Der Beichtstuhl heute: Lädeli, Abstellraum und Notausgang
Bild: © Anne Burgmer

Der Beichtstuhl heute: Lädeli, Abstellraum und Notausgang

Seit Jahren verändert sich die Beichtpraxis. Statt der Einzelbeichte besuchen Menschen gemeinschaftliche Bussfeiern, Beichtgespräche oder Versöhnungswege. Mit Konsequenzen für den traditionellen Beichtstuhl. "Horizonte" ging der Frage nach, wie denn die traditionellen Beichtstühle heutzutage noch verwendet werden und entdeckte Erstaunliches.

Wer in ein­er Kirche einen Blick in den Beicht­stuhl wagt, sieht sich oft mit einem kreativ genutzten Abstell­raum kon­fron­tiert. Was zunächst ein Schmun­zeln oder Kopf­schüt­teln provoziert, ist Aus­druck ein­er «Umnutzung en minia­ture». Die Beicht­prax­is hat sich in den let­zten Jahren und Jahrzehn­ten verän­dert, die klas­sis­chen Beicht­stüh­le wer­den kaum mehr benutzt.

«Beichten ist out»

«Beicht­en ist out» über­schreibt das Schweiz­erische Pas­toral­sozi­ol­o­gis­che Insti­tut (SPI) in St. Gallen die entsprechende Sta­tis­tik für das Jahr 2016. Die Tabelle zeigt deut­lich, regelmäs­sige Beichtzeit­en wer­den in den meis­ten Pfar­reien des Bis­tums Basel prak­tisch nur noch zu kirch­lichen Hochfesten ange­boten. Vielerorts wird gar keine Beicht­möglichkeit für Erwach­sene ange­boten. Regelmäs­sig –das heisst wöchentlich oder öfter, monatlich oder alle zwei bis drei Wochen – bieten nur ins­ge­samt 89 Pfar­reien beziehungsweise Pfar­reiver­bände Beicht­möglichkeit­en an. Zwar gebe es keine langjähri­gen Beicht­sta­tisiken, doch es sei kein Geheim­nis, dass das Beicht­sakra­ment in den let­zten Jahrzehn­ten eine eigentliche Ero­sion erlebt habe, heisst es im erk­lären­den Begleit­text zur Tabelle. Die Ero­sion gründe sowohl in der fehlen­den Nach­frage als auch im teil­weisen Rück­gang der Priesterzahlen.

Vasen, Staubsauger und Co

Wenn die Beicht­stüh­le nicht mehr als solche genutzt wer­den, liegt eine prag­ma­tis­che Ver­wen­dung nahe. Sei es, dass im Ver­e­namün­ster in Bad Zurzach ein Schrein­er Bret­ter ein­zog und der Beicht­stuhl eine Zeit­lang zum «Ver­e­nalädeli» wurde oder dass Sakris­tane die kleinen Räume als Lager für Vasen, Wei­h­nachts­deko­ra­tio­nen oder Staub­sauger ver­wen­den. Auch the­men­be­zo­gene Lagerung kommt vor: In ein­er Kirche im Dreilän­dereck wird die Taizé-Ikone für das regelmäs­sige Taizé-Gebet im Beicht­stuhl auf­be­wahrt. Die Beicht­prax­is hängt vielfach am Pfar­rer ein­er Gemeinde. Bietet er regelmäs­sige Beichtzeit­en an oder nicht. Meist wer­den gemein­schaftliche Ver­söh­nungs­feiern organ­isiert oder Ver­söh­nungswege ange­boten.

Es braucht einen gewissen Druck zur Versöhnung

Der Blick in den Pas­toral­raum Aar­gauer Lim­mat­tal offen­bart ver­schiedene Herange­hensweisen: Mar­tin von Arx, Kat­e­chet und Jugen­dar­beit­er in der Pfar­rei Neuen­hof, macht mit dem Ver­söh­nungsweg gute Erfahrun­gen. An einem Mittwoch im Jahr werde dieser für die Schüler der 4. Klasse ange­boten, am fol­gen­den Don­ner­stag und Fre­itag für die Firm­linge (Jugendliche ab 17 Jahren). «Die Eltern der Schü­lerin­nen und Schüler und die Pat­en der Firm­linge begleit­en sie. Die Reak­tio­nen auf den Ver­söh­nungsweg sind eigentlich immer pos­i­tiv.» Es sei eine schöne Erfahrung. Bei den Firm­lin­gen, die den Weg mit ihren Firm­patin­nen und ‑pat­en gin­gen, kämen in der Regel gute Gespräche zus­tande, präzisiert Mar­tin von Arx. Er sagt aber auch, dass die Leute nicht von sich aus kämen, da sie diese Möglichkeit des Umgangs mit Schuld und Ver­söh­nung heutzu­tage nicht mehr ken­nen.

