Seelsorgerin für Betroffene der Brandkatastrophe: «Ich bin jeden Tag da für die Familien»
Esther Stampfer
Bild: © zVg

Seelsorgerin für Betroffene der Brandkatastrophe: «Ich bin jeden Tag da für die Familien»

Die Seelsorgerin Esther Stampfer und ihre Kolleginnen und Kollegen begleiten seit der Neujahrsnacht die Betroffenen am Universitätsspital Zürich. Von den seelischen Folgen der Katastrophe und wie die Seelsorgerin diesen begegnet.

Welche seel­is­chen Fol­gen hat solch eine Katas­tro­phe?
Es ist ein Schick­salss­chlag, der auf eine ganze Nation zukommt, und weit darüber hin­aus. Alle sind betrof­fen. Die grosse Anzahl an Ver­let­zten und an Toten macht einen Unter­schied, es ist aber auch das junge Alter, das uns wachrüt­telt. Allerd­ings weiss ich nicht, wie lange die Betrof­fen­heit anhal­ten wird. Ganz anders ist es bei den direkt Betrof­fe­nen.

Wie beschreiben Sie bei diesen die seel­is­chen Fol­gen?
Brand­ver­let­zun­gen beschäfti­gen Betrof­fene über Monate, über Jahre, wenn nicht sog­ar über ein ganzes Leben. Um das zu ver­an­schaulichen: Viele jen­er Fam­i­lien, deren Ange­höri­gen nun bei uns auf der Brand-Inten­sivs­ta­tion behan­delt wer­den, sind jet­zt dabei, sich eine Woh­nung in Zürich zu suchen – sie wer­den nach Zürich über­siedeln. Das Leben, das sie geführt haben, gibt es nicht mehr. Sie und später die Ver­let­zten selb­st, sobald diese wieder bei Bewusst­sein sind, müssen nach und nach ver­ste­hen, was passiert ist. Das braucht lange Zeit, und es braucht immer wieder das Erzählen und Einord­nen. Die Trau­ma­tisierung geht tief, da sind die Bilder im Kopf, vom Unglück, von Fre­un­den, die auch betrof­fen waren.

Esther Stampfer (*1987) ist The­olo­gin, Not­fallseel­sorg­erin und Pal­lia­tivseel­sorg­erin. Seit 2022 ist sie Teil des Seel­sor­geteams am Uni­ver­sitätsspi­tal Zürich und dort unter anderem am Zen­trum für Schwer­brand­ver­let­zte im Ein­satz.

Was kann die Seel­sorge hier beitra­gen?
Was uns aus­macht ist, dass wir eine kon­stante Begleitung anbi­eten. Ich bin jeden Tag da für die gle­ichen Fam­i­lien. Durch die kon­se­quente und sta­bile Begleitung kön­nen wir seel­is­che Prob­leme auf­fan­gen, indem wir ihnen einen Raum geben. Die Betrof­fe­nen wis­sen, dass sie ihre Geschichte nicht immer und immer wieder von vorne erzählen müssen, weil schon wieder eine neue Bezugsper­son im Ein­satz ist. Das ermöglicht, dass auch tiefer liegende The­men zur Sprache kom­men. Auch hören wir neu­tral zu und wir unter­ste­hen dem Seel­sorgege­heim­nis. Die Ver­net­zung mit der Ärzteschaft und den Pfle­gen­den hil­ft uns aber gle­ichzeit­ig, einord­nen zu kön­nen, wo der Patient ste­ht, in welche Rich­tung sich seine Geschichte entwick­eln kön­nte, ins Pos­i­tive wie ins Neg­a­tive.

Sie sind als Seel­sorg­erin zuständig für das Zen­trum für Schwer­brand­ver­let­zte am USZ. Wann nach der Katas­tro­phe sind Sie beige­zo­gen wor­den?
Unmit­tel­bar, da ich auch Teil des Care-Teams am USZ bin. Allerd­ings war ich zu diesem Zeit­punkt in den Ferien. Meine Kol­legin­nen und Kol­le­gen vom Seel­sor­geteam waren präsent und gle­ich vor Ort. Ich kam dann am Son­ntag ans Spi­tal und habe direkt mit der Arbeit begonnen. Es war bere­its klar, welche Pati­entin­nen und Patien­ten bei uns bleiben wür­den.

