Spitalseelsorge: «Wir machen keine Corona-Seelsorge»

  • Etwa 70 Per­so­n­en befind­en sich aktuell mit ein­er Covid-19-Erkrankung in einem Aar­gauer Spi­tal. Davon wer­den etwa 20 auf der Inten­sivs­ta­tion kün­stlich beat­met. Mehr als 20 Per­so­n­en sind bish­er im Aar­gau an den Fol­gen der Infek­tion gestor­ben.
  • Die Spi­talseel­sorg­er betreuen sowohl Per­son­al und Betrof­fene als auch Ange­hörige – und sehen sich teil­weise selb­st unmit­tel­bar von der Krankheit bedro­ht.
  • Die Coro­na-Pan­demie verän­dert den All­t­ag der Spi­talseel­sorge, ins­beson­dere durch die stren­gen Restrik­tio­nen in Spitälern, Alters- und Pflege­heimen.
 Ste­fan Her­trampf ist Seel­sorg­er am Kan­ton­al­spi­tal Aarau KSA. Seit Aus­bruch der Coro­na-Pan­demie hat er eine erhöhte Aufmerk­samkeit und Anspan­nung beim Spi­talper­son­al fest­gestellt: «Es wird viel vor­bere­it­et, um Kapaz­itäten für Covid-Erkrank­te zu schaf­fen. Immer wieder wur­den die Hygiene- und Sicher­heits­bes­tim­mungen angepasst. Das geht nicht spur­los am Per­son­al vorüber, das sich im Umgang mit Coro­na-Patien­ten auch einem direk­ten Ansteck­ungsrisiko aus­set­zt».

Die Seelsorgenden sind die einzigen «Besucher»

Hek­tisch sei es gle­ich­wohl nie, beteuert Ste­fan Her­trampf, aber er merke, dass in jüng­ster Zeit ver­mehrt die Gele­gen­heit wahrgenom­men werde, sich mit ihm als Spi­talseel­sorg­er zu unter­hal­ten, wenn er auf dem Gang unter­wegs sei. «Die Angestell­ten wis­sen nicht, was auf sie zukommt, wie es wer­den wird. Die Bilder aus Ital­ien und Spanien sind nicht unbeachtet geblieben».Für die Patien­ten ist die Sit­u­a­tion eben­falls anspruchsvoll. Auch jene, die nicht wegen ein­er Covid-19-Erkrankung im Spi­tal liegen, dür­fen keinen Besuch mehr emp­fan­gen. «Das ist schon ein­schnei­dend. Wir als Seel­sor­gende gehören zu den weni­gen Men­schen, die noch für ein Gespräch zu den Patien­ten dür­fen. Aber auch wir müssen eine Gesichts­maske tra­gen. Alle Mitar­beit­er sowie alle Patien­ten, die Symp­tome von Atemwegserkrankun­gen zeigen, müssen das. Und das hat schon eine befrem­dende Wirkung. Ger­ade Per­so­n­en, die länger im Spi­tal bleiben müssen, wollen doch wieder ein­mal das Gesicht eines Mit­men­schen sehen».

Aus Sicherheitsgründen ins Home Office versetzt

Ende ver­gan­gene Woche musste sich Ste­fan Her­trampf aus dem Dienst an der Front zurückziehen. Sein Arzt legte ihm nahe, dass er auf­grund sein­er medi­zinis­chen Vorgeschichte eben­falls zur Risiko­gruppe gehöre. Sei­ther arbeit­et der Seel­sorg­er nicht mehr im Spi­tal, son­dern von zuhause aus. Kein Einzelfall, wie Hans Niggeli, Leit­er öku­menis­che Spi­talseel­sorge im Kan­ton Aar­gau, gegenüber Hor­i­zonte bestätigt.Von den gut 30 Angestell­ten in über 20 Insti­tu­tio­nen hät­ten schon einige ihre Arbeit nach Hause ver­legen müssen. In solchen Fällen sei es wichtig, per Video den Kon­takt mit diesen Mitar­bei­t­en­den hal­ten zu kön­nen und ihnen auch Auf­gaben zuzuweisen, die sie von daheim aus erledi­gen kön­nten. Dass im Gegen­zug die ein­satzfähi­gen Mitar­bei­t­en­den gerne bere­it sind, vor Ort auszuhelfen, freue ihn sehr, so Hans Niggeli, der ein­räumt, dass die Arbeit der Spi­talseel­sorge mit Aus­bruch der Coro­na-Pan­demie deut­lich kom­plex­er gewor­den sei.

Zugang zu den Patienten ist stark eingeschränkt

Da sind zum einen die Schutzvorkehrun­gen und Hygien­e­mass­nah­men, die immer strenger werde und je nach Insti­tu­tion unter­schiedlich gehand­habt wer­den. «Gottes­di­en­ste dür­fen nur noch via Spi­tal­ra­dio über­tra­gen wer­den, und auf­suchende Seel­sorge ist in den Spitälern eben­falls nicht mehr möglich. Wir dür­fen nur noch auf Anfrage kom­men – und ohne Mund­schutz und Dis­tanz geht gar nichts», erk­lärt Hans Niggeli. Sich also zu jeman­dem aufs Bett set­zen, auch ein­mal die Hand ermuti­gend auf die Schul­ter leg­en: Das liegt alles nicht mehr drin. «Und in den Alters- und Pflege­heimen dürften die Seel­sor­gen­den sowieso nur noch im Not­fall ins Haus – und dann mit Schutzk­lei­dung».Andreas Zim­mer­mann arbeit­et an der «Pfle­gi» in Muri, dem regionalen Alters- und Pflege­heim: «Noch bis vor Kurzem war ich in der Insti­tu­tion gut präsent, kon­nte sog­ar regelmäs­sig noch kurze Andacht­en feiern. Dann sind die Ein­schränkun­gen innert kürzester Zeit immer enger gewor­den: Dis­tanzvorschriften, keine Gottes­di­en­ste mehr. Die Bewohner­in­nen und Bewohn­er dürfe er zudem nicht mehr zu «nor­malen Besuchen» auf­suchen, erk­lärt Andreas Zim­mer­mann gegenüber Hor­i­zonte. Nur noch in exis­ten­tiellen Krisen­si­t­u­a­tio­nen» und nach Absprache mit der Heim­leitung. Andreas Zim­mer­mann betont aber: «Ich hat­te stets das Gefühl, dass Ein­schränkun­gen auf­grund der Anweisun­gen des Kan­tons erfol­gen, und nicht, weil das Haus nicht mehr wollte.»

