Wenn Menschen zu einem Klangkörper werden
Marienchor Olten am Cantars-Kirchenfest 2015
Bild © Cantars

Wenn Menschen zu einem Klangkörper werden

Sandra Rupp Fischer ist Projektleiterin von Jubilate, dem neuen digital erweiterten Kirchengesangbuch. Im Interview sagt sie, was ein gutes Kirchenlied ausmacht und wofür das gesungene Gebet eine Chance bietet.


Was macht das Sin­gen mit den ­Men­schen?
Beim gemein­samen Sin­gen wer­den die Men­schen zu einem Klangkör­p­er, zu einem grossen Ganzen. Man vere­int sich als Gemein­schaft, die Herzen schla­gen im gle­ichen Puls und, auch wenn ich die Banknach­barin­nen und ‑nach­barn nicht kenne und wir vielle­icht sog­ar andere Sprachen sprechen, wir klin­gen gemein­sam. Dies trägt uns Men­schen, gibt uns Kraft und Zuver­sicht, ver­stärkt unseren Lobpreis, unseren Dank, unser Kla­gen und Bit­ten.

Welch­es sind die Hits unter den Kirchen­liedern?
«Stille Nacht», «O du fröh­liche», «Hal­lelu­ja, lasst uns sin­gen», «Gross­er Gott wir loben dich» und etliche andere haben für viele Men­schen Hit-Charak­ter.

San­dra Rupp Fis­ch­er

San­dra Rupp Fis­ch­er ist Pro­jek­tlei­t­erin von Jubi­late. Sie ist Kul­tur­man­agerin, Schul­musik­erin und war von 2011 bis 2022 Mitar­bei­t­erin am Litur­gis­chen Insti­tut Freiburg. Sie leit­et den Mari­en­chor Olten seit 1993 und ist im Vor­stand des Schweiz­erischen Katholis­chen Kirchen­musik Ver­bands. San­dra Rupp Fis­ch­er ist Ini­tiantin und Pro­jek­tlei­t­erin von «can­tars – kirchen­klangfest» und leit­et die Musikschule Olten.

Wenn Menschen zu einem Klangkörper werden - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 1
San­dra Rupp FIs­ch­er © André Albrecht

Was ist das Geheim­nis von «Gross­er Gott wir loben dich»?
Dieses Lied wird von Gen­er­a­tion zu Gen­er­a­tion weit­ergegeben. Der hym­nisch fes­tliche Charak­ter spricht viele Men­schen an. Die Melodie ist ein­fach und eingängig, jedoch nicht banal und hat einen wun­der­baren Span­nungs­bo­gen. Da das Lied oft gesun­gen wird, ken­nen es die Mit­feiern­den gut und sie fühlen sich sich­er beim Sin­gen. Auch textlich scheint uns das Lied abzu­holen. Gott loben und danken gibt uns Kraft und Zuver­sicht.

Welch­es ist Ihr lieb­stes Kirchen­lied?
Ich habe viele Lieblingskirchen­lieder. Schon seit mein­er Kind­heit begleit­et mich «Mein Herr und mein Gott». Müsste ich mich für ein Lied der neueren Zeit entschei­den, wäre es wohl «Da wohnt ein Sehnen tief in uns».

Was macht ein gutes Kirchen­lied aus?
Ein Lied soll uns in sein­er litur­gis­chen Funk­tion berühren und abholen – mal besinnlich und med­i­ta­tiv, mal hym­nisch und fes­tlich, mal rhyth­misch und ener­gisch. Text und Melodie müssen uns den Dia­log mit Gott öff­nen und inhaltlich aufeinan­der abges­timmt und sinnhaft sein. Wir brauchen Lieder, um unserem Glauben und unseren Fes­ten eine Stimme zu ver­lei­hen – in Freude, Dankbarkeit, Gelassen­heit, Liebe, Hoff­nung, Angst, Trauer, Wut, Zweifel.

Welche Chan­cen steck­en im Kirchenge­sang in Bezug auf die Kirch­en­erneuerung?
«Jubi­late» hat sich zum Ziel geset­zt, sowohl die Tra­di­tion lebendig zu hal­ten als auch Neues zu wagen. Da das gemein­same Sin­gen für sich schon eine äusserst soziale, inkludierende und iden­ti­fika­tions­bildende Hand­lung ist, sind wir überzeugt, dass das Sin­gen ins­beson­dere im gottes­di­en­stlichen Kon­text pos­i­tive Auswirkung auf die verän­derte Kirchen­si­t­u­a­tion hat. Dank Gesän­gen aus ver­schiede­nen Jahrhun­derten wird uns die langjährige Geschichte unseres Glaubens bewusst; sie eröff­nen uns auch die Möglichkeit, kirch­liche Beheimatung mit vielfälti­gen Aus­prä­gun­gen zu find­en. Neue Gottes­di­en­stim­pulse und Lieder in edler Ein­fach­heit nehmen Bezug auf heutige und kün­ftige Bedürfnisse, um Gottes fro­he Botschaft zu verkün­den. Dies in kleinen, grösseren und auch mehrsprachi­gen Feierge­mein­schaften.

Dig­i­tale Pla­nungstools sind prak­tisch, aber haben sie nicht den Nachteil, dass die Beteiligten weniger miteinan­der sprechen?
Die an einem Gottes­di­enst beteiligten Per­so­n­en arbeit­en mit dem Gottes­di­en­st­plan­er gemein­sam und ver­net­zt an einem Gottes­di­en­st­pro­gramm. «Jubi­late» möchte die Zusam­me­nar­beit fördern. Die Zugänge zu Gesän­gen, Gebeten und Gottes­di­en­st­for­mu­la­ren wer­den durch das dig­i­tale Hil­f­s­mit­tel erle­ichtert. Die frucht­bare Zusam­me­nar­beit hängt von den einzel­nen Men­schen ab, die sich zusam­men­find­en oder eben auch nicht.

Was ist für Sie das Wertvoll­ste beim «Jubilate»-Projekt?
Die Zusam­me­nar­beit mit den vie­len Men­schen, die darauf ver­trauen, dass das gesun­gene Gebet per se eine Chance für ein acht­sames, fried­volles und gemein­schaftlich­es Zusam­men in sich trägt und die sich für die Kirche der Zukun­ft engagieren.

Eva Meienberg
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