Gottes Vorliebe für das Kleine

Gottes Vorliebe für das Kleine

Matthäus 18,1–4In jen­er Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist denn im Him­mel­re­ich der Grösste? Da rief er ein Kind her­bei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Him­mel­re­ich hineinkom­men. Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Him­mel­re­ich der Grösste.Ein­heit­süber­set­zung 2016  

Gottes Vorliebe für das Kleine

«Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.» Es ist auf­fäl­lig, dass Jesus in seinen Gle­ich­nis­sen gerne mit den kleinen Din­gen argu­men­tiert: Da ist zum Beispiel vom Samenko­rn die Rede, von den Lilien auf dem Feld, von den Spatzen oder von den zwei Münzen der Witwe. Und dann sind da vor allem die Kinder, die in ihrer Art zum Gle­ich­nis für das Reich Gottes wer­den. «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder»: Was meint Jesus damit? Warum nimmt er ein Kind als Massstab? Es kann ja wohl kaum darum gehen, dass wir alle kindisch wer­den. Und es wird wahrschein­lich auch nicht daran liegen, dass Kinder so unschuldig sind. Denn in Wirk­lichkeit sind die Kleinen ja meist gar nicht so unschuldig.Eine, die dieses Kind-Sein, diese geistliche Kind­schaft bewusst gelebt hat, ist die Hl. There­sia von Lisieux. In den kleinen Gesten des All­t­ags hat sie ver­sucht, ihre Hingabe an Gott und die Mit­men­schen zu leben. Ihr geistlich­er Weg wird auch «der kleine Weg» genan­nt. «Klein», weil er nichts «Aussergewöhn­lich­es» fordert und daher von jedem Men­schen gegan­gen wer­den kann. There­sia hat ver­standen, dass es nicht darum geht, wieviel wir leis­ten, son­dern wieviel Liebe und Ver­trauen in unserem Tun steckt. Dazu erzählt sie viele ganz konkrete Geschicht­en: wie sie zum Beispiel ver­sucht hat, eine Steck­nadel mit Liebe vom Boden aufzuheben oder wie sie sich bewusst bemüht hat, sich keine Sor­gen mehr darüber zu machen, dass sie beim Gebet oft ein­schlief, denn ein Vater liebe sein Kind ja nicht weniger, wenn es schlafe. Sie sel­ber beschreibt diese innere Hal­tung fol­gen­der­massen: «Es ist der Weg des Ver­trauens und der völ­li­gen Hingabe … Ein Kind sein vor Gott bedeutet, sich sein­er eige­nen Nichtigkeit bewusst sein (und deshalb), alles vom lieben Gott erwarten, genau­so wie ein kleines Kind alles vom Vater erhofft.»Es tönt so sim­pel und die blu­mige Sprache der jun­gen Ordens­frau hin­ter­lässt manch­mal fast schon einen etwas kitschi­gen Nachgeschmack. Und doch:Auf diesem «kleinen Weg» hat There­sia es geschafft, Patron­in der Welt­mis­sion zu wer­den, obwohl sie ihre Heima­tre­gion kaum je ver­liess. Sie avancierte als erst dritte Frau über­haupt zur Kirchen­lehrerin, obwohl ihre the­ol­o­gis­chen Schriften kaum an die Bril­lanz der grossen Werke der Chris­ten­heit her­an­re­ichen. Und sie wurde zu ein­er der bekan­ntesten und beliebtesten Heili­gen der katholis­chen Kirche, obwohl sie bere­its mit 24 Jahren an Tuberku­lose starb und fast die Hälfte ihres kurzen Lebens hin­ter den Kloster­mauern des Karmel ver­bracht hat.There­sias Weg ist Christi Weg und deshalb auch ein Ange­bot an uns Men­schen von heute: Gott lieben, weil er uns liebt! Sich ihm über­lassen – in ein­er Glauben­shal­tung, die von kindlichem Ver­trauen geprägt ist. Mit den Worten There­sias: «Ich bin zu klein, um diese müh­same Treppe der Vol­lkom­men­heit emporzusteigen … Der Aufzug, der mich bis zum Him­mel empor­tra­gen wird, sind Deine Arme, O Jesus.»Nadia Miri­am Keller, The­olo­gin, arbeit­et als Spi­talseel­sorg­erin i.A. am St. Claraspi­tal in Basel   
Regula Vogt-Kohler
mehr zum Autor
nach
soben