Religionsfreiheit bleibt ​weltweit bedroht
Marta Petrosillo, Chefredakteurin des Berichts «Religionsfreiheit weltweit»
Bild: © Gael Kerbaol, Secours Catholique

Religionsfreiheit bleibt ​weltweit bedroht

Marta Petrosillo, Chefredakteurin des Berichts «Religionsfreiheit weltweit» im Gespräch

Der von «Kirche in Not (ACN)» veröffentlichte Bericht «Religionsfreiheit weltweit» zeigt: Viele Menschen leiden wegen ihres Glaubens. Die Verletzungen der Religionsfreiheit nehmen zu.

Für manche ist die Vorstellung, wegen der eigenen Religion zu leiden, etwas sehr Fernes. Ist dies immer noch ein Problem, das viele Menschen betrifft?

Ja, ich würde sagen, dass dies für Hun­derte Mil­lio­nen Men­schen weltweit Real­ität ist. Die Ver­let­zung der Reli­gions­frei­heit bet­rifft viele Men­schen und verur­sacht gross­es Leid, auch wenn dies häu­fig nicht gese­hen wird.

Können Sie uns etwas über den Hintergrund des Berichts erzählen?

Er wurde erst­mals 1999 mit dem Ziel veröf­fentlicht, auf Ver­let­zun­gen der Reli­gions­frei­heit aufmerk­sam zu machen und darüber zu informieren. Er erscheint alle zwei Jahre. Das Beson­dere daran ist, dass es sich um den einzi­gen Bericht ein­er NGO han­delt, der die Sit­u­a­tion aller Län­der weltweit und aller religiösen Grup­pen erfasst. Denn, wenn ein­er Gruppe die Reli­gions­frei­heit ver­weigert wird, wird sie früher oder später auch anderen ver­weigert wer­den. Für «Kirche in Not (ACN)» ist es wichtig, dass alle Men­schen die gle­iche Reli­gions­frei­heit geniessen.

Was verstehen wir unter religiöser Verfolgung?

Es gibt drei ver­schiedene Arten religiös­er Ver­fol­gung. Erstens die staatliche Ver­fol­gung. Dann gibt es die Ver­fol­gung durch religiösen Extrem­is­mus, wie z. B. durch dschi­hadis­tis­che Grup­pen, und eine weit­ere Art religiös­er Ver­fol­gung, die durch eth­nisch-religiösen Nation­al­is­mus verur­sacht wird.

Welche Länder geben derzeit Anlass zur grössten Sorge?

Ein­er der Kon­ti­nente, auf dem sich die Lage ins­beson­dere in den let­zten Jahrzehn­ten stark ver­schlechtert hat, ist Afri­ka, wo wir einen starken Anstieg des religiösen Extrem­is­mus beobacht­en. Viele dschi­hadis­tis­che Grup­pen verüben öfter Anschläge, sog­ar in Län­dern, in denen die Beziehun­gen zwis­chen den Reli­gio­nen bish­er kein Prob­lem darstell­ten. Nehmen wir zum Beispiel die Demokratis­che Repub­lik Kon­go: Dort gab es his­torisch gese­hen keine Prob­leme zwis­chen den Reli­gion­s­ge­mein­schaften, und es ist ein vor­wiegend christlich­es Land, aber jet­zt wur­den wir Zeu­gen eines schw­eren Angriffs auf christliche Gläu­bige. Zweifel­los han­delt es sich um ein Phänomen, das sich in vie­len Teilen Afrikas aus­bre­it­et und dazu neigt, sich von einem Land zum anderen auszubre­it­en. Dann haben wir den Fall Burk­i­na Fasos, das vor zehn Jahren als äusserst friedlich­es Land galt. Heute gehört Burk­i­na Faso lei­der zu den Staat­en, in denen die meis­ten dschi­hadis­tis­chen Anschläge verübt wer­den.
Wir beobacht­en aber auch eine Ver­schär­fung des eth­nisch-religiösen Nation­al­is­mus in Asien.
Weit­er bleibt der Nahe Osten eine sehr insta­bile Region, was gravierende Auswirkun­gen auf die Reli­gions­frei­heit hat.
Schliesslich beobacht­en wir eben­falls eine Zunahme der Ver­let­zun­gen der Reli­gions­frei­heit in Lateinameri­ka. 

