
© Niklaus Spoerri
Sternstunde in der Stadtkirche
Barbara Bleisch war Gästin bei Hans Strub. Im DispuTalk hat sie erzählt, wozu sie Philosophie auch in ihrem Leben brauchen kann und dass sie mit ihrer Hilfe Brücken schlagen will. Hoffnungslosigkeit ist für die Moderatorin der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» keine Option, denn sie sei ins Gelingen verliebt.
In der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» ist es Barbara Bleisch, die ihre Gäste in der Fernsehsendung in ein Gespräch verwickelt und vor laufender Kamera eine Atmosphäre schafft, als seien die Gesprächspartner ganz unter sich. Nun ist es Hans Strub, der Gesprächsleiter der DispuTalks, der seine Gästin befragt. Eine familiäre Vertrautheit stellt sich auch in der vollbesetzten Badener Stadtkirche ein. Denn Barbara Bleisch ist Hans Strubs Schwiegertochter. Allerdings hüten beide dieses Geheimnis bis zum Ende des Gesprächs.
Gespräche wie Höhenflüge
Wie sie es schaffe, die Sternstunde auch nach fünfzehn Jahren noch so frisch zu moderieren, will Hans Strub wissen. Wie in der Fliegerei gelte es, sich beim Start und bei der Landung anzuschnallen, sagt Barbara Bleisch. Der erste und der letzte Satz des Gesprächs müssten sitzen. Dazwischen könne sie mit zunehmender Erfahrung Loopings fliegen und auf die Schlaufen ihres Gegenübers eingehen.
Die SRF-Moderatorin erklärt, wie ihr Redaktionsteam die Themen für die Sendungen findet: Oft ergeben sich diese aus neu publizierten Büchern oder aus gesellschaftlichen Themen, die in der Luft liegen. Manchmal gibt es ein dringendes Bedürfnis, über Themen zu sprechen. Etwa nach der Brandkatastrophe in Crans Montana oder nach dem Ausbruch des Iran-Krieges. Und dann gibt es Menschen, mit denen Barbara Bleisch unbedingt einmal sprechen möchte, auch wenn sie dafür jahrelang Klinken putzen müsse, um einen Gesprächstermin zu bekommen.
Gedanklich die Seite wechseln
Barbara Bleisch ist auch Buchautorin, Kolumnistin, Podcasterin – soeben hat sie den Suisse Podcast Award für ihren Podcast «Zimmer 42» bekommen – und Dozentin. In ihren Ethikseminaren sitzen Menschen, die für den Bund, die Kantone oder ein Unternehmen in einer Ethikkommission sind und schwierige Entscheide treffen müssen. Bei Barbara Bleisch lernen sie, wie sie an ein konfliktives Thema herangehen können.
«In der Philosophie wechseln wir gedanklich die Seite», sagt die Philosophin. Erst, wenn wir die Gegenseite richtig verstanden hätten, könnten wir die eigenen Argumente wetzen. Immer bestehe aber auch die Möglichkeit, dass man selbst falsch liege. Dann habe sich die Mühe, Andersdenkende verstehen zu wollen, erst recht gelohnt. Barbara Bleisch zitiert nicht nur einmal Hannah Arendt. Diese habe sich für den produktiven Streit in der Politik ausgesprochen und schliesslich für das Aushalten anderer Meinungen zugunsten eines Meinungspluralismus und gegen eine Gleichschaltung der Meinungen. Barbara Bleischs gesellschaftliches Engagement gilt dem Brückenschlag, wie sie sagt.

«Darf sich die Philosophie einmischen?», fragt Hans Strub. Da seien sich die Philosophinnen und Philosophen nicht einig. An den Universitäten hielten sie sich zurück mit Einmischen. Aber schliesslich sei sie auch Bürgerin dieses Landes. «Eine Gesellschaft braucht Menschen, die sich investieren», sagt die Philosophin. Ihre Disziplin helfe ihr dabei, Begriffe zu klären, zu sortieren und abzugrenzen. Das sei manchmal etwas trocken, aber hilfreich.
Wiederentdeckte Lebenskunst
Barbara Bleisch schlägt den Bogen von der Philosophie der Antike, die sich mit allen Themen des Lebens beschäftigt habe, zum Mauerblümchendasein der Philosophie heute. Allerdings werde die Philosophie seit 20 Jahren als Lebenskunst wiederentdeckt. In diesem Sinn habe sie auch ihr Buch « In der Mitte des Lebens» geschrieben. Allerdings will die Autorin das Buch nicht als Ratgeber verstanden wissen. Vielmehr gehe es ihr darum, mit Hannah Arendt gesprochen, die Ratlosigkeit zur gemeinsamen Sache zu machen als Ausgangspunkt für Dialog und Kooperation.
Auch wenn Barbara Bleisch ihre Bücher nicht als Ratgeber versteht, finden viele Menschen in ihnen Einsichten und Verständnis, was die vielen Zuschriften bezeugen, welche die Autorin erhält. Etwa für ihr Buch über die Beziehung zu den Eltern. Darin geht es um Beziehung, Schuld und Liebe, eines der Leitthemen, das Hans Strub mit seinen DipuTalk-Gästen bespricht.
Liebe, Frieden und Hoffnung
Als Philosophin könne sie darüber nachdenken, was Liebe, abgesehen vom Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben, sein könne, sagt Barbara Bleisch. Die israelische Soziologin Eva Illouz etwa spreche von Liebe als einem Raum, der sich der kapitalistischen Logik entziehe: Liebe jenseits von Tinder. Die deutsche Philosophin Eva von Redecker wiederum spreche in diesem Zusammenhang von Bleibefreiheit. Liebe als Freiheit zu bleiben, nicht optimieren zu müssen, keine Steigerung anzustreben.
Hans Strub verweilt nicht lange und schneidet schon das nächste Leitthema an: Frieden. Dies sei kein zentraler Begriff in der Philosophie, sagt Barbara Bleisch. Das habe wohl damit zu tun, dass der Krieg über lange Zeit als Naturzustand des Menschen gegolten habe. Dem Staat kam darum die Aufgabe zu, die Menschen zu befrieden. «Frieden ist eine Aufgabe und muss immer wieder gestiftet werden, dazu brauchen wir Institutionen», sagt die Philosophin mit Blick auf die USA, die sich gerade um diese foutierten.

Ihr neuestes Buch hat Barbara Bleisch mit vier anderen Philosophinnen und Philosophen geschrieben, die, besorgt um den Klimawandel, den gängigen Totschlagargumenten etwas entgegensetzen wollten. In «Besser um die Zukunft streiten» befähigen sie Leserinnen und Leser mit durchdachten Argumenten gewappnet gute Klimadiskussionen zu führen.
Gerade im Zusammenhang mit dem Klimawandel werde sie oft gefragt, ob es denn noch Hoffnung gebe. Sie halte es da mit Ernst Bloch: «Der Hoffende ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern». Das habe nichts mit einem naiven Optimismus zu tun, sondern damit, zu erkennen, dass der Horizont offen sei und dass mit der Gestaltungsmacht des Menschen zu rechnen sei – immer wieder von Neuem. «Ich bin sehr verliebt ins Gelingen», bekannte Barbara Bleisch abschliessend und stellte sich dann den zahlreichen Fragen aus dem Publikum.