Sommerserie Teil 3: «Etwas für die Umwelt tun!»

Sommerserie Teil 3: «Etwas für die Umwelt tun!»

  • Im drit­ten Teil der Hor­i­zonte-Som­merserie «Kirche und Kli­ma» geht es um einen Überblick über das bere­its Erre­ichte im Zusam­men­hang mit dem kirch­lichen Umwelt­man­age­mentsys­tem (UMS) «Grün­er Güggel» und um die noch zu erre­ichen­den Ziele.
  • Dazu traf sich Hor­i­zonte zum Gespräch mit Brigit­ta Böl­ster­li, Umwelt­beauf­tragte und Vizepräsi­dentin der Kirchenpflege des Pas­toral­raums Region Lenzburg, und dem kirch­lichen Umwelt­ber­ater und Mit­glied der Fach­stelle oeku Kirche und Umwelt, Andreas Frei.
  • Faz­it: die Bewahrung der Schöp­fung ist eine Grun­dauf­gabe für jeden Chris­ten­men­schen, und die Bemühun­gen des «Grü­nen Güggels» sind keines­falls flügel­lahme Ver­suche, das Gewis­sen zu beruhi­gen, son­dern Bestandteil eines weltweit­en Umdenkens.
 Frau Böl­ster­li, Sie haben für Ihren Pas­toral­raum und sein Umwelt­team am 28. Juni das Zer­ti­fikat «Grün­er Güggel» ent­ge­gen­nehmen dür­fen – Hor­i­zonte hat darüber berichtet. Was bedeutet Ihnen diese Ausze­ich­nung? Brigit­ta Böl­ster­li: Mir per­sön­lich eigentlich nicht so viel. Eine Ausze­ich­nung ist ein Papi­er, das man wegle­gen oder vielle­icht irgend­wo aufhän­gen kann. Mir ist aber viel wichtiger, dass das Zer­ti­fikat «Grün­er Güggel» ein Label ist, das man nach aussen tra­gen kann. Um diese Ver­mark­tung nach aussen geht es. Ohne Label ist das viel schwieriger. Für uns intern ist es jet­zt wichtig, dass wir den Prozess weit­er­führen und das, was wir hier ange­fan­gen haben, ver­voll­ständi­gen und immer etwas per­fek­ter machen. Wir waren ja die ersten im Kan­ton Aar­gau, die den «Grü­nen Güggel» erhal­ten haben. Dieses Label will ich nun nach aussen tra­gen. Ich will auch alle reformierten Kirchge­mein­den in unserem Pas­toral­raum kon­tak­tieren und ihnen erk­lären, was wir hier gemacht haben. Ich hoffe, dass so noch andere auf den Geschmack kom­men. Andreas Frei: Das Label hat auch noch einen weit­eren Effekt: Es garantiert die Kon­ti­nu­ität. Nach zwei Jahren gibt es ein Zwis­chenau­dit und nach vier Jahren eine Rez­er­ti­fizierung. So ist eine Kon­trolle von aussen garantiert. Ohne das Label würde das nie­mand kon­trol­lieren.Herr Frei, mit dem Pas­toral­raum Lenzburg sind es schweizweit nun­mehr 27 zer­ti­fizierte Kirchge­mein­den oder Insti­tu­tio­nen. Wie beurteilen Sie diese Zahl im Hin­blick auf die Ziele, die sich der Vere­in oeku Kirche und Umwelt gesteckt hat? Andreas Frei: Es ist ein Anfang. Es ist nicht berauschend, aber es gibt Hun­derte von Kirchge­mein­den und Pas­toral­räu­men in der Schweiz, und somit gibt es noch viel Luft nach oben. Wir sind ja ein öku­menis­ch­er Vere­in und adressieren immer bei­de Kon­fes­sio­nen. In unseren Augen sind diese 27 immer noch Pio­nierge­mein­den, die erkan­nt haben, dass die Bewahrung der Schöp­fung wichtig ist. Darum nehmen sie auch etwas Geld in die Hand und stellen Per­son­al zur Ver­fü­gung. Aber ich habe schon das Gefühl, es wer­den noch mehr wer­den. Dabei