Es muss ja nicht immer nur der Jakobsweg sein

Es muss ja nicht immer nur der Jakobsweg sein

  • Pil­gern und spir­itueller Touris­mus liegen im Trend. Hoch im Kurs ste­ht dabei der Jakob­sweg.
  • Es gibt aber noch andere Pil­ger­wege im deutschsprachi­gen Raum.
  • Hor­i­zonte-Kor­re­spon­dent Fab­rice Müller hat sich den Wall­fahrern nach Todt­moos angeschlossen.

Dun­kle Nebelschwaden umgar­nen die Wälder des Frick­taler Tafeljuras. Angenehme 18 Grad, ein bewölk­ter Him­mel und der Mor­gen­tau auf den Gräsern und Stau­den in den Gärten von Hor­nussen erwarten eine muntere Pil­ger­schar an diesem Mor­gen zum Start ihrer bevorste­hen­den Wan­derung. 40 Kilo­me­ter tren­nen sie von ihrem Ziel, dem Marien­wall­fahrt­sort Todt­moos im Schwarzwald. «1600 ists man von uhral­tem mit creutz und fah­nen in das tot­moos gegan­gen», lautet der Ein­trag im Jahrzeit­en­buch, das im Hor­nuss­er Pfar­ramt lagert. Dieser Satz, ins­beson­dere der Ver­merk «von uhral­tem» deutet darauf hin, dass der Ursprung dieser tra­di­tionellen Wall­fahrt wohl ger­aume Zeit vor dem Jahr 1600 zu datieren ist.

Jedes Jahr am Mon­tag vor Pfin­g­sten tre­f­fen sich die Wall­fahrt­steil­nehmer, nach der Pil­ger­messe um fünf Uhr und einem kurzen Früh­stück, ober­halb des Dor­fes Hor­nussen. Dann geht es los. Ab Kirche Hor­nussen führt der Weg vor­bei an der Reb­sied­lung «Fürst» und dann weit­er auf der Neben­strasse in Rich­tung Itten­thal, einem beschaulichen Dorf mit viel Land­wirtschaft, ein­er Dor­fkirche, einem Dor­fladen und ein­er Wirtschaft namens «Sonne». Über Kaisten erre­ichen sie Laufen­burg, die zweigeteilte Stadt; in deren Mitte die stein­erne Brücke, die über den Rhein führt und das schweiz­erische mit dem deutschen Laufen­burg verbindet. Die Stadtkirche in der schmuck­en Wakker­stadt gilt als geo­man­tis­ch­er Kraftort. Der heilige Nepo­muk seg­net und schützt als Brück­en­heiliger die Pas­san­ten und Pil­ger.

Vorbeter für synchrones Gebet

Im deutschen Laufen­burg stossen noch mehr Pil­ger hinzu. Eine 150 Meter lange Zweierkolonne mit gut 150 Pil­gern bewegt sich so Jahr für Jahr bergauf zur Todt­mooser­strasse. Die Pil­ger stam­men aus Hor­nussen, aber auch aus anderen Dör­fern des Frick­tals und sog­ar von weit­er her. Auf der gesamten Strecke beten die Pil­ger gemein­sam 32 Rosenkränze. Vor­beter marschieren im Mit­tel­gang zwis­chen den bei­den Kolon­nen und sor­gen dafür, dass die Gebete syn­chron erklin­gen. Dazwis­chen gilt Schweige- oder auch Freimarsch. An fest­gelegten Punk­ten ste­hen Pausen oder die Mit­tagsrast auf dem Pro­gramm. Bei der Frei­wald­kapelle find­et der let­zte Halt statt, bevor es die kur­ven­re­iche Strecke hinab nach Todt­moos und dann über die Murg- und Kirch­bergstrasse hin­auf zur Wall­fahrt­skirche geht.

