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«Neutralität ist nicht simpel und eindeutig»
DispuTalk mit dem ehemaligen Ständerat des Kantons Basel-Landschaft, René Rhinow
Am 27. März fand im Roten Turm in Baden der elfte DispuTALK statt. Pfarrer Hans Strub unterhielt sich mit René Rhinow, ehemaliger Ständerat des Kantons Basel-Landschaft, über die Neutralität und Souveränität der Schweiz. Das Gespräch markierte den Beginn der zweiten Hälfte der Gesprächsreihe anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Dispu-tation zu Baden.
Der Jurist und ehemalige Ständerat René Rhinow hat, um es mit den Worten von Hans Strub zu sagen, eine unglaubliche Schweizer Dienstbiografie vorzuweisen. Sei es in der Politik, im Militär, im akademischen Bereich oder jenem der humanitären Hilfe – die Zahl der Ämter und Funktionen, die der 83-jährige gebürtige Basler im Laufe seines Lebens innehatte, ist beeindruckend. René Rhinow absolvierte ein Jurastudium an der Universität Basel und war von 1982 bis 2006 Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an ebendieser Uni. In dieser Zeit war er auch mehrmals Dekan der Juristischen Fakultät der Universität. René Rhinow war unter anderem auch lange Jahre Ständerat für den Kanton Basel-Landschaft und von 2001 bis 2011 Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes. Daneben kann er auch auf eine erfolgreiche Karriere im Militär zurückblicken, im Rahmen derer er den Dienstgrad des Oberst erlangte. So engagierte sich René Rhinow jahrzehntelang in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen.
Bevölkerung ist aufgerufen, sich zu äussern
René Rhinow hat sich in seinem Leben unter anderem intensiv mit zwei Themen auseinandergesetzt, die in der aktuellen politischen Debatte der Schweiz zentral sind, nämlich mit dem Konzept der Neutralität und dem der Souveränität. Die beiden Themen sind aufgrund der massiven geopolitischen Veränderungen der letzten Jahre in den Mittelpunkt der politischen Diskussion gerückt. Und so sprachen auch Hans Strub und René Rhinow ausführlich über diese beiden Begriffe. «Die Schweizer Bevölkerung wird in nächster Zukunft dazu aufgerufen sein, sich zu den Themen der Neutralität und der Souveränität zu äussern», sagt Hans Strub angesichts von Initiativen wie der «Neutralitätsinitiative» oder der «Keine 10-Millionen-Schweiz!»-Initiative, die der Schweizer Stimmbevölkerung im Laufe dieses Jahres zur Abstimmung unterbreitet werden.
Instrument zur Sicherung des Friedens
Die Neutralität ist ein Prinzip, für das die Schweiz weit über ihre Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Doch der Begriff der Neutralität, erklärt René Rhinow, ist gar nicht so simpel und eindeutig, wie er auf den ersten Blick scheinen mag. Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, was genau Neutralität bedeutet und wie sie in der Praxis ausgeübt werden sollte. Zudem ist es, so René Rhinow, historisch betrachtet gar nicht so selbstverständlich, dass das Neutralitätsprinzip in der Schweiz so stark verankert ist. Die Neutralität war lange Zeit ein wichtiges Instrument zur Sicherung des Friedens im Land. Sie wurde nicht um ihrer selbst willen praktiziert, sondern weil sie sich für die Schweiz als sinnvoll und hilfreich erwies. Während der beiden Weltkriege trug das Prinzip der Neutralität beispielsweise massgeblich dazu bei, dass die verschiedenen Landesteile der Schweiz nicht auseinanderfielen. René Rhinow betont aber auch, dass Neutralität nur dann funktionieren kann, wenn auch andere Länder mit Wohlwollen auf sie reagieren. Im Fall der Schweiz war dies lange der Fall. Wäre die Neutralität der Schweiz von anderen Ländern nicht respektiert worden, hätte sie wohl kaum über solch einen langen Zeitraum hinweg fortbestehen können.
Schweizer Neutralität stösst auf Kritik
Dass das Neutralitätsprinzip für einen Staat nur dann funktionieren kann, wenn dies auch von anderen Ländern gebilligt wird, wird am Fall des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine deutlich. Denn dieser stellt eine Situation dar, in der die Neutralität der Schweiz nicht auf Wohlwollen, sondern vielmehr auf Kritik und Irritation stösst. Durch den Krieg zwischen der Ukraine und Russland ist die Frage nach der Neutralität der Schweiz ein in der Öffentlichkeit intensiv diskutiertes Thema geworden: Scheint es nicht unangebracht, angesichts der russischen Invasion der Ukraine das Konzept der Neutralität wie bisher weiter zu verfolgen? Wenn die Schweiz an der Neutralität festhalten möchte, in welcher Form will sie dies dann tun? Gibt es einen Weg, Neutralität neu zu denken?
Keine Illusionen
Zur Souveränität der Schweiz meint René Rhinow: «Wir dürfen uns keine Illusionen machen. Es ist wichtig, dass wir uns darum bemühen, in internationalen Debatten mitentscheiden zu können. Denn wenn man nicht mit am Tisch sitzt, steht man auf der Speisekarte.» Er betont auch, dass es wichtig ist, dass die Schweiz eine solide Beziehung zur EU pflegt. «Denn wir sind abhängig von ihr», sagt er. Der FDP-Politiker wünscht sich, dass die Menschen in der Schweiz wieder mehr Mitverantwortung übernehmen, miteinander sprechen und die politische Kultur wieder besser wird.
Die Badener Disputation im Jahr 1526 war ein historischer Meilenstein für den Dialog zwischen den Konfessionen in der Schweiz. Die Gespräche über die theologischen Wahrheiten und Glaubensgrundlagen fanden während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Badener Stadtkirche statt, Teilnehmer waren Vertreter der 13 Alten Orte der Eidgenossenschaft sowie Theologen aus dem In- und Ausland. Zur 500-Jahr-Feier der Badener Disputation organisieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholische Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden ein umfangreiches Jubiläumsprogramm unter dem Titel «Disput(N)ation». Das Projekt will Geschichte lebendig machen, den Dialog in der Gesellschaft stärken und verschiedenste Menschen einbinden.