Das ist kein vielversprechendes Bild … Gibt es denn überhaupt Hoffnung?

Ich sehe eine zunehmende Sen­si­bil­isierung sowohl der Zivilge­sellschaft als auch einiger Regierun­gen, und das kön­nte eine Wende in Bezug auf die Mass­nah­men gegen Ver­let­zun­gen der Reli­gions­frei­heit bedeuten. Es gibt Beispiele für Regierun­gen, die Son­der­beauf­tragte für Reli­gions­frei­heit ernen­nen, und viele zivilge­sellschaftliche Organ­i­sa­tio­nen.

Gibt es Grund zur Sorge um die Religionsfreiheit im Westen?

In den let­zten Jahren haben wir eine Zunahme von Angrif­f­en auf bes­timmte religiöse Grup­pen, von Van­dal­is­mus gegen Kirchen und von anti­semi­tis­chen und anti­is­lamis­chen Vor­fällen auf­grund des Krieges im Gaza­s­treifen erlebt. Darüber hin­aus gibt es Bestre­bun­gen, die Reli­gion aus dem öffentlichen Leben zu ver­ban­nen, darunter auch das, was Papst Franziskus als «höfliche Ver­fol­gung» beze­ich­net hat. Wir sind eben­so besorgt über die man­gel­nde Achtung der Gewis­sens­frei­heit von Men­schen, die im Gesund­heitswe­sen tätig sind.

Es besteht die Gefahr, dass einige Länder sich über die Berichterstattung ärgern und Vergeltungsmassnahmen gegen religiöse Gruppen ergreifen. Ist das Anlass zur Sorge?

Der Bericht ist ein Spiegel, der die Lage stets sach­lich und objek­tiv bew­ertet, und das ist sehr wichtig. Wir geben die Quellen für jeden beschriebe­nen Vor­fall klar an. Natür­lich beste­ht die Gefahr von Vergel­tungs­mass­nah­men, aber wir kön­nen nicht schweigen, und ich bin davon überzeugt, dass dies der einzige Weg ist, dass sich etwas zum Besseren ändert. 
Wir hat­ten Fälle wie den von Asia Bibi, in denen die inter­na­tionale Gemein­schaft tat­säch­lich einge­grif­f­en und ihre Freilas­sung erre­icht hat. Ohne dieses Engage­ment wäre sie wahrschein­lich noch immer im Gefäng­nis. Auch wenn es sich um ein heik­les The­ma han­delt, müssen wir über die Geschehnisse bericht­en, wenn wir damit die Sit­u­a­tion verbessern kön­nen.

Die Menschen werden den Bericht lesen, und werden sich Sorgen um das machen, was in der Welt geschieht. Lässt sich aktiv etwas dagegen tun?

Im Laufe mein­er Kar­riere habe ich viele Men­schen inter­viewt, die wegen ihres Glaubens Gewalt erfahren haben, und sie sagen mir, dass sie nicht vergessen wer­den wollen. Deshalb ist es so wichtig, ihnen unsere Unter­stützung zu zeigen. Das Erste, was Men­schen tun kön­nen, um zu helfen, ist also, Infor­ma­tio­nen zu ver­bre­it­en und ihr Umfeld, ihre Kol­le­gen und Fre­unde zu sen­si­bil­isieren. Das ist entschei­dend, um die Sit­u­a­tion zu ändern. Selb­stver­ständlich ist auch Unter­stützung durch Gebete und materielle Hil­fe wichtig.
Schlussendlich soll­ten Sie keine Gele­gen­heit ver­säu­men, sich auf lokaler und nationaler Ebene und auf jede Ihnen mögliche Weise für sie einzuset­zen. Denn Reli­gions­frei­heit ist ein Men­schen­recht, aber auch eine gemein­same Ver­ant­wor­tung. Und es liegt an uns, dafür zu sor­gen, dass dieses wichtige Men­schen­recht über­all geachtet wird.

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