Gegen Pest und Seuchen

Der Wall­fahrt­sort liegt auf rund 850 Metern über Meer. Der heutige Frem­den­verkehrsort war bis ins 13. Jahrhun­dert nicht besiedelt. Das Gebi­et galt als ein­sames, totes Moor. 1255 soll dort dem Priester Theoderich mehrmals die Gottes­mut­ter Maria erschienen sein. Sie gab ihm den Auf­trag, eine Kapelle zu erricht­en. Schon bald entwick­elte sich der damals noch junge Wall­fahrt­sort zum wichtig­sten sein­er Art im Süd­schwarzwald. Die Hor­nuss­er Wall­fahrt ist eine der tra­di­tionellen Fuss­wall­fahrten dor­thin, die sich bis heute erhal­ten hat. «Früher beteten die Men­schen auf der Wall­fahrt, um vor der Pest oder anderen Seuchen ver­schont zu bleiben. In diesem Sinne ist diese Wall­fahrt auch ein Ver­sprechen gegenüber Gott», erk­lärt Karl Her­zog, seit 20 Jahren Leit­er der Hor­nuss­er Wall­fahrt und dieses Jahr als Pil­ger zum 43. Mal dabei.

[esf_wordpressimage id=39135 width=half float=left][/esf_wordpressimage]Als die Pil­ger­gruppe in Todt­moos ein­trifft, läuten die Glock­en der barock­en Wall­fahrt­skirche «Unser­er lieben Frau». Anschliessend ertö­nen Trompe­ten- und Orgelk­länge zur Begrüs­sung. Für die Pil­ger ist die Ankun­ft in Todt­moos stets ein sehr emo­tionaler Moment. Das kann auch Karl Her­zog bestäti­gen: «Auch wenn viele Pil­gerin­nen und Pil­ger bere­its seit Jahren an der Wall­fahrt teil­nehmen, beobachte ich immer wieder, wie bei eini­gen die Trä­nen fliessen, wenn sie in Todt­moos vor der Kirche ankom­men und so fre­undlich emp­fan­gen wer­den.» Die Heim­reise wird erst am näch­sten Tag in Angriff genom­men, denn die ein­tägige Pil­ger­wan­derung ist kör­per­lich anstren­gend. Ab Laufen­burg geht es prak­tisch nur bergauf durch den Hotzen­wald. Zwis­chen Hot­tin­gen und Hogschür gilt es, den Katzen­stieg über die Land­strasse und durch den Wald zu über­winden. «Das steile Stück wird im Freimarsch began­gen», informiert Karl Her­zog. Das gemein­sam Beten helfe aber, sagt Her­zog, die Stra­pazen zu vergessen und schneller voranzukom­men: «Durch das Beten kommt man in eine Art Trance. Dabei nimmt man die Schmerzen weniger wahr.» Das gemein­same Unter­wegs­sein verbinde und sei immer wieder ein beson­deres Erleb­nis. «Viele nehmen seit Jahren an der Wall­fahrt teil und kom­men immer wieder», freut sich «Pil­ger­vater» Her­zog.

Früher nur im Geheimen

Während die Pil­gerin­nen und Pil­ger heute frei an dieser Wall­fahrt teil­nehmen kön­nen, mussten sie sich bis vor etwas mehr als 200 Jahren im Geheimen auf diese Prozes­sion begeben, weil sie von der Obrigkeit ver­boten und sog­ar mit Gefäng­nis­strafen belegt wor­den war. Deshalb traf man sich ausser­halb des Dor­fes, und bei Laufen­burg löste sich der Zug zwis­chen­zeitlich wieder auf, um nicht aufz­u­fall­en. Heute ist die Hor­nuss­er Wall­fahrt legal unter­wegs. Trotz­dem wird sie – wie von Beginn an – von Laien und nicht von Klerik­ern organ­isiert; auch wenn die Kirche heute selb­stver­ständlich hin­ter dieser Wall­fahrt­stra­di­tion ste­hen kann, wie Karl Her­zog betont.