In den Wet­tinger Pfar­reien Sankt Anton und Sankt Sebas­t­ian sowie in Würen­los wer­den Einzel­be­icht­en zu jed­er Zeit ange­boten. Ulrike Zim­mer­mann, Gemein­delei­t­erin ad inter­im, ver­weist auf die Tele­fon­num­mern, die im Hor­i­zonte veröf­fentlicht wer­den. «Unsere Pfar­reisekre­tari­ate ver­mit­teln ausser­dem den Kon­takt zu einem Priester. In allen drei Pfar­reien wer­den jew­eils in der Fas­ten- und in der Adventszeit pro Pfar­rei je eine Buss- und Ver­söh­nungs­feier ange­boten», erläutert Ulrike Zim­mer­mann. Die Seel­sorg­erin macht deut­lich: «Ob und wenn ja welche Gegen­stände in den Beicht­stühlen gelagert wer­den, bespricht der zuständi­ge Hauswart oder Sakris­tan mit der Leitung der Pfar­rei».

Elegant umgenutzt: Als Notausgang

Trotz des Beich­tange­bots wer­den in Sankt Sebas­t­ian und Sankt Anton in Wet­tin­gen die tra­di­tionellen Beicht­stüh­le nicht mehr als solche genutzt. In Sankt Anton schon so lange, dass ein­er der Beicht­stüh­le zum Notaus­gang umgenutzt wurde. Reto Nuss­baumer, Denkmalpfleger des Kan­tons Aar­gau wirft einen Blick in die Akten: «Im Jahr 2000 wurde eine Innen­ren­o­va­tion der 1954 eingewei­ht­en Kirche notwendig. Die Beicht­stüh­le wer­den bere­its in den dama­li­gen Pla­nun­ter­la­gen als Lager­raum beze­ich­net. Der Beicht­stuhl an sich wurde dann so belassen und ein Durch­bruch nach Aussen gemacht. Das ist eine sehr gelun­gene Umnutzung, die ele­gant das Innen­bild der Kirche bewahrt. Unter Schutz gestellt wurde Sankt Anton dann 2007». Wenn ein Beicht­stuhl bauzeitlich sei, also von Anfang an ins Gesamt­bild der Kirche gehöre, empfehle man, diesen zu belassen, so Reto Nuss­baumer. Nachträglich einge­baute Beicht­stüh­le wür­den teil­weise ent­fer­nt.

Beichtzimmer ersetzen Beichtstuhl

Genau dies geschah in Sankt Mau­ri­tius in Berikon im Zuge der Ren­o­va­tion in den Jahren 2009 und 2010. «Das war ein bewusster Entscheid auf­grund der verän­derten Beicht­prax­is. Statt der bei­den früheren Beicht­stüh­le haben wir in Sankt Mau­ri­tus nun ein Beichtz­im­mer. Darin befind­et sich eine Kniebank vor einem Par­avent. Das ist für alle, die eine klas­sis­che Beichte able­gen wollen. Men­schen, die lieber das direk­te Gespräch wün­schen, kön­nen um den Par­avent herumge­hen und auf einem der Stüh­le Platz nehmen», erk­lärt Michael Jablonows­ki, Pas­toralas­sis­tent im Pas­toral­raum am Mutschellen. Gle­ichzeit­ig gebe es auf der anderen Seite einen extra Abstell­raum für Putzuten­silien, Vasen und Co.

Beichte an Wallfahrtsorten nach wie vor gefragt

Beicht­stüh­le wer­den nicht mehr benötigt; die Verän­derung weg von der Einzel­be­ichte hin zu Ver­söh­nungs­feiern schlägt sich auch in der Sta­tis­tik des SPI nieder (die entsprechende Tabelle find­et sich in der Foto­ga­lerie). Die Schätz­zahlen verdeut­lichen, dass es fünf­mal mehr Teil­nehmende an Ver­söh­nungs­feiern als an Beicht­en gebe. Dass sich das Sakra­ment der Busse und Ver­söh­nung verän­dert, ver­an­lasste die Schweiz­er Bischof­skon­ferenz bere­its 2007 dazu, ein Impulspa­pi­er zu ver­fassen. Darin wird der Fokus auf die Einzel­be­ichte gelegt, die vor­rangig in der Pfar­rei abzule­gen sei. Wo das nicht möglich sei, könne über einen zen­tralen Beich­tort im Dekanat* nachgedacht wer­den. Auch Klöster kön­nten die Funk­tion dieser Beichtzen­tren erfüllen. In Ein­siedeln beispiel­sweise gibt es eine grosse Beichtkapelle, in der mehrere Beichthäuschen zur Ver­fü­gung ste­hen und Benedik­tin­er­pa­tres den Ver­söh­nung suchen­den Pil­gern das Sakra­ment spenden. Doch für die zwei grundle­gen­den Her­aus­forderun­gen bietet auch das Papi­er keine wirk­liche Lösung: Das verän­derte Bewusst­sein in Bezug auf das Beicht­sakra­ment und die Tat­sache, dass das Sakra­ment an einen Priester gebun­den ist. Und die, so heisst es in einem Pfarrsekre­tari­at halb belustigt, halb resig­niert, könne man nicht herza­ubern.

*Mit­tler­weile ist die Auflö­sung der Dekanate zumin­d­est im Bis­tum Basel beschlossen.

Anne Burgmer
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