Seelsorge via Telefon in den Alters- und Pflegeheimen

Er ver­suche, mit den Leuten tele­fonisch im Kon­takt zu bleiben, erk­lärt Andreas Zim­mer­mann. Er habe ja Ver­ständ­nis für die Mass­nah­men, denn jede und jed­er, der von Aussen komme, bedeute ein Risiko. «Aber für die Men­schen, die keinen Besuch mehr bekom­men, ist es schon hart. Auch, dass keine Gottes­di­en­ste mehr stat­tfind­en. Unter den älteren Men­schen ist dieses Ange­bot nach wie vor sehr beliebt.»Die Reak­tio­nen auf die Tele­fon­seel­sorge seien unter­schiedlich, so Andreas Zim­mer­mann. «Die meis­ten freuen sich sehr, wenn sie angerufen wer­den und wollen gar nicht mehr aufhören zu reden. Die Men­schen beschäftigt die aktuelle Sit­u­a­tion sehr, weil sie nicht wis­sen, wie es weit­erge­ht. Einige wenige haben aber auch Mühe mit der Sit­u­a­tion eines Tele­fonats, was nicht zulet­zt mit den physis­chen Voraus­set­zun­gen zu tun hat», erk­lärt Andreas Zim­mer­mann. Wenn beispiel­sweise das Gehör nur noch schlecht funk­tion­iere oder die Motorik mit dem Hal­ten eines Appa­rats über­fordert sei.

Not macht auch die Seelsorgenden erfinderisch

«In der aktuellen Krise ist viel Kreativ­ität gefordert», weiss Hans Niggeli. Bere­its wür­den ver­schiedene Ideen umge­set­zt: Gottes­di­en­stüber­tra­gun­gen, Fly­er mit Auf­forderun­gen zu verbinden­den Gebeten, Kon­takt hal­ten übers Tele­fon, spezielle Hot­lines fürs Per­son­al und Anderes. Da gehe enorm viel, freut sich Hans Niggeli. Der Leit­er öku­menis­che Spi­talseel­sorge im Aar­gau weiss aber auch, dass die aktuelle Sit­u­a­tion für das Team eine hohe Belas­tung darstellt. «Manche haben mehr Angst als andere. Das sorgt schon für Anspan­nung».Und dann die Hand­habe mit der Schutzbek­lei­dung: Auf nor­malen Sta­tio­nen werde Berufs­bek­lei­dung getra­gen, die nach dem Ende jed­er Schicht in die Wäscherei abgegeben wer­den muss. Auf den Inten­siv- und Isolier­sta­tio­nen muss umfassende Schutzbek­lei­dung getra­gen wer­den.

«Die Angehörigen dürfen am Ende nicht dabei sein»

Wie am Kan­ton­sspi­tal Aarau hat man auch am Kan­ton­sspi­tal Baden Covid-19-Patien­ten. Ein mehrköp­figes Spi­talseel­sor­geteam betreut auch diese Per­so­n­en. «Die Auswirkun­gen der erlasse­nen Schutz­mass­nah­men sind deut­lich zu spüren», erk­lärt der katholis­che Seel­sorg­er Jür­gen Heinze. «Das Besuchsver­bot, die Schlies­sung der Café­te­ria, die Hygien­e­mass­nah­men: Das ist für manche Pati­entin­nen und Patien­ten nicht leicht.» Spi­talseel­sorg­er Edwin Rutz wurde unlängst auf die Inten­sivs­ta­tion gerufen: «Das war ein ster­ben­der Patient an einem Beat­mungs­gerät». Die Ange­höri­gen hat­ten um die Krankenseg­nung gebeten.Edwin Rutz ken­nt diese Sit­u­a­tio­nen. «Das ist in unserem Beruf nichts Ungewöhn­lich­es. Wir kom­men oft zum Ein­satz, wenn es zu Ende geht. Insofern machen wir keine spezielle Coro­na-Seel­sorge. Wir machen, was wir immer tun. Aussergewöh­lich ist nur, dass in solchen Momenten jet­zt keine Ange­höri­gen mehr bei mir sind».

Ein Viertel der Hospitalisierten auf Intensivstation

Eine Sit­u­a­tion, die Edwin Rutz und seine Kol­le­gen in näch­ster Zeit wohl noch öfter haben wer­den. Bricht man die Zahlen herunter, so lan­det im interkan­tonalen Ver­gle­ich etwa ein Sech­s­tel aller Covid-19-Erkrank­ten im Spi­tal. Etwa ein Vier­tel der Hos­pi­tal­isierten muss auf die Inten­sivs­ta­tion. Diese wiederum haben ein sehr hohes Risiko, zu ster­ben.   
Andreas C. Müller
mehr zum Autor
nach
soben