kommt uns auch die gegen­wär­tige gesellschaftliche und kli­ma­tis­che Sit­u­a­tion ent­ge­gen. Lei­der, muss man sagen. Aber auch der Papst, der mit sein­er Umwel­tenzyk­li­ka ja als «grün­er Papst» beze­ich­net wurde. Das ist für uns natür­lich hil­fre­ich. Aber ja, wir wün­schen uns mehr.Gibt es denn Regio­nen, wo noch gar nichts läuft oder gibt es auch eigentliche Hot Spots? Andreas Frei: Ja, ein­deutig. Man sieht, wo es Men­schen gibt in der Kirche, denen das ein wichtiges Anliegen ist und die das innerkirch­lich fördern. In der Schweiz hat das im Kan­ton Thur­gau ange­fan­gen — im katholis­chen Thur­gau, und in zwei Gemein­den im Kan­ton Zürich. Das waren Meilen und Bülach. Die reformierte Kirchge­meinde Bülach war die erste umweltzer­ti­fizierte Gemeinde in der Schweiz über­haupt. Anson­sten liegen die Katho­liken vorn. 22 der 27 zer­ti­fizierten Gemein­den sind katholisch, und generell kann ich sagen: im Thur­gau, in Zürich, im Aar­gau und in Bern gibt es «Grüne-Güggel»-Gemeinden, son­st noch keine. Im Kan­ton St. Gallen fängt’s aber jet­zt auch an.Für die Zer­ti­fizierung hat Lenzburg einen 59-seit­i­gen Umwelt­bericht vorgelegt. Wer je eine wis­senschaftliche Analyse sel­ber gemacht und ver­schriftlicht hat, weiss, wieviel Arbeit das bedeutet. Wie beurteilen Sie, Frau Böl­ster­li, Aufwand und Ertrag dieser Auf­gabe? Brigit­ta Böl­ster­li: Ich würde sagen, das hebt sich ziem­lich gut auf. Während des Prozess­es ist man ja immer auf das fokussiert, was ger­ade am Laufen ist. Dabei füllt man zwar das grüne Datenkon­to mit all den gesam­melten Dat­en, aber ohne Umwelt­bericht wäre man nicht gezwun­gen, diese Dat­en  wirk­lich anzuschauen, zu analysieren und sich sel­ber zu fra­gen: Wo ste­hen wir hier? Haben wir viel ver­braucht? Es lohnt sich, diesen Aufwand zu betreiben. Auch, um eine Basis zu haben, wenn man im fol­gen­den Jahr die neuen Dat­en ver­gle­icht und sieht, wie und wo man sich verbessert hat.  Die Umfrage von Hor­i­zonte bei den Kirchge­mein­den im Kan­ton Aar­gau hat gezeigt, dass die meis­ten Pfar­reien mehr für die Umwelt tun kön­nten. Herr Frei, wie motiviert man diese Gemein­den dazu, mehr zu tun? Andreas Frei: Ich ver­suche ein­er­seits, ihnen klarzu­machen, dass in einem zeit­genös­sis­chen Chris­ten­tum oder Glauben die Bewahrung der Schöp­fung ein emi­nent wichtiges The­ma ist. Es geht um den Umgang mit unseren Ressourcen, um deren Erhalt, auch für die nach­fol­gen­den Gen­er­a­tio­nen. Und zweit­ens erk­läre ich ihnen, dass man mit dem Grü­nen Güggel sog­ar Geld sparen kann. Natür­lich auf lange Frist, denn zuerst muss man ja Geld investieren, um dieses Umwelt­man­age­ment einzuricht­en. Aber nach­her kann man viele Energiekosten sparen — etwa in der Kirche, wenn weniger geheizt wird. Und schliesslich sage ich auch immer: Denkt an die Jugend. Ihr wollt doch als Kirche junge Men­schen ansprechen. Wenn Ihr voraus­ge­ht und die Bewahrung der Schöp­fung als wichtiges The­ma anschaut, wie es die Kli­ma­ju­gend eben auch tut, dann lassen sich hier gute Syn­ergien schaf­fen.  