«Die Beziehung ​steht immer im Zentrum»

Nicht nur der Kampf um Mitbestimmung in der Anfangszeit, sondern auch unzählige schöne Erinnerungen an die kreative Arbeit mit den Kindern begleiten die beiden ehemaligen Katechetinnen Viktoria Roth aus Wallbach (links) und Maria Elisabeth Rehmann-Walde aus Kaisten.
© Roger Wehrli

«Die Beziehung ​steht immer im Zentrum»

Die Katechetinnenausbildung im Aargau gibt es seit 50 Jahren – zwei Pionierinnen erzählen.

Zusammen haben sie 100 Jahre Erfahrung in der Katechese: Maria Rehmann-­Walde und Viktoria Roth gehörten zu den ersten ­Katechetinnen im Aargau.

Wenn Vik­to­ria Roth an ihrem Wohnort Wall­bach unter­wegs ist, kommt sie meist nicht weit, ohne jeman­dem Bekan­nten zu begeg­nen. Als langjährige Kat­e­chetin und Kindergärt­ner­in, engagiert in der Pfar­rei und ehre­namtlich tätig, ken­nt die 71-Jährige viele Men­schen. Gut einge­bet­tet in die Gemein­schaft ist auch die 78-jährige Maria Elis­a­beth Rehmann-Walde aus Kaisten. Nach eini­gen Jahren Tätigkeit als Kat­e­chetin engagierte sie sich als Mit­glied der Kirchenpflege und im Pfar­reirat, half bei der Ren­o­va­tion der Pfar­rkirche, gestal­tete Fam­i­lien­gottes­di­en­ste musikalisch mit und singt seit 58 Jahren im Kirchen­chor, wo sie auch im Vor­stand mitwirkt.

Säulen des Pfarreilebens

Vor 50 Jahren gehörten Maria Rehmann und Vik­to­ria Roth zu den ersten Frauen, die die Aus­bil­dung zur Hil­f­skat­e­chetin began­nen. Die Fach­stelle Kat­e­ch­ese der Lan­deskirche Aar­gau organ­isiert eine Jubiläums­feier und schreibt: «Viele der dama­li­gen Absol­ventin­nen wur­den über Jahre hin­weg tra­gende Säulen des Pfar­reilebens. Mit Fach­wis­sen, Herzblut und Kreativ­ität prägten sie Gen­er­a­tio­nen von Kindern und Fam­i­lien und entwick­el­ten die Kat­e­ch­ese im Aar­gau entschei­dend weit­er.» Bess­er kön­nte man das Wirken von Rehmann und Roth nicht auf den Punkt brin­gen.

Reagieren auf Fachkräftemangel

Der Blick in alte Pro­tokolle zeigt, dass im Som­mer 1976 an der Aar­gauer Deka­nen-­Kon­ferenz eine Kom­mis­sion ins Leben gerufen wurde, die sich einem damals drin­gen­den Anliegen wid­mete: der Aus­bil­dung von Hil­f­skat­e­chetinnen im Kan­ton Aar­gau. Mitte der 1970er-­Jahre war der Bedarf an aus­ge­bilde­ten Fach­per­so­n­en stark gewach­sen, und der Kom­mis­sion­spräsi­dent, Pfar­rer Josef von Fel­ten, set­zte sich für eine eigene Aus­bil­dungsstätte im Kan­ton Aar­gau ein. Die Pro­tokolle zeigen, wie inten­siv damals disku­tiert wurde: Was sollte eine Hil­f­skat­e­chetin kön­nen? Wie fundiert musste die the­ol­o­gis­che und method­is­che Aus­bil­dung sein? Wo sollen Kat­e­chetinnen mitar­beit­en? Wie viel Liturgie gehört zu ihrem Auf­trag?

Bedürfnis nach mehr Fachwissen

Rehmann und Roth erin­nern sich nicht mehr an die Details ihrer zwei­jähri­gen Aus­bil­dung. Viel lebendi­ger sind die Erin­nerun­gen an die Men­schen, mit denen sie im Lauf ihrer beru­flichen Tätigkeit zu tun hat­ten. Weil Rehmann und Roth bei­de im Frick­tal zuhause sind, ent­deck­en sie im Lauf des Gesprächs immer wieder gemein­same Bekan­ntschaften.


