«Wir müssen die Machtfrage stellen»
- Die MachtÂstrukÂturen und die EntscheiÂdungsstrukÂturen in der Kirche müssten angesichts des MissÂbrauchsskanÂdals bessÂer angeschaut werÂden, so der Basler Bischof Felix Gmür, im InterÂview.
- Als PräsiÂdent der SchweizÂer BischofÂskonÂferenz (SBK) verÂtrat er die Schweiz am Anti-MissÂbrauchsÂgipfel in Rom, der vom 21. bis 24. FebÂruÂar dauerte.
Was war der stärkÂste Moment am BischofÂstrÂeÂfÂfen in Rom?
Felix Gmür: Es gab drei starke Momente: Die ZeugÂnisse der Opfer, Vorträge von SpezialÂisÂten und SpezialÂistinÂnen und schliesslich den AusÂtausch in GrupÂpen. Alle drei AspekÂte zusamÂmen haben dieses TreÂfÂfen geprägt.
Was war Ihre Botschaft an die KonÂferenÂzteilÂnehmer?
Ich hatÂte viele Botschaften, vor allem in den DiskusÂsionÂsÂgrupÂpen. Dort konÂnte ich zum Beispiel erkÂlären, was bei uns geschieht, wenn ein Fall gemeldet wird, oder wie die GenugÂtuÂung organÂisiert ist, wie die ZusamÂmeÂnarÂbeit mit der staatlichen JusÂtiz funkÂtionÂiert oder das VorgeÂhen beim MissÂbrauch in den einzelÂnen Bistümern erläutern. Und ich habe auch eingeÂbracht, was mir die LanÂdeskirchen ThurÂgau und BaselÂland mit auf den Weg gegeben haben.
Haben Sie einen besÂtimmten Punkt aus dem AufÂtrag der LanÂdeskirchen besonÂders herÂausÂgeÂhoben?
Ihr HaupÂtanÂliegen war, dass man die MachtÂstrukÂturen und die EntscheiÂdungsstrukÂturen in der Kirche anschaut. Diesen Punkt habe ich eingeÂbracht. Und ich war zum Glück in Rom nicht der Einzige, der dies ansprach. BereÂits im ersten VorÂtrag sagte der philipÂpinisÂche KarÂdiÂnal Luis AntoÂnio Gokim Tagle: Der Bischof kann nicht in allem der Chef sein. Das ist gar nicht möglich. Wir müssen also die MachtÂfrage stellen. Bei den ÜberÂgrifÂfÂen geht es auch um MachtÂmissÂbrauch. Ich habe auch die Frage nach dem ZöliÂbat gestellt: Inwieweit zieht er MenÂschen an, die BeziehungsstörunÂgen haben? Und inwieweit ist der ZöliÂbat nötig, um Priester zu sein? Diese beiÂden PunkÂte konÂnte ich ganz konkret einÂbrinÂgen.
Welche MöglichkeitÂen hatÂten Sie als SBK-PräsiÂdent, um die PosiÂtion der Kirche Schweiz in die KonÂferenz einzubrinÂgen?
Dies geschah vor allem im AusÂtausch mit den andern BisÂchöfen. Ich gehörte einÂer franzöÂsisÂchen SprachÂgruppe an. In dieser waren MenÂschen aus Europa, AfriÂka, araÂbisÂchen LänÂdern und Asien. Diesen konÂnte ich die SitÂuÂaÂtion in der Schweiz nahe brinÂgen.
Die Kirche in der Schweiz hat sich sehr stark im Kampf gegen den MissÂbrauch in der Kirche und für die AufarÂbeitung der MissÂbrauchsÂfälle eingeÂsetÂzt. KonÂnten Sie diese ErfahrunÂgen in die KonÂferenz einÂbrinÂgen?