Im Kan­ton Bern zum Beispiel haben die reformierten Kirchge­mein­den gratis Räume zur Ver­fü­gung gestellt als Tre­ff­punk­te für die Aktivis­ten der Kli­ma­ju­gend. Kön­nte das auch ein Ansatz sein? Brigit­ta Böl­ster­li: Bei uns hat der Zen­trums­be­treuer der JuBla die Jugendlichen mal zusam­mengerufen, um mit ihnen zusam­men ihren Abfall zu sortieren. Er stellte ihnen eine Beloh­nung in Aus­sicht, wenn sie am Ende eine gewisse Menge «echt­en» Abfall zusam­men­brächt­en. Sie hat­ten drei oder vier volle Abfall­säcke. Nach dem Sortieren blieb nur noch eine Hand­voll Abfall übrig. Damit hat er bei den Jun­gen das Inter­esse geweckt. Einige von ihnen machen jet­zt mit bei der Umge­bungsar­beit für mehr Bio­di­ver­sität. Sie bauen zum Beispiel Pfef­fer­minze an, um daraus Sirup zu machen.Gibt es noch mehr solche prak­tis­chen Tips, wenn eine Gemeinde damit begin­nen möchte, mehr in Sachen Umweltschutz zu tun? Andreas Frei: Da es sich beim «Grü­nen Güggel» um ein Umwelt­man­age­mentsys­tem han­delt, betra­chtet man immer das Ganze und fängt nicht ein­fach irgend­wo mal mit etwas an. Es begin­nt mit ein­er Ist-Analyse: Wie läuft es mit dem Papi­er? Wie mit dem Abfall? Mit der Energie? Dann macht man Bege­hun­gen der Liegen­schaften. Dabei geht es nicht primär um Sanierun­gen oder Neubaut­en, son­dern es geht um Betrieb­sop­ti­mierung. Was kann man im laufend­en Betrieb opti­mieren? Darin steckt Spar­poten­zial. Das sind viele kleine Dinge, aber Klein­vieh macht auch Mist. Wichtig ist auch das The­ma Heizungser­satz. Wir müssen wegkom­men von fos­silen Energi­eträgern, denn die sind es, die unser Kli­ma aufheizen. Brigit­ta Böl­ster­li: Und wichtig ist es auch, dass man dies­bezüglich sen­si­bil­isiert ist und früh genug daran denkt. Nicht, dass man ein­fach wartet, bis die alte Heizung kaputt geht und dann unter Zeit­not ein­fach schnell wieder das ein­baut, was man vorher schon hat­te. Andreas Frei: Das Schöne ist es ja, dass man beim Energies­paren derzeit sehr unter­stützt wird. Das Bun­de­samt für Energie bietet Unter­stützung. Auch Kan­tone und Gemein­den helfen – etwa mit Energieber­atern, die sie gratis vor­beis­chick­en, wenn man opti­mieren will. Brigit­ta Böl­ster­li: Der Kan­ton Aar­gau ist da aber noch nicht so gut. Wir bekom­men bei unser­er Heizung jeden­falls keine Unter­stützung. Zum Glück gibt es noch den Öko­fonds der Lan­deskirche…Frau Böl­ster­li, den Kirchen laufen die Mit­glieder davon. Glauben Sie, durch Ihr Umwel­tengage­ment einige davon bei der Stange hal­ten oder gar zurück­gewin­nen zu kön­nen? Brigit­ta Böl­ster­li: Ich wäre froh, es wäre so. Ich hat­te aber im Gegen­teil ein, zwei Diskus­sio­nen deswe­gen. Ein­er fand: «Jet­zt spin­nt ihr also auch noch und steigt auf diesen Zug auf.» Ein ander­er brachte Kirche und Umwelt nicht zusam­men und war der Ansicht, Kirche sei doch Kirche, den Rest müssten doch andere machen. Ich glaube schon, dass es da noch Aufk­lärungsar­beit braucht, obwohl an unser­er Kirchge­mein­de­v­er­samm­lung sowohl der Antrag für den Grü­nen Güggel als auch