Hoffnung neu buchstabieren
Stefan Seidel zitiert in seinem Buch die Philosophin Corine Pelluchon. Sie erzählt von «der Kraft des Lebens, in der wir unseren ­Ursprung haben und die uns mit anderen Lebewesen verbindet.» Die Verzweiflung entstehe dann, wenn man sich von dieser ­ursprünglichen Kraft des Lebens abschneide, sagt sie.
© Gaston Berchtold

Hoffnung neu buchstabieren

Der Theologe Stefan Seidel zeigt in seinem Buch, wie wir den Mut entwickeln, auf eine andere Welt hinzuwirken.

Der 48-jährige deutsche Theologe und Psychologe Stefan Seidel beschäftigt sich in seinen Büchern mit Fragen der Gottsuche und dem Zusammenhalt in der Gesellschaft. Nun legt er ein Alphabet der Hoffnung vor, das Buchstaben für Buchstaben die Angst verblassen lässt.


«Haben wir das Hof­fen ver­lernt?», fragt Ste­fan Sei­del in seinem neuen Buch «Durch die Angst gehen. Das Alpha­bet der Hoff­nung». Der 48-jährige deutsche The­ologe und Psy­chologe beschäftigt sich in seinen Büch­ern immer wieder mit Fra­gen der Gottsuche und dem Zusam­men­halt in der Gesellschaft. Er stellt die tech­nol­o­gis­chen Fortschritte unser­er Zeit der zunehmend düsteren Stim­mung gegenüber und über­legt: «Sind wir in all den atem­ber­auben­den Spezial­isierun­gen im Tech­nis­chen, in all den Gipfel­stür­men der Wis­senschaft und in all dem unfass­baren Wach­s­tum im Materiellen zu Anal­pha­beten der Hoff­nung gewor­den?»


Buch zu gewin­nen
Ste­fan Sei­del: «Durch die Angst gehen. Das Alpha­bet der Hoff­nung», 2026, Claudius Ver­lag, ISBN 978–3‑532–62916‑1.
«Licht­blick» ver­lost ein Exem­plar des Buch­es. Um an der Ver­losung teilzunehmen, senden Sie ein E‑Mail mit Ihrer Postadresse und dem Betr­e­ff «Durch die Angst» an:​.​Teil­nahmeschluss ist am 31. März 2026.

Ängste haben einen Ausgang

Die Angst sei angesichts von Krisen, Kriegen, Klimabedro­hung und gesellschaftlich­er Polar­isierung zu einem prä­gen­den Grundge­fühl unser­er Zeit gewor­den, stellt der Autor fest. Weil das Wort Angst von «Enge» kommt, wählt Sei­del das Bild des Hin­durchge­hens durch den Eng­pass der Angst. Er schreibt: «Äng­ste sind mir ver­traut. (…) Ich habe aber erfahren, dass sie nicht allmächtig sind, dass sie einen Aus­gang haben, den es zu find­en gilt. Ich habe gel­ernt, dass sie durchge­hbar sind.» Mit seinem Buch macht Sei­del Mut, sich men­tal und kör­per­lich aufzu­raf­fen, und immer wieder nach Hoff­nung zu suchen. Er zitiert The­ologin­nen, Mys­tik­er, Lyrik­erin­nen und Philosophen. Auch Sil­ja Wal­ter, die Benedik­tiner­in und Dich­terin aus dem Kloster Fahr, kommt zu Wort, eben­so Sei­dels Gross­vater.

Positive Kräfte aktivieren

Ste­fan Sei­del ist sich bewusst, dass Äng­ste zum Men­sch­sein gehören: «Ja, die Angst ist der Exis­tenz des Men­schen grund­sät­zlich eingeschrieben, weil er auf den Tod zuläuft und zeitlebens darum weiss.» Es kommt darauf an, die Angst zu rel­a­tivieren, sie in Verbindung zu brin­gen mit pos­i­tiv­en Kräften wie dem Ver­trauen und der Liebe. «Das geht meis­tens nicht allein aus eigen­er Kraft», schreibt Sei­del, «dafür sind men­tale und gemein­schaftliche Hil­fen nötig.» Das Rüstzeug, um sich Hoff­nung immer wieder zu erkämpfen, lis­tet er in seinem Buch alpha­betisch auf. Von A wie «Abschiedlich existieren» über F wie «frag­men­tarisch ganz sein» bis S wie «Sprache find­en» ent­fal­tet Sei­del ein ungewöhn­lich­es Alpha­bet, das die Leserin­nen und Leser dazu ein­lädt, Hoff­nung neu zu buch­sta­bieren.

