In der Schöpfung ​Gott erkennen
Vom 6. bis 27. Oktober 2019 fand in Rom die Amazonas-Synode statt. Das Bischofstreffen trug den Titel «Amazonien: Neue Wege für die Kirche und eine integrale Ökologie». Bei der Synode ging es um praktische Anwendungen der Enzyklika «Laudato Si'».
© KNA

In der Schöpfung ​Gott erkennen

Die Schöp­fungszeit regt dazu an, unsere christliche Ver­ant­wor­tung für die Schöp­fung ernst zu nehmen. Der ortho­doxe The­ologe Michel Maxime Egger find­et dazu Antworten in der Enzyk­li­ka Lauda­to si’ von Papst Franziskus.

Ein gross­es Auto, eine Vil­la, ein bewässert­er Golf­platz oder ein eigen­er Helikopter: für einige Christin­nen und Chris­ten sind das Zeichen, dass Gott sie beson­ders geseg­net hat oder sie für ihr Engage­ment belohnt. Doch wie passt ein Leben mit grossem materiellem Wohl­stand mit dem christlichen Ver­ständ­nis von Schöp­fung und ihrer Bewahrung zusam­men? Was sagen die Tra­di­tion und die Bibel dazu? Was bedeutet es, die Erde als Schöp­fung zu ver­ste­hen? Und was fol­gt daraus für unseren Umgang mit ihr? Mit diesen Fra­gen hat sich auch der ortho­doxe The­ologe Michel Maxime Egger auseinan­derge­set­zt, der bei der Nationalen Begeg­nung zur ganzheitlichen Ökolo­gie in der Kirche von Vox Eth­i­ca ein­ge­laden war. Als Aus­gangspunkt hat er die Enzyk­li­ka Lauda­to si’ von Papst Franziskus genom­men.

Schöpfung schützen – ein Kernthema

«Die Beru­fung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein … ist nicht etwas Fakul­ta­tives, noch ein sekundär­er Aspekt der christlichen Erfahrung.» Diese Ein­stel­lung ist für Egger der Start­punkt für das Nach­denken über unsere Beziehung zur Schöp­fung. Dass Christin­nen und Chris­ten berufen sind, die Schöp­fung zu schützen, ist keine Neben­sache des Christ­seins, die aus­ge­blendet wer­den kann, son­dern gehört zum Kern. Nach Egger führt das dazu, dass die Men­schen wegkom­men von ein­er Ökolo­gie des «man muss», hin zu ein­er Ökolo­gie, die aus einem inneren Wun­sch und aus ein­er Liebe zur Schöp­fung entste­ht. Diese Beru­fung trägt sein­er Auf­fas­sung nach konkrete Aufrufe zum Schutz der Schöp­fung in sich.

Vom Leid des Planeten berührt

Der erste Schritt: hin­se­hen und die wis­senschaftlichen Fak­ten ern­st­nehmen, die uns die Dringlichkeit der Sit­u­a­tion vor Augen führen. «Niemals haben wir unser gemein­sames Haus so schlecht behan­delt und ver­let­zt wie in den let­zten bei­den Jahrhun­derten.» Oft scheit­ert es nach Egger schon daran, dass das The­ma aus ver­schieden­sten Grün­den aus­geklam­mert wird. Das hat auch Papst Franziskus so gese­hen: «Die Hal­tun­gen, welche … die Lösungswege block­ieren, reichen von der Leug­nung des Prob­lems bis zur Gle­ichgültigkeit, zur beque­men Res­ig­na­tion oder zum blind­en Ver­trauen auf die tech­nis­chen Lösun­gen.» Allerd­ings soll­ten wir hier nicht ste­hen bleiben, son­dern uns von diesen Infor­ma­tio­nen auch berühren lassen: Es geht darum, «das, was der Welt wider­fährt, schmer­zlich zur Ken­nt­nis zu nehmen, zu wagen, es in per­sön­lich­es Lei­den zu ver­wan­deln, und so zu erken­nen, welch­es der Beitrag ist, den jed­er Einzelne leis­ten kann.»

Die Erde unterwerfen?

Was wir momen­tan erleben, ist nicht ein­fach eine vorüberge­hende Krise. «Diese Schwest­er [= Schöp­fung] schre­it auf wegen des Schadens, den wir ihr auf­grund des unver­ant­wortlichen Gebrauchs und des Miss­brauchs der Güter zufü­gen, die Gott in sie hinein­gelegt hat.» Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft wirtschaftet und lebt, ist stark auf Wach­s­tum, möglichst hohe Pro­duk­tion und immer mehr Kon­sum aus­gerichtet. Egger und die Enzyk­li­ka weisen darauf hin, dass dieses Sys­tem Gren­zen hat und ein Umdenken passieren muss, damit ein Umbruch möglich wird. Egger ver­weist in diesen Zusam­men­hang auf die im Buch Gen­e­sis des Alten Tes­ta­ments erwäh­n­ten Beziehun­gen des Men­schen zu Gott, zu anderen Men­schen und zur Erde. Auch Papst Franziskus sprach davon in Lauda­to si’: «Der Bibel zufolge sind diese drei lebenswichti­gen Beziehun­gen zer­brochen … Die Har­monie …  wurde zer­stört … , da wir uns geweigert haben anzuerken­nen, dass wir begren­zte Geschöpfe sind. Diese Tat­sache ver­fälschte auch den Auf­trag, uns die Erde zu ‹unter­w­er­fen› (vgl. Gen1,28) … . Als Folge ver­wan­delte sich die ursprünglich har­monis­che Beziehung zwis­chen dem Men­schen und der Natur in einen Kon­flikt (vgl. Gen3,17–19).» Der griechisch-ortho­doxe Öku­menis­che Patri­arch von Kon­stan­tinopel Bartholomäus I. fasst dies wie fol­gt zusam­men: «Ein Ver­brechen gegen die Natur zu bege­hen, ist eine Sünde gegen uns selb­st und eine Sünde gegen Gott.» 

