Ökumenisch, interreligiös, sinnlich: Der HRU

Ökumenisch, interreligiös, sinnlich: Der HRU

  • Während der Reli­gion­sun­ter­richt in der Regelschule viel über die kog­ni­tive Schiene ver­mit­telt, set­zt der Heilpäd­a­gogis­che Reli­gion­sun­ter­richt (HRU) auf Erleben und Anfassen.
  • Hor­i­zonte schaute der erfahre­nen Kat­e­chetin Edith Amstutz bei zwei Lek­tio­nen über die Schul­ter.
 «Vater unser im Him­mel, geheiligt werde dein Name…», kräftig und selb­st­be­wusst tönt das Gebet durch die leere Kirche St. Johannes Evan­ge­list in Döt­tin­gen. Jas­min, die im Roll­stuhl sitzt, spricht begeis­tert all die Worte, die sie beson­ders gut kann oder die ihr gefall­en. Der gross gewach­sene Fabi­an betont jedes einzelne Wort, artikuliert ganz genau. Dazwis­chen mis­cht sich die leicht ver­wasch­ene, weiche Sprech­weise von Loren. Die acht Jugendlichen, die mit ihrer Kat­e­chetin und ein­er Klasse­nas­sis­tenz vorne rechts im Raum um den Kerzen­stän­der ste­hen, hauchen dem ver­traut­en Gebet einen völ­lig neuen Rhyth­mus ein.

Riechen, tasten, schauen

Jas­min, Fabi­an, Loren, ihre Zwill­ingss­chwest­er Lau­ra, Nathanael, Melanie, David und Gabriel sind Ober­stufen­schüler an der Heilpäd­a­gogis­chen Schule (HPS) Döt­tin­gen. Ihre Kat­e­chetin ist Edith Amstutz. Vor dem gemein­samen Gebet haben die Jugendlichen Kerzen entzün­det — zum Abschluss der heuti­gen Unter­richtsstunde. In dieser hat die Kat­e­chetin mit ihnen gemein­sam goldglitzernde Steinchen angeschaut,  kisse­nar­tige, weissstaubige Myrrhestückchen befühlt und an rauchen­den, harzig gel­blichen Weihrauchkörn­ern geschnup­pert.Der Inhalt dieser Fre­itagslek­tion: Die Heili­gen drei Könige und ihre Geschenke an Jesus in der Krippe. Die ste­ht in Döt­tin­gen vor dem Altar. Fast mannshohe Fig­uren aus ver­schiede­nen Baum­sorten. Jed­er König hat eine andere Rinde. Auch die haben die Mäd­chen und Jun­gen mit den Fin­gern ertastet. Dieser Kirchbe­such zeigt, wie stark die Sinne der Kinder, die ver­schiedene kog­ni­tive und teils kör­per­liche Ein­schränkun­gen haben, im Heilpäd­a­gogis­chen Reli­gion­sun­ter­richt — kurz HRU, ange­sprochen wer­den.

Weniger Arbeitsblätter

Seit 16 Jahren arbeit­et Edith Amstutz als katholis­che Kat­e­chetin in der Regelschule, seit sechs Jahren gibt sie auch an der HPS in Döt­tin­gen den öku­menis­chen HRU; vier Lek­tio­nen am Stück, später wird sie mit den Unter­stufen­schü­lerin­nen und –schülern Felix, Ramon, Kat­ri­na und Davide erneut die Kirche und die Heili­gen Drei Könige besuchen. «Ein Unter­schied zwis­chen meinen Klassen hier und den Pri­marschülern an der Regelschule ist, dass ich mit den Kindern dort mehr Arbeits­blät­ter mache als hier», sagt die 60 Jährige.Die Pfar­rge­meinde kam auf sie zu, als die Vorgän­gerin an der HPS aufhörte und Edith Amstutz sagte zu. «Mit meinem Ruck­sack an Erfahrung habe ich mir das zuge­traut. Unge­wohnt war am Anfang, dass ich hier auch Grosse unter­richte, aber das hat sich schnell einge­spielt. Jet­zt habe ich Schüler, die ich schon seit Jahren kenne und begleite und es ist schön zu erleben, wie sie sich entwick­eln. Es wach­sen tragfähige Beziehun­gen», sagt Edith Amstutz.

