
Bild © Cantars
Wenn Menschen zu einem Klangkörper werden
Sandra Rupp Fischer ist Projektleiterin von Jubilate, dem neuen digital erweiterten Kirchengesangbuch. Im Interview sagt sie, was ein gutes Kirchenlied ausmacht und wofür das gesungene Gebet eine Chance bietet.
Was macht das Singen mit den Menschen?
Beim gemeinsamen Singen werden die Menschen zu einem Klangkörper, zu einem grossen Ganzen. Man vereint sich als Gemeinschaft, die Herzen schlagen im gleichen Puls und, auch wenn ich die Banknachbarinnen und ‑nachbarn nicht kenne und wir vielleicht sogar andere Sprachen sprechen, wir klingen gemeinsam. Dies trägt uns Menschen, gibt uns Kraft und Zuversicht, verstärkt unseren Lobpreis, unseren Dank, unser Klagen und Bitten.
Welches sind die Hits unter den Kirchenliedern?
«Stille Nacht», «O du fröhliche», «Halleluja, lasst uns singen», «Grosser Gott wir loben dich» und etliche andere haben für viele Menschen Hit-Charakter.
Sandra Rupp Fischer
Sandra Rupp Fischer ist Projektleiterin von Jubilate. Sie ist Kulturmanagerin, Schulmusikerin und war von 2011 bis 2022 Mitarbeiterin am Liturgischen Institut Freiburg. Sie leitet den Marienchor Olten seit 1993 und ist im Vorstand des Schweizerischen Katholischen Kirchenmusik Verbands. Sandra Rupp Fischer ist Initiantin und Projektleiterin von «cantars – kirchenklangfest» und leitet die Musikschule Olten.

Was ist das Geheimnis von «Grosser Gott wir loben dich»?
Dieses Lied wird von Generation zu Generation weitergegeben. Der hymnisch festliche Charakter spricht viele Menschen an. Die Melodie ist einfach und eingängig, jedoch nicht banal und hat einen wunderbaren Spannungsbogen. Da das Lied oft gesungen wird, kennen es die Mitfeiernden gut und sie fühlen sich sicher beim Singen. Auch textlich scheint uns das Lied abzuholen. Gott loben und danken gibt uns Kraft und Zuversicht.
Welches ist Ihr liebstes Kirchenlied?
Ich habe viele Lieblingskirchenlieder. Schon seit meiner Kindheit begleitet mich «Mein Herr und mein Gott». Müsste ich mich für ein Lied der neueren Zeit entscheiden, wäre es wohl «Da wohnt ein Sehnen tief in uns».
Was macht ein gutes Kirchenlied aus?
Ein Lied soll uns in seiner liturgischen Funktion berühren und abholen – mal besinnlich und meditativ, mal hymnisch und festlich, mal rhythmisch und energisch. Text und Melodie müssen uns den Dialog mit Gott öffnen und inhaltlich aufeinander abgestimmt und sinnhaft sein. Wir brauchen Lieder, um unserem Glauben und unseren Festen eine Stimme zu verleihen – in Freude, Dankbarkeit, Gelassenheit, Liebe, Hoffnung, Angst, Trauer, Wut, Zweifel.
Welche Chancen stecken im Kirchengesang in Bezug auf die Kirchenerneuerung?
«Jubilate» hat sich zum Ziel gesetzt, sowohl die Tradition lebendig zu halten als auch Neues zu wagen. Da das gemeinsame Singen für sich schon eine äusserst soziale, inkludierende und identifikationsbildende Handlung ist, sind wir überzeugt, dass das Singen insbesondere im gottesdienstlichen Kontext positive Auswirkung auf die veränderte Kirchensituation hat. Dank Gesängen aus verschiedenen Jahrhunderten wird uns die langjährige Geschichte unseres Glaubens bewusst; sie eröffnen uns auch die Möglichkeit, kirchliche Beheimatung mit vielfältigen Ausprägungen zu finden. Neue Gottesdienstimpulse und Lieder in edler Einfachheit nehmen Bezug auf heutige und künftige Bedürfnisse, um Gottes frohe Botschaft zu verkünden. Dies in kleinen, grösseren und auch mehrsprachigen Feiergemeinschaften.
Digitale Planungstools sind praktisch, aber haben sie nicht den Nachteil, dass die Beteiligten weniger miteinander sprechen?
Die an einem Gottesdienst beteiligten Personen arbeiten mit dem Gottesdienstplaner gemeinsam und vernetzt an einem Gottesdienstprogramm. «Jubilate» möchte die Zusammenarbeit fördern. Die Zugänge zu Gesängen, Gebeten und Gottesdienstformularen werden durch das digitale Hilfsmittel erleichtert. Die fruchtbare Zusammenarbeit hängt von den einzelnen Menschen ab, die sich zusammenfinden oder eben auch nicht.
Was ist für Sie das Wertvollste beim «Jubilate»-Projekt?
Die Zusammenarbeit mit den vielen Menschen, die darauf vertrauen, dass das gesungene Gebet per se eine Chance für ein achtsames, friedvolles und gemeinschaftliches Zusammen in sich trägt und die sich für die Kirche der Zukunft engagieren.