
Bild: © Roger Wehrli
Raum für Entdeckungen
Kirchenräume mit Kindern entdecken
Besondere Orte, die alle Sinne ansprechen und von Gott erzählen: Kirchenräume sind voller grosser und kleiner Wunder.
Kirchen sind keine profanen Räume. Weil Menschen in ihnen oft schon seit Jahrhunderten beten und singen, heben sich Kirchen von alltäglichen Räumen ab. Kirchenräume seien «durchbetet und durchsungen», formuliert Kai Schmerschneider vom Theologisch-Pädagogischen Institut im deutschen Moritzburg.
Durch das Gebäude zum Glauben
Jeder Kirchenraum hat eine besondere Ausstrahlung. Nicole Serratore hat diese Erfahrung selbst gemacht: Ein Kirchenraum hat ihre Zukunft massgeblich beeinflusst. Als Kind sei sie nie in der Kirche gewesen, ihre Eltern haben sie nicht taufen lassen. Während die meisten Menschen in die Kirche gehen, weil das halt zum Glauben gehört, ging Nicole Serratore als junge Frau in eine Kirche, um dort den Glauben an Gott zu finden. Sie wurde Katechetin und absolvierte danach die Ausbildung am Religionspädagogischen Institut RPI. Später studierte sie Religionspädagogik und machte den Bachelorabschluss. Ihre Bachelorarbeit befasste sich mit der Frage, wie die Menschen mit Hilfe des Kirchenraums wieder zur Liturgie hingeführt werden können.
Welch intensive Erlebnisse und Erfahrungen ein Kirchenraum bieten kann, vermittelte Nicole Serratore an einer Weiterbildung für Katechetinnen in der Pfarrei Baden mit dem Titel «Kirchenräume mit Kindern entdecken».
Fixpunkt in einer fremden Stadt
Die zwölf Teilnehmerinnen reflektieren zuerst ihre eigenen Erfahrungen mit Kirchenräumen. Jede hat das Bild ihrer persönlichen Lieblingskirche mitgebracht und berichtet den anderen, was sie an dieser Kirche besonders anspricht, was eben das Besondere an diesem Raum ist. Die Schilderungen zeigen, dass ein Kirchenraum nicht nur optisch auf uns Menschen wirkt. Auch der Geruch in einer Kapelle kann ein Heimatgefühl geben, oder die Geräusche, die gedämpft von draussen eindringen, das Hallen der Schritte im hohen Raum.

Die Kirche der Kindheit ist für viele der Frauen Heimat. Sie zählen auf: die Dorfkirche, eine Waldkapelle, eine Kirche als Zufluchtsort in den Bergen, bei Kälte oder in einer Grossstadt. «Wenn ich in einer fremden Stadt bin, besuche ich meistens eine Kirche», sagt eine Katechetin. Die Runde nickt. Eine Kirche ist in einer fremden Stadt ein Ankerpunkt, ein zentraler, zugänglicher Raum, wo man vor der Witterung geschützt ist, Ruhe findet sowie Kunst und Architektur bewundern kann.
Kirchenraumpädagogik
Die Kirchenraumpädagogik entstand als Zweig der Religionspädagogik, inspiriert von der Museumspädagogik. Auf katholischer Seite gab das II. Vatikanische Konzil (1962–1965) wichtige theologische Impulse für die Kirchenraumpädagogik. In der DDR entwickelte sich die Kirchenraumpädagogik im Laufe der 1970er-Jahre, weil man erkannte, dass Kirchengebäude den Menschen christliche Spiritualität näherbringen können.
Aus den zahlreichen Büchern, die sich der Pädagogik des Kirchenraums widmen, pickte Nicole Serratore für die Weiterbildung eines heraus. Sie verteilt den Katechetinnen Kärtchen mit einer Zusammenfassung der Ideen von Hartmut Rupp: «Das ist die allerkürzeste Kurzversion – Hosensack-Kirchenraumpädagogik», meint Serratore.
Vom Aussen ins Innen

Die Kirchenraumpädagogik nutzt alle fünf Sinne, um den Kirchenraum zu entdecken. Und obwohl es eine «Pädagogik» ist, richtet sie sich keineswegs nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene. «Wie gehen wir an eine Kirche heran?», fragt Nicole Serratore die Teilnehmerinnen. Sie regt dazu an, Kirchenerkundungen schon mit der Umgebung der Kirche zu beginnen und die Kinder danach hineinzuführen. Wichtig sei dabei die Verlangsamung, betont Serratore. Von der hektischen Welt gelangen wir in die Ruhe, vom Aussen ins Innen, und im Inneren dann vom Eingang her langsam nach vorne. Sie sagt: «Kinder brauchen Zeit, um Dinge zu verinnerlichen. Langsamkeit macht aufmerksamer und beruhigt. Die Ruhe öffnet für Gott.»