Methodisch vielseitig

Rita Math­is, Fach­mi­tar­bei­t­erin für Kat­e­ch­ese an der Fach­stelle Pas­toral bei Men­schen mit Behin­derung, erläutert zen­trale Aspek­te im Zusam­men­hang mit dem heilpäd­a­gogis­chen Reli­gion­sun­ter­richt: «Es geht auf der for­malen Seite des HRU um die Pro­fes­sion­al­isierung und Aufw­er­tung der Kat­e­chetinnen und Kat­e­cheten. Das leis­tet die Aus­bil­dung nach For­mod­u­la. Auf der inhaltlich-didak­tis­chen Ebene geht es darum, method­isch viel­seit­ig und dif­feren­ziert zu arbeit­en. Der Unter­richt konzen­tri­ert sich auf die sinnliche Erfahrungswelt der Kinder und Jugendlichen. Der HRU fol­gt den Jahreszeit­en und beschäftigt sich auf deren Grund­lage mit ver­schiede­nen Lern­feldern, die die Kinder und Jugendlichen je nach Alter, Beein­träch­ti­gung und Erfahrung immer neu erleben und erfassen kön­nen.»

Alle gehören dazu

Der HRU find­et immer öku­menisch oder inter­re­ligiös statt, the­ma­tisiert kon­fes­sionelle Feste und Bräuche. «Erstkom­mu­nion, Fir­mung oder Kon­fir­ma­tion sind kon­fes­sionell gebun­den. Ein gross­es Ziel ist es, inklu­siv mit den Pfar­rge­mein­den zu arbeit­en. Wenn möglich und sin­nvoll sollen die Kinder inklu­siv in der Heimatp­far­rge­meinde vor­bere­it­et und dort das kon­fes­sionelle Fest mit den gle­ichal­tri­gen Kindern feiern. Das ver­langt sorgfältige Vor­bere­itun­gen », sagt Rita Math­is und ergänzt: «Für die Pfar­rge­meinde kann es eine Bere­icherung sein, denn sie kann das lebendig feiern, was das Chris­ten­tum wertvoll macht: Alle gehören dazu».Den­noch ist Rita Math­is bewusst, dass der HRU in ver­schiede­nen The­men­feldern bal­anciert: Zwis­chen Aus­bil­dung und Prax­is ein­er­seits und dem Abwä­gen von Meth­ode und Inhalt ander­er­seits. Auch die Ver­fasserin­nen und Ver­fass­er des Lehrplans the­ma­tisieren die Her­aus­forderung: «Unsere Denkkul­tur ver­sucht in der Regel, den Erweis von Wahrheit über den Ver­stand, also über die kog­ni­tive Ein­sicht in logis­che Zusam­men­hänge zu leis­ten. (…) Die dafür notwendi­gen Fähigkeit­en ste­hen Kindern und Jugendlichen mit ein­er geisti­gen Behin­derung [nur bed­ingt] zur Ver­fü­gung. Aber auch sie haben die Chance, die Wahrheits­frage in Zusam­men­hang mit dem Glauben für sich zu klären.»

Interesse für das «Mehr» im Leben

Davide, Kat­ri­na, Felix und Ramon, die nach der grossen Schul­pause mit der Kat­e­chetin und ein­er Klasse­nas­sis­tenz zur Kirche gehen, sind wuseliger und lauter, set­zen sich nach der Lek­tion begeis­tert auf die Schafe am Ein­gang. «Sie sind jünger, den Unter­schied zu den Älteren merkt man da schon», sagt Edith Amstutz mit einem Lachen. Das ist bei allen Kindern gle­ich, genau wie das Inter­esse für das «Mehr» im Leben, für Fra­gen nach Gott und der Welt.
Anne Burgmer
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