
Mit Gott im Büro
Welche Rolle spielt der Glaube, wenn Unternehmerinnen und Führungskräfte Entscheidungen treffen, Mitarbeitende führen oder mit dem Scheitern umgehen? Am Forum in Winterthur berichteten Menschen davon, wie Gott und Gebet ihren Berufsalltag prägen – und was christliche Werte für ihr wirtschaftliches Handeln bedeuten.
Ein riesiges Kreuz beherrscht die Bühne der Parkarena in Winterthur. Jesus, Gott, Gebet: Wer am 11. September das Forum christlicher Führungskräfte besucht, muss nicht lange rätseln, welche Rolle der Glaube hier spielt. Rund 430 Menschen aus Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft sind gekommen. «Gott sei Dank ist Montag!», lautet das Motto des achten Forums. Es geht um die Frage, wie Führungskräfte arbeiten müssen, damit ihre Angestellten am Montag gerne zur Arbeit kommen.
Ort für Austausch und Inspiration
Das Forum entstand vor 16 Jahren nach deutschem Vorbild und findet seither alle zwei Jahre in der Schweiz statt, erzählt Co-Präsident Markus Baumgartner. Initiator war der Unternehmer Jürg Opprecht. Er wollte christlichen Führungskräften auch hierzulande einen Ort für Austausch und Inspiration bieten, um den Glauben mit dem Berufsalltag zu verbinden. Genau darum geht es auch in diesem Jahr.
Wichtiges von Dringendem unterscheiden
Zum Auftakt erinnert Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, daran, dass Führung nicht «laut und stark» sein müsse. Eine Führungspersönlichkeit solle ansprechbar sein und zunächst zuhören können. Gute Führung schaffe Bedingungen, unter denen Mitarbeitende sich entfalten. Für den britischen Investmentbanker Ken Costa hat der Glaube am Arbeitsplatz «definitiv seinen Platz». In einer von Stress und Veränderungen geprägten Arbeitswelt könne er helfen, Wichtiges von bloss Dringendem zu unterscheiden.

Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz
Christlich heisst nicht automatisch besser
Aber wirtschaften gläubige Menschen tatsächlich anders? Daniela Bär, Architektin und Erfinderin der Lernwabe, eines modularen Lernraums für Schulen, widerspricht einer einfachen Trennung. Grundsätzlich sehe sie kaum Unterschiede, manchmal gar keine. Sie kenne viele Nichtgläubige, die ehrlich seien, andere unterstützten und starke Werte lebten. «Ich unterscheide nicht die Gläubigen und die Nichtgläubigen. Ich unterscheide zwischen vertrauenswürdig und nicht vertrauenswürdig.»

Daniela Bär, Architektin und Inhaberin Lernwabe
Auch Gewinn und christliche Werte widersprechen sich für Bär nicht. Ein Unternehmen müsse Geld verdienen, um investieren und weiterbestehen zu können. Entscheidend sei vielmehr, wie mit Geld und Ressourcen umgegangen werde. Ihre Firma betrachtet sie weniger als persönlichen Besitz, denn als etwas ihr Anvertrautes, das verantwortungsvoll verwaltet und für kommende Generationen weiterentwickelt werden soll.
Vermeintliche Rückschläge
Besonders wichtig wird der Glaube für Bär, wenn etwas nicht funktioniert. Auf dem Weg zur Lernwabe musste sie berufliche Rückschläge hinnehmen. Dann gelte es zu reflektieren: Was war die Ursache? War der Zeitpunkt falsch? Und was lag überhaupt in der eigenen Verantwortung? Manchmal müsse man warten, bis etwas reif sei, manchmal einen eingeschlagenen Weg abbrechen. Ein vermeintlicher Rückschlag könne sich später als Vorbereitung auf etwas anderes erweisen.
Vertrauen statt Druck
Für den Aargauer Patrik Hasler-Olbrych, stellvertretender Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung von GastroSuisse, gehört Gott nicht nur ins Wochenende. Seit rund 30 Jahren arbeitet er in Führungsfunktionen und will seinen Glauben auch von Montag bis Freitag leben. Was gute Führung bedeutet, lernt er auch von Tieren. Beim Reiten habe er erfahren, dass Druck nicht weiterführe: Ein Pferd brauche Vertrauen und Sicherheit, um zu folgen. Gänse wiederum achten aufeinander und wechseln sich an der Spitze ab. Daraus leitet Hasler-Olbrych das Prinzip der «dienenden Führung» ab: «Ich versuche den Menschen zu dienen, dem Unternehmen zu dienen, Gott zu dienen.»

Patrik Hasler-Olbrych, stellvertretender Direktor und Mitglied der Geschäftsleitung von GastroSuisse
Ruhe suchen und zuhören
Gerade in schwierigen Zeiten sei seine Beziehung zu Jesus Christus entscheidend. Als er beruflich an seine Grenzen stiess, fragte er sich: «Was hat mich getragen?» Die Antwort war: «Gott». Halt hätten ihm die Bibel und die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen gegeben. Auch im Führungsalltag sucht er im Gebet Ruhe, bevor er reagiert. Als ein Mitarbeiter mit einem Anliegen zu ihm kam, sei es zunächst darum gegangen, zuzuhören und herauszufinden, was sein Gegenüber brauche. Damit greift Hasler-Olbrych etwas auf, das Famos am Morgen als gute Führung beschrieben hatte.
Der Glaube nimmt ihm Entscheidungen und Konflikte aber nicht ab. Hasler-Olbrych erzählt von einer Auseinandersetzung, in der ihm jemand zwei Stunden lang vorwarf, was er alles falsch gemacht habe. Statt sich sofort zu rechtfertigen, betete er innerlich darum, die Situation auszuhalten.
Nicht alles liegt in der eigenen Hand
Zwischen den persönlichen Glaubenszeugnissen sorgt das Improtheater von Eva Maria Admiral und Eric Wehrlin für Auflockerung – mit Szenen aus der Unternehmenswelt, die unterhalten, aber auch zum Nachdenken anregen. Als Überraschungsgast stellt Stefan Pfister aus Bern «Change Moments» vor: Sein Konzept will Mitarbeitenden mit unerwarteten Gesten Wertschätzung entgegenbringen und ganz bewusst Danke sagen. Am Nachmittag vertiefen die Teilnehmenden in Kleingruppen Themen wie etwa den Umgang mit dem Scheitern.
Wirtschaften Christinnen und Christen also anders? Eine klare Trennlinie zieht selbst Bär nicht. Sichtbar wird an diesem Tag weniger eine andere Art des Wirtschaftens als ein aus dem Glauben abgeleiteter Anspruch an die eigene Haltung: zuhören, Verantwortung übernehmen, fair handeln, Rückschläge aushalten – und akzeptieren, dass nicht alles in der eigenen Hand liegt.