der Antrag für die neue Heizung zu Null durchgekom­men sind. Also die Sen­si­bil­isierung scheint da zu sein, aber ob das mehr Leute in die Kirche bringt, das kann ich nicht sagen. Andreas Frei: Ich glaube, es gibt Mit­glieder ein­er Kirchge­meinde, die vielle­icht nicht zur Kern­gruppe gehören, aber doch immer noch dabei sind und die sich Gedanken machen über die Umwelt. Die find­en es dann pos­i­tiv, dass ihre Kirchge­meinde auch etwas untern­immt. Das merkt man zwar nicht, aber diese bleiben dadurch noch etwas überzeugter Mit­glieder der Kirche.Die Men­schen wollen Antworten und sie suchen nach echter Spir­i­tu­al­ität. Sie aber predi­gen Sonnenen­ergie, Recy­cling­pa­pi­er und bessere Wärmedäm­mung. Wie erk­lären Sie den Suchen­den, dass das Eine mit dem Anderen zusam­men­hängt? Andreas Frei: Der «Grüne Güggel» ist zwar ein Umwelt­man­age­mentsys­tem und tönt wahnsin­nig tech­nisch, aber der «Grüne Güggel» ist sehr offen für spir­ituelle Prozesse in eine Pfar­rei. Zum Beispiel in Schöft­land hat Gemein­deleit­er Beat Nieder­berg­er ganz klar gesagt, ihr Ziel sei es, dass sich das Denken der Leute verän­dere. Sie sollen die Bewahrung der Schöp­fung ern­ster nehmen. Ihm gin­ge es weniger um die Grüne-Dat­en-Kon­ten. Dafür ist der «Grüne Güggel» sehr offen. Wer die Schöp­fungsspir­i­tu­al­ität mehr fördern will, kann das im Zuge der Zer­ti­fizierung sehr gut machen. Brigit­ta Böl­ster­li: Ich bin ja in der Kirchenpflege. Ich gehöre damit zur «grauen» Seite, also der staatskirchen­rechtlichen. Bewahrung der Schöp­fung gehört aber als spir­ituelles The­ma klar zur «schwarzen», also der pas­toralen Seite. Damit sich diese zwei Seit­en find­en, müssen bei­de auf den Weg gehen. Vielle­icht musste die graue Seite ein­fach mal etwas Vorar­beit leis­ten, aber wir müssen auch bei diesem Prozess ler­nen, miteinan­der auf dem Weg zu sein. Das ste­ht und fällt aber mit der jew­eili­gen Gemein­deleitung.Der Vere­in oeku Kirche und Umwelt hat sich die Bewahrung der Schöp­fung auf die Fahne geschrieben. Ein Aufruf, der durch Gre­ta Thun­berg in jüng­ster Zeit wieder viel Pub­liz­ität bekom­men hat. WWF und Green­peace kämpfen seit Jahrzehn­ten einen end­losen Kampf in dieser Hin­sicht. Was bietet der «Grüne Güggel», was all diese Men­schen und Insti­tu­tio­nen nicht bieten? Andreas Frei: Ich würde sagen, oeku und der «Grüne Güggel» haben eine ähn­liche Botschaft wie der WWF. Mit den Zie­len des WWF deck­en wir uns sehr. Unser Ange­bot ist ein­fach gezielt auf ein kirch­lich­es Pub­likum aus­gerichtet. Es ist eine Ergänzung. WWF erre­icht vielle­icht ein anderes Seg­ment, Fam­i­lien und Nicht-Kirch­liche. Oeku und der «Grüne Güggel» wollen klar Men­schen in der Kirche ansprechen. Wir sind so wie der grüne Dau­men der Kirche. Wobei grün immer mit der der poli­tis­chen Partei in Verbindung gebracht wird. Ich möchte aber die Überzeu­gung für den «Grü­nen Güggel» aus the­ol­o­gis­ch­er oder kirch­lich­er Argu­men­ta­tion brin­gen. Also Bewahrung der Schöp­fung als eine kirch­liche Auf­gabe, die zu einem zeit­gemässen