Gott in seiner Schöpfung entdecken

Für Egger erwächst daraus der Aufruf, unseren Blick auf die Natur zu verän­dern. Warum hat der Men­sch begonnen, die Natur auszubeuten und zu zer­stören? Nach Egger liegt der Grund für die Aus­beu­tung darin, dass der Men­sch die Welt stark vere­in­facht und Gott und sich von der Natur getren­nt sieht. Dadurch hat er die Ten­denz, die Natur als see­len­los zu betra­cht­en und sie auf ihre materielle Dimen­sion zu reduzieren.

Um diese Sichtweise zu über­winden, müssten die Men­schen Gott wieder über­all in der Welt, also in sein­er Schöp­fung, erken­nen. In Lauda­to si’ drück­te Papst Franziskus es fol­gen­der­massen aus: «Die gesamte Natur tut Gott nicht nur kund, son­dern ist auch Ort sein­er Gegen­wart. In jedem Geschöpf wohnt sein leben­spenden­der Geist, der uns in eine Beziehung zu ihm ruft.» Egger ver­weist zudem auf eine Stelle in der Bibel, in der Gott fragt: «Fülle ich nicht Him­mel und Erde aus?» Auch im Neuen Tes­ta­ment benen­nt er Stellen, die für ihn zeigen, dass Chris­tus als ein Teil der Dreifaltigkeit eben­falls mit in den Kos­mos hinein­genom­men ist, so beispiel­sweise im Kolosser­brief 1, 16: «Denn in ihm wurde alles erschaf­fen im Him­mel und auf Erden.» In Lauda­to si’ schlussfol­gerte Papst Franziskus: «Die Ent­deck­ung dieser Gegen­wart [Gottes in der Natur] regt in uns die Entwick­lung der ‹ökol­o­gis­chen Tugen­den› an.»

Brücke zum Himmel

Der Men­sch muss den richti­gen Platz für sich in der Natur wieder­ent­deck­en: «Es wird keine neue Beziehung zur Natur geben ohne einen neuen Men­schen.» Egger sagt, wir müssen uns von der Vorstel­lung ver­ab­schieden, dass der Men­sch die Natur beherrschen und unter­drück­en darf. Angelehnt an Jean-Maire Pelt fordert Egger eine Rena­turierung des Men­schen, also dass der Men­sch seine grundle­gende Verbindung mit der Schöp­fung wiederfind­et. Im Franzö­sis­chen, der Mut­ter­sprache Eggers, ist der gemein­same Wort­stamm der Wörter Men­sch (humain) und der ober­sten, frucht­baren Schicht der Erde (humus) noch klar zu erken­nen. Wir sind Erdlinge, «unser eigen­er Kör­p­er ist aus den Ele­menten des Plan­eten gebildet». Der Men­sch ist also Teil der Schöp­fung, und doch glauben Christin­nen und Chris­ten, dass er als Abbild Gottes geschaf­fen ist. Daraus entste­ht für Egger eine beson­dere Beru­fung, näm­lich eine Brücke zwis­chen Erde und Him­mel zu bauen. Das ver­lei­ht dem Men­schen jedoch keine Über­legen­heit gegenüber dem Rest der Schöp­fung und kein Herrschaft­srecht, son­dern vielmehr eine Pflicht, näm­lich an der Vere­ini­gung der Schöp­fung mit Gott mitzuwirken.

Einheit von Mensch, Erde und Gott

Für Egger geht es um mehr als um die Frage, was wir tun sollen. Entschei­dend ist vielmehr, aus welch­er Hal­tung her­aus wir der Schöp­fung begeg­nen. Genau hier set­zt seine Idee ein­er rela­tionalen Ökospir­i­tu­al­ität an, die den Men­schen wieder in Beziehung bringt: mit anderen Men­schen, mit der Erde und mit Gott. Schöp­fung wird dabei nicht als etwas betra­chtet, das uns ein­fach gegenüber­ste­ht und über das wir ver­fü­gen kön­nen, son­dern als Teil eines Beziehungs­ge­füges, in das wir selb­st einge­bun­den sind. Wo diese Beziehun­gen erkan­nt, angenom­men und gelebt wer­den, kann ein Bewusst­sein für ein gemein­sames «Wir» entste­hen, als eine Ver­bun­den­heit von Men­sch, Erde und Gott.


Michel Maxime Egger ver­tritt eine rela­tionale Ökospir­i­tu­al­ität, die den Men­schen wieder in Beziehung bringt: mit anderen Men­schen, mit der Erde und mit Gott. | © Sophie Brasey

Lesen Sie selb­st

Die zitierten Stellen stam­men aus der Enzyk­li­ka Lauda­to si’ von Papst Franziskus. Den gesamten Text kön­nen Inter­essierte hier nach­le­sen.

Leonie Wollensack
mehr zum Autor
nach
soben