Gemein­sam feiern
Die Fach­stelle Kat­e­ch­ese – Medi­en der Aar­gauer Lan­deskirche lädt alle her­zlich ein, die die Kat­e­ch­ese-Aus­bil­dung in der Anfangszeit absolviert oder sich für diesen wichti­gen Dienst einge­set­zt haben. Nach der (aus­ge­bucht­en) Fach­tagung am 16. Okto­ber um 16.30 Uhr stossen Mitar­bei­t­ende der Fach­stelle und Kat­e­chetinnen der ersten Aus­bil­dungs­gänge im Bullinger­haus in Aarau gemein­sam auf 50 Jahre Kat­e­chetinnen im Aar­gau an. Die Fach­stelle Kat­e­ch­ese-Medi­en freut sich darauf, viele Pio­nierin­nen – und Pio­niere – ken­nen­zuler­nen!
Für den Apéro melden Sie sich bitte an unter

Maria Rehmann wurde als junge Kindergärt­ner­in von der Kirchenpflege ange­fragt, weil es in der Pfar­rei eine Kat­e­chetin brauchte. «Ich inter­essierte mich zwar für diese Auf­gabe, wollte aber bess­er über die Materie Bescheid wis­sen. Da hiess es, es gebe einen Kurs für Hil­f­skat­e­chetinnen», erin­nert sie sich. Auch Vik­to­ria Roth wurde von Eltern ihrer Kindergärtler ange­fragt, ob sie den Erstk­lässlern Reli­gion­sun­ter­richt erteilen wolle. Eine Mut­ter regte sie dazu an, den Kurs für Hil­f­skat­e­chetinnen zu machen. Bei­de schlossen die Aus­bil­dung im Jahr 1979 ab.

Die Arbeit mit den Kindern gefiel Maria Rehmann. Es störte sie aber, dass sie ihre Erstk­lässler nur ein­mal pro Woche für 45 Minuten sah. «Das war mir ein­fach zu wenig Zeit, ich hätte gerne länger und inten­siv­er mit den Kindern gear­beit­et», sagt sie. Und sie ergänzt: «Sobald es auf die Erstkom­mu­nion zug­ing, über­nahm sowieso der Pfar­rer die Vor­bere­itung – das war sakrosankt.»

Arbeit abgeben, Macht behalten

Beson­ders am Anfang ihrer Tätigkeit machte bei­den der Umgang mit kon­ser­v­a­tiv eingestell­ten Pfar­rern zu schaf­fen, die zwar die Arbeit, nicht aber die Macht abgeben woll­ten. Maria Rehmann war als Jugendliche im Blau­r­ing aktiv und hat­te schon damals die Erfahrung gemacht: «Frauen dür­fen in der Kirche mitar­beit­en, aber nur bis zu einem gewis­sen Punkt.»

Sie erin­nert sich, wie der Pfar­rer für den vorschulis­chen Unter­richt einen Aufruf machte und zwölf Frauen kamen: «Er erschrak fast über seinen eige­nen Mut.» Beim Vor­bere­it­en der Fam­i­lien­gottes­di­en­ste ver­suchte Rehmann zusam­men mit den anderen Frauen den Gottes­di­en­strah­men zu erweit­ern: «Ich bin ziem­lich direkt und habe mich getraut, zu fra­gen», sagt sie. Der Schritt hin zu mehr Ver­ant­wor­tung und Gestal­tungsraum für die Kat­e­chetinnen brauchte Zeit.

Als Vik­to­ria Roth ihr Prak­tikum absolvieren wollte, ver­weigerte ihr der dama­lige ungarische Pfar­rer den Platz mit der Begrün­dung, dass ihr Mann und ihr Sohn reformiert waren. Sie schrieb eine Beschw­erde an die Kirchenpflege, die jedoch gegen den Priester nichts unternehmen kon­nte oder wollte. Erst nach­dem der Pfar­rer die Stelle gewech­selt hat­te, unter­richtete sie als Kat­e­chetin in Zeinin­gen und Wall­bach.

