln, sie zu prüfen und einige begrün­det wieder zu ver­w­er­fen, ist bess­er, als sie gar nie gehört zu haben», sagt er. Die Baden­er Bevölkerung erlebe er als wohlwol­lend und gross­mütig: «Die Men­schen sind bere­it, in die Zukun­ft zu investieren, das ist sehr schön.»

Keine Luftschlösser, dafür fröhliche Feste

«Vom Naturell her bin ich nicht der absolute Visionär, der Luftschlöss­er baut», sagt Schnei­der über sich. «Mir ist wichtig, dass die Men­schen gerne in Baden sind und gerne nach Baden kom­men. Weil sie hier Lebens­freude spüren.» Sinnbildlich für diese anziehende Lebens­freude ste­ht für Stad­tam­mann Schnei­der die Baden­fahrt, die jew­eils Leute aus aller Welt in die Stadt lockt.

Die Zunftmeister gaben ihr Okay

Unter Men­schen zu sein, zu disku­tieren und gemein­sam zu feiern, liegt dem Stad­tam­mann am Herzen. Die Gesel­ligkeit und das kon­struk­tive Miteinan­der pflegt er zum Beispiel in der Guggen­musik Blos­er Clique. Nach ein paar Jahren als Pas­sivmit­glied hat er vor, an der näch­sten Fas­nacht wieder mit sein­er Klar­inette mitzus­pie­len. Zudem ist Markus Schnei­der der einzige Men­sch auf der Welt, der gle­ichzeit­ig Mit­glied in der Spanis­chbrödl­izun­ft UND in der Cor­du­lazun­ft ist. Eine der bei­den Mit­glied­schaften ergab sich von Amtes wegen, weshalb sich die bei­den Zun­ft­meis­ter nach sein­er Wahl zum Stad­tam­mann mit Markus Schnei­der in seinem Büro trafen, um das Vorge­hen in diesem ein­ma­li­gen Fall zu besprechen. «Bei­de haben ihr Okay zu mein­er Dop­pelmit­glied­schaft gegeben», erk­lärt Markus Schnei­der. Sei­ther habe sich immer wieder eine punk­tuelle Zusam­me­nar­beit zwis­chen den bei­den Zün­ften ergeben – und auch am offiziellen Fes­takt des 500-Jahr-Jubiläums der Baden­er Dis­pu­ta­tion wer­den bei­de Zün­fte dabei sein.

Ein guter Mix ist gefragt

Auch Baden kämpft mit knappem Wohn­raum. Das Mot­to laute auch in sein­er Stadt «verdicht­en», sagt Markus Schnei­der. Wichtig finde er, einen guten Woh­nungsmix zu haben – auch gün­stigere Lagen und Genossen­schaftswoh­nun­gen haben in der Stadt Platz. Die Kun­st sei, zu verdicht­en, ohne die Struk­tur zu zer­stören. Und in die Höhe zu bauen, bedeute immer auch, Freiraum und Grün­flächen rund­herum mitzu­denken.

Konkret statt diffus

Auf die Frage, ob er in der aktuellen Welt­lage Angst vor feindlichen Angrif­f­en auf seine Stadt habe, erk­lärt Markus Schnei­der, dass ihn konkrete Gefahren mehr beschäfti­gen als dif­fuse Hor­rorszenar­ien. «Dass jemand mit dem Auto in eine Men­schen­menge fährt oder ein Brand aus­bricht: Für die Ver­hin­derung solch­er Dinge müssen wir die Ver­ant­wor­tung übernehmen. Das kön­nen und tun wir auch.»

Streitkultur

Anlässlich der eid­genös­sis­chen Tagsatzung in Baden im Früh­ling 1526 debat­tierten die katholis­chen und die reformierten Orte über die Kirchen­re­form, die im Jahr zuvor in Zürich beschlossen wor­den war. Bei der Baden­er Dis­pu­ta­tion vor 500 Jahren strit­ten Katho­liken und Reformierte über Fra­gen wie Real­präsenz, Mes­sopfer, Heili­gen­verehrung, Bilder und Fegfeuer. Eine kon­struk­tive Stre­itkul­tur sei auch im heuti­gen Poli­tall­t­ag essen­ziell, sagt Schnei­der. «In der Stad­tratssitzung müssen wir über ein Geschäft stre­it­en kön­nen, ohne dass sich die Fron­ten ver­härten, so dass wir das näch­ste Geschäft wieder unvor­ein­genom­men ange­hen kön­nen.»

Die Baden­er Dis­pu­ta­tion im Jahr 1526 war ein his­torisch­er Meilen­stein für den Dia­log zwis­chen den Kon­fes­sio­nen in der Schweiz. Die Gespräche über die the­ol­o­gis­chen Wahrheit­en und Glaubens­grund­la­gen fan­den während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Baden­er Stadtkirche statt, Teil­nehmer waren Vertreter der 13 Alten Orte der Eidgenossen­schaft sowie The­olo­gen aus dem In- und Aus­land. Zur 500-Jahr-Feier der Baden­er Dis­pu­ta­tion organ­isieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholis­che Kirchge­meinde Baden-Ennet­baden ein umfan­gre­ich­es Jubiläum­spro­gramm unter dem Titel «Disput(N)ation». Das Pro­jekt will Geschichte lebendig machen, den Dia­log in der Gesellschaft stärken und ver­schieden­ste Men­schen ein­binden.

Marie-Christine Andres Schürch
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