Vom Pilgervirus befallen

[esf_wordpressimage id=39141 width=half float=right][/esf_wordpressimage]Bernhard Lind­ner, Mitar­beit­er der Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei der Katholis­chen Lan­deskirche Aar­gau, organ­isiert seit 2003 regelmäs­sig Pil­ger­reisen. Im Mai dieses Jahres war er mit ein­er Gruppe auf dem Jakob­sweg von Limo­ges nach Périgueux unter­wegs. Mit dabei war auch Agnes Oeschger aus Windisch. Die 70-Jährige ist eine erfahrene Pil­gerin. So hat sie unter anderem auch den Jakob­sweg durch Spanien gemeis­tert. Für die Öku­menis­che Pil­ger­gruppe Windisch organ­isiert sie regelmäs­sig Pil­ger­wan­derun­gen. «Ich bin gerne zu Fuss unter­wegs, alleine oder in der Gruppe. Es war schon immer mein Traum, den Jakob­sweg bis nach San­ti­a­go unter die Füsse zu nehmen.» Begeis­tert erzählt die top­fitte Pen­sionärin von der Pil­ger­reise durch Frankre­ich, vom Zusam­men­halt in der Gruppe, von den guten Gesprächen unter-​einan­der und vom Gefühl, es trotz aller Stra­pazen geschafft zu haben.

Sie sei zwar kör­per­lich an ihre Gren­zen gestossen, aber: «Die Anstren­gun­gen haben sich gelohnt und wirken immer noch nach. Ich bin gelassen­er gewor­den, habe Ver­trauen in das Leben und füh­le mich gebor­gen bei Gott. Das ist das schön­ste Geschenk für mich.» Vom Pil­gervirus befall­en, so berichtet Agnes Oeschger mit einem Schmun­zeln im Gesicht, schmiede sie bere­its ihre näch-sten Pil­ger­pläne. Es sei ein gross­er Traum von ihr, den 600 Kilo­me­ter lan­gen Olavsweg in Nor­we­gen zu bestre­it­en. Der Hauptp­fad führt von Oslo nach Trond­heim zum Nidaros­dom. Die Wan­derung nimmt min­destens 32 Tage in Anspruch. «Alleine möchte ich diese Pil­ger­reise allerd­ings nicht unternehmen», betont Agnes Oeschger.

Zwei Wanderungen und ein Vortrag

Der Mein­rad­weg führt vom deutschen Rot­ten­burg über Hechin­gen, Beu­ron und Reichenau ins schweiz­erische Fischin­gen und nach Ein­siedeln, dessen Benedik­tin­erk­loster der grösste Wall­fahrt­sort der Schweiz ist. Der Mein­rad­weg ist auch ein Pil­ger­rad­weg. Die ca. 280 Kilo­me­ter lange Strecke umfasst vier Tage­se­tap­pen von je viere­in­halb bis acht Stun­den Fahrzeit; auch mach­bar in fünf Tage­se­tap­pen von je zwei bis sechs Stun­den. www.meinradweg.com

Die 7. Aar­gauer Kapel­len­wan­derung startet dieses Jahr am Sam­stag, 17. Sep­tem­ber, in der Kirche St. Katha­ri­na in Kaiser­stuhl. Sie führt über die Fried­hof­skapelle zur Agath­akapelle von Fis­i­bach und der Annakapelle in Rümikon. Über die Sebas­tian­skapelle von Mell­storf gelangt man zur Prop­stei Wis­likofen. Infos und Anmel­dung: , Tel. 056 201 40 40.

Der Vor­trag «Fasz­i­na­tion Pil­gern» ver­mit­telt Ein­drücke vom Auf­brechen aus der gewohn­ten Umge­bung, der Ruhe des Gehens in der Natur und der Offen­heit gegenüber neuen Erfahrun­gen. All das bietet die Chance, den All­t­ag zu ver­lassen, abzuschal­ten und dem Leben eine neue Rich­tung zu geben. Was brauche ich wirk­lich? Wo soll es hinge­hen? Was und wer trägt mich? Bern­hard Lind­ner von der Fach­stelle Bil­dung und Prop­stei der Römisch-Katholis­chen Kirche im Aar­gau skizziert Geschichte und Ursprünge der Pil­ger­tra­di­tion und beleuchtet, wie es Men­schen in der Ein­fach­heit des Pil­gerns gelingt, sich Grund­fra­gen des Lebens zu stellen, neue Beziehun­gen zu knüpfen und Gott in ihrem Leben zu ent­deck­en. Dien­stag, 30. August, 19.30 Uhr, kath. Pfar­reizen­trum, Schul­strasse 5, 4332 Stein AG. Die Teil­nahme ist kosten­los, eine Anmel­dung ist nicht notwendig.


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Christian Breitschmid
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