Chris­ten­tum dazuge­hört. Brigit­ta Böl­ster­li: Kann man nicht auch ein­fach sagen, beim «Grü­nen Güggel» wird konkret etwas gemacht, wohinge­gen der WWF ein­fach gross und sehr bekan­nt ist, viel Geld hat und vielle­icht auch ein paar Skan­dale, hohe Löhne bezahlt und so weit­er? Wenn ich mir näm­lich über­lege, was ich vom WWF weiss und was die tun, dann kommt mir nicht viel Konkretes in den Sinn. Aber der «Grüne Güggel» ist konkret. Andreas Frei: Das finde ich sehr schön. Danke, dass du das sagst. Es stimmt, denn schon bei der ersten Sitzung wird gefragt: «Was denken die Mitar­beit­er? Welche Schöp­fungsleitlin­ien wollen wir uns geben?» Es wird also ganz konkret.Wäre eine Zusam­me­nar­beit mit ein­er grösseren Umwel­tor­gan­i­sa­tion denk‑, vielle­icht sog­ar wün­schbar oder konzen­tri­eren Sie sich bewusst auf die Schweiz und Ihre Kirchge­mein­den? Andreas Frei: Wir sind offizieller Net­zw­erk­part­ner des KirUm, des Kirch­lichen Net­zw­erks Umwelt­man­age­ment in Deutsch­land. Für die Schweiz hat oeku die Funk­tion über­nom­men, ein­er­seits öku­menisch und ander­er­seits gle­ich für die ganze Schweiz die Zer­ti­fizierungsstelle zu sein. Wir sind aber kein Mit­glied des KirUm, son­dern ein strate­gis­ch­er Part­ner. Weit­ere Bestre­bun­gen zu Koop­er­a­tio­nen oder gar Zusam­men­schlüssen mit grösseren Umwel­tor­gan­i­sa­tio­nen gibt es nicht. Es gibt aber Bestre­bun­gen, mit Freikirchen zusam­men­zuar­beit­en. Die Freikirchen sind eben auch aktiv­er gewor­den. Da gibt es zum Beispiel den Grü­nen Fisch. Und es gibt, von Frankre­ich her, eco eglise, ein nieder­schwelliges Ange­bot, um sich als umwelt­be­wusste Kirchge­meinde zu beze­ich­nen. Da gibt es jet­zt Gespräche, um her­auszufind­en, wie man oeku auch in der Westschweiz etablieren kön­nte – allen­falls in Kom­bi­na­tion mit eco eglise.Wenn Sie bei­de heute auf die Kirchen­land­schaft Schweiz schauen, wo sähen Sie diese Kirchen­land­schaft im Hin­blick auf die gesteck­ten Umweltziele gerne in zehn oder 20 Jahren? Andreas Frei: Ich würde es gern sehen, dass es in 20 Jahren eine Selb­stver­ständlichkeit wäre, dass eine Kirchge­meinde den «Grü­nen Güggel» hat, und dass sich eine Kirchge­meinde recht­fer­ti­gen müsste, wenn sie ihn noch nicht hat. Brigit­ta Böl­ster­li: Das kann ich unter­stützen! (bei­de lachen herzhaft) Andreas Frei: Ich wün­schte mir auch, dass die Kirche wieder ein Ort wer­den kann für suchende Men­schen. Für Men­schen, die Zukun­ft­säng­ste haben und sich fra­gen, wie’s weit­erge­ht. Dass man sie ernst nimmt und ihnen die Möglichkeit gibt, etwas zu tun in dieser Kirche, um gegen all diese Krisen, die Kli­makrise, die Bio­di­ver­sität­skrise, die Ressourcenkrise, etwas zu tun. Was den Men­schen gut tut, ist, wenn sie etwas tun kön­nen. Das gibt ihnen Genug­tu­ung. Sie haben dann nicht mehr das Gefühl, macht­los zu sein, son­dern sie tun etwas dage­gen. Die Kirche soll wieder ein Ort wer­den, wo man etwas machen kann. Früher war sie das mal. Brigit­ta Böl­ster­li: Also mir gefällt der Ansatz sehr, dass man etwas dazu beitra­gen