Sternstunde in der Stadtkirche
Christoph Weber Berg, Präsident der reformierten Landeskirche Aargau begrüsst Barbara Bleisch zum DispuTalk mit Hans Strub.
© Niklaus Spoerri

Sternstunde in der Stadtkirche

Barbara Bleisch war Gästin bei Hans Strub. Im DispuTalk hat sie erzählt, wozu sie Philosophie auch in ihrem Leben brauchen kann und dass sie mit ihrer Hilfe Brücken schlagen will. Hoffnungslosigkeit ist für die Moderatorin der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» keine Option, denn sie sei ins Gelingen verliebt.

In der SRF-Sendung «Stern­stunde Philoso­phie» ist es Bar­bara Bleisch, die ihre Gäste in der Fernsehsendung in ein Gespräch ver­wick­elt und vor laufend­er Kam­era eine Atmo­sphäre schafft, als seien die Gesprächspart­ner ganz unter sich. Nun ist es Hans Strub, der Gespräch­sleit­er der Dis­puTalks, der seine Gästin befragt. Eine famil­iäre Ver­trautheit stellt sich auch in der vollbe­set­zten Baden­er Stadtkirche ein. Denn Bar­bara Bleisch ist Hans Strubs Schwiegertochter. Allerd­ings hüten bei­de dieses Geheim­nis bis zum Ende des Gesprächs.

Gespräche wie Höhenflüge

Wie sie es schaffe, die Stern­stunde auch nach fün­fzehn Jahren noch so frisch zu mod­erieren, will Hans Strub wis­sen. Wie in der Fliegerei gelte es, sich beim Start und bei der Lan­dung anzuschnallen, sagt Bar­bara Bleisch. Der erste und der let­zte Satz des Gesprächs müssten sitzen. Dazwis­chen könne sie mit zunehmender Erfahrung Loop­ings fliegen und auf die Schlaufen ihres Gegenübers einge­hen.

Die SRF-Mod­er­a­torin erk­lärt, wie ihr Redak­tion­steam die The­men für die Sendun­gen find­et: Oft ergeben sich diese aus neu pub­lizierten Büch­ern oder aus gesellschaftlichen The­men, die in der Luft liegen. Manch­mal gibt es ein drin­gen­des Bedürf­nis, über The­men zu sprechen. Etwa nach der Brand­katas­tro­phe in Crans Mon­tana oder nach dem Aus­bruch des Iran-Krieges. Und dann gibt es Men­schen, mit denen Bar­bara Bleisch unbe­d­ingt ein­mal sprechen möchte, auch wenn sie dafür jahre­lang Klinken putzen müsse, um einen Gespräch­ster­min zu bekom­men.

Gedanklich die Seite wechseln

Bar­bara Bleisch ist auch Buchau­torin, Kolum­nistin, Pod­cas­t­erin – soeben hat sie den Suisse Pod­cast Award für ihren Pod­cast «Zim­mer 42» bekom­men – und Dozentin. In ihren Ethik­sem­inaren sitzen Men­schen, die für den Bund, die Kan­tone oder ein Unternehmen in ein­er Ethikkom­mis­sion sind und schwierige Entschei­de tre­f­fen müssen. Bei Bar­bara Bleisch ler­nen sie, wie sie an ein kon­flik­tives The­ma herange­hen kön­nen.

«In der Philoso­phie wech­seln wir gedanklich die Seite», sagt die Philosophin. Erst, wenn wir die Gegen­seite richtig ver­standen hät­ten, kön­nten wir die eige­nen Argu­mente wet­zen. Immer beste­he aber auch die Möglichkeit, dass man selb­st falsch liege. Dann habe sich die Mühe, Ander­s­denk­ende ver­ste­hen zu wollen, erst recht gelohnt. Bar­bara Bleisch zitiert nicht nur ein­mal Han­nah Arendt. Diese habe sich für den pro­duk­tiv­en Stre­it in der Poli­tik aus­ge­sprochen und schliesslich für das Aushal­ten ander­er Mei­n­un­gen zugun­sten eines Mei­n­ungsplu­ral­is­mus und gegen eine Gle­ich­schal­tung der Mei­n­un­gen. Bar­bara Bleischs gesellschaftlich­es Engage­ment gilt dem Brück­en­schlag, wie sie sagt.

