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In der Schöpfung Gott erkennen
Die Schöpfungszeit regt dazu an, unsere christliche Verantwortung für die Schöpfung ernst zu nehmen. Der orthodoxe Theologe Michel Maxime Egger findet dazu Antworten in der Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus.
Ein grosses Auto, eine Villa, ein bewässerter Golfplatz oder ein eigener Helikopter: für einige Christinnen und Christen sind das Zeichen, dass Gott sie besonders gesegnet hat oder sie für ihr Engagement belohnt. Doch wie passt ein Leben mit grossem materiellem Wohlstand mit dem christlichen Verständnis von Schöpfung und ihrer Bewahrung zusammen? Was sagen die Tradition und die Bibel dazu? Was bedeutet es, die Erde als Schöpfung zu verstehen? Und was folgt daraus für unseren Umgang mit ihr? Mit diesen Fragen hat sich auch der orthodoxe Theologe Michel Maxime Egger auseinandergesetzt, der bei der Nationalen Begegnung zur ganzheitlichen Ökologie in der Kirche von Vox Ethica eingeladen war. Als Ausgangspunkt hat er die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus genommen.
Schöpfung schützen – ein Kernthema
«Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein … ist nicht etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung.» Diese Einstellung ist für Egger der Startpunkt für das Nachdenken über unsere Beziehung zur Schöpfung. Dass Christinnen und Christen berufen sind, die Schöpfung zu schützen, ist keine Nebensache des Christseins, die ausgeblendet werden kann, sondern gehört zum Kern. Nach Egger führt das dazu, dass die Menschen wegkommen von einer Ökologie des «man muss», hin zu einer Ökologie, die aus einem inneren Wunsch und aus einer Liebe zur Schöpfung entsteht. Diese Berufung trägt seiner Auffassung nach konkrete Aufrufe zum Schutz der Schöpfung in sich.
Vom Leid des Planeten berührt
Der erste Schritt: hinsehen und die wissenschaftlichen Fakten ernstnehmen, die uns die Dringlichkeit der Situation vor Augen führen. «Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten.» Oft scheitert es nach Egger schon daran, dass das Thema aus verschiedensten Gründen ausgeklammert wird. Das hat auch Papst Franziskus so gesehen: «Die Haltungen, welche … die Lösungswege blockieren, reichen von der Leugnung des Problems bis zur Gleichgültigkeit, zur bequemen Resignation oder zum blinden Vertrauen auf die technischen Lösungen.» Allerdings sollten wir hier nicht stehen bleiben, sondern uns von diesen Informationen auch berühren lassen: Es geht darum, «das, was der Welt widerfährt, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen, zu wagen, es in persönliches Leiden zu verwandeln, und so zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann.»
Die Erde unterwerfen?
Was wir momentan erleben, ist nicht einfach eine vorübergehende Krise. «Diese Schwester [= Schöpfung] schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchs und des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat.» Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft wirtschaftet und lebt, ist stark auf Wachstum, möglichst hohe Produktion und immer mehr Konsum ausgerichtet. Egger und die Enzyklika weisen darauf hin, dass dieses System Grenzen hat und ein Umdenken passieren muss, damit ein Umbruch möglich wird. Egger verweist in diesen Zusammenhang auf die im Buch Genesis des Alten Testaments erwähnten Beziehungen des Menschen zu Gott, zu anderen Menschen und zur Erde. Auch Papst Franziskus sprach davon in Laudato si’: «Der Bibel zufolge sind diese drei lebenswichtigen Beziehungen zerbrochen … Die Harmonie … wurde zerstört … , da wir uns geweigert haben anzuerkennen, dass wir begrenzte Geschöpfe sind. Diese Tatsache verfälschte auch den Auftrag, uns die Erde zu ‹unterwerfen› (vgl. Gen1,28) … . Als Folge verwandelte sich die ursprünglich harmonische Beziehung zwischen dem Menschen und der Natur in einen Konflikt (vgl. Gen3,17–19).» Der griechisch-orthodoxe Ökumenische Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus I. fasst dies wie folgt zusammen: «Ein Verbrechen gegen die Natur zu begehen, ist eine Sünde gegen uns selbst und eine Sünde gegen Gott.»