«Ein steter Kampf»

Vik­to­ria Roth sagt: «Auch ich war zwis­chen­durch müde und hat­te das Gefühl, es gehe nicht vor­wärts.» Vor allem die Anfangs­jahre seien ein steter Kampf um Mitbes­tim­mung gewe­sen, erzählen bei­de. «Auf diesen Kampf hat uns die Aus­bil­dung nicht vor­bere­it­et», sagen sie.

Wenn sie sich an frühere Zeit­en erin­nert, ist Vik­to­ria Roth dankbar für die let­zten 15 Jahre ihres Beruf­slebens: «Am Anfang mein­er Kat­e­chetinnen­zeit war ich eine Einzelkämpferin, dann habe ich zunehmend im Team gear­beit­et. Mit einem guten Team hast du Rück­halt. Ich fand es super, gemein­sam Anlässe wie Sternsin­gen und Advents­fen­ster auf die Beine zu stellen.»

Die Weit­er­bil­dun­gen der kat­e­chetis­chen Fach­stellen im Aar­gau, Basel­land und Basel-Stadt sowie die Ange­bote des The­ol­o­gisch-pas­toralen Bil­dungsin­sti­tuts TBI seien für sie stets wichtig gewe­sen, sagt Vik­to­ria Roth: «Mir stärk­ten die Weit­er­bil­dun­gen den Rück­en, um in der kirch­lichen Hier­ar­chie als Frau zu beste­hen. Ich habe im Laufe mein­er Beruf­szeit erlebt, wie wichtig der Aus­tausch mit Kol­legin­nen und die fach­liche Weit­er­bil­dung sind. Kurse und Aus­bil­dun­gen haben meinen Hor­i­zont erweit­ert, so dass ich wieder neu motiviert vor der Klasse stand.»

Das Religiöse gerät unter Druck

Der anhal­tende Trend zur Säku­lar­isierung macht auch vor dem Frick­tal nicht Halt und beschäftigt die bei­den ehe­ma­li­gen Kat­e­chetinnen. «Das Religiöse gerät unter Druck und in Ver­dacht. ‹Was, du bist katholisch?!?›, heisst es ab und zu», sagt Vik­to­ria Roth. Früher brauchte es keine Klassen­liste, wer katholisch war, kam in den Reli­gion­sun­ter­richt. Da gab es keine Diskus­sion, auch nicht von Seit­en der Eltern. Heute sind es aus der ganzen Region nur noch eine Hand­voll Reli­gion­ss­chü­lerin­nen und ‑schüler. Roth betreut als Frei­willige Geflüchtete. Dabei hat sie mit einem 15-jähri­gen Mus­lim zu tun, der sich in seinem Glauben sehr gut ausken­nt. Sie find­et: «Es wäre unsere Auf­gabe, den christlichen Kindern zu zeigen, wo sie ste­hen. Das ist wichtig, um über­haupt disku­tieren zu kön­nen. Man muss die Diskus­sion offen­hal­ten.»

Rituale, Zeichen und Symbole

Sie mache immer wieder die Erfahrung, dass Men­schen Spir­i­tu­al­ität brauchen und suchen, berichtet Vik­to­ria Roth. Als sie mit ein­er Gruppe auf einem Aus­flug ins Kloster Mari­astein zufäl­lig die Ves­per mit­feierte, sagte nach der Feier eine Kol­le­gin, die son­st nie in die Kirche geht: «Du, da muss ich gar nicht ins Yoga.» Die Men­schen bräucht­en Rit­uale, Zeichen und Sym­bole – auch ohne Pfar­rer, stellt sie fest. Das find­et auch Maria Rehmann. Sie ist davon überzeugt, dass die Men­schen in entschei­den­den Lebenssi­t­u­a­tio­nen jeman­den wollen, zu dem sie eine Beziehung haben. Es ist das wichtig­ste Faz­it ihrer Tätigkeit inner­halb der Kirche: «Die Beziehung ste­ht immer im Zen­trum.»

Marie-Christine Andres Schürch
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