Was haben Sie als erstes gemacht?
Zuallererst bin ich zur Pflege gegan­gen und habe gefragt, wie es ihnen geht, bei alle­dem, was sie durchgemacht haben. Dann bin ich zu den einzel­nen Fam­i­lien und zu den Eltern gegan­gen.

Welche Ein­drücke haben diese ersten Begeg­nun­gen bei Ihnen hin­ter­lassen?
Die Pfle­gen­den waren sehr gefasst, noch sehr im Arbeitsmodus und mit Fokus auf die Pati­entin­nen und Patien­ten. Für sie wer­den wir nun in den näch­sten Tagen mit ein­er offe­nen Sprech­stunde starten, zusam­men mit den Ethik-Fach­per­so­n­en und den Psy­chi­atern, sodass Pfle­gende das Einzelge­spräch über ihre Erleb­nisse suchen kön­nen.
Die Eltern und Fam­i­lien­ange­höri­gen habe ich dankbar und offen erlebt. Die Kol­legin­nen und Kol­le­gen vom Careteam hat­ten ja bere­its erste Gespräche geführt. Anspruchsvoll ist die sprach­liche Ver­ständi­gung, die meis­ten sprechen Franzö­sisch. Für jene, die auss­chliesslich Franzö­sisch sprechen, haben wir eine Kol­le­gin im Seel­sor­geteam, die die Sprache sehr gut beherrscht.

Was kön­nen Sie im Moment für die Ver­let­zten tun?
Solange die Patien­ten nicht wach und ansprech­bar sind, kann ich nichts tun. Nur beten.

Was kön­nen Sie für die Ange­höri­gen tun?
Da sein, zuhören, ent­las­tende Gespräche anbi­eten. Wir arbeit­en auch mit dem Sozial­dienst zusam­men und leis­ten Unter­stützung im All­t­ag.

Wie lange, meinen Sie aus Ihrer Erfahrung, wer­den Sie die Men­schen nun begleit­en?
Das kann sehr unter­schiedlich sein, von einem Monat bis zu einem hal­ben Jahr oder sog­ar einem Jahr. Gegenüber den Betrof­fe­nen kom­mu­nizieren wir in abge­gren­zten Zei­tho­r­i­zon­ten: Der näch­ste Monat ist jet­zt wichtig. Wenn dieser Monat gemeis­tert ist, ist viel gewon­nen – dann sehen wir weit­er.

Gibt es inner­halb der Seel­sorge ver­schiedene Diszi­plinen, die unter­schiedliche Auf­gaben abdeck­en?
Nein. Allerd­ings sind mein reformiert­er Kol­lege und ich, die wir auf der Brand-Inten­sivs­ta­tion im Ein­satz sind, not­fallpsy­chol­o­gisch geschult.

Was tun Sie, wenn es Ihnen selb­st zu viel wird?
Da hil­ft das Gespräch mit dem Team. Es ist immer jemand da, der zuhört und Zeit für einen Kaf­fee hat. Wie wir die Pfle­gen­den fra­gen, so fra­gen sie umgekehrt auch uns, wie es uns geht. Pri­vat pflege ich Fre­und­schaften, lenke mich so ab. Am Nach­hauseweg zünde ich eine Kerze in der Spitalkirche an. Ich ver­suche, so viel wie möglich im Spi­tal zu lassen.

Was braucht es, damit die seel­is­chen Wun­den wieder heilen kön­nen?
Das ist eine gute Frage. Sich­er braucht es eine gute Aufar­beitung des Geschehenen und eine ehrliche Kom­mu­nika­tion von Ärzten und Fach­per­so­n­en. Die Betrof­fe­nen müssen wis­sen, wo sie ste­hen und wohin es gehen kann. Es hil­ft, wenn sich dies verbindet mit hof­fungsvollen Aus­blick­en, damit die Men­schen nicht verzweifeln, son­dern sehen, dass das Leben weit­er­hin lebenswert sein kann. Wer aber trauert und wütend ist, darf das natür­lich eben­so. Es gilt, die Betrof­fe­nen dort abzu­holen, wo sie ger­ade sind.

Veronika Jehle
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