Gott in seiner Schöpfung entdecken
Für Egger erwächst daraus der Aufruf, unseren Blick auf die Natur zu verändern. Warum hat der Mensch begonnen, die Natur auszubeuten und zu zerstören? Nach Egger liegt der Grund für die Ausbeutung darin, dass der Mensch die Welt stark vereinfacht und Gott und sich von der Natur getrennt sieht. Dadurch hat er die Tendenz, die Natur als seelenlos zu betrachten und sie auf ihre materielle Dimension zu reduzieren.
Um diese Sichtweise zu überwinden, müssten die Menschen Gott wieder überall in der Welt, also in seiner Schöpfung, erkennen. In Laudato si’ drückte Papst Franziskus es folgendermassen aus: «Die gesamte Natur tut Gott nicht nur kund, sondern ist auch Ort seiner Gegenwart. In jedem Geschöpf wohnt sein lebenspendender Geist, der uns in eine Beziehung zu ihm ruft.» Egger verweist zudem auf eine Stelle in der Bibel, in der Gott fragt: «Fülle ich nicht Himmel und Erde aus?» Auch im Neuen Testament benennt er Stellen, die für ihn zeigen, dass Christus als ein Teil der Dreifaltigkeit ebenfalls mit in den Kosmos hineingenommen ist, so beispielsweise im Kolosserbrief 1, 16: «Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden.» In Laudato si’ schlussfolgerte Papst Franziskus: «Die Entdeckung dieser Gegenwart [Gottes in der Natur] regt in uns die Entwicklung der ‹ökologischen Tugenden› an.»
Brücke zum Himmel
Der Mensch muss den richtigen Platz für sich in der Natur wiederentdecken: «Es wird keine neue Beziehung zur Natur geben ohne einen neuen Menschen.» Egger sagt, wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass der Mensch die Natur beherrschen und unterdrücken darf. Angelehnt an Jean-Maire Pelt fordert Egger eine Renaturierung des Menschen, also dass der Mensch seine grundlegende Verbindung mit der Schöpfung wiederfindet. Im Französischen, der Muttersprache Eggers, ist der gemeinsame Wortstamm der Wörter Mensch (humain) und der obersten, fruchtbaren Schicht der Erde (humus) noch klar zu erkennen. Wir sind Erdlinge, «unser eigener Körper ist aus den Elementen des Planeten gebildet». Der Mensch ist also Teil der Schöpfung, und doch glauben Christinnen und Christen, dass er als Abbild Gottes geschaffen ist. Daraus entsteht für Egger eine besondere Berufung, nämlich eine Brücke zwischen Erde und Himmel zu bauen. Das verleiht dem Menschen jedoch keine Überlegenheit gegenüber dem Rest der Schöpfung und kein Herrschaftsrecht, sondern vielmehr eine Pflicht, nämlich an der Vereinigung der Schöpfung mit Gott mitzuwirken.
Einheit von Mensch, Erde und Gott
Für Egger geht es um mehr als um die Frage, was wir tun sollen. Entscheidend ist vielmehr, aus welcher Haltung heraus wir der Schöpfung begegnen. Genau hier setzt seine Idee einer relationalen Ökospiritualität an, die den Menschen wieder in Beziehung bringt: mit anderen Menschen, mit der Erde und mit Gott. Schöpfung wird dabei nicht als etwas betrachtet, das uns einfach gegenübersteht und über das wir verfügen können, sondern als Teil eines Beziehungsgefüges, in das wir selbst eingebunden sind. Wo diese Beziehungen erkannt, angenommen und gelebt werden, kann ein Bewusstsein für ein gemeinsames «Wir» entstehen, als eine Verbundenheit von Mensch, Erde und Gott.

Michel Maxime Egger vertritt eine relationale Ökospiritualität, die den Menschen wieder in Beziehung bringt: mit anderen Menschen, mit der Erde und mit Gott. | © Sophie Brasey
Lesen Sie selbst
Die zitierten Stellen stammen aus der Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus. Den gesamten Text können Interessierte hier nachlesen.