Vor der massiven Tür der Stadtkirche Baden kommen die Sinne zum Einsatz. Die Teilnehmerinnen horchen und tasten: Wie klingt es hier draussen? Wie fühlt sich die Türe an? Serratore erklärt ein einfaches Schwellenritual: Wer über die Türschwelle in die Kirche tritt, soll bewusst entscheiden, welche störenden Gedanken und Gefühle draussen bleiben müssen. Denn wie Anselm Grün in seinem Buch «Entdecke das Heilige in dir» schreibt, geht es beim Erkunden von Kirchenräumen nicht nur darum, physisch in einen Raum einzutreten, sondern auch in seinem eigenen Innern das Heilige zu entdecken.
Ritual für alle Sinne
Die Tür schliesst sich, sofort wird es still. «Das ist ein Ort, wo Gott auf andere Weise zu uns spricht», flüstert Nicole Serratore. Drinnen folgt eine Gruppenarbeit: Zu zweit untersuchen die Teilnehmerinnen den Boden, die Fenster, die Architektur, die liturgischen Orte und die Atmosphäre der Kirche. Danach berichten sie den anderen, was sie entdeckt haben. Dann versammeln sich alle vor dem Ambo. Nicole Serratore erzählt: «Bevor ich mich mit Kirchenraumpädagogik beschäftigte, habe ich den Kindern jeweils kurz erklärt, was ein Ambo ist, und eines der Kinder hätte am Mikrofon etwas vorlesen dürfen. Mit meinem heutigen Wissen mache ich das volle Programm.»
«Hier spricht Gott zu uns»
Das volle Programm bedeutet, dass sie mit den Kindern ein Ritual durchführt, das alle Sinne anregt. Die Katechetinnen stellen das zu Weiterbildungszwecken nach. Zu fünft ziehen sie mit Klangschale, Evangelienbuch und Kerzen vom Seitenaltar zum Ambo. Dort postieren sich die Frauen mit den Kerzen links und rechts des Lesepults, eine schlägt die Klangschale an und alle anderen hören mit geschlossenen Augen zu. Wer den Ton nicht mehr hört, hält den die Hand hoch. Dann liest eine Frau am Ambo aus der Bibel vor. «Mit diesem Ritual erleben die Kinder, dass am Ambo etwas Wichtiges passiert. Hier spricht Gott durch die Heilige Schrift zu uns», erklärt Nicole Serratore.
In der Krypta
Zum Abschluss der Weiterbildung macht die Gruppe einen Besuch in der Krypta. Die Krypta in Baden liegt unter der Sebastianskapelle. Früher war dort das Beinhaus, daran erinnern die Schädel, die an der Rückwand säuberlich übereinandergestapelt sind. Für die Kinder kann das interessant sein, aber vielleicht auch angsteinflössend. «Die Krypta ist ein Ort, wo es auch um den Tod geht», sagt Nicole Serratore. Sie finde es wichtig, den Kindern vorher zu erklären, was sie in einer Krypta erwartet, und sie wissen, dass sie jederzeit hinausgehen können, falls es ihnen nicht wohl sein sollte. An diesem sonnigen Wintermorgen ist es in der Badener Krypta hell und fast heiter. Auch das ist ein Aha-Erlebnis für einige Teilnehmerinnen: «Am Tag und bei schönem Wetter wirken die Räume ganz anders», werden sie sich bewusst. Dann gibt Nicole Serratore den Katechetinnen einen letzten Tipp mit auf den Weg: «Ihr dürft darauf vertrauen, dass der Raum seine Wirkung entfaltet. Du bist Türöffnerin. Du darfst dich zurücklehnen und den Raum die Arbeit machen lassen.»
Den Kirchenraum erfahren
Das Katechetische Grundmodell nach Hartmut Rupp beinhaltet die vier Schritte «Wahrnehmen – Erklären – Deuten – Erschliessen».
Wahrnehmen: Zuerst erkunden die Kinder den Raum auf eigene Faust, danach tauschen sie sich aus.
Erklären: Dann erhalten sie Informationen zu Geschichte, Architektur oder der theologischen Bedeutung eines Gegenstands oder Orts.
Deuten: Die Kinder entwickeln eigene Deutungen, zum Beispiel: «Die Säule ist stark und trägt das Dach. Der Glaube an Gott macht auch uns stark.»
Erschliessen: Die Kinder erschliessen sich einen Bestandteil der Kirche mit einem Erlebnis, zum Beispiel: Wie viele Kinder braucht es, um eine Säule zu umfassen?