kann. Ich bin aufgewach­sen als Kon­sument der Kirche. Aber sel­ber dazu beitra­gen zu kön­nen, dass etwas bess­er wird, das ist ein ganz toller Ansatz. Andreas Frei: Und genau das braucht es: Leute, die sich engagieren. Der «Grüne Güggel» funk­tion­iert nur mit Leuten, die sich engagieren. Wenn es keine Leute gäbe wie Brigit­ta Böl­ster­li, die aus Überzeu­gung sagen: «Hier set­ze ich mich ein», dann geht’s nicht. Darum ist das immer das erste, was ich ein­er Kirchge­meinde sage, die sich dafür inter­essiert: «Ihr braucht min­destens zwei oder noch bess­er drei Leute, die sich dafür inter­essieren und die das wirk­lich wollen. Wenn Ihr das nicht habt, dann kommt der Güggel nicht zum Fliegen.»Im Moment lassen Chi­na und die USA ihre Muskeln spie­len. Es geht um Märk­te und Ressourcen. Keine dieser Gross­mächte ist dafür bekan­nt, ressourcenscho­nend oder men­schen­fre­undlich zu wirtschaften. Was nährt angesichts solch­er Umstände bei Ihnen noch die Hoff­nung, etwas Nach­haltiges für die Erde und ihre Geschöpfe tun zu kön­nen, geschweige denn, dass es je ein Umdenken gäbe? Brigit­ta Böl­ster­li: Also Hoff­nung geben mir die Demokra­tien, die wirk­lich funk­tion­ieren. Das ist zum Beispiel unsere oder auch die in Deutsch­land. Ein biss­chen Hoff­nung gibt mir auch die Aktion Black Lives Mat­ter. Zuerst müssen die Leute merken, dass es ihnen schlechter geht, dann erst begin­nen sie, ihr Hirn einzuschal­ten und zu über­legen, was sie eigentlich wollen. Aber im Kleinen begin­nt das langsam. Andreas Frei: Natür­lich denke ich manch­mal: «Ach, das bringt doch nichts», vor allem, wenn ich wieder mal eine konzen­tri­erte Dosis neg­a­tiv­er Nachricht­en bekomme. Aber das blende ich dann wieder aus, weil ich weiss, dass ich da eh nichts machen kann, in Chi­na, in Brasilien oder in den USA. Ich ver­suche dann, da etwas pos­i­tiv zu verän­dern, wo ich es wirk­lich kann. Und da bin ich mit Brigit­ta ein­er Mei­n­ung, dass wir hier eine Demokratie haben, bei der es sich lohnt, sich einzuset­zen. Und dabei soll die Schweiz auch den anderen Län­dern voraus­ge­hen. Die Schweiz ist nicht unbe­deu­tend. Wir kön­nen zeigen, dass es klappt, wegzukom­men von fos­silen Energi­eträgern, weg vom ganzen Abfall und von der Ressourcenver­schwen­dung – und trotz­dem ein gutes Leben haben. Es gibt einen schö­nen Spruch, den man Mar­tin Luther zuschreibt: «Wenn ich weiss, dass mor­gen die Welt unterge­ht, dann pflanze ich heute noch ein Bäum­chen.» Es gibt aber noch einen zweit­en schö­nen Spruch, den ich auch gerne zitiere. Der richtet sich an alle Men­schen, die auch gerne mal verzweifeln. Es heisst da: Wenn in einem Wald ein Baum gefällt wird, dann gibt es einen grossen Lärm und man sieht die Zer­störung. Aber man sieht nicht, dass alle anderen Bäume rund­herum wach­sen. Das heisst, es sind immer die neg­a­tiv­en Schlagzeilen, die knallen und die Aufmerk­samkeit auf sich ziehen, und alles, was funk­tion­iert und wächst und gut ist, nimmt man nicht wahr.
Christian Breitschmid
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