Wenn Zahlen erzählen
Skizze eines Schneckenhauses. Ein Beispiel für natürlich vorkommende mathemische Strukturen und Zahlen. Sie spielen sowohl in den Naturwissenschaften, als auch in religiösen Symbolsystemen eine Rolle.
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Wenn Zahlen erzählen

Seit Jahrtausenden versuchen wir Menschen, unsere Welt mit Zahlen zu erklären – in der Wissenschaft, im Alltag und in der Religion. Auch in der Bibel tauchen bestimmte Zahlen immer wieder auf. Schauen wir genauer hin, wo einige Zahlen vorkommen und welche Bedeutung sie haben.


Wir Men­schen existieren in ein­er Welt, die für uns sehend, hörend, füh­lend in Raum und Zeit erleb­bar ist. Diese Welt mit Hil­fe von Zahlen ver­ste­hen und ord­nen zu wollen, gehört zu den ältesten men­schlichen Bedürfnis­sen. Ange­fan­gen hat es bei vie­len Völk­ern damit, die Dinge der Welt in Fün­fer­sys­te­men zu ord­nen. Warum ger­ade in dieser Sys­tem­atik? Die Antwort liegt buch­stäblich auf der Hand: Die Men­schen ori­en­tierten sich beim Zählen und Ord­nen an ihren Fin­gern. Zahlen kön­nen als Ein­heitssprache der Welt ver­standen wer­den, weil sie uns helfen, grundle­gende und diszi­plinüber­greifende Prinzip­i­en unser­er Wirk­lichkeit zu beschreiben. Mit der Zeit haben die Men­schen in Träu­men, Mythen, Geschicht­en, Riten und in den Reli­gio­nen bes­timmten Zahlen Bedeu­tun­gen zugeschrieben.

Auch in der Bibel begeg­nen uns solche Zahlen­vorstel­lun­gen. Die Zahlen in der Bibel haben also oft sym­bol­is­che Bedeu­tung. Sie helfen, Gottes Geschichte mit den Men­schen und bib­lis­che Bedeu­tungszusam­men­hänge sicht­bar zu machen. Allerd­ings ist Vor­sicht geboten, denn die Zahlen­sym­bo­l­ik kann leicht zu Übertrei­bun­gen führen. Eine sym­bol­is­che Bibelausle­gung ist immer sub­jek­tiv. Ob genau das, was wir inter­pretieren, auch noch etwas anderes oder über­haupt etwas ganz anderes aus­sagen soll, kann nie­mand beweisen. In der Bibel selb­st und in der Umwelt, in der sie ent­standen ist, find­en wir aber Hin­weise, dass Zahlen damals oft von den Men­schen sym­bol­isch gedeutet wur­den.

Schauen wir uns einige Zahlen genauer an.

1

Die 1 ist das Sym­bol für Ein­heit und Ganzheit. Sie ste­ht für das einzige, eine Göt­tliche.

3

In der antiken Welt, nicht nur im Juden- und Chris­ten­tum, ste­ht die 3 für das Uni­ver­sum und die über­weltliche Voll­ständigkeit. In der Bibel lesen wir von den drei Tagen zwis­chen dem Tod und der Aufer­ste­hung Jesu. Diese Zeitspanne wurde wahrschein­lich gewählt, um auszu­drück­en, dass eine Erwartung aus dem Alten Tes­ta­ment erfüllt wurde, die nicht nur die Welt bet­rifft, son­dern darüber hin­aus­ge­ht, näm­lich, dass Gott wen­dend ein­greift. Die Schreiber woll­ten zeigen, dass Gott durch Jesus das Heil vol­len­det.

4

Die 4 ste­ht für den Erd­kreis. Wir ken­nen auf der Erde vier Him­mel­srich­tun­gen, vier Ele­mente, vier Dimen­sio­nen. Die 4 ist damit ein Sym­bol für die gesamte Welt und für irdis­che Voll­ständigkeit.
In der Bibel begeg­net uns die 4 in der Anzahl der Evan­gelien: Es gibt genau vier. Das kön­nte darauf hin­weisen, dass die fro­he Botschaft damit voll­ständig an die Men­schen auf der Welt verkün­det wurde.

6

In der Schöp­fungs­geschichte wird der Men­sch am sech­sten Tag von Gott geschaf­fen. Die 6 ist die Zahl des Men­schen, sie ste­ht für sein müh­seliges Leben auf der Erde. Im Juden­tum find­en wir sie in den sechs Arbeit­sta­gen vor dem Sab­bat. In der Apoka­lypse ste­ht die dreifache 6 für den Antichris­ten. Ein Deu­tungsver­such sieht in dieser Ver­dreifachung, und somit Vol­len­dung, der 6 die Sym­bol­zahl für das Vergängliche. Eine andere Inter­pre­ta­tion bietet hier die Gema­trie (= Erk­lärung siehe Kas­ten), die in der dreifachen 6 die Rück­kehr Kaiser Neros in der Apoka­lypse angekündigt sieht, der die Christin­nen und Chris­ten um das Jahr 65 ver­fol­gt hat.

