
© Marie-Christine Andres
Wachsen, Reifen, Ernten
Wenn im Herbst die Ernte eingebracht und der Wintervorrat gesichert ist, feiert die katholische Kirche Erntedank.
Laut lesen: Salanova, Datterini, Batavia und Ochsenherz! Das klingt doch wie ein Zauberspruch. Und was für die Ohren magisch klingt, verzaubert auch Augen und Gaumen.
Den dunkelviolett-grünen Salanova-Salatkopf und die exquisiten Datterini-Tomätli gibt es auf dem Wochenmarkt. Daneben liegen knackige Bataviasalate und die stattlichen, herzförmigen Ochsenherz-Tomaten. Jetzt im Herbst teilen sie sich ihren Platz mit einer bunten Vielfalt anderer Gemüse und Früchte – Herbstzeit ist Erntezeit.
Gott, dem Schöpfer, danken
Eine erfolgreiche Ernte ist nicht selbstverständlich. Ernteausfälle waren früher für weite Teile der Bevölkerung ein existenzielles Problem. Wenn im Herbst die Ernte eingefahren und der Wintervorrat gesichert ist, wird darum auch heute noch gefeiert: am Erntefest, am Winzerfest, an der Älplerchilbi. In der Freude über die Ernte geht nicht vergessen, Gott, dem Schöpfer allen Lebens, zu danken.
Freuden und Sorgen eines Erntejahrs
Neben Erntedankfeiern draussen auf dem Hof, im Rebberg oder auf freiem Feld gibt es in vielen Pfarreien Gottesdienste in der festlich geschmückten Kirche. Es gehört zum Brauchtum, dass die Gläubigen zum Erntedankfest Früchte, Gemüse und Blumen aus dem eigenen Garten zum Altar tragen. Mit den Naturalien bringen sie einen Teil ihres Lebens vor Gott und vertrauen es ihm an: die aufgewendete Zeit und Mühe ihrer Arbeit, die Freuden und Sorgen eines Erntejahres.
Die katholische Kirche sieht für das Erntedankfest keinen eigenen Tag im liturgischen Kalender vor. Weil der Zeitpunkt der Ernte nach Erzeugnissen und Regionen unterschiedlich ist, lässt sich kein fester Termin bestimmen. Ausserdem richtet sich das liturgische Jahr nicht nach dem Wechsel der Jahreszeiten, sondern feiert die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen in Jesus Christus. Dennoch reicht der Brauch, nach Abschluss der Ernte einen besonderen Gottesdienst zu feiern, bis ins 3. Jahrhundert zurück. Auch wenn nur noch eine Minderheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist, sind Erntedankfeiern noch immer weit verbreitet. Das Sinnbild des Wachsens und Reifens und die Sehnsucht, einmal die Früchte des Lebens ernten zu können, leuchten uns Menschen unmittelbar ein.
Brauchtum im Herbst
Vom Ende des Sommers bis zum Übergang in den Winter gibt es in der Schweiz ein reiches christliches Brauchtum. Der Alpabzug, die Rückkehr der Kühe, Geissen oder Schafe von den Alpen ins Tal, wird an vielen Orten feierlich begangen, oft auch mit einer Messe unter freiem Himmel. Mit der Älplerchilbi bedanken sich Sennen und Bauern für den unfallfreien Sommer auf der Alp. Am 1. und 2. November folgen die Totengedenkfeste Allerheiligen und Allerseelen, traditionell mit Friedhofsbesuch, dem Schmücken der Gräber und dem Entzünden der Grablichter. Am 11. November markiert der Martinstag das Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres. Dann finden vielerorts Martinimärkte statt. Und auch Anlässe wie der Zibelemärit in Bern oder die Herbstmesse in Basel gehen darauf zurück. Mitte November folgen die Räbeliechtliumzüge, die ebenfalls in der Tradition des Erntedanks und des Martinstags stehen.