Das Gespräch wurde für Men­schen mit ein­er Hör­be­hin­derung mit Gebär­den über­set­zt. © Niklaus Spo­er­ri

«Darf sich die Philoso­phie ein­mis­chen?», fragt Hans Strub. Da seien sich die Philosophin­nen und Philosophen nicht einig. An den Uni­ver­sitäten hiel­ten sie sich zurück mit Ein­mis­chen. Aber schliesslich sei sie auch Bürg­erin dieses Lan­des. «Eine Gesellschaft braucht Men­schen, die sich investieren», sagt die Philosophin. Ihre Diszi­plin helfe ihr dabei, Begriffe zu klären, zu sortieren und abzu­gren­zen. Das sei manch­mal etwas trock­en, aber hil­fre­ich.

Wiederentdeckte Lebenskunst

Bar­bara Bleisch schlägt den Bogen von der Philoso­phie der Antike, die sich mit allen The­men des Lebens beschäftigt habe, zum Mauerblüm­chen­da­sein der Philoso­phie heute. Allerd­ings werde die Philoso­phie seit 20 Jahren als Leben­skun­st wieder­ent­deckt. In diesem Sinn habe sie auch ihr Buch « In der Mitte des Lebens» geschrieben. Allerd­ings will die Autorin das Buch nicht als Rat­ge­ber ver­standen wis­sen. Vielmehr gehe es ihr darum, mit Han­nah Arendt gesprochen, die Rat­losigkeit zur gemein­samen Sache zu machen als Aus­gangspunkt für Dia­log und Koop­er­a­tion.

Auch wenn Bar­bara Bleisch ihre Büch­er nicht als Rat­ge­ber ver­ste­ht, find­en viele Men­schen in ihnen Ein­sicht­en und Ver­ständ­nis, was die vie­len Zuschriften bezeu­gen, welche die Autorin erhält. Etwa für ihr Buch über die Beziehung zu den Eltern. Darin geht es um Beziehung, Schuld und Liebe, eines der Leit­the­men, das Hans Strub mit seinen DipuTalk-Gästen bespricht.

Liebe, Frieden und Hoffnung

Als Philosophin könne sie darüber nach­denken, was Liebe, abge­se­hen vom Gefühl, Schmetter­linge im Bauch zu haben, sein könne, sagt Bar­bara Bleisch. Die israelis­che Sozi­olo­gin Eva Illouz etwa spreche von Liebe als einem Raum, der sich der kap­i­tal­is­tis­chen Logik entziehe: Liebe jen­seits von Tin­der. Die deutsche Philosophin Eva von Redeck­er wiederum spreche in diesem Zusam­men­hang von Bleibefrei­heit. Liebe als Frei­heit zu bleiben, nicht opti­mieren zu müssen, keine Steigerung anzus­treben.

Hans Strub ver­weilt nicht lange und schnei­det schon das näch­ste Leit­the­ma an: Frieden. Dies sei kein zen­traler Begriff in der Philoso­phie, sagt Bar­bara Bleisch. Das habe wohl damit zu tun, dass der Krieg über lange Zeit als Naturzu­s­tand des Men­schen gegolten habe. Dem Staat kam darum die Auf­gabe zu, die Men­schen zu befrieden. «Frieden ist eine Auf­gabe und muss immer wieder ges­tiftet wer­den, dazu brauchen wir Insti­tu­tio­nen», sagt die Philosophin mit Blick auf die USA, die sich ger­ade um diese foutierten.

Viele Men­schen sind der Ein­ladung in die Stadtkirche Baden gefol­gt, um dem Dis­puTalk mit der Philosophin Bar­bara Bleisch zuzuhören. © Niklaus Spo­er­ri

Ihr neuestes Buch hat Bar­bara Bleisch mit vier anderen Philosophin­nen und Philosophen geschrieben, die, besorgt um den Kli­mawan­del, den gängi­gen Totschla­gar­gu­menten etwas ent­ge­genset­zen woll­ten. In «Bess­er um die Zukun­ft stre­it­en» befähi­gen sie Leserin­nen und Leser mit durch­dacht­en Argu­menten gewapp­net gute Kli­madiskus­sio­nen zu führen.

Ger­ade im Zusam­men­hang mit dem Kli­mawan­del werde sie oft gefragt, ob es denn noch Hoff­nung gebe. Sie halte es da mit Ernst Bloch: «Der Hof­fende ist ins Gelin­gen ver­liebt statt ins Scheit­ern». Das habe nichts mit einem naiv­en Opti­mis­mus zu tun, son­dern damit, zu erken­nen, dass der Hor­i­zont offen sei und dass mit der Gestal­tungs­macht des Men­schen zu rech­nen sei – immer wieder von Neuem. «Ich bin sehr ver­liebt ins Gelin­gen», bekan­nte Bar­bara Bleisch abschliessend und stellte sich dann den zahlre­ichen Fra­gen aus dem Pub­likum.

Eva Meienberg
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