7

Die 7 ist die Summe aus den Zahlen 3 und 4, also aus der über­weltlichen und aus der irdis­chen Voll­ständigkeit. Sie wird daher oft als Zahl der Heiligkeit Gottes inter­pretiert.
Die 7 begeg­net uns eben­falls schon ganz am Anfang der Bibel. Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaf­fen. Der siebte Schöp­fungstag ist sozusagen der Geburt­stag der Welt. Im Neuen Tes­ta­ment begeg­nen wir der 7 vor allem in der Apoka­lypse. Dort ist davon die Rede, dass die Schrift an sieben namentlich genan­nte Gemein­den geht. Das kann so inter­pretiert wer­den, dass damit die gesamte Kirche gemeint ist. Ausser­dem find­en wir dort das Buch mit sieben Siegeln, sieben Posaunen, sieben Don­ner.
The­ol­o­gisch weit­er­en­twick­elt – die umfassende Vol­lkom­men­heit beach­t­end – wurde die 7 dann auch für die Kirche bedeut­sam, zum Beispiel in der Sieben­zahl der Sakra­mente.

8

Die 8 wird als die Zahl des Jen­seit­i­gen, des Unendlichen, des Göt­tlichen ange­se­hen. Wir alle ken­nen die liegende 8 als Zeichen der Unendlichkeit.
Die neutes­ta­mentliche Kirche beken­nt die Aufer­ste­hung Jesu am ersten Tag der neuen Woche, also am acht­en Tag. In der Berg­predigt find­en sich acht Selig­preisun­gen für den «neuen» Men­schen. Wahrschein­lich wurde hier absichtlich die 8 einge­set­zt, um einen sym­bol­is­chen Bezug herzustellen.

10

Schon in sehr frühen Welt­be­tra­ch­tun­gen wird die 10 als schöpferische Zahl inter­pretiert. Von der Geome­trie aus­ge­hend wird sie als die Summe aus Punkt (1), Lin­ie (2), Fläche (3) und Kör­p­er (4) ange­se­hen. Aus diesen vier Bausteinen ist die Welt erschaf­fen, in der die 10 als schöpferische Ent­fal­tung der Urfor­men gedeutet wird.
In der Bibel find­en wir die 10 sowohl im Alten als auch im Neuen Tes­ta­ment: Zehn Gebote, zehn Schöp­fungsworte in Gen­e­sis 1, zehn Schöp­fungstat­en in Gen­e­sis 2, zehn Ver­heis­sun­gen Gottes an die Erzväter, zehn Wun­der­tat­en Jesu bei Matthäus.

22

Die 22 zeigt, dass Zahlen nicht nur im Inhalt, son­dern auch in der Form der Bibel eine Rolle spie­len. Das hebräis­che Alpha­bet hat 22 Buch­staben. Das Wort Gottes kann von den Men­schen also nur durch diese 22 Buch­staben ver­nom­men und ver­standen wer­den. Gottes Weisun­gen wur­den aus ihnen für den Men­schen gebaut.
Der Psalm 119 bein­hal­tet 22×8 Verse. Das kann so inter­pretiert wer­den, dass in dem kun­stvoll gebaut­en Psalm die vom Him­mel (8) in die men­schliche Sprache gekommene (22) Weisung Gottes besun­gen wird.

40

Die 40 ist eine Zahl, die uns in der Bibel oft begeg­net: 40 Jahre Wüsten­wan­derung, 40 Jahre davidis­che Regierungszeit, Mose ver­bringt 40 Tage auf dem Berg Sinai, Eli­ja in der Einöde und Jesus fastet 40 Tage.
Die 40 ste­ht stel­lvertre­tend für eine lange Dauer und für das Viele.

Was ist eigentlich …
Gema­trie

Wenn wir das Alte Tes­ta­ment und die Zahlen­sym­bo­l­ik darin bess­er ver­ste­hen möcht­en, lohnt sich ein Blick auf die soge­nan­nte Gema­trie. Sie ist ein Sys­tem, in dem den hebräis­chen Buch­staben feste Zahlen­werte zuge­ord­net wer­den. Dadurch kön­nen Wörter oder Namen als Zahlen gele­sen wer­den. Der erste Buch­stabe des hebräis­chen Alpha­bets ist also gle­ichzeit­ig die 1, der zweite die 2 und so weit­er. Die Buch­staben eines Wortes wer­den beim Lesen durch die Zahlen, die sie beze­ich­nen, erset­zt und daraus wird dann die Summe gebildet.

Beispiel: Das hebräis­che Wort Echad (אחד = eins) ist ein Hin­weis auf den einzig-einen Gott. Liest man die einzel­nen Buch­staben als Zahlen, also Alef als 1, Chet als 8 und Dalet als 4, ergibt das gesamte Wort (1+8+4) den Zahlen­wert 13. Die 13 ist für Jüdin­nen und Juden keine Unglück­szahl, son­dern im Gegen­teil eine Glück­szahl, denn sie ste­ht für Gott und seine Barmherzigkeit.

Wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass die Schreiber der Bibel die Gema­trie bewusst einge­set­zt haben, da sie in der antiken Welt, nicht nur im Hebräis­chen, weit ver­bre­it­et war. Sie war also eine lit­er­arische Kun­st­form der bib­lis­chen Schrift­steller. In den Tex­ten der Bibel begeg­nen uns einige Zahlen­werte immer wieder, die den Leserin­nen und Lesern Glaubens­beken­nt­nisse oder heils­geschichtliche Fak­ten in Erin­nerung gerufen haben.

Leonie Wollensack
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