Ich konÂnte die ErfahrunÂgen der Kirche Schweiz in den DiskusÂsionÂsrunÂden einÂbrinÂgen. Wir haben offen miteinanÂder gereÂdet. JedÂer konÂnte über seine ErfahrunÂgen und auch über seine BefürchÂtunÂgen sprechen.
KönÂnen Sie Beispiele für solche BefürchÂtunÂgen nenÂnen?
Eine solche BefürchÂtung ist, dass die ZusamÂmeÂnarÂbeit mit der staatlichen JusÂtiz in gewisÂsen LänÂdern gar nicht so einÂfach ist wie in der Schweiz. Das ist der Fall für eine Kirche, die sich in einem Staat befindÂet, wo eine DikÂtatur herrscht, die gegen jede ReliÂgion ist. Dann ist es nicht von vornÂhereÂin möglich, mit der staatlichen JusÂtiz zusamÂmenÂzuarÂbeitÂen. Der MissÂbrauch könÂnte als VorÂwand dazu dienen, KirchenÂvertreter einzusÂperÂren und den Fall gar nicht richtig zu unterÂsuchen. In gewisÂsen LänÂdern ist das SchutzalÂter derÂart niedrig, dass es gesetÂzlich nicht als VerÂbrechen angeÂseÂhen wird, wenn man mit einem MinÂderÂjähriÂgen sexÂuellen Verkehr hat. In manchen LänÂdern liegt das HeiratÂsalter bei zwölf Jahren. Da hilÂft die ZusamÂmeÂnarÂbeit mit der staatlichen JusÂtiz nichts.
Sind Sie zufrieden mit dem VerÂlauf der Gespräche an der KonÂferenz oder haben Sie grosse WiderÂstände ausÂgemacht?
Nein, ich habe keine WiderÂstände ausÂgemacht. Ich habe gemerkt, dass sich wirkÂlich alle des ProbÂlems bewusst sind. Dieses betÂrifft nicht nur die Schweiz oder Europa, die USA, Chile und Irland, sonÂdern die ganze Welt. Wir müssen als ganze Kirche gemeinÂsam etwas dageÂgen unternehmen, um den Opfern, die es bereÂits gibt, gerecht zu werÂden und weitÂere Opfer durch gute PrävenÂtionÂsÂmassÂnahÂmen zu verÂhinÂdern.
Wird die KonÂferenz dazu führen, dass die Kirche Schweiz sich künÂftig in der Sache interÂnaÂtionÂal verknüpft, um die Causa MissÂbrauch weitÂerzubrinÂgen?
Wir sind bereÂits im AusÂtausch mit DeutschÂland, ÖsterÂreÂich und FrankreÂich, weil wir uns in den jewÂeiliÂgen KulÂturen bessÂer absprechen müssen. VielleÂicht wird die Kirche Schweiz nun auch für andere LänÂder eine AnsprechÂpartÂnerÂin sein.
Haben Sie in Rom OpferÂvertreter oder Opfer getrofÂfen?
Am FreÂitag habe ich etwas mehr als eine Stunde mit drei Opfern gesprochen. Das war eine sehr interÂesÂsante DiskusÂsion. Es war aufwühÂlend zu hören, was diese MenÂschen sagen. Man weiss dann, wieso man sich für sie einÂsetÂzt, wenn man ihnen in die Augen schaut. DesweÂgen war es auch sehr gut, dass wir während der ganzen KonÂferenz Berichte von Opfern hören konÂnten.
Welche Botschaft brinÂgen Sie in die Schweiz zurück?
Der MissÂbrauch von Kindern, MinÂderÂjähriÂgen oder abhängiÂgen PerÂsoÂnÂen ist ein VerÂbrechen. Die Kirche muss dieses VerÂbrechen weltweit verÂfolÂgen und bestrafen. Sie muss alles tun, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Wenn es trotzÂdem geschieht, dann müssen die Opfer angeÂhört werÂden und Gerechtigkeit erfahren und die Täter bestraft werÂden.