Ein Auszug aus dem «Alpha­bet der Hoff­nung» zeigt, wie und wo in unserem Leben die Hoff­nung wach­sen kann

D wie Dankbar leben

«Hoff­nung hängt von ein­er ver­trauen­den Grund­hal­tung dem Leben gegenüber ab. In diese Hal­tung gelangt man, wenn das Gute gese­hen und gewürdigt – und das Belas­tende angenom­men und getra­gen wer­den kann. Eine solche Hal­tung erwächst aus dem Bewusst­sein, in einem grösseren Zusam­men­hang zu leben», schreibt Ste­fan Sei­del. Um in diese Hal­tung zu gelan­gen, sei es hil­fre­ich, das Ein­fache zu schätzen und dankbar zu sein, «dass ich mor­gens erwache, mein Stof­fwech­sel, mein Blutkreis­lauf, meine Organe, meine Ner­ven­zellen, mein Herz, mein Immun­sys­tem, mein Gehirn funk­tion­ieren und auf geheimnisvolle Weise zusam­men­spie­len (…).» Ein Dankbarkeit­stage­buch zu führen, kann eben­falls helfen, sich des Guten im Leben bewusster zu wer­den. Dafür schreiben Sie jeden Abend drei möglichst konkrete Dinge auf, für die Sie dankbar sind. Das kann der Park­platz sein, der ger­ade für Sie frei wurde; dass der Zah­narzt keine Löch­er gefun­den hat oder die erste Früh­lings­blume im Garten.

K wie Kontemplation

Ein Weg zur Hoff­nung kann die Kon­tem­pla­tion sein – die ruhige Betra­ch­tung des grösseren Ganzen. Das Wort geht auf das lateinis­che «con­tem­pla­tio» zurück, das «Anschau­ung» oder «(geistige) Betra­ch­tung» bedeutet. Ste­fan Sei­del: «Kon­tem­pla­tion ist der Ver­such, aus der Enge des eige­nen Ichs, aus den Sor­gen, Gedanken, Äng­sten des All­t­ags in die Weite des Einge­bet­tet­seins im grösseren Ganzen zu gelan­gen.»

Die Insti­tu­tio­nen der Lan­deskirchen im «Lichtblick»-Gebiet haben ein bre­ites Ange­bot an Kon­tem­pla­tion­skursen. In der Offe­nen Kirche Elis­a­bethen in Basel find­et jeden zweit­en Mon­tag von 18.30 bis 19.30 Uhr die Kon­tem­pla­tion via inte­gralis statt. Das Ange­bot ist kosten­los, ohne Anmel­dung und braucht keine Vorken­nt­nisse. Die Dat­en find­en Sie auf

www.offenekirche.ch/veranstaltungen/

Im Aar­gau hat die Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei ein vielfältiges Kur­sange­bot

www.propstei.ch/bildung

S wie Sprache finden

Ein Weg zur Hoff­nung liegt im Find­en von Sprache. Mit ihr treten wir in Beziehung zu jeman­dem, teilen uns mit und wer­den ver­standen. Ein Gespräch kann Hoff­nung schenken. Als eben­so bedeut­sam erachtet Sei­del die Poe­sie: «Dass man auf Worte trifft, die einen tre­f­fen, die etwas anstossen, aufweck­en, auf­schliessen.» In ein Gedicht oder die Texte der Bibel einzu­tauchen, kann den Hoff­nungs­geist stärken.

V wie Verbundenheit

Sei­del hält fest: «Seit den früh­esten Tagen des Lebens ist Ver­bun­den­heit das Mit­tel gegen die Angst: Das Ver­bun­den­sein mit der Mut­ter bewahrt vor der Lebens­feindlichkeit der Aussen­welt, ver­sorgt mit Nahrung und Schutz und lässt einen sich selb­st erleben als gehal­ten und bezo­gen – als nicht ver­loren.» Insofern sei alles, was Beziehung fördere und erhalte, dem Leben dien­lich.

Den Kon­takt zu anderen Men­schen zu suchen und sich dafür zu inter­essieren, was sie bewegt, schafft Verbindung. Hier bieten die Kirchen und viele weit­ere Insti­tu­tio­nen mit Ange­boten wie Senioren­nach­mit­ta­gen, Pfar­reikaf­fees und Besuchs­di­en­sten eine Vielzahl von Möglichkeit­en. Der Mut, alleine einen solchen Anlass zu besuchen, lohnt sich.

Z wie Zeugenschaft

Ste­fan Sei­del berichtet, dass sein Gross­vater kurz vor seinem Tod ein kleines Buch veröf­fentlichte und es ihm zur Kon­fir­ma­tion schenk­te. Das Büch­lein heisst: «Zeu­gen­schaft. Glaubenser­fahrun­gen in meinem Leben.» Das Buch eröffne ihm nicht nur einen Teil sein­er Fam­i­liengeschichte, son­dern zeige ihm etwas von den inneren Wahrheit­en, die seinen Gross­vater durchs Leben getra­gen hät­ten, schreibt Sei­del.

Wer die eige­nen Erken­nt­nisse aus über­stande­nen Krisen, das Gute, das einem wider­fahren ist und das Ver­trauen, das einen trägt, für die Kinder oder Enkel in Worte fasst und auf­schreibt, gibt damit Hoff­nung und Zuver­sicht an die näch­ste Gen­er­a­tion weit­er.

Marie-Christine Andres Schürch
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